Einzelbild herunterladen
 
  

Neue

Hessische Zeitung.

J\o it>. Mittwoch, den 17. Mai. ISIS.

Die Neue Hessische Zeitung erscheint bogenweise wöchentlich 2 Mal, Mittwochs und Sonnabends. Der Abonnementspreis beträgt 23 Sgr. für das Quartal, wofür alle kurhessischen Postämter und Buchhandlungen solche ohne Preiserhöhung liefern. Die im Monat März erschienenen Nummern werden den Abonnenten gratis geliefert.

Anzeigen jeder Art werden in einem Intelligenz-Blatte abgedruckt und die Petitzeile mit 1 Sgr. berechnet.

Das deutsche Reichsgrundgesetz.

Kaiserreich oder Bundesstaat? Monarchie oder Direk­torium? Kaiser oder Präsident? Erblichkeit oder Wahl? Lebenslänglichkeit oder Dauer nach Jahren? Ein- oder Zwei- Kammersystem? Pairie oder Senat? Diese und andere Fragen beschäftigen seit einigen Wochen alle Politiker; hunderte von Schriften und Aufsätzen suchen sie zu beant­worten und man kann fast sagen: So viel Köpfe so viel Sinne. Die Aufgabe der National-Vertreter zu Frankfurt wird es sein, die verschiedenen Meinungen zu sichten und zu prüfen und nach den Umständen die beste und heil­samste zu wählen. Möge dies mit ruhiger Besonnenheit und klarem Blick, oder besser vielleicht, möge es mit raschem Griff unter einem glücklichen Gestirne geschehen!

Ich habe schon oft die Ansicht geltend gemacht, daß die Frage über das künftige Regiment in Deutschland kein Gegenstand eines f. g.Glaubensbekenntnisses", sondern ein Gegenstand der politischen Beurtheilung ^M den Umständen sei. Wie sind nun gegenwärtig die Umstände? Haben sich die Verhältnisse Deutschlands seit vierzehn Tagen zu Gunsten des Entwurfs der Sicbenzehner geändert f werden sie sich bis zum Augenblicke der Abstimmung noch dergestalt ändern, daß ein erbliches Kaiser-Regiment, wie es die Mehrheit der Vertrauensmänner vorgeschlagen hat, möglich und räthlich erscheint? Ich glaube das nicht. In diesem Augenblick wenigstens halte ich die Herstellung eines Kaiserreiches nach dem Entwürfe der Siebenzehner für un­möglich und für unräthlich zugleich.

Staaten und Staatseinrichtungen lassen sich nicht beliebig construiren, sie müssen eine Ueberlieferung der Vergangenheit oder das Werk der treibenden Schöpferkraft

der Gegenwart sein. Was hat aber in dieser Hinsicht das angeregte Kaiserreich für sich anfzuweisen? Die Kaiser sind lange todt, das Reich war längst vernichtet, ehe der letzte es treulos aufgab, und wenn auch Friedrich Barbarossa im Kiffhäuser nur schlafen soll, so ist wenigstens die Stimme des Augenblicks nicht willfährig, in ihm den H err« scher und Regenten zu wecken, nur den gewaltigen Helden würde die Stunde der Gefahr in ihm wach rufen wollen. Allein Friedrich Wilhelm der Vierte ist kein Held- Die Gegenwart liebt die Einzelwillen und Einzelge­walten nicht, unsere Zeit ist das Zeitalter der Verbrü­derung, der Vereinigung, der Verbündung; wie im Privatleben Vereine und Gesellschaften, so wird sie auf staatlichem Gebiete nur Vereinsstaaten und Bundesstaaten mit entsprechenden Regierungsformen schöpferisch hervor- bringen, aber keine neuen Throne und Einherrschaften. Oder sind etwa unsere 34 Fürsten oder vielmehr ihre Civillisten und Hofdotationen mit allen Anhängseln von Vetterschaf­ten und Apanagen so beliebt, daß man noch den Prunk einer kaiserlichen Hofhaltung und Familie dazu bezahlen mögte? An die Fürstenfamilien der einzelnen Länder knüpfen noch tausenderlei Bande: gemeinsame Freuden und Leiden, genossene und gewährte Wohlthaten, die Macht der Gewohn­heit, die Scheu vor weitgreifenden oder gar gewaltsamen Neuerungen, die Theilnahme und das Wohlgefallen Vieler an den territorialen Bestrebungen und Sonderungen, dies alles und die vielfachen unsichtbaren Fäden, die ein viel­hundertjähriges Miteinanderleben hin- und widerzieht, geben den meisten Fürsten Deutschlands noch einen Halt, wie ihn die Republikaner sich nicht träumen lassen; aber was würde in dieser Hinsicht der neue Kaiser für sich haben? So gut wie gar nichts; wie ein Geschöpf des polnischen Verstan-