Kunstgenossen Goethes, an Moritz Hauptmann, Ernst Friedrich Richter, Wilhelm Rust und Gustav Schreck. Alle diese Männer wirkten in dem Sinne ihrer Vorgänger und verherrlichten mit ihrer Kunst die Feiern der gläubigen evangelischen Lhristen. Dies Ziel zu erreichen war möglich, weil ihnen in dem Thomanerchor ein künstlerisches Ausdrucksmittel von höchster Vollendung zur Verfügung stand.
Der in altehrwürdigen Zeiten von unseren Vorvätern geschaffene Chor besteht in seiner äußeren Form noch immer wie vor langen Jahrhunderten, nur ist aus der kirchlichen mit der Reformation eine von der Stadt erhaltene Institution geworden. Wie ehemals fingen auch heute noch die Gymnasiasten, 60 an der Zahl, die in dem Almu- nat der Thomasschule gemeinsam wohnen und dort, erzogen und unterhalten von der Stadt Leipzig, also in freier Wohnung und Kost bei freiem Unterricht, — ihre neun Schuljahre bis zur Universitätsreife verbringen. — Die Schulausbildung der Thomaschule ist modern gerichtet, denn in das alte humanistische Gymnasium ist als Nebenzweig eine deutsche Oberstufe von Sexta an eingeordnet, in der besonders auch die moderne Kultur des Deutschen und des Englischen durchgearbeitet wird. Diese allgemeinen pädagogischen Gesichtspunkte finden in dem Thomanenchor ihre Ergänzung durch die künstlerischen Einwirkungen der Musik Joh. Seb. Bachs und anderer großer Meister älterer und neuerer Zeit. Das Ziel der modernen Schule, eine Verbindung zwischen geisteswissenschaftlicher Bildung und künstlerischer Einwirkung, ist in der Formung des Thoma- nenchores bis zu einem gewissen Grade erreicht.
Dieses Erziehungsideal ihren Söhnen zu ermöglichen wird sicherlich der Wunsch vieler Eltern sein, und solcher Hoffnung die Erfüllung zu geben, ist um so leichter möglich, da geldliche Forderungen in keiner Weise, im Gegenteil größte Erleichterungen damit verbunden sind. Die einzigen Bedingungen, die für die Aufnahme in den Thomanenchor gestellt werden, sind: erfolgreicher Besuch der Grundschule und allerdings Besitz einer guten Stimme und musikalische Veranlagung. Eltern, die ihrem Sohne solche Vergünstigungen schenken wollen, brauchen sich nur zu wenden an "den Thomanerchor, Leipzigs Hillerstraße 8.) Wenn die verantwortliche Chorleitung den Wunsch hat, die schönsten Stimmen der deutschen Jugend in ihrem Chor zu vereinigen, so folgt sie der Ueberlieferung einer großen Vergangenheit und will nachkommenden Geschlechtern nur das erhalten, was sie als köstliches Erbe von den Vätern empfangen.
Tagesgeschichte.
Die Räumung Solingens.
Solingen, 21. Dezemer. Die Räumung der von der britischen Besatzung beschlagnahmten behördlichen Gebäude schreitet vorwärts. Am Samstag wurde eine weitere Schule, die den britischen Besatzungstruppen als englische Schule diente, eingeräumt. Die letzte noch besetzte Schule soll am kommenden Dienstag freigegeben werden.
Der tolle Mister Teddy von Newyork.
Der Roman eines Eigenwilligen. Von Erich Friesen.
(40. Fortsetzung.)
Der Andere sieht, daß er zu weit gegangen ist. Aerger- lich nagt er an der Unterlippe. Dann versucht er einzulenken:
Auch gut! Also Ihre Tochter entscheide! Ohne Beeinflussung Ihrerseits. Und damit Sie es nur wissen: wie auch die Entscheidung ausfällt, Mister Harding, Ihre Schulden sind von diesem Augenblick an auf mich übergegangen, unabhängig von dem Entschluß Ihrer Tochter!"
Edward Harding gibt sich einen Ruck und geht zur Tür. Jetzt kann er nicht mehr anders, als den Wunsch dieses edelmütigen Mannes erfüllen.
Bartley lächelt listig in sich hinein. Er weiß, was er tut. Und läßt nicht locker. Und bohrt und bohrt, bis er es erreicht, was er will.
So auch diesmal.
Er wirft sich in den Sessel, zündet sich eine Zigarette an, streckt die Beine weit von sich und bläßt Ringelwölkchen durch die Nase.
Das Warten wird ihm nicht schwer. Er weiß, er hat gesiegt---
Evelyne hat den Riegel an der Tür vorgeschoben. Aus welchem Grunde, ist ihr selbst nicht klar. .Wohl instinktiv. Sie will allein sein. Allein mit ihren Gedanken, die sie quälen.
Ihre Hände sind eiskalt, ihr Kopf glüht. Sie hält die kalten Finger am Kaminfeuer. Trotzdem zittert sie vor Frost.
Sie hat nie daran gedacht, daß Henry Bartley sich in sie verlieben könnte. Er war stets so zurückhaltend ihr gegenüber. Und schien ganz in seiner politischen Tätigkeit aufzugehen. Und nun auf einmal diese Liebeserklärung?
Sie schauert zusammen, zieht einen niedrigen Sessel an den Kamin und setzt sich neben das Feuer.
Allmählich schwindet die Kälte in ihren Gliedern. Behaglich lehnt sie sich zurück und überlegt.
Wenn nur diese dumme Liebeserklärung nicht wäre! Wie soll sie sich danach mit dem Mann stellen? Denn daß sie den unverhofften Freier abweisen wird, steht bei ihr fest. Earnichts spricht in ihrem Herzen für ihn. Aber auch rein gar nichts.
Ein großer Tag für Koblenz. — Das erste Radiokonzert. Lautsprecher in den Hotels.
Koblenz» 21. Dezember. Die Hemmungen im Radioverkehr scheinen nun auch bei der Militärbehörde überwunden zu sein; denn es sind einer Anzahl Antragsteller in Koblenz die Erlaubnisscheine für die Benutzung der Radioapparate übermittelt worden. Samstag abend wurden daraufhin in verschiedenen Hotels zum ersten Male Lautsprecher in Tätigkeit gesetzt. Auch in Wiesbaden sind Genehmigungen für Benutzung von Radioapparaten ausgesprochen worden. Die Ausführungsbestimmungen des Chefs für das Nachrichtenwesen der französischen Armee stehen allerdings noch aus.
Wieder neue Wohnungsanforderungen im besetzten Gebiet.
Speyer» 21. Dezember. Obwohl der Oberkommandierende der französischen Besatzungsarmee, General Gouil- laumat, kürzlich in einem Erlaß erklärt hat, daß neue Wohnungsanforderungen der Besatzungsbehörde nicht erfolgen dürfen, sind in Zweibrücken jetzt mit Zustimmung des Oberkommandos, 49 Wohnungen für die Besatzungsbehörde angefordert worden.
Verurteilung von drei marokkanischen Soldaten.
Mainz. Das Kriegsgericht der französischen Rheinarmee verhandelte unter Ausschluß der Oeffentlichkeit gegen drei marokkanische Tirallieurs, die mit einem unerkannt entkommenen Soldaten ein 23jähriges Mädchen überfallen hatten. Sie erhielten wegen Beihilfe je ein Jahr Gefängnis.
Wegen Spionage verurteilt.
Landau. Das französische Kriegsgericht verurteilte unter Ausschluß der Oeffentlichkeit gegen den wegen Spionage angeklagten 25 Jahre alten Kaufmann Adolph Jennewein aus Ludwigshafen. Der Angeklagte wurde zu einer Gefängnisstrafe von sechs Jahren verurteilt.
Ein Dynamitanschlag gegen das Gebäude der „Kattowitzer Zeitung".
Kattowitz, 21. Dezember. Samstag abend wurde ein Dynamitanschlag gegen die Druckerei der „Kattowitzer Zeitung" verübt. Der Umfang des Schaden konnte noch nicht festgestellt werden. Die Straßen wurden sofort durch Polizei abgesperrt.
Das am Samstag gegen die „Kattowitzer Zeitung" verübte Attentat erweist sich als das stärkste, das bisher in Oberschlesien gegen deutsche Unternehmungen oder deutsche Wahrzeichen unternommen worden ist. Die Attentäter waren augenscheinlich über die Lokalitäten genau unterrichtet. Sie warfen die Bombe auf den Hof der „Kattowitzer Zeitung", auf dem sich das Maschinengebäude des 'W»Wl«MIUMWWMIIB,IM!UMB»1WWI^mMMMBM^MWMMMM«mnBKreM^WMMMm
Was für dummes Zeug er redete von „feinem Herzen, das in Flammen steht —"von „nicht mehr leben können ohne sie —" von ihrer „süßen Stimme" und „dieselbe Luft mit mir atmen —"
Sie wird ganz wirr im Kopf von alle diesen Worten.
Und als sie sich alles noch einmal vergegenwärtigt, verblaßt das Bild des Mannes, die Stimme nimmt eine andere Klangfärbung an, der Schauplatz wird ein anderer. Nicht Henry Bartley steht neben ihr — nein, Theodor Vanderbild. Seine dunklen Augen blicken in die ihrigen, seine tiefe wohltönende Stimme spricht zu ihr und sagt ihr kosende Worte:
„Evelyne, Evelyne! Ich hab' dich lieb!"
Und sie preßt die Hände aufs Herz und seufzt schwer auf.
„Theodor! Theodor!!"
Sie schreckt zusammen. Der Ton ihrer eigenen Stimme hat ihr den Zustand ihres Herzens bloßgelegt.
Und was sie nicht empfunden hat bei der stürmischen Liebeserklärung Henry Bartleys: jungfräuliche Befangenheit, keusche Scham und himmelhoch jauchzende Glückseligkeit — es überfällt sie jetzt schon bei dem Gedanken an jenen Anderen. Und jäh schießt ihr das Blut in die Wangen. Und sie verbirgt das schamrote Gesicht in den zitternden Händen --
Ein Klopfen an der Tür reißt sie aus ihrer seligen Versunkenheit. Hastig streicht sie sich das Haar aus der Stirn und öffnet.
Ihr Vater steht vor ihr.
Beim Anblick seiner erregten Züge, seiner erst^tlichen Nervosität zuckt sie zusammen. Aus dem rosenrotumwölkten Traumland der Phantasie ist sie zurückgekehrt in die grausame düstere Wirklichkeit.
„Vater!"
Sie schiebt ihm den Sessel zurecht und drückt ihn in die weichen Polster. Sie will ihm gleich sagen, daß aus einer Verbindung zwischen ihr und Henry Bartley nichts werden kann, falls vielleicht unten bereits ein Wort darüber gefallen ist. Er wird sich gewiß freuen, daß sein Kind bei ihm bleibt! Er hat ja sonst niemand, der ihn liebt, der für rhn sorgt und ihm die Falten aus der Stirn streicht.
Er versucht heiter und unbefangen auszusehen. Es gelingt ihm schlecht. Der Anblick seines Kindes bringt ihn aus der mühsam errungenen Fassung.
„Ich habe mit dir zu sprechen, Evy! Etwas sehr Ernstes!"
Sie erwidert nichts. Sie weiß ja, was kommt. Und steht ihm gewappnet gegenüber.
Harding räuspert sich, wie stets, wenn ihm etwas peinliches bevorsteht. Dann gibt er seinem Körper einen Ruck und sagt hastig:
Blattes befindet. Noch am Samstag abend besichtigteck. der Hauptkommandant der ostoberschlesischen Polizei und ein Polizeiinspektor die Attentatstelle. Am Sonntag wurde in aller Frühe die Untersuchung, zu der auch ein Oberst der polnischen Heeresleitung als Sprengstoffsachverständiger zugezogen war, fortgesetzt.
Arbeitslosigkeit im Reich.
Berlin, 19. Dezember. In der Zeit vom 16. bis 30. November 1925 ist die Zahl der Hauptunterstützungsem- pfänger in der Erwerbslosenfürsorge von 473 000 auf 684 000, d. h. um rund 41 Prozent gestiegen.
Die Liquidation der Interalliierten Militärkontrolle.
qu. Angesichts der Ende Januar vorgesehenen endgültigen Beseitigung der Interalliierten Militärkontroll- Organe in Deutschland werden, wie wir erfahren, Ende Dezember abschließende Besprechungn zwischen der Reichsregierung und der interalliierten Militär-Kontroll-Kommission stattfinden, die den Zweck haben, die letzten Ausstellungen an der deutschen Abrüstung klarzustellen. Die Abberu^rng des gesamten Apparates der Militärkontroll- Kommission und insbesondere ihres Vorsitzenden, Generals Walch, wird allerdings erst durch einen Beschluß der Botschafter- Konferenz erfolgen, die sich im Laufe des Monats Januar nochmals mit der deutschen Abrüstung befassen dürfte.
Das Schuldenabkommen der Nachfolgestaaten endgültig in Kraft.
Prag, 21. Dezember. Nachdem keiner der Staaten, die am Abschluß des Prager Vorkriegsschuldenabkommens beteiligt sind, bis zu dem vereinbarten 15. Dezember Einwendungen dagegen erhoben hat, ist das Prager Abkommen endgültig in Kraft getreten.
Die Verlängerung der Erundvermögenssteuer. Eine Notverordnung.
Berlin, 11. Dezember. Die preußische Staatsregierung teilt mit, daß sie gezwungen ist, die Verlängerung der Grundvermögenssteuer, die mit Rücksicht auf die Finanzen des Landes und der Gemeinden unter allen Umständen bis zum 1. Januar 1926 durchgeführt werden muß, im Wege der Notverordnung herbeizuführen, da eine parlamentarische Erledigung des Gesetzes bisher nicht möglich war. Eine entsprechende Notverordnung wird dem Präsidenten des Landtages unverzüglich zugeleitet werden.
Druck und Verlag: Gutenbergbuchdruckerei Fulda. Verantwortlich für den politischen und übrigen Textteil: i. V. Kurt G. Krebs, für dis Inserate: Paul Flagmeyer, sämtlich in Fulda.
„Es betrifft Henry Bartley und dich, Evy —“
Sie nickt schweigend.
„Er hat bei mir um deine Hand angehalten und —" unruhig rückt er auf seinem Sessel hin und her — „und wartet nun auf deine Antwort."
Sie öffnet die Lippen. Doch ehe sie noch ein Wort hervorbringt, hebt er abwehrend die Hand, wie um einer unwillkommenen Erwiderung vorzubeugen.
„Noch einen Augenblick, Evy! Ich habe dir noch eine Mitteilung zu machen, bevor deine Entscheidung fällt. Ich brauche dir wohl nicht Bartleys Vorzüge noch einmal besonders ins Gedächtnis zu rufen. Du hast selbst genügend Gelegenheit gehabt, ihn kennen zu lernen. Nur so viel: ich bin überzeugt, du wirst mit ihm glücklich werden. Und was seine pekunären Verhältnisse betrifft —"
„Vater, ich —"
Ohne ihren Einwurf zu beachten, fährt er rasch fort:
„— so sind sie die glänzendsten. Ich würde sonst darauf keinen großen Wert legen. Wie die Sachen aber stehen, ist es von Wichtigkeit. Denn, Evy — ich kann es dir ja doch nicht länger verheimlichen — die Geschichte mit der Kupferader war ein Irrtum."
„Ein — Irrtum?" wiederholt sie verwundert. „Armer Papa! Das tut mir leid um Deinetwillen. Aber schließlich — wir waren doch auch früher glücklich und zufrieden, als noch niemand an die Kupferader dachte. Ja, ich glaube, du warst damals glücklicher, Vater. Was hat uns diese unglückselige Kupfergeschichte bis jetzt gebracht? Nur Unruhe und Sorgen. Sieh nur in den Spiegel! Wo ist mein schöner junger Pappy geblieben, auf den ich immer so stolz war?" Zärtlich schlingt sie den Arm um seinen Hals und legt ihre Wange an die seine. „Offen gestanden — ich bin froh, daß dieses ewige Hin und Her aufhört. Heute Coney Island, morgen Newyork — keine Ruhe, kein Frieden. Nun kapseln wir uns wieder in unserer lieben Cottage ein wie früher. Und du verlierst all deine häßlichen kleinen Fältchen und bist wieder mein lieber, fröhlicher junger Pappy, wie früher!"
Ein Seufzer entringt sich Hardings Brust, der wie ein Stöhnen klingt.
„Du verkennst die Lage, Evy! Es könnte nie mehr so werden, wie es früher war —"
„Weshalb nicht?"
„Das letzte halbe Jahr hat mein ganzes Vermögen auf- gezehrt. Ja noch mehr — ich habe gegen hohe Zinsen Geld leihen müssen. Man kann uns jeden Tag die Cottage wegnehmen —"
„Vater —!"
(Fortsetzung folgt.)