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Wie sollen wir über Amerika denken?

Auf einen unlängst erschienenen Artikel mit dieser Ueberschrift scheint im Interesse der Klärung einiger anscheinend sehr sub­jektiv geäußerten Ansichten eine Antwort notwendig zu sein.

Zunächst wird behauptet, daß die Kriegs­erklärung Amerikas nach einer langjährigen Irreführung der öffentlichen Meinung doch schließlich mit demWillen des Volkes" er­folgt sei. Bedenken wir einerseits, die ge­wiß nicht zu unterschätzende Wühlarbeit der vom Reuter-Büro informierten Weltpresse und auf der anderen Seite etwaige wirt­schaftliche Gründe. Amerika hatte von Kriegsbeginn an mit Hochdruck seine Schwerindustrie auf die Lieferung von Heeresmaterial umgestellt. Kanonen, Ge­wehre, Munition, Kriegsbedarf aller Art, Pferde und Konserven waren in Schiffs­ladungen über den Ozean gegangen. Zur Deckung der laufenden Kriegslasten hatten die Ententestaaten die amerikanischen Ban­ken angepumpt und immer wieder ange­pumpt. Und doch schien es zu Beginn des Jahres 1917 nach Ausbruch der Revo­lution in Rußland und den glänzenden An­fangserfolgen d. uneingeschränkten U-Boot- krieges, als ob dieseUnterstützungen" der kriegführenden Mächte vergebens ge­wesen wären. Und da mußten noch einmal all die Schauermärchen von den Hunnen herhalten, da vereinigten sich noch einmal die United Preß, das amerikanische offi­zielle amerikanische Telegraphenbüro, und Herr Reutter (in westen Sold??), noch ein­mal wurde Sturm geblasen und der kri­tiklose Dollar-Mob bejubelte die Kriegs­erklärung. Fast drei Jahre lang hatte der Friedensapostel" Woodrow Wilson gear­

Lokales.

Fulda, den 14. November 1925.

Wetterausfichten bis Sonntag:

Tagsüber etwas milder, sonst noch keine wesentliche Aenderung.

Zar Hilfsaktion für die stellen­losen Angestellten.

Bekanntlich fand auf Antrag des volksparteilichen Reichstagsabgeordneten Thiel am 16. Juli eine Zählung der stellen­losen Angestellten statt. Die Ergebnisie dieser Zählung liegen jetzt und zwar ausführlich in der Nr. 40-41 des Reichsarbeitsblattes v. 2. November. Danach wurden gezählt: 53 966 männliche, 13 019 weibliche, insge­samt 66 985 stellenlose Angestellte. Davon entfallen auf das Gebiet des hessischen Lan­desamtes für Arbeitsvermittlung 5629 An­gestellte, davon 1087 weibliche. Unter der Gesamtzahl der stellenlosen Angestellten be­fanden sich allein 15 936 männliche Stellen- Mc iw Alter von 40 Jahren und darüber. Hinsichtlich der Dauer der Stellenlosigkeit entfällt auf die Gruppe der Angestellten, die 1 bis 154 Jahr stellenlos waren, die größte Zahl und zwar 10 043 männliche und 1854 weibliche. Bedeutsam ist auch, daß 14 797 stellenlose Angestellte bereits 5% bis 1054 Jahre in ihrem Beruf standen. Der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband hatte unter seinen stellenlosen Mitgliedern eine besondere Zählung durchgeführt, die 6454 stellenlose männliche kaufmännische An­gestellte ergaben. Davon waren allein 1001 20 Jahre im Beruf im Alter von wenigstens 40 Jahren. Eine genaue Statistik über diese, besonders die männlichen Kaufmanns­gehilfen angehende Stellenlosigkeit enthält die Nr. 42 des Reichsarbeitsblattes. Die Zahl der stellenlosen Angestellten ist immer noch im Wachsen begriffen. Wie wir hören, hat der Deutschnationale Handlungsgehil- fen-Verband auf Grund der vorgenannten Erhebungen an die zuständigen Reichsbe- Hörden entsprechende Anträge zur Linderung der Not der stellenlosen Angestellten gestellt,

beitet .... Richt einen Augenblick dachte der Durchschnitts-Amerikaner daran, daß aus seinen Reihen die zukünftigen Kriegs- opfe erliegen würden, er sah das gewaltige Va-banque Spiel seiner Industriellen nicht. Dieöffentliche Meinung" hatte gesiegt.

Und doch blieb der Siegestaumel nur kurz. Der Wirrwar in Europa hatte den ganzen Weltmarkt und -Verkehr durchein­andergerüttelt. Die Industrie der U. S. A. mutzte sich mit Hochdruck umstellen, es gab Arbeit, Arbeit in Hülle und Fülle, der Dollar rollte, der Wohlstand nahm rapid zu. Die Vergnügungslust und damit die Freude an der Sensation wuchs ins Ange- mestene. Und Sensationen waren die Be­richte über das grenzenlose Elend in Mittel­europa. Und wieder einmal setzte ein Preste- feldzug von ungeheuren Ausmaßen ein, der eine, umfastendeLiebestätigkeit" ins Leben rief. Dieses Interests hatte sehr durchsichtige Beweggründe, denn es mutzte den europä­ischenSiegern" die trotz ihrer enormen Schulden an Amerika immer aufsässiger wurden ein Strich durch die Rechnung gemacht wurden. Daher stammt das ameri­kanische Mitleid für die deutsche Wirtschaft.

Richt vergesien werden soll aber die selbstlose Hilfe der Quäker, einer weit verbreiteten amerikanischen Sekte evangelisch-reformier­ter Herkunft, deren Studienkommisstonen von Dampfern mit Lebensmitteln und Klei­dern für die Aermsten und Allerärmsten ge­folgt waren, und die als einzige selbstlos und unbeeinflußt handelten. So sah die Hilfsaktion für die Mittelmächte aus, das ist dasgute Herz" des Amerikaners! Und darum: Liebet mit Vorsicht Eure Freunde?

die sich insbesondere auf Folgendes er­strecken: Einstellungspflicht der älteren stellenlosen Angestellten; Kündigung dieser Angestellten nur mit Zustimmung der Fe- triebsvertretung bezw. des Arbeitsgerichtes; mit den Jahren steigende Abfindungen bei unvermeidlichem Abbau und längere Kün­digungsfristen.

Hohes Alter. In voller körperlicher und geistiger Frische beging dieser Tage Frau Elise Göbel, Witwe, geborene Creß hier, (Ehefrau des verstorbenen früheren Schutzmannes E., hier) ihren 80. Geburts­tag.

Naturheilverein. Sonntag, den 15. Nov wird im Saal des Bürgervereins die Feier des 20jährigen Stiftungsfestes stattfinden. In der Festordnung sind Konzert, Gesangs- vorträge von Solisten und einem Männer­choi, ferner ernste und heitere Vortäge erster hiesiger und auswärtiger Künstler vorge­sehen. Näheres wird im Anzeigenteil be­kanntgegeben.

Wichtig für Sozialrentner. Am Diens­tag, den 17. d. Mts. vormittags von 911 Uhr findet bei der Städtischen Wohlfahrts­kasse die Auszahlung der Unterstützung für November an die hilfsbedürftigen «Sozial­rentner der Stadt Fulda statt. Gelbe Aus­weisnummer mitbringen, und die angesetzte Zeit genau einhalten.

Naturschutzpark-Geldlotterie. Wir machen unsere Leser besonders auf die in der heuli- Ausgabe erscheinenden Anzeige aufmerksam, wonach die Ziehung unwiderruflich am 17. und 19. November stattfindet.

Neues Theater. Mit dem Zille-FilmDie Berufenen" geht ein Werk über die Leinwand, das gerade wegen seiner vielge­schmähten Milieuschilderungen aus Berlin- I. W. D. (janz weit draußen) bei seiner Uraufführung in Berlin und den Auffüh­rungen in sämtlichen Großstädten ungeteil­ten Beifall gefunden hat. Uns liegen Kri­tiken der Deutschen Zeitung, des Tageblatt, des Vorwärts und sämtlichen anderen Ber­liner Zeitungen von Ruf vor, in denen ein­stimmig nicht nur das lebenswahre Lo­kalkolorit sondern mehr noch die tiefe, soziale Tendenz des Filmes gelobt wird.

desselben, der für die kommenden Monate ein umfangreiches Progranlm aufgestellt hat, durch ihren Beitritt unterstützten. Auf­nahmegesuche bittet man mündlich oder schriftlich an den Vorstand zu richten.

Geschöftsaufsicht. Zur Abwendung'des Konkurses ist über das Vermögen der offenen Handelsgesell. Eschwege & Co., Maschinen und Werkzeuge, Fulda die Geschäftsaufsicht angeordnet worden. Zur Geschäftsaufsichts­Person ist Rechtsanwalt Schultheis-Fulda bestellt.

Schach. Daß daskönigliche" Spiel auch in hiesiger Stadt eifrig gepflegt wird, zeigt die rührige Tätigkeit der Schachvereinigung, deren Mitglieder sich jeden Montag- und Donnerstagabend zum friedlichen Kampfe im Kaffee Reichspost zusammenfinden . Nachdem vor einiger Zeit ein Turnier um die Vereinsmeisterschaft stattgefunden hat, ist nunmehr beabsichtigt, einPreisturnier" folgen zu lasten. Ab Montag, den 16. November liegt im Vereinslokal eine Liste zur Einschreibung auch für die, die sich am Turnier zu beteiligen gedenken. Es wäre zu wünschen, daß die dem Vereine noch fern­stehenden Schachfreunde die Bestrebungen

Rechts gehen! Mit der Befolgung der selbstverständlichen Verkehrs-Vorschriften wird es bei uns noch recht wenig genau ge­nommen. In den oft so sehr engen Straßen und Gasten der Innenstadt läuft ein jeder nach seinem Belieben auf der falschen Bür­gersteigseite oder auf dem Pflaster selbst. Bei der geringsten Zunahme des z. T noch geringen Fahrzeugverkehrs mutz das über kurz oder lang dazu beitragen, daß täglich unter der traurigen RubrikVerkehrsun­fälle" Unglücke und Verletzungen aufzuzeich­nen sind, die gut hätten vermieden werden können. Und darum Fußgänger: Rechts­gehen, auf dem rechten Bürgersteig gehen, vor Ueberschreiten der Straße auf Fahr­zeuge achten! Die Hast, eine Minute früher auf der anderen Straßenseite anzulangen, hat schon oft ein lebenslanges Siechtum ver­ursacht.

Auf einem anderen Blatt steht die rück- ichtslose Fahrerei von Automobilen und Krafträdern durch die Innenstadt. Bei Regen oder gar Schneedreck ist ein Gehen ohne gründliches Beschmutzen der Kleidung niK möglich. In der Großstadt gibt es Protokolle, warum nicht auch in Fulda?

Aus Nah und Sern.

Ein Millionendefizit der Stadt Köln.

Nach dem T.-U.-Bericht über die Donners­tags-Sitzung der Stadtverordneten in Köln schließt der Etat der Stadt mit einem Defizit von nahezu 10 Millionen ab. In seinen eineinhalbstündigen Ausführungen zum Etat verbreitete sich Oberbürgermeister Dr. Adenauer über die Gründe dieses Fehlbe­trages, die zum großen Teil in der gänzlich verfehlten Finanzpolitik des Reiches und Staates liegen. Das starke Anziehen der Steuerschraube habe nicht nur den steuer­lichen Tiefstand der Gemeinden, sondern auch den Ruin der Wirtschaft herbeigeführt. Das Reich habe dies selbst eingesehen und seine Steuerpolitik abgebaut. Der preußische Staat habe seinerseits die Lasten auf die großen Städte abgewälzt und das flache Land und die kleinen Städte, die angeblich die geldlich schwachen seien, geschont. Der Redner betonte, daß es den großen Städten genau so schlecht gehe. Er führte dann den Nachweis, daß der große Fehlbetrag nicht durch Mangel an Sparsamkeit und durch die Ausführung großer Projekte, auch nicht durch die große Zahl der städtischen Beamten her-, vorgerufen worden, sondern durch die ge­ringe Steuerüberweisung von Staat und Reich und die Mehrausgaben für soziale Zwecke entstanden sei. Der Redner erläu­terte im einzelnen den Fehlbetrag, zu besten Deckung die städtischen Werke und Einrich­tungen mit siebeneinviertel Millionen Her­angezogen werden müßten. Der dann noch verbleibende Rest mit drei Millionen soll durch Steuererhöhungen gedeckt werden.

Vermischtes.

Wie eine Kriegsfchuldlüge entsteht.

Der frühere englische Unterstaatssekretär Arthur Ponsoby stellt in einer Zuschrift an

die ZeitschriftThe Nation" folgen Zeitungsberichte untereinander:

DieKölnische Zeitung" schrieb:

. . . Als der Fall Antwerpens besannt wurde, läuteten d. Kirchenglocke (nämlich in Deutschland).

Darauf derMatin" (Paris):

. . . LautKölnische Zeitung" murde die Geistlichkeit von Antwerpen gezwu^ beim Falle der Festung die Kirchenglv^ läuten zu lasten."

Nunmehr dieTimes" (Lodon):

. . . Wie derMatin" aus Köln erfährt, wurden die belgischen Geistlichen, die sich weigerten, beim Falle Antwerpens die Kir­chenglocken läuten zu lassen, aus ihren Aemtern vertrieben."

Weiter derCarriere della Sera" (Mai­land):

. . . Wie dieTimes" aus Paris über Köln erfahren, wurden die unglücklichen belgischen Geistlichen, die sich weigerten, beim Falle Antwerpens die Kirchenglocken läuten zu lasten, zu Zwangsarbeit verurteilt."

And nochmals derMatin":

. . . . Wie derCarriere della Sera" aus Köln über London erfährt, bestätigt sich, dc^ die barbarischen Eroberer von Antwerpen die unglücklichen belgischen Geistlichen für ihre heldenhafte Weigerung, die Kirchen­glocken läuten zu lasten, dadurch bestraften, daß sie sie mit den Köpfen nach unten als lebende Klöppel an die Glocken hängten."

Aus der Tages­geschichte.

Rußlands Anleihe überzeichnet,

TU. Berlin, 13. Nov. DieB Z.".meM Nach einer Timesmeldung hat die neue russige Jnnenanleihe einen unerwartet großen Erfolz aufzuweisen. In der ersten Woche wurde die erste Tranche von 20 Millionen Rubel drei­einhalb überzeichnet. In Moskau, Leningrad, Charkow wurden allein 7 Millionen gezeichnet Interessant ist auch, daß zum ersten Mal seit der Revolution sich auswärtiges Kapital an der Anleihe beteiligt hat. __ P

Schweres Eisenbahnunglück bei Dünaburg.

TU. Riga, 13. Nov. Der Zug Warschau- Riga ist gestern abend bei voller Fahrt auf den Kownoer Zug aufgefahren. Der Kownoer Zug wurde', vollkommen zertrümmert. Die Zahl der Toten und Verwundeten soll ziem lich erheblich sein. Der Weichensteller würd- wegen Fahrläßigkeit verhaftet.

Die Deutschen in Ostafrika

TU Berlin, 14. Nov. Wie dasB.T' aus Dar-es-Salam meldet, hat der Gouver­neur der Tanganjika-Kolonie gestern das Verbot des Landeserwerb für Angehörige ehemals feindlicher Staaten aufgehoben. Damit ist die letzte Einschränkung für die .letzte Einschränkung für die Deutschen gefallen.

Die Franzosen weichen vor den Drusen zurück.

TU. London, 13. Nov. Die Drusen haben an der Grenze von Palästina neue Angriffe gegen die französischen Truppen unternommen. Die Franzosen mußten sich nach erbitterten Kämpfen zurückziehen. Die christlichen Einwohner der von den Druse" eroberten Dörfer flohen aus Furcht W Metzeleien nach Tran»jordanien, wo die Eng- länder den Schutz in den letzten Tagen be­deutend verstärkt haben.

Die Gesetzesvorlage über Locarno.

Wie wir erfahren, wird die Reichsregie- rung dem Reichstage am 23. November zwei Gesetzesvorlagen über die Locarno-Verträge zustellen. Das erste Gesetz lautet: Der Reichstag stimmt den in der Anlage beige- fügten Verträgen zu. Im zweiten Gesetz wird erklärt: Der Reichstag ermächtigt die Regierung zum Beitritt in den Völkerbund.

Es ist sehr wohl denkbar, daß die Ab- stimmungsziffern bei den einzelnen Gesetzen verschieden ausfallen werden. Bekanntlich richtet sich die Opposition der Vertragsgeg- ner Mehr gegen den Eintritt in den Völker­bund als gegen die eigentlichen Verträge, sodaß das zweite Gesetz in moralischer Hin-