Wo wird der Hunger diktiert?
Warum steigen die Getreidepreise? — Spekulationsorgien an der Getreidebörse von Chicago. — Die „Weizengrube-. — Der Nabel der Welt. — Morgens rot, abends tot.
Bekanntlich wächst in der letzten Zeit Woche um Woche der Getreidepreis. Schon ist die Nachricht aus den klein gedruckten Zeilen des volkswirtschaftlichen nur von wenigen gelesenen Teiles der Zeitung weiter nach vorne gekommen; oft schreit sie schon in den größten Lettern von den Titelseiten. Höherer Getreidepreis, höherer Weizenpreis ist das Rückgrat neuer Teuerung, verfchlech- ter Lebenshaltung, neuer Not zur kaum ertragbaren alten. Während die Hand des Bürgers, Bauern und Beamten die Pflugschar od. d. Feder führt, bestimmt eine kleine Schar von Spekulanten, meerfern von uns, ob wir, die große Masse des Volkes, uns satt essen dürfen oder nicht. An den Getreidebörsen von London, Sidney und Buenos-Aires, insbesondere aber an der von Chikago, wird über den Wert der Welternte bestimmt. Als man in Amerika einen Präsidenten wählte, waren die Stimmen der Farmer ausschlaggebend. Aus Furcht, sie an den Feind der Händler zu verlieren, schlossen die Getrejdehändler Ring um Ring, setzten die Weizenpreise rasch hinauf, um so die Landwirte sich günstig zu stimmen, — und alle Brotesser der ganzen Well mußten, wie sich das eben nun einmal gehört, die amerikanische Präsidentenwahl mitbezahlen. Denn wenn sich in Amerika der Preis des Weizens hebt, flugs springt er auch an sämtlichen Getreidebörsen Europas ein wenig höher, obwohl es naturgemäß manchmal Monate dauert, bis dieser teuere Weizen zu uns kommt, Auch jetzt fürchten die großen Weizenhändler für das kommende Fahr eine schlechte Ernte und deshalb wird der Weizen teurer. Den meisten Weizen baut Amerika, sowohl in den Bereinigten Staaten, als auch in Kanada und ebenso in Argentinien. In seinem Buche „Amerika von heute und morgen" erzählt Arthur Ho- litscher vom gesegneten Weizenlande Kanada, das Boden
für zweiundzwanzig Millionen Hungriger bereit hält, während in anderen Ländern Menschen oft nicht wissen, wie sie sich das tägliche Brot verschaffen sollen. Der Einwanderer, der nach Kanada kommt, bekommt dort Land von solcher Fruchtbarkeit, daß der Neuling schon im ersten Jahre auf 40 Acres, 1600 Ar Landes, 1000 Bushels, 360 Hektoliter Weizen erntet. Unendlich ist der Reichtum dieser Länder an Brotfrucht. Einst brannte in Amerika das Eoldfieber, und alle Welt lauschte nach Amerika. Heute ist die goldene Frucht des Weizens an die Stelle des harten Metalls getreten, und wieder hält die Welt den Atem an, wenn Amerika die Preise dieses Goles festsetzt Der junge Boden trägt dort willig Frucht. Dem fleißigen Anbauer dankt er reichlich, so reichlich, daß der große Ueberschuß alljährlich nach den Städten fruchtet.
Dort häuft sich himmelhoch das Brot der Welt. Im unermeßlich weiten Weizenland, das eben erst der Pflug des Settlers ritzte, hebt eines Tages sich ein hölzerer Turm, der Elevator einer Weizenfirma, der Riesen- Speicher für die goldenen Körner. Die Eisen- bahngesellichaft nagelt an ihn ein Brett, ein Name wird darauf geschrieben und
der Anfang einer Stadt ist da.
Nach wenigen Tagen steht neben dem roten Turm, der meist der Firma Ogielvie oder der British-American Co. gehört, den Mammutfirmen, die mit Weizen handeln, die General-Store, Post, Standesamt, Klub und Behörde zugleich. In dieser Bretterbude lann der Farmer alles, was er zu seinem Leben braucht, kaufen. Wieder ein
Lokales.
Fulda, dn 13. November 1925.
Wetteraussichten bis Samstag:
Wolkig bis aufheiternd, meist trocken, tagsüber etwas milder, Nachtfrost.
paar Tage später steht neben dem Elevator die Holzhütte von McCormick oder Massey Harrys Farm Implements; die eine Firma hat die größte Fabrik für landwirtschaftliche Maschinen in den Staaten, die andere in Kanada.
Das nächste Holzhaus, das da wächst, ist das Hotel. Dann stellt sich der Friseur ein Holzhaus auf mit einem Billardsalon nach hinten, dann kommt das erste steinerne Haus, die Zweigniederlassung der Bank of Canada. Raich folgen nun die anderen Pioniers der Zivilisation und der Kultur. Noch im ersten Jahre der Gründung kommt Apotheker, Wäscher, Kirche, Priester, ihnen folgt die erste Redaktion mit Druckerei — Herausgeber, Redaktion, Druckerei und Austräger vereinigen sich in einer einzigen Person — und damit ist der Ort schon Stadt, der nach fünf Jahren ein paar hundert Häuser zählt. And diese ganze Stadt, sie lebt vom Weizen. Der Elevator ist ihr Schatzgewölbe — er ist nicht mehr aus Holz, ist Eisen und Beton, in jedem fünften Laden werden Grundstücke gehandelt und vom Bürgermeister bis zum Weichensteller spekuliert die ganze Stadt in Weizen und in Gründen.
Auf dem ganzen amerikanischen Kontinent stehen die riesigen Weizenspeicher, Türme zu Ehren Gottes und der Ordnung, die er gewollt, riesig wie der Reichtum, den sie bergen. Die mächtigsten von ihnen sind imstande, zwölf Waggon Weizen auf einmal auszusaugen. Durch Schleusen senkt sich der Weizen in einen Raum, wo Gebläse Staub und Spreu entfernen, und dann legt sich der Weizen in Behälter, die ihn so lange bergen, bis sein Preis dem Herrn des^Brotes angenehm ist. Die größten Speicher bergen jeder sieben Millionen Bushels, zweieinhalb Millionen Hektoliter.
Auf den unvorstellbar weiten Prärien wuchs der Weizen, in den unbändig großen Türmen liegt er, wo steigt er?
In the pit.
In Chikago, im Board of Trade-Buck- ding, ist die Getreidebörse, die aller Welt Hunger und Teuerung bestimmt. In der Mitte des Gebäudes ist eine runde Grube, zu der drei Stufen hinabführen. Das ist die Grube, in der die Weizenpreise bestimmt werden.
Noch drei Gruben sind in dem Saale: die Mais-, die Hafer- und die Speckgrube, aber the pit, die Weizengrube ist
der Nabel der Welt.
Zwischen den Gruben gibt es hohe Brücken, zu ihnen laufen blanke Drähte von den Telegraphenschaltern rings um den Saal und längs der Drähte gleiten blanke Kapseln. Auf der Brücke schreiben Beamte die Preise auf, die aus der Grube steigen, die Kapseln huschen längs der Drähte, und nach Sekunden funken Telegraphen in alle Welt, so weit nur Menschen wohnen.
Hier wandern die Ernten ganzer Erdteile in Form von Ziffern von einA Hand in die andere..Hier geht es um keine Kleinigkeiten. Wer am Morgen noch ein Mann von 4000 Morgen Acker Land war, kann mittags schon unter den Nackenhieben der anders spekulierenden Konkurrenten umgekommen sein. Wer auf die Stufen stieg, Besitzer von drei Elevatoren, in jedem 5 Millionen Bushels, die er, auf steigende Preise hoffend, mit Anspannung allen Kredits gekauft hat, kann eine halbe Stunde später ein toter Mann sein, wenn die Preise sanken. Hier ist Weizen weder Frucht noch Brot, sondern nur Geld, und Gelo und wieder Geld!
Der Verein -er Hundefreunde von Fulda und Umgegend macht nochmals Besitzer aller Rassearten auf die am kommenden Sonntag vormittags 10 Uhr beginnende interne Schau aufmerksam, welche im Stadtsaale abgehalten wird. Der Hund, der beste Freund der Menschen, der traute Weidgeselle, der unentbehrliche Gehilfe des Jägers, soll in seinen verschiedenen Rassen ,welche in Fulda und Umgebung geführt werden, ebenso voll-
zählich auf der Schau vertreten sein, als die Wach- und Schutzhunde. Die Wächter bei der Herde, die Führer der Blinden, die Rassen welche im Polizeidienst so vorzügliches leisten, die Schäferhunde, Dobermänner und Boxer. Die großen herrlichen Doggen und Bernhardiner. Die Pintscher und Terrierarten, die kleinen Zwerge, wie Blanheims und Pekingesen, die edlen Rennhunde, sie alle wollen am kommenden Sonntage sich das erste Stelldichein geben.
Zugelassen sind gesunde Hunde über sechs Monate. Soweit Stammbaum vorhanden ist, ist dieser mitzubringen. Das Urteil des Preisrichters wird durch einen Bewertungszettel dem Besitzer des Hundes bekanntgegeben. Sonstige Auskünfte durch Zahnarzt Aug. Walter, Telefon 735,
Die Ausstellungsleitung weist nachdrücklichst darauf hin, daß nicht nur den Hunden der Vereinsmitglieer die Schau freifteht. Es ist ja doch gerade beabsichtigt, einen Ueberblick über das Material in Stadt und Land zu gewinnen.
Evangelische Kirche. Anläßlich des nächsten Mittwoch, den 18. November stattfindenden Buß- und Bettages hat die oberste Kirchenbehörde eine besondere Ankündigung erlassen, deren erster Teil am Sonntag den 15. November im Anschluß an den Hauptgottesdienst zur Verlesung kommt. — Ferner sei nochmals auf den Sonntag vormittag stattfindenden Festgottesdienst anläßlich der 25jährigen Jubelfeier des evgl. Müttervereins hingewiesen.
Reformations-Festspiele. Anläßlich des 400jährigen Ehejubiläums des großen Reformators Dr. Martin Luther wird am Mittwoch den 25. November im großen Saale des evgl. Gemeindehauses das kirchliche Reformationsfestspiel „Luther" mit Gesang von Dr. Hans Herrig und „Luthers" Hochzeitstag" von Otto Steinbach zur Aufführung kommen. Die Leitung und Einstudierung liegt in den bewährten Händen des berühmten Lutherdarstellers Dir. Max Halter. Vorgesehen sind zwei Vorstellungen und zwar nachmittags 4 Uhr für Schüler, Kinder und auswärtige Besucher u. abends 8 Uhr für Erwachsene, unter Mitwirkung deutsch-evangelischer Künstler und Junglehrer.
Evangelische Gottesdienste. 15. November, (23. Sonntag nach Trinitatis). Fulda: Vorm. 9% Uhr Sup. Ruhl, (25jährige Jubelfeier des Müttrvereins); vorm. 11 U. Kindergottesdienst; abends 6 Uhr: Pfarrer Weber. — Amiswoche: Pfr. Weber. — Fulda. Dienstag, 17. Nov. abends 8 Uh:: Kirchenchor.
Der erste Schnee. Der strahlende warme Spätherbst hat sich mit einigen bitterbösen Rgentagen verabschiedet. Und nun sind auch diese vom ersten Schnee abgelöst worden. Ganz leise rieselten gestern abend die ersten zarten Flocken „aus den Federbetten der Frau Holle". Ja, es ist bald Zeit an Weihnachten zu denken. Und es wird dieses Jahr nicht überall ein Fest der Freude. Unsere politische und wirtschaftliche Zukunft liegt im Dunkeln, manchmal wollen die Blicke in die Zukunft uns nur Trübes und Schweres zeigen. Immer wieder heißt es darum: Kopf hoch!
Wiederinbetriebnahme der Wachswarenfabriken. Die hiesigen Wachswarenfabriken haben nach längerer Stillegung heute Morgen wieder ihre Betriebe eröffnet.
Die Auszahlung der Zusatzrente an sieche und erwerbsunfähige Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene erfolgt am Samstag, den 14. November vormittags zwischen 9 und 12 Uhr an der Wohlfahrtskasse. — Gelbe Ausweise sind vorzulegen.
Vom Finanzamt Fulda wird uns geschrieben:
Der Herr Reichsminister der Finanzen hat bestimmt, daß für Einkünfte aus dem Betrieb von Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Gartenbau und sonstiger nichtgewerblicher Bodenbewirtschaftung die Einkommensteuervorauszahlung nicht bis zum 15. November 1925 sondern erst bis zum 15. Dezember 1925 zu entrichten sind. Die an die Landwirte abgesandten Vorauszahlungsbescheide werden insofern berichtigt. Die Vermögens- steuer-Vorauszahlungn sind am 15. November 1925 fällig.
Auf die heutige Oeffentliche Aufford., rung des Finanzamtes zur Abgabe einer Vermögenserklärung für 1925 werden die Steuerpflichtigen besonders hingewiest^ Bis spätestens zum 15. Dezember 1925 die Erklärung abgegeben sein.
Aus Nah und Fern.
Abkühlung und Schneefall im Schwarzwald
Nach dem abnormalen Wetter der letzten Zeit ist es im Schwarzwald mit dem Wochenwechsel zu einer raschen Abkühlung gekommen, sodaß die Niederschläge in den Hochlagen des Gebirges die Form "von Schnee angenommen haben. Die Schneefälle waren bei sehr tiefem Barometerstand ziemlich ergiebig und reichten bis etwa 85g Meter herunter, wo auch die Wälder weißes Gewand zeigen. Ob der Schnee von Bestand sein wird, ist noch zweifelhaft, wenn auch mit einer gewissen Neigung zur Aufklärung die Abkühlung anhalten wird. Zeitweise reicht der Schneefall bis auf 700 Meter herunter. Die infolge der warmen Witterung erhebliche Bodenwürme dürfte der Bildung einer dauernden Schneedecke zunächst noch hinderlich sein.
—------—------- Aus der Tagesgeschichte.
Das neueWehrkreiskommando in Sachsen.
TU. Berlin, 12. Nov. Der las Nachfolger des tödlich verunglückten Generals v. Müller zum Wehrkeiskommandeur in Sachsen ernannte General von Paelsz, der bisher die Verhandlungen mit den Kontrollorganen der Alliierten geführt hatte, wird diese Aufgabe noch abwickeln und vorerst von General von Grab- berg vertreten werden.
Gegen amerikanische Handelsüberwachung.
TU. Paris, 12. Novemb. Der frühere französische Finanzminister und Vertreter Frankreichs bei der Internationalen Handelskammer,^ Clementel, bei
Kammer dagegen protestier^ daß das amere-, konische Schatzamt für die amerikanische Zoll-, Überwachungsämter das Recht einer Nachprüfung derGeschäftsbücherfranzösischerExporteure in Anspruch nimmt. Dem Proteste haben sich Belgien und die Schweiz bereits angeschlossen. Nunmehr werden die skandinavischen Länder diesem Beispiel folgen.
Zur Räumung Kölns.
TU. Paris, 13. Nov. Der Londoner Havasvertreter ist in der Lage mitzuteilm, daß die deutsche Antwort an die Botschaften konferenz, die Botschafer von Hoesch vorgestern Briand überreichte, die Beibehaltung des 1. Dezember als Datum der Räumung von Köln ermöglicht. Man ist in zuständigen englischen Kreisen der Ansicht, daß die Abschaffung del Berliner 'Kontrollkommission und die Räumung Kölns nicht gleichzeitig vor sich gehen soll. Man hält es für richtig, daß die Kontrollkommission in Berlin verbleibt, bis sämtliche von denAlliieten verlangten Maßnahmen in bezug auf die Räumung ausgeführt sind.
Eine Erklärung Painlevßs über Syrien.
TU. Paris, 13. Nov. In der gestrige" Sitzung der Kommission für auswärtige M Gelegenheiten des Senats gab Painlevè eine lang "re Erklärung über Syrien ab. Er warnte die Kommission vor den zahlreichen meist aus Kairo stammenden Falschmeldungen, die der SacheFxankreichs in der ganzen Welt ungeheuer schaden könnten. Insgesamt seien nur 610 Franzosen, Pffiziere, und Manschaften, getötet worden, und nicht Tausende, wie es in diesen Meldungen heiße. Auch die Ereignisse in Damaskus seien auf schändliche Weise entstellt worden. Man habe Maßnahmen zum Schutze nicht nur der Franzosen und Amerikaner, sondern aller Europäer und auch der gut gesinnten einheimischen Bevölkerung getroffew Weitere Erklärungen werden nach der Ankunft des Generals Sarrail abgegeben. Painleve stellte den Antrag, die Kommission möge Sarrail selbst anhören, falls sie es wünsch- Briand besprach hierauf die Ereignisse von Locarno. Er erklärte, der Pakt wäre ein äußerst solides Werk, das die Sicherheit an gegenseitige Hilfe der Völker zur Vermeidung künftiger Kriege bilde.