Lokales.
Fulda, den 10. November 1925.
Wetteraussichten für Mittwoch:
Zeitweise aufklarend, nur noch einzelne Niederschlagschauer, vielerorts Nachtfröste, rauhe, nördliche Winde.
Soll ich mein Kind abhärten?
Von Dr. med. Mosbacher - Berlin.
Eine Frage, die immer wieder und wieder dem Arzt von Seiten der Mütter vorgelegt wird. Die Antwort lautet bejahend. Aber damit ist das Problem keineswegs erschöpft. Denn gerade bei der Abhärtung des Kindes kommt es auf das „wie" an, soll nicht unendlicher Schaden angerichtet werden. Der oberste Grundsatz lautet: Das Kind muß vor allen Uebertreibungen behütet werden. Plötzlich, eines Tages, das Kind, das bisher stets mit lauwarmem Wasser abgewaschen wurde, unter die Dusche zu stellen, ist barer Unsinn. Derartig eingreifende Matznahmen die nur gegen den heftigsten Widerstand des Kindes durchzuführen sind, machen das Kind nervös; nach kurzer Zeit sieht es blatz und blutarm aus, und statt eine erhöhte Widerstandsfähigkeit gegen Erkältungskrankheiten zu erlangen, wird es noch häufiger an Schnupfen und Katarrhen der Atmungsorgane zu leiden haben als vorher. So geht es also nicht — Unter Abhärten verstehen wir allmähliche Gewöhnung des Körpers, vorzüglich der Haut an kühle Luft und kaltes Master. Am besten beginnt man damit schon in der frühesten Jugend. In den ersten Monaten allerdings wird man das Herausbringen des Kindes bei rauhem Wetter vermeiden; aber an jedem schönem windstillen Tage sollte ein Kind schon von 2 Monaten ab ins Freie kommen. Bei einem Kind über einem Jahre braucht man auf die Witterung keine Rücksicht zu nehmen. — Zu einer vernünftigen „Abhärtungskur gehört auch eine vernunftgemätze Bekleidung. Jedes Einwickeln und Einschnüren des kindlichen Körpers in wollene Decken, Betten und Steckkisten ist von Uebel. In der kälteren Jahreszeit genügt ein leinenes Hemdchen und ein Flanelljäckchen; Leib und Beine werden mit Leinenwindeln und weichen Flanellwindeln eingehüllt. Eine Kopfbedeckung ist nicht erforderlich. In der wärmeren Jahreszeit genügen leinene Windeln und Jäckchen. Aeltere Knder sollen halsfreie Blusen, in den kälteren Monaten dichten Wollstoff, im Sommer Leinen oder Kattun tragen. Selbst im Winter soll man sie nicht mit Pelzen, Muffen oder schweren Mänteln verwöhnen. — Stets sollen die Kinder im ungeheizten Zimmer schlafen; höchstens bei zarten Säuglingen wird man den Raum etwas erwärmen müssen. Die hochgetürmte Bettdecke ist nachteilig; eine leichte Federdecke genügt.— Bei Wasser der täglichen Waschung kann man allmählich auf 20 Grad herabgehen; bis zum vierten Lebensjahre behalte man diese Temperatur bei, um sie späterhin noch weiter absinken zu lasten. Vom sechsten Jahre ab können die Kinder unbedenklich im Freien baden. Schon viel früher laste man sie in der wärmeren Jahreszeit Freiluftbäder nehmen; in den kälteren Monaten erlaube man ihnen, abends vor dem Zubettgehen im durchwärmten Zimmer ein paar Minuten nackt herumzuspringen. Zweckmätzigerweise werden während oder nach den Luft- und Wasterproze- duren einfache gymnastische Uebungen vorgenommen. — Wenn diese Regeln befolgt werden, dann gelingt es, auch schwächliche Kinder ohne nachteilige Begleiterscheinungen abzuhärten. Die Haut lernt es, sich schnell und prompt der veränderten Temperatur der Umgebung anzupassen, und ein raches Einsetzen der natürlichen Abwehrkräfte des Körpers gegen die Gefahren der Abkühlung wird gewährleistet. — Das sicherste Mittel, um festzustellen, ob die jeweiligen Abhärtungsmatznahmen der Verfassung des Kindes angepatzt sind, besteht in der sorgfältigen Beobachtung des kind- lchen Körpers. Wird die Haut naß und rötet sie sich schnell, schwindet das anfängliche Unbehagen des Kindes bald, dann ist man auf dem rechten MM-Mleibt die Haut naß oder wird fie^r bläulich, Mlt sich das Kind dauexuH-Srbehaglich und fröstelt, dann
erhöhe man die Eemperatur des Masters und gebe dichtere Kleidung. Hier darf man späterhin nur ganz, ganz vorsichtig wieder mit der Temperatur herabgehen und nur allmählich die leichtere Bekleidung anlegen lassen. Aber auch dann wird man bei vernünftiger Konsequenz schließlich doch zu dem gewünschten Ziele kommen.
Verbandstag der evangelischen Arbeitervereine. Am verflossenen Sonntag hielt der Kurhessische Verband evangelischer Arbeiterund Volksvereine in Hersfeld einen Verbandstag ab. Leider hatte mancher evangelische Arbeiter- und Volksverein aus Kur- hessen es unterlasten, zu diesen wichtigen Tagung einen Vertreter zu entsenden. Die Eröffnung und Leitung der um 3 Uhr nachmittags im „Kaiserhof" stattgefundenen Mitgliederversammlung lag in den Händen des Herrn Pfarrers Francke-Heckershausen. Einleitend wünschte er, datz diese Verhandlungen mit Gottes Segen gekrönt sein möchten. Ausführlich wurde über den im Laufe dieses Sommers in Halle a. S. stattgefundenen Verbandstag der evangelischen Arbeitervereine Deutschlands berichtet und mitgeteilt, datz damals die Gründung eines General-Sekretariates in Berlin beschlossen und besten Leitung Generalsekretär Rudolph übertragen wurde. Die Hersfelder Mitgliederversammlung erörterte eingehend die Tätigkeit der einzelnen Arbeitervereine im Regierungsbezirk Kastel. Zum größten Bedauern ward festgestellt, daß viele derartige Vereine in den letzten Wochen keine erfreulichen Fortschritte gemacht. Rühmend hervorgehoben wurde, daß der evangelische Volksverein Fulda mit ungefähr 500 Mitgliedern an der Spitze der evangelischen Arbeiter- und Volksvereine in Kurhessen marschiere. Beschlosten wurde, alljährlich 1.20 M. als Verbandsbeitrag nach Kastel abzuführen. Der Eeneralsekr. Rudolph-Berlin wird Sonntag den 6. Dezember in Fulda einen Vortrag halten. Die neuen Satzungen des Verbandes wurden durchberaten und mit kleinen Aenderungen angenommen. Die Neuwahl des Verbandsvorstandes ergab: Vorsitzender Herr Pfarrer Francke-Heckershausen; Schriftführer Herr Pfarrer Ditt- mar-Kastel. Der Kassierer wird von Kassel bestimmt. Ab 1. Januar 1926 erhalten die Mitglieder des evang. Volksvereins Fulda das bei allen Vereinen neu einzuführende Vereinsblatt zugestellt. Am Himmelfahrtstage 1926 ist eine große Zusammenkunft der evangelischen Arbeiter- und Volksvereine aus Kurhesten auf dem Stoppelsberg bei Neukirchen vorgesehen, und als Redner Herr Pfarrer Scheffer-Hersfeld gewommen.
Evangelischer Mütterverein. Kommenden Sonntag kann dieser Verein auf fein 25jäh- riges Bestehen zurückblicken. Aus diesem Anlaß findet vormittags 9% Uhr Festgottesdienst statt, bei dem der Hofmann'sche Männerchor mitwirken wird. Abends 8 Uhr ist im Gemeindehaus eine schlichte Gedenkfeier, bestehend aus Ansprachen, Gesangsvorträgen, Aufführungen des Jungfrauenvereins u. a. m.
Kammerlichtspiele. Schlechtes Kirmeswetter macht den Weg nach Bromzell oder Horas fast ungangbar. Also bleibt man schön zuhause. Warum sollte man nicht ins Kino gehen, und Charleys Tante sehen? Lachen ohne Ende und ein volles Haus beweisen der Direktion, daß sie mit der Aufführung dieses Filmes einen guten Griff getan hat. Situationen von überwältigender Komik ziehen an unseren Augen vorbei, immer unentwirrbarer wird die Verwicklung — bis sich schließlich doch alles in Wohlgefallen auflöst. — Der ewig junge Sherlock Holmes entlarvt den „Bund der Rothaarigen" und die Trianonwoche bringt das Neueste aus aller Welt.
Streit zwischen Zigeunern. Gestern morgen gegen 8 Uhr kam es zwischen in der Maberzellerstraße lagernden Zigeunern aus unbekannten Gründen zum Streit, der in eine Schießerei ausartete. Einer der Zigeuner soll verletzt sein. Als die Polizei einschrilt, ergriff ein Teil der Gesellschaft die Flucht. Der Polizei gelang es einem der Beteiligten eine alte Armeepistole abzunehmen. Ermittlungen sind im Gange.
Aus Rah und Fern.
Der Saatenstand in Hessen.
TU. Darmstadt, 7. November. Die Zusammenfassung des Saatenstandes durch die Saatenstandberichterstatter ergibt für Hessen am Anfang November folgende Ziffern: Winterweizen 2,6; Winterspelz; 2,8; Winterroggen 2,6; Wintergerste 2,5. (2 — gut, 3 — mittel).
Brückenau (Rhön), 9. November. Der in weitesten Kreisen, namentlich bei den Kurgästen in Stadt und Bad Brückenau und den Röhntouristen sehr gut bekannte und beliebte Besitzer des Dreistelzhofes, Josef Wehner beging mit seiner Ehefrau, geb. Leitschuh, das seltene Fest der goldenen Hochzeit. Der Jubilar geht noch täglich seinen Arbeiten nach und ist in der Gastwirtschaft seines Sohnes sowie in der Landwirtschaft tätig.
Großfeuer.
TU. Hachenburg (Westerwald), 9 .Novbr. Das unweit von hier gelegene Sägewerk von Josef Patzer und ein anliegendes Wohnhaus wurden völlig eingeäschert. Große Holzvor- rüte, Maschinen und Lastautomobile sind verbrannt.
Blutschande.
TU. Darmstadt, 9. November. Ein bisher unbescholtener Milchhändler aus Seeheim wurde wegen Blutschande, begangen an seiner noch nicht 18jährigen Tochter, zu 1 Jahr Zuchthaus verurteilt
Sich selbst verbrannt.
TU. Darmstadt, 9. November. Einen schrecklichen Selbstmord verübte hier eine Frau Werber, etwa 50 Jahre alt. Sie übergoß sich in geistiger Umnachtung mit Petroleum und zündete sich selbst an. Die Unglückliche verstarb unter entsetzlichen Schmerzen.
Absatzstockung auch bei Opel.
TU. Rüsselsheim, 9. November. Die Opelwerke geben bekannt, daß sie wegen Stockung des Automobil- und Fahrradabsatzes genötigt sind, bis auf weiteres in ihrem Betrieb Kurzarbeit in der Weise eintreten zu lassen, daß der Betrieb an Samstagen und Montagen stilliegt.
Vermischtes.
Den Opferstock erbrochen.
TU. Bingerbrück, 9. November. Im benachbarten Dorf Sarmsheim sind Diebe in die Kirche eingedrungen, haben den Opferstock erbrochen u. das darin befindliche Geld gestohlen. Von den Tätern fehlt jede Spur.
Artistentod.
TU Paris, 9. November. Am Freitag wurde im Bellevuegarten ein Tierbändiger durch den Tatzenhieb eines gereizten Löwen auf der Stelle getötet.
Um die Neuregelung des kleinen E^enzver- kehrs im Saargebiet.
TU. Saarbrücken, 9. November. Die letzte Vollsitzung der Handelskammer Saarbrücken befaßte sich u. a. mit der Frage der Neuregelung des kleinen Erenzverkehrs. Die Bemühungen der Handelskammmer, eine einigermaßen erträgliche Ausgangsregelung herbeizuführen, sind als gescheitert anzusehen, da das Reichsfinanzministerium in Berlin es abgelehnt hat, die im April d. I. in Koblenz getroffenen Vereinbarungen in Kraft zu fetzen. Nach Lage der Dinge sei keine durchgreifende Besserung in der geradezu trostlosen Lage der Erenzbezirke zu erhoffen.
Die Weihnachtspost für den Kreuzer „Berlin".
TU Berlin, 9. November. Das Marinepostbüro gibt bekannt, daß wegen der schlechten Verbindung mit Punta Arenas Brief- post an den in der Zeit vom 22. bis 29. Dezember d. J. dort liegenden Kreuzer „Berlin" nicht gesandt werden darf. Die Weihnachtspost für den Kreuzer „Berlin" wird bereit am 17. November mittags vom Marinepostbüro abgesandt werden und das Schiff am 13. Dezember d. .I. in Valdivia erreichen.
Aus der Tagesgeschichte.
Die künftigen Standorte der englischen Rheinlandbesatzung.
TU. Koblenz, 9. November. Als künftige Standorte für die englische Rheinlandbesatzung sind die Kreise Wiesbaden-Stadt, Wiesbaden-Land, Bad Langenschwalbach, die Stadt Biebrich, Idstein und Königstein vorgesehen. Der englische Gebietsteil wird
alle nassauischen Teile südlich der Lahn s Ausnahme der Kreise Diez, St. Coarsh, i sen, Nüdesheim und des besetzten Teiles U Kreises Limburg umfassen.
Der Reichsparteitag der
Zentrumspartei. |
TU Berlin, 8. November. Die „Ger^ I nia“ veröffentlicht das Programm des I trumsparteitages, der, wie schon geme, Z am 16. und 17. November in Kassel findet. Danach tritt schon am 15. NoveM der Reichsparteiausschuß in Kassel zus^r men. Nach der Tagesordnung für J Reichsparteitag sind folgende Referate gesehen: 1. Das Wesen und die AufgM der deutschen Zentrumspartei in der d« schen Politik, Referent Reichskanzler a.M Dr. Marx; 2. Bericht d. Reichstagsfraktß» Referent Reichstagsabg. Dr. Fehrenbach. F
Verurteilung eines Landes!
Verräters.
TU Dresden, 9. November. Der zuletzt Döbeln wohnhafte, jetzt eine längere Fr( z Heitsstrafe verbüßende EeschäftsreiseH ° Walter Max Neubauer wurde vom Obe landesgericht wegen Verrats militärisch Geheimnisse zu drei Jahren Gefängnis ve: urteilt. Er hat sich im März 1925 in Boni
und einigen anderen Orten des besetzten Gebietes französischen Offizieren gegenübert verpflichtet, diesen gegen Bezahlung Mit« teilungen über Bewaffnung und UebungeM der Reichswehr usw. zu verschaffen.
Kommunistische Ruhestörung«
TU Harburg, 9. November. In ei^T Sitzung der städtischen Kollegien kam esz« Ruhestörungen durch die Erwerbslosen. | Tribünen mußten geräumt werden. T« i kommunistischen Bürgervorsteher veranskH teten darauf eine planmäßige Ruhestörum die erst ihr Ende fand, als sämtliche Koâ munisten durch Polizei aus dem Sitzungâ saale entfernt wurden. Die Arbeitslostl veranstalteten darauf unter Führung kommunistischen Bürgervorsteher vor deM Rathaus und in den Straßen DemonstM tionszüge, die durch das energische Einschn ten der Schupo bald auseinandergespreng werden konnten.
Die Rückwirkungen!
TU London, 9. November. Der diplom-z tische Korrespondent des „Daily Telegraph^ schreibt heute:
„Die alliierten Regierungen geben alle Mühe, um durch das Mittel der BM schafterkonferenz in Paris die AufgabM Luthers und Stresemanns zu erleichtern mM das Vertragswert von Locarno durch Reichstag zu bringen, da man es für W I schenswert hält, eine deutsche Reichste W- neuwahl zu vermeiden. Die WiederâD führung eines Reichstommissars in 10 Rheinlandkommission in Koblenz ist offiziâ bestätigt worden. Die anderen ErleichterE gen hinsichtlich des OkkupationsregimV werden wahrscheinlich in dieser Woche tanntgegeben werden in UeBereinftimmu^ mit dem von dem deutschen AußenministM ausgedrückten Wunsch. Schließlich ist letzte alliierte Note, die dem Botschafter v 1 Hösch in Paris übergeben worden ist, ^ | Gelegenheit für Deutschland» um die erb 1 Schritte in der Räumung Kölns schon * | 1. Dezember zu ermöglichen. Um dieses? I geständnis zu machen, wird Deutschs nicht notwendigerweise alle Ausstände ' I der Erfüllung der Entwaffnungsbedings M gen erledigt haben müssen, wie sie von W | Kontrollkommission und dem Foch-Komi^ W in Versailles festgelegt worden sind. ^|| wird ausreichend sein, wenn Deutschland bis zum 15. November seine Absicht in diestT^ Hinsicht in einer befriedigenden Weise Ausdruck gebracht haben wird und wenn Konntrollkommission bis zum 30. November berichtet, daß diese Absichten, die den Cha ratter von zusätzlichen Versprechungen haben werden, ausgeführt werden. Da die Na» g mung Kölns in jedem Falle eine längere p Zeit, wohl eine ganze Reihe von Woch^ in Anpruch nehmen wird, kann die deutsch Entwaffnung sich den Räumungsabsichte" anpassen. Tatsächlich würde aber gar kew lange Zeit hierzu erforderlich sein. S»'^ die Forderungen einmal ausgeführt, so u" die Kontrollkommission von selbst verschw'M den. Was die Frage anbelangt, ob öic ginnende Räumung Kölns um den 1-