Kapitän Heinen hat der Marinehehörde den- Vorwurf gemacht daß sie, umdas Kostb. Heliumgas zu sparen, die Zahl der Ventile von achtzehn -auf acht -verringert und so die Katastrophe" die Herstörung der „Shenandoah" und den Verlust von vierzehn Menschenlehen, herbeigeführt habe.
„3d> möchte nicht geradezu von Mord sprechen — sagte Heinen — aber ich kann nicht energisch genug erklären, daß die Verminderung der Sicherheitsventile die Vernichtung des Luftschiffes verschuldet hat. Die Shenandoah war, so wie sie ursprünglich in Dienst gestellt wurde, ein absolut sicheres und zuverlässiges Fahrzeug. Mit den veränderten Ventilen war das Schiff nicht mehr sicher; die Bemannung-, die um diese Aeude- rung, der Ventile wußte und trotzdem den Aufstieg wagte, verdient alle Anerkennung für ihre Tapferkeit."
Kapitän Heinen erzählt daß Lieut-Eommander Facob A. Klein ihm einen Blaudruck-Aufriß mit den veränderten Ventilen gezeigt worauf er ihn ernstlich gewarnt und auf die Ge- fahr für die Shenandoah aufmerksam gemacht habe: „Sch schlug mit der Faust auf den Tisch und erklärte: das wird eine LAbstmordfahrt! Die Jungen machen ihren letzten Flug. Um Helium zu sparen, werden Menschenleben geopfert! . ." Dann packte ich den Blaudruck und sagte: „Sehen Sie her, das stehle ich Shnenl", steckte die Zeichnung ein, nahm sie mit nach Hause und photographierte sie, Später schickte Lonimander Klein nach dem Original, das ich ihm prompt zurückgab, aber die Photographie ist in meinen Händen."
Kurz nach Heinens Interview erschien die Anklageschrift des Oberst Mitchell — siebzehn Folioseiten mit der Maschine geschrieben. Furchtbar sind die Anklagen, die der Fliegeroberst gegen die beiden Departements für Landesverteidigung erhebt, und rücksichtslos deckt er alle Schäden auf, die er bereit ist, vor einem Kriegsgericht zu beweisen.
Aus diesem umfangreichen Schriftstücke sind als Haupti punkte der Anklage heroorzuheben:
Zwischen den Fliegern der Armee und der Marine finden alljährliche Wettfliegen statt — deren Resultat im voraus bestimmt ist. Sm Oktober des vorigen Sahres mußte die Marine siegen, um verschiedene bedenkliche Scharten in ihrem Luftdienst auszuwetzen. Man gab den Armeefliegern alte Flugzeuge, die nicht mehr diensttauglich waren, und überließ die neuen Maschinen den Marinefliegern. So geschah es, daß zwei tüchtige Flieger, Kapt. Skeel und Leutn. Pierson, in ihren klapprigen Maschinen abstürzten und tot auf dem Platze blieben.
Die großen Flottenmanöver im Stillen Ozean, an denen 148 Kriegsschiffe teilnahmen, waren eine lächerliche Komödie — eine Zlottenparade die pazifische Küste entlang, die mit der pomphaften Einfahrt in den Hafen von San Franzisko endete. Von dort aus begannen die eigentlichen Manöver: Der Angriff auf das vom „Feinde" besetzte Hawai. Ls ging alles programmgemäß, und das Marinedepartement konnte stolz den Sieg Unserer Flotte vermelden, die Hawa-i erobert hatte. Dabei hatte man nicht in Betracht gezogen, daß der Feind im Ernstfälle den Hafen von San Franzisko mit Unterseebooten und Steinen blockieren, den Ozean mit Minen spicken und die Einfahrt von Honolulu mit U-Vooten und Minen sperren würde. Ferner hatte man den Fliegern so gut wie gar keine Rolle ^erteilt; um die Bedeutung des Flugdienstes für große Distanz- angriffe über Meer -ins rechte 'Wr unheilvolle Flug eines Riesenaeroplans beschlossen. Ein neues Flugzeug wurde eigens gebaut, in dem fünf Mann Platz hatten, und — wie Mitchell behauptet — ohne einen einzigen Probe- flüg auf die Reise nach Hawai geschickt . . . am 31. Augst flog die PU. H, Nr. 1, mit fünf Fliegern von San Franzisko ab und ist seitdem spurlos verschwunden.
Die Ueberilandreise der „Shenandoah" bezeichnet Oberst Mitchell' als eine politische Reklamefahrt ohne jeden praktischen Wert. Er schließt sich den Ausführungen des Kapt. Heinen voll und ganz an; er bezeichnet das Ausschalten der Ventile, damit das kostbare Helium im Notfalle nicht zu rasch ausströme, Äs verhängnisvoll und fügt den Heinenschen Beschuldigungen eine weitere ebenso schwerwiegende hinzu: der Luftdienst erhält keine Wetterberichte — die Flieger müssen also bindlings ihre Wege fliegen und wissen nie, wann und wo sie in einen verhängnisvollen Sturm hineinkommen. Die meteorologische Station der Regierung untersteht dem Ackerbaudepartement; so kommt es, daß jeder Farmer täglich die Wetterberichte erhält und daß das Marineamt und der Luftdienst diese Berichte nicht erhalten. Die „Shenandoah" ist in einem Sturm zugrunde gegangen; der Kommandeur des Schiffes, Kapitän Lansdowne (ehemals At
taches der Botschaft in Berlin), war in Ohio geboren u. kannte die Gefahren der Stürme in seiner Heimat ganz genau -— dieser Stürme, die plötzlich und mit furchtbarer Gewalt auftreten. Wäre Lansdowne im Besitz der Wetterberichte gewesen, hätte er leicht dem Sturme ausweichen können, der sein Schiff, ihn selbst und dreizehn Kameraden vernichtet hat.
(Lansdowne war als Luft-experte anerkannt, er hat einen Leitfaden der Luftschiffahrt geschrieben, in dem er gerade über Gewittergefahr sich -ausläßt: „Die Hauptgefahr bei Gewittern liegt in den bedenklichen Luftstößen und -strömungen, die sie begleiten. Die sind zuweilen äußerst heftig und dazu angetan, einen gefahrbringenden -Druck auf die Struktur des Luftschiffes auszuüben. Man hat beobachtet, daß diese Gewitterstürme eine ganz bestimmte Bahn einhalten; ferner, daß sie gewöhnlich zu bestimmten Jahreszeiten auf bestimmte Lokalitäten beschränkt sind. Es gibt Ortschaften, die völlig gewitter frei sind, trotzdem solche Gewitter wenige Meilen weit davon auftreten. Die Bedeutung dieser Tatsache ist, daß sie cs möglich macht, Karten von gefährlichem Gebiet und von Sturmbahnen -anzufertigen. Wäre eine solche Karte verfügbar und würde die Warnung, daß ein Sturm im Anzug, rechtzeitig erteilt, dann müßte ein Kapitän ein recht erbärmlicher Luftschiffer sein, wenn er sein Schiff einem Sturm aussetzen würde." — Tatsächlich hat Kapt. Lansdowne vor dieser Westfahrt der „Shenandoah" als sehr bedenklich gewarnt . . . seine Warnung wurde höheren Ortes nicht beachtet: er erhielt seinen Befehl und fuhr — in den Tod)
Die Stimmung in Washington ist nach Bekanntgabe der Anklagen des Kapitäns Heinen und des Oberst Mitchell eine recht eigenartige — teils Wut, teils Schuldbewußtsein. Dazu kommt das Gefühl daß jeder Schritt den man nun auch tut, falsch ist: Versetzt man Mitchel! in Anklagezustand, dann muß man der Wahrheit ins Auge sehen- können und auf Enthüllungen gefaßt sein; maßregelt man den kampflustigen Oberst ohne Prozeß, dann ist das ein Schuldbekenntnis.
Präsident Eoolidge, der sich übrigens für den nfögiicbft raschen Bau eines neuen Zeppelins ausgesprochen hat, -soll in seinem unerschütterlichen Pflichtbewußtsein und Ge-rechtigk-eits- gefühl entschlossen sein, die von Mitchell erhobenen Anklagen eingehend untersuchen zu lassen und die zu strafen, die Strafe verdienen — gleichviel, ob dies nun den Oberst Mitchell oder die Obersten im Kriegs- oder Marinedepartement trifft.
BermiMes.
Ein weiblicher Räuberhauptmann. Die östlichen Staaten der Vereinigten Staaten werden seit einigen Wochen von einer Räuberbande unsicher gemacht, die aus Mädchen besteht. Diese Bande hat allein im August nicht weniger als 230 strafbare Handlungen, Ueberfälle, Diebstähle und Plünderungen begangen Die Bande wird von einer jungen, blonden Frau mit blauen Augen geführt, die ein Diplom einer Universität des Ostens be- sitzt und, wie behauptet wird, nur deswegen auf den Weg des Verbrechens geraten ist, um den aus diesem Handwerk sich er- gebenden Nervenkitzel zu genießen. Kürzlich drang sie in die Bank einer kleinen Stadt im Staate Jilinois ein, tötete, den Kassierer, durib einen D obigen eiten Revolverschuß und entkam "mit ihrer Beute, trotzdem d'ë Beamten büier m näcbster Nahe befindlichen Polizeiwache sofort ihre Verfolgung aufnahmen. Seitdem ist jede Spur des weiblichen- RLuberhauptmanns verloren gegangen.
Das Fiasko des ^rauenhotels". Jn Toronto in Kanada wurde vor zwei Fahren ein sozusagen- „weibliches Hotel" eröffnet. Nicht nur war die ganze Errichtung und Einrichtung des Gebäudes ausschließlich ein Werk weiblicher Hände und Söpfe, sondern auch der gesamte Betrieb wurde von Frauen unterhalten, es durften auch nur Frauen das Hotel auf kürzere oder längere Zeit aufsuchen. Der Triumph unter der Frauenwelt war groß, aber nicht sehr lange, denn das Hotel rentierte nicht, trotz der trefflichen- Leitung und der wohlfeilen Preise. Es gab eben nicht genug Frauen, die — allein sein wollten! Besonders jüngere Frauen- und unverheiratete Damen erklärten, daß es einfach „fürchterlich" in dem Hotel gewesen sei, niemals habe man ein männliches Wesen dort zu sehen bekommen. Fetzt hat man, wie die „Schweizer Hotel-Revue" berichtet, das „weibliche" Hotel in ein verheiratetes" Hotel umgewandelt, das heißt, es dürfen außer einzelnen Frauen nur Ehepaare absteigen, niemals einzelne Herren. Immerhin hat man im Hotel ausschließlich zur Benutzung von Frauen einen großen Damen
salon im Zwischenstock reserviert, desgleichen ein Damen- Restaurant.
Die Höllenmaschine für den Obersten Kriegsherrn. Auf dem Gefängnishof des Berliner Polizeipräsidiums trug sich kürzlich eine tragikomische Geschichte zu. Vor -einigen Tagen war beim Postpaketamt auf dem Anhalter Bahnhof eine verdächtige Sendung eingetroffen. Es war eine Kiste, die 65X55 Zentimeter maß. Die Anschrift auf ihr und dem Begleitschein lautete „An den Obersten Kriegsherrn, Kaiser Wilhelm 1., Barackenlager
1. Berlin". Begleitschein und Adresse des Pakets trugen den Absondervordruck „Konditorei Fürst, Salzburg, Brotgasfe 5“. Die Post wußte - nicht recht, was sie mit der Sendung anfangen sollte, vermutete eine Höllenmaschine und übergab die Kiste der Kriminalpolizei. Die Kiste wurde auf den Gefängnishof des Polizeipräsidiums geschafft und unter Beachtung aller Vorsicht; maßregeln geöffnet, und man fand darin — statt der gefürchteten Höllenmaschine eine schöne Torte von- der Größe eines Automobilvordcrrades. Nun konnte aber doch noch die Torte vergiftet sein. Sin Beamter entschloß sich also todesmutig, eine kleine Probe zu wagen. Es ergab sich,, daß sie keinerlei Gift enthielt, dagegen sehr Wohlschmeckend war, auch mit Schâomoo und Nüssen reichlich verziert. Nach diesen Feststellungen wurde die Torte dem Waisenhaus übergeben. Was der unbekannte Absender, der die Konditorei beauftragt hat, mit -der Gendung bezweckte, hat sich- bisher nicht feststellen lassen.
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Herbstanfang. Setzt ist er da, der Herbst, von dem wir schon einen Vorgeschmack bekommen haben. Nunmehr, wo er seinen Einzug hält, macht er gar nicht ein so trübes und griesgrämiges Gesicht. Er ist ein launischer und eigenwilliger Geselle, tanzt gern einbischen außer der Reihe und richtet sich auch nicht genau nach dem Programm. Llm 23. September ist Herbstanfang, Herbst- Tag- und Nachtgleiche, so wollen wenigstens die Astronomen- und der Kalender. Aber OieJ^lks- weisheit läßt ihn schon am 21. September am ginnen. „Matthäus macht Tag und Nacht gleich", sagt eine alte Bauern- und Wetterregel. Das Volk nimmt es nicht so genau, und bei Bauern und Handwerkern gilt vielfach sogar der Michaelitag, der 29. September, als der Tag, wo erst der Herbst beginnt. Immerhin macht sich- in der Natur das Nahen des Herbstes schon stark bemerkbar. Die Tage werden- kürzer; die Sonne hat ihre Glut verloren, und bald werden Regenschauer und Stürme uns den längeren angenehmen Auf enthalt im Freien verwehren. Aber auch im Herbst hat das Blühen und Sprießen in der Natur und ihre Pracht noch kein Ende. Da, wo die Vorbedingungen für Werden und Gedeihen am schlechtesten sind, auf dem magersten Boden, in den- Wäldern und auf den weiten Heideflärhen unserer -deutschen Heimat entfalten sich noch einmal heller Glanz und leuchtende Pracht. Auf der Heide streben Millionen- und Abermillionen Blüten, unzählige Glöcklein, sehnsuchtsvoll dem ewigen Lichte entgegen. Wie mit einem wunderschönen, bunten Teppich, der in allen Farben leuchtet, ist die Erde bedeckt. Die Heide blüht und läutet, läutet ein" Abschiedslied dem scheidenden Sommer. Jm Wasser gibt es viel junges Fischvolk; Lachse und Forellen beginnen zu laichen. Bei den Hasen kommen zum Teil zum vierten Male Junge zur Welt.- Die Bäume im Wald, Park und Garten tragen zum größten Teil noch -ihren- grünen Via t.ti*-’
Einzug halten will. Es gibt -Menschen, die den Herbst -mehr- lieben- als den Sommer, die das größte Entzücken darin finden, durch die Wälder zu streifen, wenn von den Bäumen die braunroten Blätter gleich kleinen toten Vögeln zur Erde fallen, wenn jener eigenartige scharfe Geruch des Herbstes und des Ver-geh-ens über die Fluren zieht und lange in der Luft stehen bleibt. Auf -jeden Fall aber hält die Natur im Herbst ganz besondere Genüsse bereit. 'Schon lagert am frühen 'Morgen- Nebel über der Mutter «Erde. Fällt er, so rechnet der Naturfreund mit gutem M-etter, wie es uns die letzten Tage gebrachthaben. Der. Sommer war warm, ja heiß -— was wird uns der Herbst noch bringen? Sich auf das Prophezeien zu legen, ist eine überaus gewagte Sache. Aber nach dem hundertjährigen Kalender und nach der alten Bolksw-oisheit folgte auf einen heißen Sommer in der Regel auch ein warmer Herbst, -aber meist ein kalter Winter. Die im Herbst noch- leuchtende Sonne zieht uns hinaus; denn wir sind Sonnen-Kinder und mit Entzücken sehen wir noch die leuchtende Herbstespracht, hören noch das Läuten der Heide-g-löcklein und nehmen, wenn der silberne Vollmond am blauen Himmel lacht, die Töne der H-eidelieder, wie sie Hermann Löns der Heide so wunderbar abgelauscht hat, heimwärts mit in das Alltagsleben.
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