Nr. 110
Mittwoch, den 13. Ma» 1925.
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Verlag: Hulda, Kaualstraße 44
„Vergessen."e)
ötb weiß ein Wort, mit reißendem Stoß Will er die Seele mir fressen;
5s krallt sich fest, und es läßt mich nicht los, Das grausige Wort „Vergessen"!
Vergessen ist, wie Schwert und Schild Linst wogten auf blutiger Ho.de - . Vergessen ist das ragende Bild 3rn Teutoburger Walde.
Vergessen ist, was uns grotz gemacht
3m Wandel der tausend Fahre, Ver Held der Fehrbelliner Schlacht Und sein grollendes „Exoriare"!
Vergessen der Alte von Sanssouci
Und was er für Deutschland gewesen, Als hätten von seinen Taten wir nie Mit freudigem Stolze gelesen.
Vergessen sind Leipzig und Waterloo,
Non Nacht und Nebel bemeisterl, Und all das Edle, daran wir froh Uns in goldenen Tagen begeistert.
Vergessen der Kaiser, eisgrau und alt, Der neunzig Fahre durchmessen . . . Ls liegt ein Grab im Sachsenwald — Vergessen, vergessen, vergessen!
Vergessen ist, was wir selber geseh'n
Vom Nordmeer bis zu den Karpathen, BeiTannenberg das grotze Gescheh'n, Der Brüder unsterbliche Taten.
Und Lieg um Lieg vier Fahre lang, Wir sahen sie freudetrunken;
Nun sind sie öhne Lang und Klang Vergessen, verschollen, versunken!
*) Aus „Erwache, Volk!", Vaterländische Gedichte aus der Seit nach dem großen Kriege von Paul Warncke.
Ser Wonnemond - Monat der Selbstmorde.
Während die von den Dichtern so oft und gern besungene „schöne Maienzeit" bei den meisten Menschen fröhliche und angenehme Gefühle auslöft, lehrte doch die Statistik, daß zu keiner Fahreszeit sich so viel Aeußerungen der Lebensunlust und der Lebensmüdigkeit zeigen, wie gerade in den Monaten April und Mai. Die Erfahrung zeigt, daß in den Frühlings- und Vorsommermonaten die Selbstmordchronik in sämtlichen mitteleuropäischen, aber auch nordischen Ländern eine weitaus größere Hahl aufweist, als in der übrigen Heit. Das kann nicht Wunder nehmen, wenn man in Betracht zieht, wie verschiedenartig die klimatischen Veränderungen, welche durch den Früh- üng hervorgerufen werden, auf die menschliche Psyche einwirken. Gewiß — der normale Mensch wird durch den Anblick der erwachenden Natur in frohe Stimmung versetzt, die „Lebensgeister regen sich", die Sinne werden geschärft, die ganze Welt sieht sich auf einmal ganz bunt und rosig an. Aber bei all denen, die im Unterbewußtsein ein schweres Leid bargen oder krank sind, wird die kosende, weiche, sehusuchwergrößernde Frühlingsluft oft zum Verhängnis. Sn einem soeben erschienenen Buche „Selbstmörder" Verlag E. Weller u. Eo., Leipzigs, das als Beitrag zur Kulturgeschichte aller Heilen und Völker gedacht ist und eine große Anzahl interessanter Illustrationen aufweist, schreibt der Autor Emil Szittya u. a. über dieses Problem: „Es gibt spezielle Monate des Selbstmordes. 3n Wintermonaten, also zu einer Heit, wo die wirtschaftliche Not manch einen zur -Verzweiflung bringt, sterben verhältnismäßig wenig Menschen von eigener Hand; der
Höhepunkt der Selbstmordneigung fällt in den Funi, in einzelnen Ländern auch in den Mai. Und zwar gilt diese Gesetzmäßigkeit, schnelle Hunahme im Hrühjahr und ebenso schnelles Absinken im Hochsommer, nicht nur für Deutschland, sondern ausnahmslos auch für die anderen europäischen Länder. Bemerkenswert ist, daß die HLufigkeitskurve der Sittlichkeitsdelikte ^durchaus wie die des Selbstmordes verläuft. Gegenüber allen anderen Deutungsversuchen scheint nur die Erklärung haltbar, daß Sittlichkeitsdelikte und Selbstmorde gleichermaßen Ausdruck einer sexuellen Periodizität sind. Be- Jonbers deutlich wird das durch die nachweisbare Parallelität zwischen dem Maximum der weiblichen Selbstmorde im Mai und dem Maximum der unehelichen Geburten im Februar. Cs sogar Cage des Selbstmörders. Guerrg behauptet, daß am Sonnabend relativ am wenigsten Menschen sich das Leben neh- fordere^1^ ^ ^0^3 und Dienstag besonders viele Opfer
Kleber die Stunden, in denen Selbstmord am häufigsten vollzogen wird, haben wir sehr verschiedene Berichte. Preußen geschehen die meisten Selbstmorde in dunklen Nachtstunden, in
T L 'U der trüben Morgendämmerung zwischen 6 und 8 W 85 auch' was Lmil Üzittga in seinem X. ermähnten Werke „Selbstmörder" über die Gründe, die zu gibt Wrten, zu sagen weiß. „Ls „und ^r ^lbstentleibung", so schreibt er, stelluna nid)t moâWch, eine erschöpfende Husammen- aUem Seiher °e J“ V'"9™' ^^ Statistiken nennen vor Überdruß Krankheit, Sorge, Furcht, Trunk, Lebens- âehörigen, häuS Aermögensvechältnisse, Verlust von An- suchung. Aack ^,umtner* ^"Sst vor gerichtlicher Unter- Außlund vor allemtr^en k. Ugland, Deutschland und 18 Prunksucht, in Frankreich sexuelle Aus-
Vergessest der Stolz und der männliche Mut, Vergessen der Ruhm und die Ehre!
Vergessen das heilige, rote Blut Der todesmutigen Heere!
Die Tage tanzen in rasender Flucht —
Wir sind vom Teufel besessen,
Und Ordnung und Sitte und Treue und Hucht, Vergessen sind sie, vergessen!
Und der grinsende Seinb höhnt uns in Gesicht
Und da lacht der bergen Rechte;
Den Herrn spielt jeder freche Wicht, Und wir sind seine Knechte! —--
0 Deutschland, wo blieb dein eisern Geschlecht, Du ragendstes Volk der Erde!
Du übst dich wie ein geborener Knecht
Sn knechtischer Gebärde.
Sn Stücke reitzt dich der taumelnde Feind,
Da du dich selber verloren,
Da du, einst herrlich und stolz geeint, Dich blöder Zwietracht verschworen.
Sch aber weiß: es kommt der Lag,
Der wird empor dich rütteln,
Da steigst du auf aus dem Sarkophag, Da wird der Ekel dich schütteln.
Da wird erwachen der stürmende Groll
Und den züngelnden Drachen vernichten;
Da wirst du, göttlichen Hornes voll, Gewaltige Taten verrichten!
Da lasse der Himmel den frevelnden Wahn
Mti rächendem Matze dich messen!
Und was der Feind uns angetan, Das sei ihm nie vergessen!
Paul Warncke.
schweifungen und Spielsucht, in Spanien die Bigotterie zum Selbstmord. Gegenüber einem so Komplexen Phänomen, wie es der Selbstmord darstellt, scheinen aber alle statistischen Angaben nur von relativem Wert zu sein. „Die Motive des Selbstmordes sind oft so unbedeutend und chimärisch, daß man kein vernünftiges Verhältnis zwischen ihrer Geringfügigkeit ihrem wahren Linne und der schweren Bedeutung der durch sie veranlaßten Tat auffinden kann". Datz die religiösen und wirtschaftlichen Nöte der Neuzeit in ^besonderem Maße zum Selbstmord prädestinieren, steht autzer 3rage. „Die gegenwärtige so- ziale Massenerscheinung des Selbstmordes", schreibt Masargk, „ist die Folge des Husammenbruchs der einheitlichen Weltanschauung, wie sie das Christentum konsequent in Geltung gebracht hat. Der Kampf des freien Gedankens mit den positiven Religionen hat zur
Frrcligiösität der Massen
geführt. Diese Irreligiosität bedeutet intellektuelle und morali- sche Anarchie und Tod. Die großen wirtschaftlichen Errungen- J(haften der Neuzeit drängen sich dem Menschen gewaltsam auf, die meisten werden unvorbereitet mit der höheren Kultur bekannt; und es ist ein schon bekanntes soziologisches Gesetz, datz die zu rasche und unvermittelte Berührung mit einer höheren Kultur den Untergang der Unzivilisierten im Gefolge hat . . . ganz besonders sind es auch hier wieder die Großstädte, in denen dieser Prozeß vor sich geht. Die Selbstmörder sind die blutigen Opfer der unvermittelten Hivilisierung des Kulturkam- ^5.. Achnlich äußert sich Rehfisch: „Da nehmen wir plötzlich mit erstaunen wahr, wie mit der Ausbreitung des Lhri stentums der Selbstmord eingeschränkt wird ... für das sittlich so verkommene Volk damaliger Seit war Ehristus der Lr- löser geworden. Der Einfluß der mittelalterlichen Kirche war den Menschen von großem Nutzen, die Gemüter wurden für lan- ge He,t vollkommen befriedigt, die Menschen fühlten sich glücklich, denn die Religion durchgeistigte alle Verhältnisse des Lebens, gewohnte die Massen an eine geistige Führung und bot in ' • 1 Ebe- lichen Weltanschauung einen festen Halt in den trau rig^n Wechselfallen des mittelalterlichen Lebens. Cs gelang, die Sitten und die ganze Lebensanschauung derart zu bilden, datz die krankhafte Selbstmordneigung gar nicht bestehen konnte. Die vereinzelten Halle, welche berichtet werden, sind nicht die Folge verbreiteten krankhaften Neigung. sondern
^.T" hielten ungünstigen Anschauungen, Institutionen und sozialen Huständen der Seit. Besonders selten
Selbstmord bei gramen
oor, und es wird uns berichtet, datz sich im Verlauf mehrerer «Jahrhunderte ein einziger Fall begeben habe, und zwar soll sich eine Spanierin getötet haben, weil sie fürchtete, sie werde wäh- rend der Abwesenheit ihres Gemahls der Leidenschaft nicht wi- derstchen können. Mag diese Behauptung übertrieben sein, so * sie jedenfalls der Ausdruck der Tatsache. daß im Mittelalter -oer Selbstmord ganz selten und vereinzelt vorkam. Mit der Re- narssance und der Reformation wird der Selbstmord häufiger, im
'ätzt sich schon eine Selbstmordneigung nach-
Verfasser des .Heimweh" meint, „daß die hauptsäch- 11 Veranlassung der Selbstentleibung das Mißvervästnis zwischen den Anforderungen und den äußeren Lebensverhält-
Ä£in^$e und genügsame Völker, mögen sie nun die reichsten Gaben der Ratur geniesten oder den bittersten Mangel
Ieiben — Italien und Schweden — zählen nur wenige Selbstmörder; dagegen finden wir deren viele in Industrieländern, wo der Volksgeist aufgeregt ist und nach einem Hiele strebt. Cs ist kein wirkliches Llend und keine größere Not und Tntbehrun- gen, welche die Menschen fort zur Cntleibung treiben, sondern Ueberschätzung der eigenen Kräfte und Unvermögen, die Beschaffenheit der gesellschaftlichen Verhältnisse richtig zu beurteilen. Sn den Städten — vorzüglich in den Haupt- und großen Handelsstädlen — vereinigen sich viele Umstände, welche als Hauptursachen der Selbstmordes anzusehen sind. Alles lebt in dem Wahn, Reichtum zu erwerben, aber auch durch die große Konkurrenz verfehlen die meisten ihr Siel, und der Luxus der Großen steht in einem zu grellen Gegensatz zu der Lage eines in seinen Lrwartungen Getäuschten, als daß er nicht hier und da zu dem verzweifelten Ausweg getrieben werden sollte, einen Selbstmord zu versuchen".
Daß das Wirtschaftsleben in erster Linie die Häufigkeit des Selbstmordes beeinflußt, kommt nach Weichbrodt recht deutlich zum Ausdruck, wenn man die Hunahme der Männer- und Frauenselbstmorde getrennt betrachtet. Sn den letzten 13 wahren vor dem Kriege nahmen die Männerselbstmorde um ungefähr 20 Prozent, die Frauenselbstmorde aber um 70 Prozent zu. Nun ist gerade in diesen Fahren die Hahl der Frauen, die sich dem Berufsleben zugewandt haben, sehr gestiegen.
Cs ist bekannt, und alle Statistiken beweisen es, daß ungefähr auf je vier männliche nur ein weiblicher Selbstmörder kommt. Ueber Ursachen zu Hrauenselbstmorden bei den Wilden berichtet Ploß-Barthels in seinem Buch „Das Weib": „daß, wenn unter den Indianern in Cagota das Lieblingskind einer Frau stirbt, sie sich mit ihrem Lariot an einem Baum erhängt. Von den Munda-Kohls in Bengalen hören wir, daß dort die Weiber bisweilen wegen ganz geringfügiger Ursachen ihrem Leben durch Crhängen ein Lnde machen. Die 'Dayakinnen in Borneo werden nicht selten durch ein unfreundliches Wort zum Selbstmord getrieben. Bei den Mädchen der Thewsuren ist der Selbstmord'nicht selten, wenn sie ihre Keuschheit nicht unverletzt erhalten können. 3n Angola bringt die Kinderlosigkeit die Weiber zum Selbstmord". Daß mit dem Eintreten der ersten Menstruation nicht selten Geistesverwirrung ausbricht, die dann immer mit Neigung zum Selbstmorde verbunden ist, hat schon Lsquirol feistgestellt. Auch Vireg berichtet, daß bei geisteskranken Frauen um die Heit der Menstruation mit dem Delirium der Hand zum Selbstmorde außerordentlich zunehme. Die oft unerträglichen
Lpannungszustände der Pubertätszeit
treiben viele Knaben zum Selbstmord. U Oberhaupt ist es in vielen Selbstmordfällen der Spannungszustand der Angst, aus dem heraus der finstere -Entschluß gefaßt wird. So z. B. in Fällen von Epilepsie oder bei neurasthenischer Furcht vor geistiger Erkrankung. Bei sgchopatisch veranlagten Individuen kann auch die ungewohnte Einsamkeit der Einzelhaft zu Selbstmordversuchen Anlaß geben. Der Selbstmord ist, wie Gruhle in seiner .Psychologie des Abnormen" richtig bemerkt, fraglos in vielen Fällen nur ein Abfluß ins Motorische, in die Lat. .sicherlich gibt es Fälle, in denen eine besondere Verwicklung objektiver -Umstände auch dem Normalen den Selbstmord als die einzige mögliche Lösung erscheinen läßt; sicherlich bestimmen gelegentlich auch einzelne krankhafte Sdeen einen Kranken zum Selbstmord. Sn der Mehrzahl der Zölle werden es aber abnorme Gemütsoerftimmungen sein, Schwermutsanfälle und dergleichen, die den Tod als das einzig noch Wünschenswerte er- Icyeinen lassen: Beendigung einer unerträglich gewordenen Situation".
Hu den Verfechtern der auch heute noch ./uufig vertretenen Ansicht, daß jeder Selbstmord eine krankhafte Geigesverfassung ooraussetze — Esquiro! behandelt ihn einfach als eine Art des Irreseins —, gehörte auch der berühmte Arzt und Phrenologe Sall. Feder^absichuiche Selbstmord, meinte er, sei auf einen krankhaften Hust and des Gehirns zurückzuführen; dieser trete dann ein, wenn das Gehirn oder einzelne Teile desselben schwinden und die Schädelknochen an der eingesunkenen Stelle sich verdichten und dimer werden — dadurch würden die Gehirnorgane zusammengepreßt und in ihrer Tätigkeit gehindert, wodurch ein allgemeiner Lebensüberdruß entgehe, dessen Holge der Selbstmord sei.
Die Wahrheit über Monte Larlo.
Von Bruno Seiffert- München.
Noch giot es Orte auf der Erde, die fruchtbaren Boden für Romantik bilden; geschützt von kühlen Lüften kann hier eine üppige Phantasie die seltsamsten Blüten treiben. Man nenne den Namen Monaco, man nenne Monte Carlo, und überall
Vorstellungen auftauchen, von zügellosem, leidea- Jnzafthcbem Leben, von Glückstaumel, Revolververzweiflung, von fieberhafter Hochspannung auf jedem Quadratmillimeter dieses Leufelsparadieses. Fst das wirklich so? Ein tapferer Mann. Ler auch -das Gruseln lernen wollte, begab sich mutig in die Spielhölle von Manoco. Er hatte noch nicht viel von der Welt ^nnen gelernt; sein Leben spielte sich bisher zwischen Büro und Vorse ab Man kann daher seinen Wunsch nach einem kräftigen Trunk aus dem Märchenbecher überschäumenden Wagemutes gut verstehen. Er wollte von dem leichtsinnigen Lebensspiel kosten und erfahren, und er kehrte enttäuscht zurück. Das war alles?! Was er zu finden geglaubt hatte, war sein tägliches Brot gewesen. Drei Stunden Börse wogen drei Wochen Monaco auf, und was im Kasino von Monte Carlo täglich verlo- sonnen wurde, war ein winziges Sümmchen gegen che Hahlen eines großen Börsenplatzes. Der Mann, der das Gruseln lernen wollte, berichtete nun seine Vorstellungen, und wenn er an Monaco und Monte Carlo denkt, so schwebt ihm ein friedliches, beinahe langweiliges Sbyli vor. Landwirtschaft-
wunderschön schmiegt sich ein üppig blühenden Stückchen Trce in die schützenden Arme der Alpen, die jedes rauhe Lüftchen abwehren, damit in dem Garten Eden zu ihren Füßen die Palmen höher wachsen können, damit die Wiesen und Beete voller Blumen süßer duften und schöner blühen können. Sonnenhelle; weißes, strahlendes Licht; der reine, leuchtende Schnee auf den Gebirgsketten und das Blau des Himmels und des