Von Irinnen und Draußen.
Berlin, erste Aprilwoche 1 925.
Man hat zu jeder oeit von den Dichtern viel ausgejagt und viel gefordert, oum Beispiel: sie sollen „mit dem König gehen". (Dieses mit der Begründung, daß sie beide „auf der Menschheit Höhen" wohnten). Diese Spaziergänge der Dichter mit den Königen sind heute nicht mehr so leicht, weil in vielen Teilen Europas die Könige außer Landes gegangen sind und auch nicht mehr durchweg auf den Höhen wohnen. Man (oder eigentlich Goethe) hat ferner gesagt: „Der Dichter steht ja viel zu hoch, als daß er Partei nehmen sollte". And Freiligrath hat das später so ausgedrückt: „Der Dichter steht auf einer höher'n Warte als auf der Sinne einer Partei". Beide, der Goethe und der Freiligrath, scheinen aber unrecht gehabt zu haben. Denn man hat jetzt gerade einige Dichter in der Präsidentenwahl- Angelegenheit ziemlich heftig agitieren sehen. Wieder einer, der's wissen mußte —der Graf Platen — hat gesungen: „Selig der Dichter, er kann festhalten das zeitliche Dasein — aber verewigen auch alle Gestalten des Raum's." And nun kommt der Dichter Srabriele d'Annunzio und hält nicht nur das zeitliche Dasein fest, sondern auch eine wunderbare Billa über Gardone am Garda-See, die eigentlich und uneigentlich gar nicht ihm gehört. Der Witwe des bekannten Kunsthistorikers Thode ist sie vom italienischen Staat in Kriegszeiten konfisziert worden. Dann sollte sie großmütig zurückgegeben werden, dann wurde sie es doch nicht. Dann kam plötzlich der d'Annunzio im Automobil vorgefahren, setzte sich hinein, ließ sie sich „schenken" oder (wie er behauptete) „kaufte" sie vom Staat — für einen Apfel und ein Li . . . Jedenfalls: jetzt schreibt d'Annunzio offene und nicht offene Briefe über sich und seine poetische Sendung und seinen angeborenen Ldelmut und seine sonstigen guten Eigenschaften. Aber die Villa, die ihm (Karin Michaelis, Dänin wie Frau Lhode, hat das in einem anklagenden Seuilleton nachgewiesen) gar nicht gehört . . . behält er. Aa, ja----
Daß Dichter, die sich redlich quälen,
Wenn sich die eigne Kraft verlor,
Mal ’ne Sentenz und so was stehlen —
Ach ja, man weiß es, das kommt vor.
Daß sie nach fremden Pointen schauen,
Begab sich auch schon, wie man sah.
Doch daß sie ganze Villen klauen,
Bein, wirklich — das war noch nicht dal
Manch' Dichter — schön — besah ein Schloß sich
And träumt' sich in den alten Stil;
And seine Phantasie exgoß sich
Sn Hymnen und in Hochgefühl.
Fremder Besitz ward ihm ersprießlich,
Gr singt, als wär's sein eigen Haus,
Und fühlt als Fürst und Herr sich — schließlich
Geht er dann friedlich wieder ’raus.
d'Annunzio, Vittèr, Fürst und Vetter
Des Königs, Sänger hohen Grad's,
Der Deutschen Feind und Fiumes Retter
And Stolz des Aeu-ital'schen Staat's —
Endlich gelang es deinem Streben
And oft bewährtem Heldensinn,
Das Frühgeträumte zu erleben:
Du kamst — du sähest — und bliebst drin.
Das ist die klug gefundene Heilung
Des Fehlers, den — wie oft beklagt — Herr Schiller in der „Erde Teilung" Dem alten Zeus schon nachgesagt: Gin Dichter soll und darf vor allen Besitzer alles Schönen sein.
And was ihm irgendwo gefallen — Gr sieht's, besingt's und — steckt es ein!
Probatum est. 3n seinem Himmel mit Zeus zu wohnen, macht, scheints, auf die Dauer keine Freude mehr. So annektiert man besonders schöne Fleckchen von Gottes Erde, die, als bie Welt geteilt wurde, eigentlich anders vergeben waren. Den Richt-Dichtern gelingt das Ginstecken kleinerer und größerer Ländereien nicht so ohne weiteres. Herr Adolf Dorten, der köstliche Separatistenführer, der „schöne Adi", wie er hieß, als er noch in Wiesbaden unbesoldeter Referendar, Snob, Gent und ein Trottel war — hätte gern die Rheinlande ein dißchen eingesteckt. Daß es dem BUrschlein gottlob nicht geglückt ist, weiß jeder. Und jetzt hört man, daß der „schöne Adi" aus Wiesbaden, aus dem Rheinland und dem Lahntal, wo er sonst gern und wichtig herumgeisterte und ehemals viel Sekt trank, verschwunden ist. Es lagen ihm zu viele Ohrfeigen in der Luft, wahrscheinlich. Oder, wie Wilhelm Busch es aus- brücken würde: „Mir scheint, ich bin frier unbeliebt — denkt dips, der sich hinwegbegibt" . . . Gr hat sich geräuschlos hinwegbegeben; nicht wie Lord Leicester, der sich wenigstens entschuldigen ließ, zu Schiff nach Frankreich. Aber, wie es scheint, nach Amerika. Dort wird er nun vermutlich ein Geschlecht von Freiheilshelden gründen, nachdem er eine Weile Teller gespült und Stiefel geputzt hat, vielleicht auch als Liftbog das Fn-die- Höhe-steigen gefahrloser besorgt hat, als so was gelegentlich einer separatistischen Bewegung im alten Deutschland möglich ist. Sn Deutschland werden die Dorten-Reliquien nun bald einen hohen Sammlerwert haben. Den Hauptmann von Köpenick haben sie sicher heute schon hinter sich gelassen an Wert. Bald werden sie die wenigen Schriftstücke Easpar Hausers, die noch im Autographenhande! sind, in ihren Preisen erreicht haben. So ist es ein ewiges Auf und Rieder auf dem Raritätenmarkt. Seit jüngst italienische Earabineri im Andreas-Hofer-Haus in Posfeier erschienen und den Auftrag überbrachten, daß alle auf Andreas Hofer bezüglichen Anschriften und Andenken sofort entfernt werden müßten, ist zu erwarten, daß die aus dem Handel verschwundenen Andenken an den Volkshelden wieder für Sammler erreichbar werden. Dafür werden nun die Adi Dorten-Andenken „Rarissima" und vermutlich rasch in die Museen äbwanderck Itnb ^ 'ber Dr. Karl Hauck (den ich übrigens, als er noch im schönen Heidelberg in der ersten Bank im Auditorium vierzehn zu Kuno Fischers Füßen saß und ich hinter ihm, ganz gut kannte) glücklich gefaßt und fest- I
geätzt ist, so kann die Beaufsichtigung der Archiv« - schlecht bleiben wie sie war. Ohne daß man befürchte« so die wertvollen Arkunden gestohlen werden. Von mir daß übrigens jetzt alles vier Wochen lang — beinahe hät?^ '^ sagt „gestohlen" werden; aber ich will mich milder ^' kann alles beim Alten bleiben. Fch ertappe mich wenig auf der Mentalität des zur höchsten phi^äö ^ Wahrheit gelangten Klein-Sparrers, der eines letzten hundert Mark auf seinem Depot bei der Reichs V^ holte und beim Hinausgehen dem Soldaten, der ^ patrouillierte, auf die Schulter klopfte mit den JtcL- Worten: „Sie, Herr Soldat, von mir aus können Sie Hause gehen!" So kann auch von mir aus vieles jetzt '
Mo sie all' von „Freiheit" reden,
Der man^ewig huld'gen müßt',
And die Freiheit bald schon jeden
Rüpel auf die Stirne küßt —
And die Fugend auf den Gassen,
Von bem_Jcfrlecfrten Moste heiß,
Sicfr vor Freiheit kaum zu lassen,
Wen'ger zu benehmen weiß —
Schein' ich mir’s schon selber schuldig,
Daß ich, Kind der Gegenwart,
Dieser Vielgenannten Huldig'
Herzlich und auf meine Art.
_ Gwig kann die^Slut nicht kochen,
Gwig gärt kein Freiheitswein. immerhin — für ein paar Wochen Wünsch' ich auch jetzt „frei" zu sein. Frei von Muß und von den Pflichten, Von der Spree unb vom Parnaß, Frei von Briefen und Gedichten, Feuilletons und all so was.
Frei von Sitte und Schablonen, Frei von Mumpitz und Manier, Konventionen, Konnexionen And ein wenig auch — von mir.
Frei in Sehnsucht und Gedanken
Will ich ferne -Lande schau'n,
Sines schwanken Schiffes Planken Glück und Leben anoertrau’n.
Will die große, wahrhaft hehre Freiheit suchen — weit, so weit, Wo sie auf dem ew'gen Meere Trägt der Stürme schäumend Kleid; Wo sie grüßt aus hohen. FeMSN And aus reinen Sphären her -MMM». • j And in tausend
Leuchtet überm Mittelmeer . . .
Diogenes.
Jas unsichtbare Luftschiff
Originalroman von Knut S atzwi ller Autorisierte Aebersetzung von Elsa v. Hollander-Lossow. (Alle Rechte vorbehalten.) — (Nachdruck verboten).
42. Fortsetzung.
Holm war aufgesprungen und stand mit blitzenden Augen vor dem Japaner. Seine Selbstbeherrschung verließ ihn, und außer sich hob er die Hand, um zuzuschlagen. — Aber Mamimuras schwarze Augen bohrten sich wie scharfe Klingen in die seinen, lähmten ihn förmlich, — und seine Hand sank schlaff herab. Gr fühlte Ekel und Abscheu vor diesem Teufel in Menschengestalt und hörte den Japaner mit ruhiger Stimme sagen:
„Sparen Sie Fhre vortrefflichen Kräfte, Herr Holm. Sch dächte, Sie wüßten jetzt schon, daß da, wo ich herrsche, die physische Kraft keinerlei Bedeutung hat. Hier wird nur mit Gehirnen gerechnet, — dem einzigen in der Welt das wirklichen Wert hat. Außerdem dürfte Shre Anteiligen? Fhnen sagen, daß, wenn Sie auch meinen Körper töteten, neue Kreaturen meiner Rasse oustauchen und die Arbeit in meinem Geiste weiterführen würden".
„Was Sie auch sagen, — Sie können mich nicht hindern, Sie einen Schurken zu nennen! — Ginen gemeinen Schuft, der kaltblütig mit Menschenleben umgeht, als hätte er Tiere vor sich!" Holms Körper bebte vor Erregung.
Der Japaner steckte sich phlegmatisch eine neue Zigarre an und antwortete:
„Sind nicht neun Zehntel der Menschheit Tiere, die sich blind von einzelnen Geschöpfen leiten und führen lassen, die im Besitze eines klügeren Hirns und eines stärkeren Willens sind?"
Mamimura machte eine kurze Pause, und ein feines Lächeln kräuselte feine Lippen, als er fortfuhr:
„Sehen Sie sich in der Welt um, junger Mann und sagen Sie mir, ob Sie meine Worte nicht bestätigt finden! Handeln nicht alle, die die Macht haben, stets von dem gleichen Gesichtspunkt aus: Gin'lge wenige Gehirne bestimmen das Schicksal von Millionen von Gieren, verfügen über ihr Wohl und Wehe. — So handelt ein jeder, der die Macht hat, das ist immer so gewesen und wird ewig so bleiben!
Wie können Sie verlangen, daß ich auf ein paar Ghinesen mehr oder weniger Rücksicht nehme? Es liegt eine Mingende Rotwendigkeit vor, Jie vor unserer Abfahrt kalt zu machen. Selbst dumme Ghinesen können eine verständliche Sprache reden, und sie müssen stumm bleiben. Aber es würde mir leid tun, mich von Fhnen und Fhrem Freunde auf diese Weise trennen zu müssen, obwohl wir den Abschied leicht machen würden, — durch Gift zum Beispiel, — leicht und angenehm, ohne daß Sie selbst das geringste ahnten. Aber es ist mir persönlich und meiner Regierung unsympathisch, ein paar so vortreffliche Gehirne zu vernichten. Am also dieser Anterhaltung ein Ende zu machen.
— ich kam her, um Fhnen beiden vorzuschlagen, uns zu begleiten, wenn Sie — die Wahl steht Fhnen frei — sich nicht entschließen, hier zu bleiben!"
Holm sah finster und hoffnungslos in Ricks bestürztes Gesicht, ehe er antwortete:
„Es erscheint mir sehr überflüssig, Baron Mamimura, die Frage weiter zu erörtern. Wir haben keine Wahl, — sondern müssen uns mit fort führen lassen, wie Fhre anderen Kreaturen".
Mamimura hob abwehrend die Hand.
„Es tut mir leid, Herr Holm, wenn Sie nach unserm Gespräch sich selbst und Fhren Freund zu den Kreaturen rechnen. Fch persönlich schätze sie höher ein, sonst hätte ich mich schwerlich frier eingefunben, um Fhnen die Wahl zu lassen. Nun wie gesagt: — auf unsere kleinen luxuriösen Bequemlichkeiten müssen wir in Zukunft verzichten. Die Arbeiter, die wir vorhin mit dem Ehamäleon abgesandt haben, waren unsere besten und zuverlässigsten Leute — jeder einzelne eine Kapazität in seinem Fach, und alle Mitglieder der Drachenliga. Diese sind jetzt dabei, den Ort in Stand zu setzen, wo wir uns vorläufig internieren werden, bis wir Befehl bekommen, das Ehamäleon über den Stillen Ozean nach dem Lande der Morgenröte zu steuern, — nach unserm schönen Japan.“
„Wie — nach Japan? — Haben Sie die Absicht, uns mit nach Japan zu nehmen?" fragten Holm und Rick gleichzeitig.
Mamimura zuckte die Achseln. „Darüber weiß ich im Augenblicke nicht mehr als Sie. Vielleicht, — vielleicht auch nicht. — Es hängt alles davon ab, welche Wendung der Krieg nehmen wird, — und welche Befehle mein Herrscher gibt.
Holm sank müde auf einen Stuhl. Erst just fühlte er sich wirklich der Aebermacht des Japaners ausgeliefert. Seine Gedanken flogen nach Rewyork zu Molly. Ob er sie jemals wieder in seinen Armen halten und in die frohen, braunen Augen schauen würde?
Der Japaner verbeugte sich höflich zum Abschied und war schon an der Treppe, als Rick ihn zurückhielt.
„Einen Augenblick, Baron Mamimura. Wenn wir diesen Ort verlassen, — was geschieht dann — mit — den jungen Mädchen, die frier sind? — Gs kann doch unmöglich Jfrre Absicht sein, auch sie hier — zurückzulassen ich meine, wie die Ehinesen?"
Mamimura blickte verwundert auf und sagte: grauen zählen nie mit, — in meinen Berechnungen; aber —", frier sah er Rick lächelnd an, „es ist ja eine darunter die Ki heißt, — vielleicht, — aber ich will nichts versprechen!"
Der Japaner wandte sich rasch um und ging durch den Park nach dem Hauptgebäude hinüber.
Als sie allein waren, saßen beide stumm da, — jeder in feinen Kummer versunken. Holm brach das Schweigen schließlich:
,^Was für ein Gnde wird dies Abenteuer nehmen, Rick? I Werden wir jemals deinen Vater und Molly Wiedersehen, oder
werden diese Teufel eines Tages Abschied von uns nehmen, wie Mamimura sich auszudrücken beliebt?“
Bick sah den Freund hoffnungslos an und erwiderte: „dch habe in unsere Gefangenschaft genug gesehen, um ihre Methoden - zu kennen. Von den unbekannten Menschen, die sie, so lange s wir frier sind, in ihrer Macht gehabt haben, ist außer uns nur j nocfr der Deutsche am Leben! — Von den übrigen haben sie ent- | Eder „Abschied genommen“ — oder sie haben sie fortgeschirlci ; an andere Orte. Der Deutsche ist noch frier; er wird streng È isoliert gehalten. Die Schufte haben ihn gefoltert, bis er sein i Geheimnis preisgegeben hat. Aber das Resultat hat ihren Erwartungen nicht entsprochen. Der Sprengstoff war nicht wirkungsvoller, als die bisher bekannten, und er arbeitet noch » mer, stellt ständig neue Versuche an, aber Mamimura glaubt . ihm uicht. Er denkt, der Deutsche führe ihn frinters Licht. I »Ki hat mir das alles in ihrer Blumen- und Bildersprache er- | zählt." --I
Holm, der interessiert gelauscht hatte, machte Rick ein Zeichen, zu schweigen, — sie waren in bedenklicher Nähe der | „schlafenden Ghinesen" und sagte: „Komm, wir wollen einen Spaziergang durch den Park machen."
Sie gingen durch die schönen Anlagen, und Holm übernahm die Führung, so daß sie sich schließlich auf einem freien befanden, wo sie einen weiten Blick auf den übrigen hatten. Hier war er sicher, daß niemand sie hören o^er ihr Gespräch belauschen konnte. Seine Augen leuchteten auf, ak stehen blieb und sich zu Nick wandte:
„Du sagst, Ki weiß, wo der Deutsche eingesperrt ist. "Oort muß er also auch experimentieren. Hat sie dir nie erzählt i» welchem der Pavillons er sitzt?
„Nein, Holm, das weiß ich nicht. Aber weshalb fragst Kann es uns nicht gleichgültig sein, ob ein unbekannter De» | scher lebt oder stirbt?“
Holm hatte seine ganze ungewöhnliche Gnergie zuruckg^ I Wonnen. — „Nein, das ist nicht mehr gleichgültig. Könn | wir uns durch ihre Hilfe mit ihm in Verbindung setzen, * sehe ich eine schwache Möglichkeit zur Rettung und ' Aber laß mich nur machen; ich bin nicht umsonst Ehemiker!
Nick wollte fragen, aber Holm unterbrach ihn. ,£a^ ".^ Wir haben nicht Zeit zu langen Erklärungen, wenn wcr^ eines Tages unsern gelben Satan nach Japan begleiten wo ' um ganz aus der Reihe der Lebenden zu verschwinden. ^11 nur, was ich sage. Wenn du Ki das nächste Mal siohst, j| gewissere dich, ob du auf ihre Hilfe und ihre Verschwiege rechnen kannst; dann wäre es möglich, daß ich dem ten kleinen Japaner einen ernsten Strich durch die New machte."
(Fortsetzung folgt.)