Nr. 80
Sonntag, den 5. April $925.
MWe Morsenzettung
Beiblatt.
Verlag: Fulda, Kanalstraße 44
jn den Labyrinthen des Kaffeesatzes.
«mhriaaetinncn und Verbrecherinnen, - Mio Prophezeiungen erfüllt werden. - Sie Geheimnisse des Kaffeesatzes. ° Sintertrevvenabergiaube.
Obqlèich in den letzten Zähren gegen den Unfug des Karten- , s und der Wahrsagerei seitens der verschiedenen deutschen Dolheipräsidien energisch vorgegangen wurde, obwohl immer wieder durch die Presse darauf hingewiesen wird, daß man sein gutes Geld nicht gut- und dummgläubig allerlei Scharlatanen u. SffwinNerinnen ausliefern soll, gibt es bei uns zu Lande noch immer Hunderttaüsende, die ihre ganze Hoffnungen auf die Karten bauen. Wenn auch die Wahrsagerinnen heute ihr Handwerk nicht mehr öffentlich in der Zeitung anpreisen dürfen, so führen sie doch ihr Geschäft im Geheimen mit bestem Erfolge weiter und der Zudrang zu ihnen hat eher zu- als abgenommen. Zu Berlin allein leben nicht weniger als 870 Frauen vom berufsmäßigen Prophezeien aus dem Kaffeesatz und den Karten. Manche von ihnen staben sich bereits ein Vermögen erworben, andere wieder verbinden ihre Kunst mit dem nicht weniger einträglichen Geschäft des Stehlens. So wurde erst dieser Tage die 62 Sahre alte Pflegerin Niemitz vor dem Schöffengericht Charlottenburg zu einer längeren Zuchthausstraße verurteilt. Die Frau pflegte in die Häuser des Berliner Westens zu gehen, wo sie sich erbot, den diversen Minnas, Annas und Augusten die Geheimnisse der Zukunft aus den Karten zu offenbaren. Nach dem „Schreck über einen kurzen Weg" folgte dann gewöhnlich der „Verlust in der Abendstunde" — und da die Niemitz eine wirkliche Zukunftsprophetin war, Jo gab sie sich redlich MU- ' ™ — wobei die Redlichkeit in übertragenem Sinne zu verstehen ist — ihre Prophezeiungen gleich selbst zu erfüllen. So statte sie sich bei einer Hausangestellten als Kartenlegerin Eingang verschafft, der Küchenfee für ein Honorar von einer Reichsmark und eine Stulle die Zukunft enthüllt, ihr auch an gekündigt, sie werde einen Verlust erleiden, um dann bei einer kurzen Abwesenheit des Mädchens in liebenswürdigster Weise dessen Armbanduhr mitgehen zu heißen.
Um unsere Leser vor unnützen Kosten zu bewahren, wollen wir im folgenden die Geheimnisse, die sich um die Kunst, aus dem Kaffeesatz wahrzusagen, hüllen, preisgeben, damit jede abergläubische Hausfrau und jedes Mädchen sich selbst die Zukunft prophezeien kann. Die Geschichte geht Jo vor sich, daß man zuerst den Kaffee bis auf den Satz abtrinkt und dann etwas von dem dicken Satze, der auf dem Boden liegt, mit wenigen * darauf stehenden Kaffeewasfer in die Kaffeetasse hineingießt, dem man weissagen will. Zu diesem Zwecke soll eine weiße, glatte Kaffeetasse am dienlichsten sein. Auch ist es wertvoll, wenn der Kaffee in einer guten Mühle gemahlen wurde. Man schwenkt dann den Kaffeesatz in dem Täßchen herum, bis das Näpfchen inwendig auf dem Boden und um denselben herum davon wohl bedeckt wird und gleichsam gemalt aussieht. Hier
maiL—jvir Mix». Äâ' Vorschrift genau ;u beachten! — diejenige Person, deren Schicksal daraus entdeckt werden soll dreimal hineinbauchen. Zst dies geschehen, so stürzt man das Näpfchen in die Untertasse um, damit das Ueberflüssige ab- läuft und die zum Wahrsagen nötigen Figuren sich bilden. Man läßt den Kaffeesatz dann unverrückt stehen, bis er ganz trocken ist. Wie man nun auf Schleif- und Wetzsteinen, wenn sie naß zusammengerieben und voreinander gerissen werden, allerlei Fi
guren und Bilder wahrnimmt, so findet man auch allerlei Figuren und Bilder in dem Kaffeenäpfchen. Wenn der Hatz von dem abgetrunkenen Kaffee noch sehr flüssig ist, so läuft er, wenn das Aäpfchen umgestürzt wird, gegen den äußeren Rand ab. Daraus entstehen ablaufende Linien, die einem Rauchschlote nicht unähnlich sehen. Wenn nun die umgestürzten Näpfchen nicht recht knapp in den Schalen aufliegen und daher von allen
Seiten gut abliefen, so bleibt der Zwischenraum solcher Linien offen, ungefähr auf diese Weise: () ■(). Das nennt man dann offene Wege. Liegt aber das Näpfchen von ungefähr auf einer oder der anderen Seite recht fest auf, so sammelt und hängt sich etwas Dickes am Rande der Schalen und am Ende solcher Linien oder Wege zusammen, das, wenn es trocken ist, Querlinien bildet, die den sogenannten Weg bedecken. Der Zachausdruck spricht hier von „geschlossenen Wegen". Hernach macht sich die Phantasie aus dem übrigen Kaffeesatz so viele Bilder, als sie sich vorstellen kann, die auf folgende geheimnisvolle Weise ausgelegt werden: Die Person, welche den Wahrsager darstellt, muß von Anfang an immer den Anfragenden und sein Geschäft in Gedanken haben, um dadurch den Ausspruch desto mehr zu vergewissern. Man darf nicht verlangen, daß die Figuren, die man nach aufgehobener Taffe zu sehen bekommt, so genau dargestellt sind, als wären sie kunstgerecht gezeichnet. Man muß zufrieden sein, wenn sie nur irgendeine Aehnlichkeit mit irgend etwas haben. So versicherte uns wenigstens eine sehr gesuchte Kaffeeprophetin, die einer unserer Mitarbeiter kürzlich in Berlin aufsuchte. Diese würdige Dame war auch so freundlich, unserem Gewährsmann einige der meist auftretenden Zeichen zu erklären. Offene Wege, so sagte sie, bedeuten einen glücklichen und erwünschten Fortgang des Vorhabens. Zugeschlossene Wege bedeuten Hindernisse des Vorhabens und Verdruß. Bögel bedeuten gute Freunde und einen unvorhergesehenen GlUcks- fall, Vögel in einem Netz oder sonst in einer Gefangenschaft zeigen einen baldigen Prozeß an. Sieht man Kleeblatt bedeutet Glück, bald oder später, je nachdem es sich oben oder unten in der Schale zeigt, auch mit oder ohne Verdruß, sofern es mit oder ohne Wolken ist. Eine Fahne, gleichviel welcher Zeichnung, also unabhängig davon, ob schwarzweißrot oder schwarz- rotgold, bedeutet gleichfalls Glück. Ein Punkt sagt an, daß man einen Brief erhalten wird. Ein Garten bedeutet vergnügte Umstände, mitunter auch andere. Gine Taube bedeutet gutes Glück im Spielen. Fische zeigen üble Aach Le de und Verleumdung an, aber auch Glück zu Wasser und baldige Ginladung zu einem Mittagessen. Würmer bedeuten Verachtung anderer oder Beschimpfung. Sin Storch zeigt Veränderung des Ortes an, eine Maus kündigt Diebstahl, ein Ring eine bevorstehende Heirat. Steht der Ring im Hellen, wird es eine glückliche, mit Wolken umgeben, eine unglückliche Ehe werden. Gine Frau, wenn sie im Hellen liegt, zeigt auf Glück, im Trüben dagegen auf Gifersucht. Sm Hellen oben in der Tasse zeigt sie eine Heirat mit einer Sungfrau an, unten in der Tasse aber mit einer Witwe.
Wir sind natürlich nicht imstande, innerhalb des kurzen, uns ^ Verfügung stehenden Raumes alle Deutungen wiederzugeben, die aus Kaffeesatzfiguren möglich sind. Unsere Kaffeesatztante versicherte, man könne darüber ein Buch schreiben, das umfangreicher wäre als das alte und neue Testament zusammen. Aber einige besonders bemerkenswerte Zeichen feien hier noch ausgeführt: Besonders symbolisch sind die Buchstaben. Der Buchstabe L verheißt eine erfolglose und mühselige Arbeit, während der Buchstabe G uns eine große Freude hoffen läßt. Der Buchstabe S hingegen verkündet Glück in seinen Unternehmungen, Befreiung aus der Gefangenschaft usw., während der Buchstabe H Anfechtung und Gefangenschaft bedeutet. Gin einziges Dreieck verspricht eine gute Anstellung oder sonst vorteilhafte Geschäfte. Stehen mehrere Dreiecke ziemlich nahe beieinander, so heißen diese ein sehr gutes Zeichen und versprechen in geringer Anzahl eine vorteilhafte Anstellung, in großer eine
Menge von Geld und Gut. Kummer und schwere Sorgen stehen uns bevor, wenn sich aus dem Kaffeesatz ein Tier mit drei Pfoten oder Tatzen zeigt. Sehen wir auf dem Teller ein Zensier oder verschiedene andere Figuren, die rund und viereckig sein können, die aber doch zusammen ein Fenster -vorstellen, so bedroht uns Diebstahl oder Einbruch. Vier Kreuze, die so nahe beieinander stehen, daß sie einander teilweise berühren, lassen Zrauen eine schwere Krankheit, Männer einen plötzlichen Unfall befürchten, die beide tödlich sein können.
Mit dieser Auslese von Kaffeesatzorakeln wollen wir für heute schließen, nicht ohne nochmals ausdrücklich zu betonen, daß dieses Wahrsagen aus dem Kaffeesatz ein unsinniger, aber leider unausrottbarer Aberglaube ist. Bei einer späteren Gelegenheit werden wir noch auf die Kunst des Kartenlegens zurückkommen, um auch hier die Geheimnisse der Wahrsagerinnen vor aller Öffentlichkeit preiszugeben.
Lustige Ecke.
Gute Auskunft.
Onkel: „Nun, mein Karlchen, wie oft hast du denn heute in der Schule den Stock zu kosten bekommen?"
Karlchen: „Sch w'eiß nicht, Onkel. Sch kümmere mich nicht um das, was hinter meinem Rücken vorgeht."
Vpgreffllch.
Ein Mann kam in das PolizeibUro und fragte, ob er jemanden wegen Beleidigung verklagen könne, der ihn ein Rhinozeros genannt habe.
„Gewiß," sagte Beamte. „Wann hat der Mann diese Aeußerung getan?“
„Es ist etwa drei Zähre her".
„Drei Zahre? Und Sie erheben erst jetzt Klage?"
„Zawostl, ich habe gestern zum ersten Male ein Rhinozeros gesehen!"
Symnaffik über alles!
Arzt: „Sie werden zu dick, machen Sie sich denn gar keine Bewegung?"
Patient: „O doch, Herr Doktor, ich rolle jetzt meine Zigaretten selber!“
Unstreitig.
Die Lehrerin prüfte ihre Klasse in den Anfangsgriinden der Geschichte.
„Willg", sagte sie, „sage mir, wo Karl der Troße zum Kaiser gekrönt wurde".
Milch: „Auf dem Kopf, Fräulein!"
Gutes Modell
Freund: „Der Schuft in deinem neuen Stück ist ein Meisterwerk Wo hast du nur den Gharakter hergenommen?"
Dramatiker: „Zch habe einen Mann gezeichnet, der alle schlechten Eigenschaften besitzt, die meine Frau mir zuschreibt, wenn sie ärgerlich auf mich ist."
Durst.
Hansen: „Sonderbar ist das mit uns Menschen. Die einen dürsten nach Macht und Geld, die andern nach Ehre oder Wissen, wieder andere nach Liebe oder Rache. Aber weißt du, wonach wir alle den größten Durst haben?"
Zansen: „Nun?"
Hansen: „Nach Salzhering!"
100 Jahre Deutschtum in Rio Gründe do Sui
r
Es handelt sich hierbei um die Festschrift der Zahrhundert- feier zur Erinnerung an die Landung der ersten deutschen Einwanderer in Die Festschrift umfaßt 568 Seiten und ist nicht nur mit Karten, die von hohem Kulturwert !jmd. Ss ist hier das erste Mal der Versuch unternommen worden, die von den deutschen Auswanderern in Südbrasilien geleistete Kulturarbeit zusammen zu fassen. Die Aufgabe war nicht leicht, kann aber als gelungen bezeichnet werden. An der Hand der in dem Werk vereinigten Unterlagen über die Entwicklung des Rio Grandenser Deutschtums ist man erst in der Lage, das riesengroße Kulturwerk zu würdigen, das von den ehemaligen deutschen Auswanderern und deren Nachkommen dort geleistet wurde und noch täglich geleistet wird. Das Rio Grandenser Deutschtum schaut mit Stolz auf ein hundertjähriges Werk zu- ruck, an dem vier Generationen, Hunderttausende deutscher Hän- e gearbeitet haben. Ohne Uebertreibung kann behauptet wer- ptwiiorf , dort ein Stück vom Antlitz der Erde dem I T ^^Umnischen Staat Rio Grande do Sul zu Staat blandes™05 ” ^ — "^11^ '^ fortgeschrittenste
T^* batte, Bio Grande do Sul aus eigener An- 9 kennen zu lernen, oder gar die festlichen Zahrhundert- feiern an Ort und Stelle mitzufeiern, der weiß, daß der Inhalt des vorliegenden Zastrbuches nirgend übertreibt, sondern oft- ""angebrachter Bescheidenheit hinter der Wirklichkeit zuruckoleibt.
Deutsche Zähigkeit und Tüchtigkeit hat aus dem einstmaligen Urwalbftagfe blühende Gefilde, Ortschaften und Städte gescyaf»
wie sie ihresgleichen in der WeltHcht wieder finden. Das b°^?^"'kennenswerter, als die ersten deutschen Einwan- er ourchweg völlig mittellos in das Land kamen, von Deuffch nicht bie geringste Unterstützung erhielten, auch eigener E t1 ^er kultureller Hinsicht, und somit alles aus
9 Eit geschaffen haben. Das Rio Grandenser Deutsch-
Von Dr. Preusse-Sperber, Hamburg.
tum hat das sinnlose Gewäsch vom Aufgehen des Deutschtums im Auslande gründlich ad absurdum geführt. Deutschland würde es besser in der Welt ergehen, wenn alle daheimgebliebenen Deutschen so deutsch fühlen würden, wie die deutschstämmigeen Brasilianer in Rio Grande do Sul. Lgpisch für deren Denkart ist nachstehende Anzeige:
1824—1924.
Am Anschluß an die Jahrhundertfeier der deutschen Ein-
wanderung in Rio Grande do Sul, die das Deutschtum dieses
Staates gegenwärtig begeht, sei der Hinweis gestattet, daß der Seniorchef der Firma „Frederico Mentz u. Lia" ein Urenkel von Liborius Mentz ist. Siner der ersten Ginwanderer, bem als Kolonist das Landlos Nr. 1 im heutigen Hamburgerberg zugeteilt wurde, auf dessen Gelände das Zahrhundertdenkmal der ersten Ansiedlung zu stehen kommt . . .
Die Nachkommen dieses alten Ginwanderers sind, unbeschadet dessen, daß sie sich als vollberechtigte Landesbürger und gute brasilianische Patrioten fühlen, stolz darauf, daß in ihren Familien deutsche Sprache und Gesittung, ererbte Treue und angestammter Glaube noch unverbrüchlich hochgehalten werden, zur Ghre des deutschen Namens in Brasilien und zum Nutzen dieses und ihres Vaterlandes selbst.
„Den Vätern zur Ehr',
Den Söhnen zur Wehr,
Den Enkeln zur Lehr'."
. ^r noch eine andere Lehre kann man aus dem Buche ziehen und zwar die: daß jeder Auswanderer der vor feiner Auswanderung mehr erwartet, als durch harte Arbeit ein auskömmliches Dasein, vielleicht einen sorgenfreien Lebensabend, seinen Kindern jedoch eine hoffnungsvolle Zukunft zu erringen, bitter enttäuscht werden muß. Daß die Kinder der Einwanderer erst den vollen Genuß des Schaffens und Strebens der Einwan
derer erhalten, zeigen die Verhältnisse in Rio Grande de Sul uns deutlich.
Die Führung des Handels, der Industrie und der Wirtschaft liegen in der Hauptsache in den Händen der Kolonistensöhne, deren Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern eingewandert sind. Ls ist für den aufmerksamen Beobachter eine Freude, zu sehen, wie die Höhne und Enkel der früheren besitzlosen Einwanderer und nachmaligen Urwaldsbauern sich langsam aber zielbewußt bis zum führenden Handelsherrn und Industriellen emporgearbeitet haben.
Das Buch Hundert Zähre Deutschtum in Rio Grande do Hul" beweist, daß jeder Auswanderer für Deutschland auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiete ein hochwertiger Kulturpionier ist, der sich durch einen anderen Faktor überhaupt nicyi ersetzen läßt.
Deutschlands Wirtschaftsleben bietet sich hier jedenfalls eine selten günstige Gelegenheit, praktische Wirtschaftspolitik zu treiben, die Dauererfolge verspricht. Der in Deutschland grassierende Auswanderungsdrang braucht von Handel und Zndustrie lediglich zweckentsprechend in die richtigen Bahnen gelenkt zu werden, um die Auswanderung als hochwertigen Aktivposten verbuchen zu können. Das Deutschtum in Rio Grande do Sul würde dafür selbst dankbar sein, wenn man ihm eine ständig fließende neue Blutzufuhr gewährte. 5ene Kreise Deutschlands bie ständig an dem Auslandsdeutschtume herumnörgeln, haben hier die beste Gelegenheit zu beweisen, daß es ihnen mit der Pflege und Erhaltung des Deutschtums im Auslande wirklich ernst ist.
Das Buch „Hundert Sabre Deutschtum in Rio Grande do Gul" kann aber nicht nur diesen Kreisen, sondern dem gesamten deutschen Volke bestens empfohlen werden. Viele schiefe Ansichten würden durch das Lesen dieses Buches verschwinden, und ein gut Stück Welffremdheit würde im deutschen Volke ausgerottet werden.