Ben Drinnen und Draußen.
Berlin, zweite 2anuarwoche 1925.
in den Neujahrsreden, Empfängen, Lrinkfprü- , U°b-ra '(bis QLlf 5rüU Lisbeth Ebert,n, die die chon, "anderer minder fröhlicher Ansicht ist) machte ? ?! größere Zuversicht angenehm bemerkbar. Ls geht "*ÄÄ*" '”™ar,s '" So"6'1,™6 ^t'- bestätigts. Neujahr 1924 war noch ziemlich be- 2Ä harmlos gewesen. Neujahr 1925 nach den Be- fiir Berlin ... 253 Personen sistiert bei Gelegenheit ^.Schlägereien, Messerstechereien und solchen Vergnügungen -- Personen auf den städtischen Rettungsstellen verbun* hen . . • Ob, liebe, deutsche Fröhlichkeit! Aber auch sonst aebts vorwärts; nicht nur und allein beim Messerstechen und Betrunkenen. Wir bekommen eine direkte Fernspreckver- bindung mit England. . . . „Die telegraphentechnische Versuchsanstalt des Reiches steht vor dem nahen 'Abschluß großzügiger Versuche, die in Gemeinschaft mit dem englischen General Post Office, dem englischen Postminiestrium, die Vorstellung einer Telephonverbindung zwischen Berlin und London bezwecken." — So heißts offiziell „Bezweckt" ist ja nun schon vieles worden. Aber — diesmal freilich wirds wohl werden. Denn auch die Banken und Sroßkaufleute in Lng- jand verlangen nach einem Seetelephonkabel. Wenns ja bloß wir Deutsche verlangten .... Aber so —
Die alten Fesseln zu zerbrechen.
Müht, rastlos, sich der Menschen Geist.
Bald, bald wirst du mit England sprechen — ob, Michell Weißt du, was das heißt!?
Laß dich vom Schreck nicht jäh betören, Wenn solches Wunderwerk gedieh: „Hier London!" — wirst du plötzlich hören. „Hier Michel." — „Schön. Was wünschen Sie?"
Wie wirst du solche Ehre tragen?
London! Direkt!! Die Stunde drängt.
Michel, was wirst du London sagen, deß Lauscherohr am Hörer hängt?
Wirst du vom schlechten Wetter plaudern? Sagst du „Prost-Aeujahr" feierlich?
Michel, kein Stottern und kein Zaudern! „Hier London — bitte?“ Hörst dus? Sprich!
Sag ihm: Auch weichend den Gewalten Hast du Sohn Bull, der obgesiegt, Doch für 'nen „Gentleman" gehalten, Wenn erst der Feind am Boden liegt; Hast du geglaubt, es gilt als Schande Vergessen des gegeb'neu Wort's Am Lösungstag im Jnjellanbe Der großen Kaufherrn und der Lords.
Sag’ ihm: des Briten-Stolzes würdig Sei nimmer Trug und Winkelzug. Du warst dem Better ebenbürtig,___ Lh' Uebermacht dich iiiederschlug.
Du w i r st, wächst erst aus deutscher Erden Lin neuer Frühling — sicherlich 2 hm wieder ebenbürtig werden.
Dann, rufs nach London, — schämt er sich!
Bis dahin kann allerdings noch mancherlei passieren. Es kann sich zum Beispiel vor dem Amtsgericht in München Die schwierige Frage endgültig geklärt haben, ob der bekannte Romanschriftsteller Lwald Gerhard Seeliger nun w i r k - I i ch der „liebe Sott" ist, wie er seit üahren in Streitschrif- ten, Eingaben, Anträgen, Rundschreiben und Zeitschriften behauptet.' (Er unterschreibt sogar: „Der r o ch t e liebe Sott".) Und was in diesem angekündigten Prozeß die Herren Ministerpräsident Dr. Held, Kardinalerzbischof Dr. Faulhaber und der Oberrabbiner von München eigentlich aussagen sollen. Es wird bis dahin vielleicht auch die überaus anmutige Liste der Verhaftungen beim V a r in a t-Konzern und bei anderen ähnlichen Veranstaltungen abgeschlossen sein. Und man wird vielleicht sogar wissen, wo sich der Dimitri Rubinstein, Ex- zellenz, augenblicklich persönlich aufhält und seine aus dem Ver kauf der Anteile an der Benneckdorff-Bank gewonnenen Gelder in Ruhe und Sicherheit verzehrt. Wogegen man seinen Freund und Kollegen Rabbinowitsch, d. h. den Rabbinowitsch junior, schon festgehalten hat. Denn der alte Nabbino- witsch, einer der vielen „Generaldirektoren", die in diesem Prozeß durcheinander rennen, hat dem Sohne Julius seine Aktienrechte auf die Merkur-Bank, die eigentlich nur diealte Benneckendorff-Bank war, abgetreten und ist dann selbst . . Sch bin weiß Gott kein Finanzgenie und mein Verständnis für Riesenkonzerne und Großbetriebe ist so bedauerlich gering, daß ich es keinem solchen Unternehmen je über genommen habe, wenn es mich nicht zum Aufsichtsrat ernannt und mit Tantiemen bedacht hat. Aber das weiß ich, finanziell Begabtere als ich, zum Exempel Oberfinanzräte und Staatsanwälte, sehen heute a u ch noch nicht ganz klar in der Frage: was nun eigentlich der Kutisker dem Dimitri Rubinstein, Exzellenz, abgetreten und verkauft hat und was der Dimitri Rubinstein dem alten Rabbinowitsch abgetreten oder verkauft hat, und was der alte Rabbinowitsch seinem Sohn Julius — oder war das der Sohn von dem Rubinstein, Lxzellenz? — und was wieder der Sohn 2ulius dem Barmat-Konzern und was wieder der Barmat-Konzern dem Kutisker und was wieder Kutisker der „Seehandlung" und die „Seehandlung" wieder dem Rubinstein, Lxzellenz, und der Rubinstein dem Rabbinowitsch und der Benneckendorff-Bank dem Michael Holzmann und der Michael Holzmann dem Kutisker . . . Ach, du lieber Gott! Dieses ganze Kavallerie-Regiment von Wechselreitern auseinanderzuhalten, dazu gehört ein Gedächtnis und ein Berstehft- mich und eine Aktenkenntnis, die mir über die Kräfte eines Menschen von 1925 hinauszugehen scheint. Und was da verschleiert, verschoben und gelogen und bewuchert und unterschlagen und betrogen und bestochen wurde--Jeber soll seinem Schicksal dankbar sein, der sich darum n i ch t zu kümmern braucht; und dem der Rabbinowisch, von dem er morgen so viel lesen muß, wie. gestLUb vMb Haarnranu, so luurscht sein darf wie der Dimitri Rubinstein, Lxzellenz. Nur eins glaube
ich in dem ganzen Wirrwar zu verstehen, in diesem Ghaos zu begreifen, in diesem Rattenkönig von Unsauberkeit zu erfassen, Unb das ist die fröhlichste Auffassung, die der Ministerial-Di- rektor a. D. Dr. Kautz (den Namen könnte Jean Paul für die Sache erfunden haben) an der Angelegenheit hat, in die der böse Staatsanwalt besagten Herrn Kautz hineinzuziehen trachtet. Und gerade die Mitteilungen über die Verfassung dieses Herrn Kautz mögen wiederum anderen, die just nicht meine Spürnase haben, ziemlich mystisch und rätselvoll erscheinen; denn es heißt in den Berichten: die Kriminalbeamten ermittelten den Ministerial-Direktor a. D. Dr. Kautz in einer Villa in Westond, die er mit dem Salomon Barmal getauscht zu haben scheint, und wollten ihn verhaften. Kautz, der ein großer Weinkenner und Weinfreund ist, war aber unpäßlich und mußte in seinen Räumen unter Bewachung von Kriminalbeamten gelassen werden. Das Gutachten eines Serichts- arztes hat dann entschieden, daß seiner Ueßerführung in das Untersuchungsgefängnis nichts im Wege stünde ....
Da hat sichs wieder mal erwiesen,
Schon mancher Dichter sprach es aus:
Wo edlen Weines Ströme fließen,
Da ist die Sorge nicht zu Haus.
Die andern krochen schon zu Kreuze
(Gs fehlt bloß noch der Rubinstein)
2edoch der munterste der Käutze
Begoß die Nase sich mit Wein.
Gr probte seine besten Sorten,
Bis ihm die Gegenwart entschwand, Und er den Weg zu schönern Orten
2m Reiche holder Märchen fand.
Bis ihm der Träume Nosenkette
Entrückte alles, was fatal —
Und links und rechts von feinem Bette
Saß, cherubgleich, ein Kriminal.
Ganz ohne Atzung und Lektüre
Hockt da der Scherge der Gewalt.
Und draußen vor gefchloss'ner Türe
Geht auf und ab der Staatsanwalt.
Der Kautz läßt’s schmunzelnd sich gefallen,
2hm wird nicht kalt, ihm wird nicht heiß,
Weil nämlich er von solchem allen
2n seinem Zustand gar nichts weiß.
Von allem, was da mit gewissen
Geschäftsgenossen just passiert,
Macht sich der kluge Kautz nichts wissen
Und schnarcht vergnügt und deliriert.
Womit — ich sagt es schon — erwiesen:
Der N ü ch te rling nur wird erwischt!
Wo edlen Weines Ströme fließen,
Da weiß man von der Sorge nischt.
Diogenes.
Maötenzelt.
(Lin Beitrag zur Bedeutung deutscher Volksgebräuche.
(dt.) Feste mit Vermummungen treffen wir bei allen Völkern der Lrde. Der Glauben, dem sie ihre Entstehung verdanken, und die Arten der Vermummung zeigen auffallende Uebereinstimmung. Man kann bei vielen Masken kaum unterscheiden, ob sie einem Negerstammo Afrikas angehören oder in einem deutschen, österreichischen oder schweizerischen Dorfe entstanden oder vor 3000 Jabren in Griechenland gemacht sind. Linfacher Volksglaube setzt das Abbild dem Urbild gleich. Kleidet der Musch sich, wie seine Ginbildung einen Gott oder Geist ausmalt, so setzt er sich dadurch nicht nur äußerlich dem Gotte gleich, sondern vermag auch dessen Machtbefugnisse aus» juüben. Wer sich als Wachstumsgoist ausstattet, kann den Na- turfegen fördern. Dieser Glaube macht verschiedene Arten der 'Vermummung begreiflich: Burschen kleiden sich als Julbock, -Schimmel, Bär, wilder Mann, als reichbelaubter Sommergeist oder wie es die Vorstellung verlangt. Doch nur zum Teil ist die Abwechselung in den bei Volksfesten umgehenden Gestalten hieraus zu erklären. Reben dem genannten Grund der Maskierung treffen wir häufig einen anderen: man verkleidet sich, um sich unkenntlich zu machen und nicht von einem Unhold, den man vertreiben will, Schaden zu erleiden. Denn diesen Wesen traut man alle bösen Ligenschaften wie Neid und Rachsucht in erhöhtem Maße zu. Wilde Völker, die sonst nackt gehen, ziehen Kleider an, wenn ein Familienmitglied gestorben ist, damit dessen Seele die Angehörigen nicht kennt und mit sich zieht. Auch Völker höherer Bildung ändern ihre äußere Erscheinung beim Tode eines Angehörigen. Bei Hoch- zeiten, wo das junge Brautpaar von neidischen Geistern bedroht ist, entzieht man sich ihrer Wirkung durch Verkleiden. Die Verkleidungen bei neuen Zeitabschnitten, wo die Geister- wolt besonders rege ist, muß zum Teil ebenso erklärt werden, ^och An dritter Grund führt zu Vermummungen: wie man böse Geister durch Bedrohung mit Waffen und Lärmen vertagt, so auch durch schreckhaftes Aussehen. Man ist deshalb bestrebt, möglichst mild und ungeheuerlich ausgestattet zu sein.
Die verschiedenen Gründe jinb oft nicht auseinanderzu- halten und schon früh ineinander übergegangen. Heute denkt bei uns kein Mensch mehr an den Ursprung der Verkleidung. Atan maskiert sich, um lustig zu sein und sich ungezwungen ge- ' den zu können, da man die Beschränkungen los ist, die sonst l^sellschaftlicho Rücksichten auferlegen. Gewisse Arten der Vermummungen aber haben sich in dem bunten Allerlei von heute aus den alten Volksbegehungen erhalten. Jn Schlesien kennt man noch den Erbsenbär oder Strohbär. Ein Bur- hhe wird in Stroh, meist Erbsenstroh eingebunden und im übrigen als Bär ausgestattet und herumgeführt. Neben ihm tiehl der in Norddeutschland ziemlich verbreitete Schimmelrei- er um. Ein oder mehrere Burschen stellen einen Schimmel iai, ein anderer, der lustig gekleidet ist, spielt den Reiter. So ziehen sie zu den einzelnen Häusern und heischen Gaben.
Anderer Art sind die süddeutschen Hansele. Jn Ueber» lingen am Bodensee geht ein Hausele uns in einem mit bunten Luchstücken besetzten Gewand, langer Nase und einem Fuchsschwanz im Nacken. Sein Hauptstol; ist die lange Peitsche (Karbatsche), mit der er einen Heidenlärm macht. Er hat Achnlichkeit mit den „Blätzlebubon", die in alemannischem Gebiete Deutschlands und der Schiveiz umgehen. Die Hänsele in der Baar und im südlichen Schwarzwald haben eine Holz- maske, einen Fuchsschwanz im Nacken, ein weites, buntes Gewand und Schellen an sich hängen. Sie gehen in einem bestimmten Schrittmaß hüpfend durch die Straßen mit einem Säckchen in der Hand und einer großen Schar Kinder im Gefolge. Diese fordern Gaben, wobei sie Berschen singen wie folgendes:
Hansels du Lump,
Hosch nit g'wußt, daß d' Fasnet kunnt, Hetlesch ’s Mul mit Wasser g'ribe,
Wär d'r ’s Geld im Beutel blibe.
Dann bekommen sie vom Hansele Zwetschgen, Nüsse, Birnen und Aepfelschnitze zugeworfen. Jn Villingen haben die Hansele oft noch einen als Braut gekleideten Burschen bei sich. Während die Dillinger Hansele durchaus gutmütig sind, haben im benachbarten schwäbischen Rottweil nicht alle ein so freundliches Aussehen.
Genau wie bei den Winterfesten treffen wir auch an Fastnacht gute und böse Gestalten vermischt. Lehrreich ist ein Brauch von Sonthofen im Allgäu. Jn allerlei Verkleidung und mit lächerlichen Verkehrtheiten verrichten Burschen, Feldarbeiten. Plötzlich erscheint eine Hexe und stört die Arbeit; aber es gelingt schließlich, sie aus der Gemarkung zu vertreiben. Diese Aufführung soll durch Analogiezauber be» wirken, daß der Geist des Unsegens, der durch die Hexe dargestellt ist, den Segen der Feldarbeit nicht stören kann.
Weit verbreitet ist die Gestalt des wilden Mannes. Gr hat manchmal eine im Aussehen ihm entsprechende Frau, selten ein Kind bei sich. Bisweilen kennt der Volksglaube auch wilde Fräulein. Die wilden Leute treten in der verschiedensten Weise auf. Oft gingen früher Kinder oder Burschen in den Wald und suchten den wilden Mann. Gr war in Moos, Baumbarl, Rinde oder Laub möglichst ivild aussehend ge- kleibet und hatte ein Bäumchen in der Hand. Die Kinder führen ihn zu den einzelnen Häusern und werden dafür beschenkt. Manchmal wird er im Wald erschossen, dann aber wieder zum Leben erwecut und als Neuerstandener horumgeführt.
Offenbar haben wir hier einen Geist des Wachstums, der frisches Grünen und Gedeihen aus dem Wald in die Stabt und ins Dorf bringt. Bisweilen ist der ivildo Mann dem Teufel gleichgesotzt und anderen Schreckgestalten, die den Winter darstellen, wie dem Bären. Solche Wesen denkt sich der Mensch auch ohne bestimmten Zweck in Wald und Flur herumstreifend. Heute scheinen die wilden Männer in Sage und Volksbrauch noch am meisten in der Schweiz bekannt zu sein. Ghemals Haben sie in Literatur und Kunst auch bei uns eine Rolle ge»
spielt. Vom Volksbrauch find Jie besonders durch die Fastnachtsspiele in die Literatur übergegangen. Beim Schembart- laufen der Nürnberger Metzger kamen roil-be Leute vor. Dann finden wir sie auf Wappenschildern und Münzen, und die weit- verbreitesten Gasthäuser zum wilden Mann verdanken ihnen ihre Namen.
Bei Lüneburg sammeln am Fastnachtsdienstag vermummte Burschen Eier und Würste. Liner hat eine große Gabel, die Speckgabel genannt, an welche Würste gehängt werden. So gehts mit Musikbegleitung von Haus zu Haus, in den Häusern wird getanzt. Die Mädchen backen und kochen einstweilen im Zesthause, wo die ganze Gesellschaft nach dem Umzüge zu- fammen ißt. 2n Schlesien ist der Mann mit der Gabel und feine Begleitung im Gefolge des Schimmelreiters. Daß wir es hier mit einer Segenshandlung zu tun haben, ist ganz klar, wenn wir den Umzug mit der Gabel in der Roßlauer Gegend vergleichen. Dort versammeln sich die Bauern am Zastnachts- dienstag beim Bürgermeister. Von hier aus gehen sie im Zuge durchs Dorf. Hinter der Musik geht ein Mann mit einer Schüttegabel, wie man sie zum AusfchUtteln des Strohes beim Dreschen braucht. Der Zug geht in die einzelnen Häufer. Ueberall ist der Tisch gedeckt mit Eierspeise, Wurst, Schinken, Bier und Branntwein. Beim Weggehen bekommt der Gabel- träger von der Hausfrau eine große Bratwurst angehängt. Zum Schluß gehts zum Bürgermeister zurück. Dort wird das Gesammelte gemeinsam verzehrt und getanzt. Während des Umzuges gehen vermummte Gestalten um und schlagen die Leute. Das ist der Schlag mit der Lebensruto.
Voi solchen Begehungen fehlt der Tanz selten, und es ist bisweilen noch eine ausgesprochene Segenswirkung mit ihm verbunden. Wenn im hessischen Dorfe Langental die Burschen und Mädchen am Fastnachtsdienstag vom Wälzen des Faft- nachtsrabes heimkommen, findet ein gemeinsamer Tanz statt. Dabei streut eine Frau Heufamen über die tanzenden Paare, auf daß der Hanf gut gerate. Dann müssen die Tanzenden, wie es vielerorts üblich ist, in die Höhe springen, damit das Getreide hochwachso.