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Nr. 2

Samstag, den 3. Sanuar 1925. ' OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO.

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Nostradamus.

(Kriegsweifagungen und ihre Gefahren.)

Ben jeher hat die Menschheit an Weissagungen geglaubt. Die Vorhersage der ägyptischen Priester, die dunklen SprU- che des delphinischen Orokals haben einst ebenso viele Gläu­bige gefunden wie heute in weitesten Kreisen Deutschlands die Prophezeiungen eines Schäfers Thomas oder an der Water­kant die Geschichte eines Spökenkieckers. Aber kein Hell­seher stand beim Volke in solch hohem Ansehen wie Michael Nostradamus, der 1503 zu Remg in Südfrankreich geboren wurde und 1566 als politischer Natgeber des Königs Heinrich 2. von Frankreich starb. Lr hat über hundert Prophezeiungen hinterlassen, in holperigen Versen abgefaßt und in eine ge- heimnisvolle Spracye gekleidet, zu der eifrige Forscher, wie L. Loog, Dr. H. H. Kritzinger, Rudolf Mewes, Friedrich Freiherr von Stromer-Reichenbach des Schlüssel gefunden zu haben glauben. So weit die Forscher auch im einzelnen aus- einandergehen, so stimmen sie schon darin überein, daß Nostra­damus eine Reihe von Erscheinungen die erst nach seinem 1566 erfolgten Tode eingetreten sind, mit größter Sicherheit vor­ausgesagt habe; ;. B. die Enthauptung Karls 1. von England für das öaßr 1646, den Brand von London für das Sahr 1668, das Auftreten Napolions 1., den Weltkrieg usw. Nun forscht man natürlich in seinen Weissagungen auch danach, ob er den nächsten Weltkrieg auch schon vorhersage. Die Antwort lau­tet bejahend. Nostradamus prophezeit den nächsten Weltkrieg. Die Deutschen sind in ihn verflochten. Sie gelangen bis an die Grenze zwischen Frankreich und Spanien. Die alten französischen Landschaften des Limousins (Hauptstadt Limoges) und der Gugenne (Hauptstadt Bordeaux) sind die Hauptstätten des Kampfes, der eine fast unerhörte Verkleinerung Frank­reich herbeiführt.

Die Ausleger des Nostradamus aber berechnen aus sei­nen Weissagungen auch, baß sich dieser Weltkrieg im Sahre 2100 abspielen wird. Die Nostradamus-Forscher gelangen zu dieser Zeitbestimmung durch die Anwendung eines ZeitschlUf- sels, den sie aus astronomischen Wahrnehmungen abgeleitet haben. Der eine Schlüssel umfaßt 111, der andere 278 Sahre, das beißt, alle 111 oder 278 Sahre sollen große Ereignisse ein- treten. Die Fahl 111 gründet sich auf die Zunahme und Ab­nahme der Sonnenflecken, deren größte Menge alle 111 Sahre erscheinen soll; die Zahl 278 ist aus den Umlaufszeiten von Ko­meten und anderen kosmischen Erscheinungen gewonnen.

Die Folgerungen, die man aus den Prophezeiungen des Nostradamus zieht, verwirren die Köpfe und fördern ränke- volle Umtriebe. Denn während die einen die Auslegungen der Voraussagungen blindlings für wahr halten, gewinnen die an­deren um so leichter Spiel, indem sie uns Deutsche wieder als künftige Friedensstörer hinstellen, ja sogar als Friedensstörer die das Waffenglück fabelhaft begünstigt. Man kann sich den­ken, welch Unheil es in den Köpfen der Franzosen anrichten muß, wenn sie hören, baß ihr berühmter Landsmann Nostra­damus es oorausgefagt habe, die Deutschen würden im Sahre 2100 Frankreich zerschlagen und bis Bordeaux, also bis an die Ufer des Atlantischen Ozeans gelangen. Daß diese Deutungen und Berechnungen aus den Schriften des Nostradamus trüge­

Mische Norgenzettung

Striche und Skizzen

risch sind, weil man sie mit Schlüsseln findet, die man erst aus den Werken des Nostradamus abgeleitet hat, die also in ih­rer RUckanwendung auf das Werk selbstverständlich passen müssen, das erschüttert die gläubigen Seelen nicht. Ebenso ha­ben die kein Verständnis für die innere Unwahrheit der Ueber­lieferung, die sie für verbürgt erachten, nämlich baß Nostra­damus seine tiefsinnigen Prophezeiungen dadurch gewonnen habe, baß er sich nachts in ein deckenloses Gemach seines Hauses gesetzt und in einem neben ihm stehenden Wasserbecken das Spiegelbild des Sternenhimmels beobachtet habe. Das Volk glaubt steif und fest, baß man auch aus einer Wasch­schüssel wahrsagen kann.

Ein König des Slogan.

Das Land der unbegrenzten Reklamemöglichkeiten Ameri­ka, war natürlich auch am internationalen Reklamekongresse in London am stärksten vertreten. Und anläßlich dieses Kon­gresses fand auch Herr Palin Gelegenheit, sich der Oeffent- lichkeit vorzustellen.

Mr. Herb. Palin ist eine der bekanntesten amerikanischen Persönlichkeiten ein König der Reklame und für Amerika der König der Reklame. Er ist der bisher unerreicht geblie­bene Meister desSlogan".

Die eigentliche Bedeutung des Wortes Slogan ist Kriegs­geschrei, so wie es die schottischen Elans beim Angriffe aus- ftießen. Heute bedeutet es eine Reklame in kondensierter Form, eine schlagwortartige Sentenz von hervorragender Ein­prägsamkeit. Es ist jener Seil einer systematischen Reklame, der etwa der Überschrift einer Zeitungsnachricht gleichkommt, ober dem Refrain in einem Liede.Merkwort" wäre viel­leicht die beste Uebersetzung, denn von ihm und seiner glückli­chen Wahl hängt es ab, ob die übrige kostspielige Reklame ihren Zweck erreicht oder aber wirkungslos verpufft.

Der Slogan ist also ein knapper Ausspruch, der die Auf­merksamkeit erregt, sich unwillkürlich jedem Gedächtnisse leicht einprägt, in einigen Worten alles Wissenswerte über den an­zupreisenden Gegenstand enthält, die Neugierde erweckt und das Snterefse fesselt. Ein Slogan, der Popularität erringt, bedeutet eine gewonnene Schlacht für den Anpreisenden. Palin ist der Meister des Slogan-Dichtens. Außerdem ist er auf diesem Gebiete von unerschöpflicher Fruchtbarkeit. Die ame­rikanische Statistik rühmt ihm nach, bereits über eine Million solcher Schlagwörter geprägt zu haben. Den Rekord stellte er auf, als er zu Abfassung von hunderts Slogans nur eine Stun­de und zweiundzwanzig Minuten benötigte. 90 Prozent aller in Amerika gebräuchlichen Slogans entstammen seinem Kopfe.

Seine Arbeitsweise ist eine sonderbare. Braucht jemand seine Dienste, so begibt sich Palin selbst zum Auftraggeber, verfaßt zehn oder mehr Slogans zu 4050 Dollar per Stück, um sich kurze Zeit darauf mit einem Scheck der Lasche zu ent­fernen. Eine einträgliche Beschäftigung, wenn man bedenkt, daß das Durchschnittshonorar für ein gutes Schlagwort 50 Dollars beträgt.

Gebe größere amerikanische Zeitschrift bietet eine Fülle mehr oder weniger geschickter Slogans.All Nations answer:

Beiblatt.

Verlag: Fulda, Kanalstraße 44.

Herel" alle Völker rufen: Hierl will die Verbreitung der Firestone-Autoreifen über die ganze Welt kennzeichnen. Eine große Konservenfabrik benützt den Slogan:Let us bring our garden to your table!,, (Unser Garten für euren Tisch!) Ober eine Fabrik für Automobil-Stoßfänger benützt das Schlag­wort:Enjog the Bg-wags as well as the Higwags!" (Ge­nießt die holprigen wie die glatten Wege!) Lin sehr bekann­ter Slogan wurde von vielen deutschen Blumengeschäften übernommen.Lei flowers Jayl . (Laßt Blumen sprechen!) Außerordentlich großen Erfolg verzeichnete der Slogan von FarbwerkenSave the surface and you save all!" (Schont die Oberfläche und spart dadurch größere Ausgaben!)

Der Slogan ist die Attraktion des Snserats, wie der Li­tel eines Romans. Er fängt und faßt die ganze Reihe Rekla­me wie in einem Hohlspiegel und wird zur Flagge, unter der die übrige Reklame segelt. Die zu äußerster Knappheit des Ausdrucks abgeschliffene englische Sprache erleichtert es na­türlich sehr gute Slogans zu bringen. Aber auch im deutschen Sprachenschatze gibt es Material genug für solche Schlagwor­te. Zudem beweist der Erfolg der bis jetzt durchgedrungenen deutschen Slogans hinlänglich, daß es sich dabei um ein Ge­biet der Reklame handelt, das nicht nur für Amerika, sondern ebenso gut für Deutschland und überhaupt Europa in Be­tracht kommt.

Gold als Ailtranl.

Vor einigen Wochen ging die sensationelle Nachricht durch die Presse, daß es einem Forscher gelungen sei, in goldhalti­gen Salzen ein ausgezeichnetes Luberkulosemittel zu finden. Das Gold, dieses begehrteste aller Metalle, wurde aber schon, wenn auch in verschiedener Form, zu allen Zeiten als Heilmit­tel verwendet. <3n einer außerordentlich interessanten Veröf­fentlichung der Lhemikerzeitung berichtet Ernst Darmstädter über die Geschichte desAurum potabile, des trinkbaren Goldes. Er weist darauf hin, daß schon in den indischen Bra- manatexten, die vielleicht um 1000 v. Ehr. entstanden sind, das Gold in diesem Zusammenhang erwähnt wird. Gold ist hier wie auch sonst vielfach das Symbol der Sonne. Es wird an­gegeben, daß Gold, in dünne Blättchen geschlagen, sechs- bis siebenmal geglüht und in verschiedenen Flüssigkeiten abgelöscht, und bann getrunken werden soll.

ön der indischen Medizin des Susruta wird empfohlen, das neugeborene Kind mit kaltem Waffer aufzumunlern und es an einer Mischung von Honig, Butter, Anantawurzel, Brah-

Siebe kleine Limokoa Fred Andersens Höllenfahrt

Roman v. Otfried von Hanstein.

(25. Fortsetzung).

Der Anblick ergriff den Deutschen. Fremd schien ihm die­ses Gesicht, und doch er wollte es nicht gestehen be­kannt!

Was fehlt dem Mann?"

Hundert Kleinigkeiten. Hundert Wunden, die ihm die Wüste gerissen, und er ist irre geworden.

Der Kranke öffnete die Augen. Es mußten schöne, blaue Augen gewesen sein, die zu dem dunklen Kopf interessant wirk­ten. Setzt war ihr Blick unstet und flackernd. Er sah den Arzt und den vor Erregung bebenden Dr. Büttner teilnahms­los an, dann ruhte sein Auge auf der pflegenden Schwester. Ein leises, inniges Lächeln trat um seinen Mund, er breitete die Arme:

Limokoa!"

Lr richtete sich auf, starrte die Schwester an, dann schüt­telte er traurig den Kopf.

Nein, nein!"

Lr warf sich in die Kissen und schluchzte krampfhaft. Bütt­ner war außer sich.

Wie hieß das Wort, das er sprach?"

Limokoa, es muß ein Name sein!"

3 eßt wunderte sich die Schwester, daß der fremde Mann sie zur Seite drängte und selbst an das Bett trat. Lr beugte sich über den Kranken.

Fred Andersen!"

Die matten Augen blinzelten.

Fred Andersen, ich bringe Shnen Grüße von Limokoa!"

Lr dachte nicht daran, daß es gegen die Sitte verstieß, wie er die Dame mit Vornamen nannte, aber es verfehlte die Wirkung nicht, jener richtete sich auf und starrte Büttner ins Gesicht.

Limokoa, meine liebe, kleine Limokoa!"

Büttner kniete bei ihm.

Sie sehnt sich nach Shnen. Werden Sie gesund, Mister Andersen! Reifen Sie zu ihr! Sch selbst will Sie Hinbringenl

Sie liebt Sie doch so unendlich!"

Lr sah ihn an und schüttelte den Kopf.

Sch darf nicht ohne das Gold kommen. Wo ist es?"

Denken Sie nicht an das Gold."

Lr wurde wieder erregt.

Gesund will ich werden. Doktor, machen Sie mich ge­sund und dann will ich das Gold holen und dann nicht eher nein nein"

Der Arzt winkte.

Ganz wie Sie wollen, aber jetzt müssen Sie schlafen."

Das will ich."

Plötzlich trat ein angstvolles Leuchten in sein Auge und er winkte Büttner heran.

Wissen Sie? Hatt Limokoa gesagt, wo das Gold ist?"

Sie hat gar nicht von dem Golde gesprochen. Nur von ihrer Sehnsucht nach Shnen."

Gut. Setzt will ich schlafen. Grüßen Sie Limokoa. Wenn ich das Gold habe, bleibe ich bei ihr. Smmer! Sm- mer! Weißt du noch, Limokoa? Kleine, liebe, süße Limo­koa, das Lager auf dem Grunde des Meeres? Weißt du noch, Limokoa, meine liebe, liebe Limokoa!"

Lr hatte die Augen geschloffen und streichelte leise Bütt­ners Hand. Lr glaubte nun wohl, sie selbst sei an seinem La­ger. Der Arzt stand auf.

Kommen Sie, er schläft. Das Morphium, das ich ihm vorher gegeben, wirkt."'

Während Büttner in tiefster Erschütterung hinausging, blieb der Arzt noch einen Augenblick bei dem Kranken, dann kam er ihm nach und trug ein Paket in der Hand.

Sie find müde, Mister?"

Sch werde sicher in dieser Nacht nicht schlafen."

Sch muß im Krankenhause bleiben. Morgen werde ich Sie besten, mir zu erzählen, wie seltsam hier wieder einmal Gott Zufall waltete und was Sie von dem Kranken wissen. Hier habe ich bei ihm etwas gefunden. Ls scheint eine Art Tagebuch, aber ich hatte weder Zeit noch Ruhe, Hineinzuse- hen. Da Sie die Gattin des franken zu kennen scheinen es ist immer, so weit ich bei flüchtigem Durchblättern ersah, von dieser Limokoa die Rede. Entweder sind es Erlebnisse mie sie kein anderer Mensch erlebte, ober Phantasien eines kranken Hirns. Sch denke, es ist in diesem Falle keine Sn- diskretion, wenn ich es Shnen gebe. Wollen Sie es lesen?"

Gern!"

. »Morgen früh möchte ich es zur Hand haben. Vielleicht wird er es fordern, wenn er morgen noch etwas fordern kann." Sie meinen?"

Solche Krankheiten sind unberechenbar; aber vielleicht ge­ben die Aufzeichnungen uns einigen Aufschluß."Sch lese sie gerne." Sie traten nochmal in bas Krankenzimmer. Fred Ander

sen lag auf dem Rücken und atmete still und friedlich. Um seinen Mund lag ein glückliches Lächeln.

Büttner nickte still.

Armer, verblendeter Mann!"

Er nahm das Heft und ging durch die düsteren Straßen ?u seinem Hotel zurück. Dort war es lebhaft. Line rohe Tanzmusik, auf einem verstimmten Klavier. Wilde, fragwür­dige Gestalten, die mit Dirnen tanzten. Ewald Büttner ging in sein Zimmer und riegelte sich ein. Er stellte die Kerze zu­recht, legte sich auf sein Lager und schlug das Heft auf.

Sine klare, feste Schrift. Der Geist war zum wenigsten nicht verwirrt, als das Heft begann. So schrieb kein Srrer!

Unb während drunten der Lärm wuchs und endlich ver­stummte, während es still wurde in Zuma und auch vom Fort die letzten Signale verhallten, während die Stimmen der Wü­ste, die weit herüberklangen, sich mit dem Rauschen des mäch­tigen Eolorado zu leisem Geisterraunen vereinten, fas Ewald Büttner das merkwürdigste Buch, das jemals Menschenaugen lasen: Die Aufzeichnungen Fred Andersens das Schicksal der kleinen Limokoa.

Siebentes Kapitel.

Fred Andersens Tagebuch.

Sch will ein Tagebuch führen. Nein, ich will nicht, ich muß! Wer würde mir sonst glauben, was mir geschah? Wie sollte ich es später selbst glauben, wenn die Erinnerung nicht mehr stark ist in mir?

Seitdem ich davon überzeugt bin, daß ich es schreiben muß, zermartere ich mir den Kopf, mit welcher Zeit ich beginne. Ein Tagebuch, das ein Bild geben soll über das Geschick eines Menschen, soll beginnen mit seiner Geburt. Sch aber bin zweimal geboren, habe zwei Leben geführt. Das eine war kurz, begann schön und voller Hoffnungen und Pläne, aber es endete schrecklich. Es war ein verlorenes Lebèn, denn ein böser Geist hatte Macht gewonnen über mich und riß mich ins Unglück, und dieser böse Geist hieß Maud Allen. Ji

»^er sein Leben dem Teufel verschreibt, wird verderben."

»^nr sie ein Teufel?" Sch weiß es nicht. Sch weiß nur, baß ich ein zweites Mal geboren wurde, und daß es diesmal ein Engel ist, der über mir wacht. Er heißt Limokoa!

Erst ein Sahr dauert mein neues, mein zweites Leben und welche Fülle von Glück hat es mir gespendet. Möge es lan­ge, lange währen! Wir sind jung! Herrgott im Himmel, wir sind ja jung, Limokoa und ich ich und Limokoa.

(Fortsetzung folgt.)