Donnerstag, den 1. Januar 1925.
Nr. 1
Mische Morgenzeitung.
Beiblatt.
Verlag: Zulda, Kanalfirahe 44.
Son Drinnen und Draußen.
Berlin, Neujahr 1925.
Kommts nicht Manchem wie ein örrtum, wie ein Mißgriff des Kalendermannes vor: mitten im Winter beginnen wir festlich das neue Zahr. Wäre es nicht verständiger, begreiflicher, fröhlicher, sinngemäßer, wenn wirs im Frühling begönnen? öur Zeit, da sich die Erde verjüngt, da die Knospen an den Büschen schwellen und platzen, da die Stare heimkehren in ihre Nester und die Drosseln anfangen zu singen! Weihnachten und Silvester liegen — wenn sie normal sind tief gebettet im weißen Schnee, und wenn uns auch nach alter Bauernregel weiße Weihnachten und Schnee an Silvester allemal grüne Ostern versprechen — es ist halt doch bloß ein „Versprechen". Das Fest des neuen Sahres fällt nicht zusammen mit dem Erwachen der Erde; nein, es versteckt sich tief_ und griesgrämig in die kürzesten, dunkelsten Lage. Zn die Lage, da unsere Erde erstarrt ist und tot scheint. Und nur die Eisblumen lassen ihr weißes, schemenhaftes Gleichnis an den Scheiben der geheizten Stuben ranken und blühen. Und doch, es hat einmal in Deutschland — nicht nur am freien Rhein, wo das deutsche Blut am fröhlichsten und am leichtesten durch die Adern pulsiert — nein, im ganzen lieben Vaterlande hat es einmal eine kecke Ausgelassenheit, eine bacchantische Lustigkeit gegeben in dieser letzten Dezembernacht, die genannt ist nach dem Papste, dessen heiliges Laufwasser den großen Konstantin vom gräßlichen Aussatz befreit haben soll . . .
Wie oft schon mit gefüllten Gläsern
Standst du und ich, den Kranz im Haar,
Wenn hoch vom Lurm der Lhor von Bläsern
Begrüßte laut das neue Sahr;
Wenn listig mit Konfetti zielten,
Viel junge Hände, wurfbereit,
Und alte Herren Reden hielten,
Gerührt und voller Herzlichkeit.
Wie oft sind wir mit heißen Wangen,
Am Pelz den Kragen hochgestellt,
Dann wohl durch Nacht und Schnee gegangen,
Vom Sternenlicht den Weg erhellt;
Und küßten in der Morgenröte
Am Gartentor noch Mund und Haar
Von „ihr", die jung und nicht zu spröde,
Sedoch nicht stets dieselbe war.
Vorbei, vorbei — ^dia- lauten Feste,
Und ohne Küfer gehts und Koch.
? Man sieht ein Häuflein stiller Gäste
Und lächelt leise: „Weißt du noch!?"
Der toten Freuden, toten Lieben
Denkt — ohne Lrinkspruch — jedermann;
Und klingt auf das, was uns geblieben
Schweigend den grünen Römer an . . .
Doch tief in deutscher Männer Blicken
Blitzt, wie von Mut und Kraft, ein Licht;
Zum Lrotz den feindlichen Geschicken
Beseelt sie stolze Zuversicht.
Obs Neid und Arglist heut uns wehren,
Ob scheel die lieben Nachbarn sehn:
Die Heimat wird in Fleiß und Ehren
Sn altem Glanze auferstehn!
Auch frohe Feste kehren wieder,
Dann lacht der Himmel, hell besternt.
Und dann erwachen jene Lieder,
Die w i r gekannt, die wir — verlernt.
Dann lieg ich längst im letzten Kissen;
Doch heiter schwingend ihr Manier
Singt Sugend, ohne es zu wissen,
Vielleicht ein fröhlich Lied — von mir.
Das wäre die Unsterblichkeit, die ich mir wünschte- und die mir lieber, fruchtbarer und gesegneter erscheint, als eine trok- kene Notiz im Lexikon, die über Geburts- und Todestag einwandfreie Nachricht gibt. So ein ganz klein bißchen m t - schwingen in Frohsinn und Tatendrang einer hochgemuten Sagend, die wir nicht mehr sehen, nicht mehr erleben, nicht mehr beraten, nicht mehr segnen können, das muß ein köstlich Ding sein! Und wenn Tausende und Lausende in der nacy dem Papst Silvester getauften Nacht, die des Sahres beim Nußschalenblasen oder beim Handlesen etwas wünschen und aus- denken, warum soll ich da zurückstehen und.mir nicht auch was wünzcpen und ausdenken dürfen? Sich etwas zu wünschen, ist ja noch gestattet; und die listenreiche Steuer hat noch keine Möglichkeit gefunden, amy von frommen und unfrommen W ü n s ch e n Prozente für die Lustbarkeit" zu erheben. Obschon sie, wie das menschliche Her; nun einmal zugeschnitten und gefüllt ist, gerade dabei ein recht gutes Geschäft machen würde. Ob man das Gewünschte freilich bekommt, das ist« von jeher eine andere Frage gewesen. Es kann einem so gehen wie denen, so den deutschen Reichstag auflösten. Die haben a u ch gedacht, wunder was für ein Präsent sie sich damit machten. Und nun sind sie und wir glücklich so weit, daß die alte Regierung — derentwegen freilich der Reichstag aufgelöst wurde, da Jie nicht so weiterleben konnte und wollte — die sogenannten Geschäfte in verdrießlicher Pflichterfüllung bis ins neue Sahr weiterführ 1. Wobei sie, genau genommen, so gescheit ist wie vorher. Das Wünschen tuts eben nicht. Das Bekommen ist das Wesentliche. Sm üblen Heilsjahr 1786 wurden in der Grafschaft Neu-Wied folgende drei Verordnungen von der Kanzel verkündet. Erstens :die Abschaffung der Kindstoufschmäuse. Zweitens: die Abschaffung der Hochzeitsfeierlichkeiten. Drittens: die Abschaffung der Lhrist- und Neujahrsgeschenke. Sch weiß nicht, ob die kluge und spar- some Grafschaft Neu-Wied — die später den Rumänen eine
Königin und den ewig aufgeregten Albanern einen Fürsten, einen sehr vorübergehenden Fürsten, geliefert hat — Nachahmung gefunden ; und ob diese weise Verordnung nicht in Oberdeutschland selbst damals ebenso umgangen wurde wie es vor her und nachher leider vielen anderen sehr weisen Verordnungen hochlöblicher Behörden ergangen ist. Das aber weiß ich: Ls ist in böser Zeit schon viel Unsinnigeres von Kanzeln verkündet worden als dieser sehr kluge und sparsame Entschluß, sich mal nicht durch überflüssige Geschenke gegenseitig das Herz schwer und den Beutel leicht zu machen. Vielleicht halten wir es diesmal an Silvester ein wenig mit dem Vorbild von Neu-Wied und bleiben bescheidentlich bei den Pünschen und Wünschen, die nicht nur des Reimes wegen nun einmal zusammengehören, und schenken uns, nachdem wir an Weihnachten uns schon so ziemlich armgeschenkt, zum Silvester nichts mehr, als die herzliche Ueberzeugung, daß wir alle auf demselben GlUcksschiff verfrachtet sind; und daß wir alle Ursache haben, uns gegenseitig eine gute Fahrt zu wünschen . . .
Neues Sahr heißt Anker-lichten!
Neues Sahr heißt frohe Fahrt!
Neues Hoffen, neue Pflichten
Um ein neu Pannier geschart.
Neues Sahr, mit vollen Segeln
Heißt's die Fahrt auf’s offne Meer.
Bloß — es geht nach alten Regeln
Nicht viel anders als bisher.
Bloß — die Wetter werden schalten
Wie es eh'dem schon geschehn.
Und die Schiffer sind die alten, Die am Mast und Steuer stehn.
Scheitern werden leichte Kähne, Die zu keck die Fahrt gewagt — Und die alten Kapitäne
Haben das voraus gejagt.
Doch den nervenstarken, braven Schiffern, die im Sturm bewährt, Wird als Lohn ein stiller Hafen Als des Wagens Ziel beschert.
Und sie könnten's bei den Lieben Friedlich haben und kommod, Wenn sie hübsch am Ufer blieben Bis zu ihrem späten Lod.
Doch sie schmieden neue Pläne, Wie man kuhn're Fahrten wagt — Und die alten Kapitäne Haben das voraus gesagt.
Diogenes.
AM flete Amokoa
$r eb Andersens Höllenfahrt
Roman v. Otfried von Hanstein.
(24. Fortsetzung).
„Wie weit ists bis Auma?"
„Nächste Station, Mister."
Er dachte an das, was ihm der Spanier selbst angeboten — nicht durch die Welt zu rasen, sondern zu schauen! Er dachte an Honolulu und Limokoa.
Und hier — hier in der furchtbaren Wüste im Reiche des schrecklichen Lodes sollte der Mann sich bergen vor den Augen dieses herrlichen Weibes, das ihn liebte? Des Doktors Entschluß war gefaßt.
„Brakeman!"
Der Schaffner kam heran.
„Mister?"
„Zch steige in Mma aus.“
„Aes, Sir.“
Der Zug rollte über die Lisenbahnbrücke, unter der, nun ein gefesselter Löwe, der Lolorado nach seinem siegreichen Kampf gegen die von ihm zerfressenen Felsen dahinrollt, vorbei an dem Fort, das drüben Wacht hält, und hielt still. Der Doktor nahm schnell seine Koffer, ein kurzes Signal und bie lange Schlange suchte ihren hastigen Weg weiter, der die Mensche^ von den behaglichen Drehsesseln des Pullmancars hinausblicken läßt, bald in die Lislandschaft der Sierra, bald in den Wüstenhauch und dann wieder in blühende Farmen unb tropische Glut, als sei es nichts als ein blendendes Film- banb, das immer wieder vor den übersättigten Augen vor- beihuschte.
„Please Weavers South Pacific Railroad Hotel?"
_ ^r Portier nahm den Koffer und selbst noch wie im 6.1 aum, folgte der Doktor ihn in das verhältnismäßig fau= bere Gasthaus, das nur der Bahn seine Existenzmöglichkeit verdankte.
Ein Gegensatz. Aus den Straßen von Frisko, aus dem rollenden Luxus des Zuges versetzt in die kleine Stadt an der Grenze der Wüste. Sonnig, und jetzt, im Winter, von wundervoll angenehmer Wärme überstrahlt, lag die Stadt vor ihm. Kleine, ungepflasterte Straßen mit fußtiefem Sand. Armselige Lehmhütten, in denen Mexikaner und Indianer hausten. Große kräftige, Gestalten, diese Indianer und ihre Weiber. Zwei Lücher um die Beine geschlungen, die wie eine Schleppe nachschleifen und nichts verhüllen, um den Oberkörper manchmal ein dünnes, durchsichtiges Zäckchen. Bunte Bemalung und seltsam geflochtene Haarschöpfe.
„Zu welchem Stamm gehören diese Indianer?"
„Freie Mohave. Lind weit verbreitet am Lolorado."
Der Doktor erschrak.
Zu diesen schmutzigen, halbnackten Menschen, zu diesen verwahrlosten Gestalten in den elenden Hütten, gehörte die schlanke Limokoa?
Bisweilen sah er ein Kind, das fast nackt herumlief und — manchmal erinnerten ihn diese dunklen Augen —
Ls war Wahnsinn!
Lr wanderte durch die jämmerlichen Gassen planlos umher. Was sollte er hier? Mit dem nächsten Zuge weiterfahren. Wenigstens bis Fort Williams und dort einen Blick in die Lanons tun.
Zm Hotel fragte er den Waiter.
„öjt 3(men ein Mister Andersen bekannt? —“
„No, Sir, bin selbst erst drei Monate hier."
Lr schämte sich über die eigene Frage. Was sollte ein reicher Mann hier? An der Tafel des kleinen Hotels aßen die paar «Junggesellen, die hier waren. Einige Offiziere vom Fort und der Arzt des Lazaretts. Unwillkürlich kam er mit ihm in ein Gespräch. Er hatte auf der Zunge, auch ihn nach Fred Andersen zu fragen, aber er tat es nicht. Der junge Arzt war ein gebildeter Mensch, der auch in Deutschland studiert hatte.
„Sie müssen nach Fort Williams fahren, wenn Sie etwas sehen wollen."
„Will ich auch, aber der Zug kommt erst morgen."
„Soll ich Sie auf das Fort führen? Wollen Sie das Krankenhaus sehen? Zch glaube, das sind die einzigen Sehenswürdigkeiten von Auma."
„Haben Sie viel Kranke?"
„iJetjt nicht. Bisweilen ein Törichter, den die Sucht nach Gold in die Wüste trieb.“
„Zn der Wüste ist Gold?"
„Sogar sehr viel, aber nicht zu heben. Liegt in furchtbaren Alaunwüsten, in denen ein jeder ohne Rettung verschmachtet. Zch will Zhnen da mal eine Geschichte erzählen, die allerdings ein paar Zähre her ist. Da war eine Schar von Auswanderern, die von Osten nach Kalifornien wollten. Sie halten die Richtung verloren und zogen aufs Geratewohl durch den glühenden Sand. Tag für Tag suchten sie nach einem Ausweg, immer wieder mühten sie sich, über Felsen zu klettern, immer wieder hielten ihre Augen vergeblich Umschau! Zhre Vorräte gingen zu Lude, ihr Wasser versiegte, einer nach dem anderen legte sich in den glühenden, salz- und boraxgeschwängerten Sand und streckte die Glieder zum letzten Schlaf. Eine Familie nach der anderen starb. Die Kinder zuerst, dann die Mütter und zuletzt die Männer. Nur zwei blieben übrig und ihnen
gelang es unter entsetzlichen Qualen die Berge zu übersteigen und zu gastlichen Zndianern zu gelangen.
„Aber noch im Tale, an der Lehne der Berge, fanden sie eine gelißende Goldmine. Hell und klar lag das blinkende Sold zutage, das ihnen jetzt so wertlos war, und der eine konnte mit seinem Messer ein großes Stück gediegenen Goldes aus dem Quarz stechen. Er hämmerte sich daraus ein neu- es Visier für seine Flinte, da ihm das alte abhanden gekommen und brachte so den Beweis seines Fundes zu den Menschen. Man machte den beiden hohe Anerbietungen, wenn sie noch einmal als Führer mit in die Wüste gingen, aber sie weigerten sich und verzichteten lieber auf alles Sold, als daß Jie noch einmal in jenes Tal, das seitdem bis heute das Tal des Todes, „the valleg of death" heißt, gingen, aber die Sage von dem goldenen Visier blieb in der Leute Mund und immer wieder gibt es Soldhungerige, die hinausziehen und entweder vergebens suchen, oder finden und über dem Solde sterben."
Ergriffen hatte Büttner gelauscht.
„Auch heute noch, Doktor?"
„Heute auch noch! Gerade jetzt liegt so ein armgr Teu- fel, wahnsinnig geworden, über die Sucht nach Gold, im Krankenhause, in das ihn mitleidige Mohave gebracht haben. Pfui Leufel. Zwei Feinde gibts, die das Männergeschlecht zugrunde richten, das Weib und das Sold."
Büttner mußte lachen, denn nicht eine Stunde war es her, seit ihm der junge Doktor das Bild einer hübschen Braut gezeigt hatte.
„Lachen Sie nicht, Mister! Wieviel Männer hat eine unglückliche Liebe ins Verderben gerissen und doch — Sold ist stärker als Liebe — viel stärker Sold ist der furchtbarste Dämon der Welt!"
„Allerdings!"
„Was wissen Sie von Sold? Haben Sie miterlebt, wie ich, wie die Menschen in die Wüste laufen? Dem sicheren To- dö entgegen? Einer dem anderen nicht trauend? Kommen Sie mit, dann zeige ich Zhnen solch einen Wahnsinnigen."
der Doktor folgte mit heimlich klopfendem Herzen. Ein nettes sauberes Krankenhaus — eine freundliche Schwester —■ ein weißes Bett.
W dem Lager lag ein Mann. Er konnte nicht alt fein, wenn auch das lockige, wirre Haar schon grau schimmerte. Seine Züge waren regelmäßig und konnten schön gewesen sein. Zetzt waren sie eingefallen und von tiefen Furchen durchzogen. Seine hageren Hände, die die Finger länger erscheinen ließen, als sie waren, zitterten auf der Decke. Die tief in den Höhlen liegenden Augen waren geschlossen.
(Fortsetzung folgt.)