Geschenke.
Lebensbilder von Hans Waldau.
Läuten die Glocken zu Weihnacht, werden die Menschen : gütig und wollen schenken — Arme und Reiche . . .
' Nachmittag des 24. Dezembers hat die Zrau des Fa- brikbesitzers Bornhof zwei ihrer Freundinnen zum Lee in ihre Villa geladen . ■ •
Soeben habe ich die Nachricht bekommen,“ sagte sie, „daß die Vorbereitungen für das morgen stattsindende Wohltätig- - keitsfest zum Besten hungernder Kinder beendet sind. ich ■ freue mich wirklich, daß uns das Arrangement noch gelungen L denn irgendeine größere Gesellschaft muß man doch schon -n' Weihnachten haben. Man möchte doch seine Kleider nicht nur zu Hause tragen. Sch muß ja gestehen, daß wir sehr hohe Honorare zahlen müssen — bitte, es gibt ein erstklassiges Programm — und daß die Eintrittspreise sehr hoch sind. Aber iver aus unseren Kreisen kommt denn ?u billigen Veranstaltungen?" , „
„Wie hoch wird denn der Ueberschuß des Zestes sein?" warf eine der anwesenden Damen ein.
Ein verwunderter Blick traf die Zragerin: „Aber, liebste Lleo, wer rechnet bei der heutigen Wirtschaftslage mit einem Ueberschuß?"
Von einem Fenster der menschengefüllten Straße blieb der junge Bornhof stehen und suchte unschlüssig unter den Ausjagen. „ ■
„Man weiß nie, was man der Lrue schenken soll.
freut sich über den billigsten Kitsch und macht enttäuschte Augen, wenn man mit einem kleinen Paket kommt. Und ihre Mansarde ist wirklich vollgepfropft genug. Das beste ist, ich schreibe ein paar Zeilen und lege etwas Geld bei. Sie wiro es schon verwenden . ..."
Dann ging er zu einem Suwelier, wählte mit Sorgfalt ein kostbares Armband, in das er den Namen „ilse" gravieren ließ, und sandte es mit einem Boten seiner Braut. Das Landhaus am See war festlich erleuchtet in der Erwartung eines b frohen Abends---—
Der Vater erinnerte sich zwischen vier Vertreterbesuchen der Bedeutung des Eages und lieh sich telephonisch mit einer Buchhandlung verbinden.
„. . . ich brauche etwas für meine Frau zu Weihnachten — Romane — ja, sie liest sehr viel — schicken Sie etwa fünf Bände — um Gottes willen kein Halbleder —"
Und während er abhängte, rief er durch die offene Lüre: „Herr Wilhelm, die Akten Reinhard . . .“
Srgendwo leben zwei Menschen, die sich lieb haben. Wenn die Stunden der Arbeit vorüber sind, gehen sie durch den winterlichen Park und sprechen von Dingen, die über die Gegenwart binwegtäufcben sollen. Sie sind noch jung und haben jeder ein kleines, kaltes Zimmer. Wie kalt das ist, spüren sie erst, wenn sie sich die Hände gegeben haben und jeder die Türe c Hinter sich schließt. Aber sie tragen Hoffnung und Sehnsucht »«-in lieb. ... ganae war.dpr- Mmllr-aw durch-die leer gewordene Straße gegangen, hatte bei dem verlassenen Stand -eines Händlers ein paar Zweige aufgehoben — das Einzige, was er mitnehmen konnte, als er zu der Wohnung des Mädchens ging.
Dort hielten sie sich bei den Händen, und der Glanz ihrer Augen überstrahlte das heimliche Weh, das sie voreinander verbergen wollten. Und nur, um die erste bange Stille aus- Zufällen, sagte der Mann:
„Wir sind arm — ich habe nichts für dich als meine Liebe — mehr kann ich dir nicht schenken —“
Da legte das Mädchen die Hände auf seine Schultern und sah ihn an, lächelnd wie die Madonna auf Krippenbildern:
„Wir sind reich — wir haben ein Dach über uns — und wir haben unsere Liebe. Kann man sich mehr schenken — als sich selbst?"
Läuten die Glocken zu Weihnacht, werden die Menschen gütig und wollen schenken — Reiche und Arme —
Ehristnacht-Karmonie.
Von Walter Bloem.
Du willst Weihnachten feiern. Ein Fest — das höchste Fest des iahres.
Ein Fest braucht Gemeinsamkeit. Ob, es gibt auch einsame Feste der Seele. Weihnachten ist ein Fest des Einklangs.
Zum Fest gehört ein Festgewand. Zwei Festgewänder. Eins für den Leib — eins für die Seele.
Für die Seele? Für die vor allem. Es heißt: Wille zur Gemeinsamkeit.
Gemeinsamkeit, Einklang zwischen uns Menschen, die wir doch so unendlich — verschieden sind?
Gewiß: wenn all unsre Saiten tönen sollen, dann müssen wir einsam sein. Se sarai solo, sarai tutto tuo — wenn du allein bist, nur dann bist du ganz dein — man könnte sagen: ganz du.
in Gemeinsamkeit mit andern Menschen können wir uns nie ganz geben. Dürfen wir nicht all unsere Saiten Klingen lassen. Nur die, von denen wir einen Einklang hoffen dürfen — mit dem Saitenspiel der andern.
Schmerzliche, schaurige Erkenntnis: jedes Beisammensein mit andern Menschen bedeutet Verzicht auf einen Teil unseres Wesens — bedeutet irgendwie: Maske — Verstellung — Heuchelei . . .
Aber man kann es auch freundlicher nennen: es bedeutet: Opfer.
Freiwilliges, freudiges Opfer — um des hohen Glücks der Gemeinsamkeit willen.
Unb das ist die Festtracht der Seele: unsere Bereitschaft, für die Dauer des Festes einmal nur der Gemeinsamkeit zu leben, nur „wir“ zu sein, nicht „ich" — all sein Besonderes, sein Eigentümliches, soweit es in den andern, den Fest-Genossen, nicht wenigstens verwanoce Saiten anklingen läßt — schweigen zu lassen.
Am Sefttag hat die Gemeinschaft Anspruch auf uns — gehören wir nicht uns selber, gehören wir einem größeren Kreise — der am Weihnachtsfeste wohl zumeist die engere oder weitere Familie ist.
Wer zu solchem Fest in der Tracht seines Alltags kommt — wer all den Kleinkram seines besonderen Lebens mit in den Festraum schleppt und dort vor den erstaunten und verstimmten Augen und Ohren der Feierfröhlichen aus- breitet, der bringt in die Feststimmung über kurz oder lang den berühmten „Mißton" ....
Feste feiern ist eine hohe Kunst. Der Stümper kann sich und den andern das lieblichste, strahlendste oest verpfuschen. Feststimmung, Einklang der Seelen — das sind zarte, schonungsbedürftige, ein wenig künstliche, ein wenig zerbrechliche Gebilde. Man darf an sie nicht mit plumpen Finger tappen.
Wie Köstliches aber, wie Ewig-Gültiges erlebt unser Herz, wenn ein Kreis von Menschen beisammen ist, dem nur Künstler des Erlebens angehören — Menschen, die wissen, was Einklang, Gemeinsamkeit, Zusammengehörigkeitsgefühl wert sind! T ie freudig bereit sind, für kurze Stunden einmal die Besonderheit ihres Wesens, ihre Schrullen wie ihre heiligsten Ueber- P ugungen, den ärgerlichen Kleinkram ihres Alltags wie ihre hou-jten politischen, weltanschaulichen, religiösen Sondermeinungen zum Schweigen zu bringen, zu opfern um des Gemein- schaftserlebnisses willen!
Solche LebenskUnstlerseelen allein sind wert und fähig, mit den Seelen ihrer Mitmenfchen für Stunden zusammenzurinnen in dem Gefüyl der großen Liebesverbundenheit, die trotz alles Trennenden uns alle mit lichtem Band umschlingt und uns be
fähigt, gemeinsam jn den Weihnachtskerzenschimmer zu schauen,auf der Lebenshöhe, wie wirs einst als ahnungslose Kinder konnten: großäugig, dankbar, gläubig, selig.
Allerlei Weißnachtsbräuche.
(dt.) Wie bei jedem neuen Zeitabschnitt regen sich an Weihnachten verschiedene Geister, die dem Menschen helfen oder schaden. Man muß sie abwehren oder sich nutzbar machen. Wer es versteht, kann in der Ehristnacht unsichtbar oder unverwundbar werden. in Zauberkreisen kann man den Teufel beschwören und viel Geld bekommen. Es spuckt überall. Um Mitternacht wird Wasser in Wein verwandelt. Das Vieh kann reden. Man besprengt das Haus mit Weihwasser oder räuchert es aus, schreibt den Lichtern, die in Schlesien das jüngste Familienmitglied anzünden muß, besonders gute Wirkung zu, trommelt nachts durchs Haus, dann hat man das iahr über keine Mäuse; an die Tür macht man drei Kreuze, dem Vieh legt man gefährliche Gegenstände wie Messer in die Krippen, damit es nicht verhext wird, die Bäuerin gibt ihm Salz, bläst ihm ins Nasenloch und macht dabei ein Kreuz oder stellt Besen vor die Stalltür, in den Brunnen wirft man gegen die Hexen einen Feuerbrand, der schlesische Müller wirft dem Wassermann Speisen in den Bach, damit er während des iahres das Wehr nicht durchbreche oder sonst ein Unglück anstelle; dem Weihnachtsklotz, einem großen Stück Holz, dos ins Haus gebracht und angezündet wird, schreibt man Ubelab- wehrende und segnende Kraft zu, auf der Straße vertreibt man böse Geister durch Schießen, Peitschenknallen und Lärm- umzüge. Wenn man in die Felder und Gärten schießt, „weckt man die Saaten". An einigen Orten spielt beim nächtlichen Lärmen der Rummelpott oder Brummtopf eine Rolle, die Burschen sind bei den Umzügen in schrecklichster Weise vermummt. Mit dem Ehristkind kommt wie vorher mit dem Nikolaus bisweilen eine Schreckgestalt, die wie dort, meist Knecht Rupprecht heißt. Ueberhaupt chat das Ehristkind manches vom Nikolaus angenommen. Es kommt wie er auf einem Esel, dem die Kinder Heu vor das Haus legen, in Mittelbaden fingen sie am Weihnachtsabend:
Ehristkindle, komm in mei Haus, leer die goldne Körble aus, stell de Esel uff de Mist, daß er Heu und Haber frißt.
Segen sucht man sich an Weihnachten für das bevorstehende iahr zu sichern durch reichliches Essen und eine Auswahl Gedeihen bringender Speisen. Wegen des vielen Essens nennt das Bolk in norddeutschen Gegenden den Lhristabend Voll- bauchsabend, wie anderswo derFastnachtsmontag heißt. Die heiligen Zahlen spielen beim Essen eine Rolle: man muß sieben- oder neunerlei Speisen zu sich nehmen. Vielfach ißt man gerne etwas, das Keime neuen Lebens in sich enthält. Als Weihnachtsspeisen sind verbreitet: Eier, Fische, Hirse, Erbsen, Klüse, sehr oft auch Kraut. Das Vieh bekommt Grünkohl. Wurst und Schweinefleisch fehlen selten. Man kocht Schweins- glück, sagt man in Mähren, und meint den Sebweinskopf, der als Festessen bekannt ist. Auch die üblichen Weihnachtsgebäcke deren Formen oft bestimmte kultische Bedeutung haben, sind nicht vergessen. Ein reiches und richtig ausgewähltes Weihnachtsessen bringt neben körperlicher Gesundheit auch Segen anderer Art. ie mehr ein Schlesier Hirsekörner ißt, um so mehr Goldstücke nimmt er im iahr ein. Dem Vieh gibt man das doppelte Futter, oder von allem was man selbst ißt, oder fiben oder neun Arten Fressen. Rach dem Essen muß man ein Stück Brot und einen Pfennig auf dem Ei Jeb liegen lassen; dann hat man während des iahres keinen Mangel an Geld und Essen. Auch die Obstbäume werden zur Weihnachtszeit gesegnet. Man legt Kuchen in ihre Zweige oder hängt Aepfel daran, gibt ihnen die Reste des Essens, legt Geld in die Rinde, düngt und pflegt sie. im Kreise Neiße ist man barfüßig, wenn man am Weihnachtsabend die Ueberrefte des Abendessens un-
Vorsichtig hatte er das LichtstUmpfchen entzündet, öffnete den Brief, die kurzsichtigen Augen hinter der Brille blickten nahe auf das Papier. Und dann sank die Hand schlaff aufs Knie, das Haupt sank kraftlos vornüber — ein Röcheln drang aus der gepreßten Kehle, ein heiseres, tränenloses Aufschluchzen.
Hatte ers nicht gefühlt? Seit geraumer Zeit — wie kühl wie selten ihre Briefe . . . Und der Schmerz durchraste seine Brust.
„Richt eine kalte Anzeige ihrer Vermählung sollte dir die bittere Nachricht bringen", schrieb die Mutter, „sonst, weiß Gott hätte ich dr den Lhristabend nicht verdorben. Aber wahr- scheinlch weißt du längst von Marias Entschluß Man muß ihr ja recht geben, wenn sie eine Existenz ohne Sorge an der Seite eines verdienten industriellen dem Warten auf den armen Studenten vorzieht . . .“
. Seige war fiel dachte Heinz, namenlos verbittert. Ob so hinterlistig im Doppelspiel, um keinen zu verlieren. — Weiber — Weiber . . .
ertr?^^ ei; in â wildes Weinen aus, das den un- Lrtcaglichen Schmerzkrampf der Brust erleichterte.
^Ee er im Geiste gekniet . . Beatrice, Dio- Etliche Weisheit sollte sie ihm sein, nichts
V Ow Zweite, der seine Seele jeden gezeugten Ge- anken darbrachte als ein Geschenk der höchsten Liebe . . .
• Kerzenstümpfchen erlosch. Der weinende Heinz saß H nU1 h'âr den gefrorenen Scheiben glomm ein a es liebt von der Straßenlaterne. Und allmählich erstarr- e ec im Frost, kroch in sein Bett — zog die Knie hoch, duckte mb eng zusammen, versuchte vergebens, sich unter der Wollecke zu erwärmen, hauchte in die klammen Hände und wischte ron Zeit zu Zeit die warmen Tränen, die ihm über die Wan- âen liefen, mit den eisigen Singern ab.
Es gingen die Stunden der Nacht — langsam — so lang- )am, wie sie den Verzweifelnden vergehen, den Kranken und lnglUcklichen. Denken konnte Heinz nicht mehr, dieser Trost war ihm genommen. Es war, als sei ihm ein großer, schwe- ier Hammer auf den Kopf niedergesaust, daß ihm nur ein eumpfes, taubes Gefühl im Hirn übrigblieb, und auch der Schmerz sich am Ende verkroch.
Er mochte eingeschlafen sein, als die Winternacht der grauen Dämmerung wich. Unerwachte von einem Glanze, der
seine geschlossenen Lider traf. Die Eisblumen auf den Scheiben schimmerten golden — rosenrot. Heinz sprang auf, wik- kelte sich in die braune Wolldecke, stieß die Fensterflügel auf, trank die strömende klare Winterlust in die wunde Brust, trank mit durstigen Augen das Purpurleuchten des aufstei- genden Sonnenballs über die Schneehügel, in denen die kleine Stadt gebettet lag. Weit schaute er aus seinem hochgelegenen Eisstall hinaus über die Dächer, die im Farbenfpiel violetter Nebeldüfte lagen, auf das Blitzgefunkel der jäh belebten weißen Berglehnen, auf denen die Schatten in tiefem Blau dämmerten und alle ^ngel ihre Rosen ausgestreut zu haben schienen.
O goldene Himmlische Welt! Und nun stieg die Königin empor, der Purpur wandelte sich zu einer Lichtfülle spnder- gleichen. Und Heinz fühlte nach dem Elend der überstandenen Nacht die göttliche Offenbarung ewigen Lichtes, ia — es war seine Berufung, einsam zu sein — hart zu werden im Kampf mit feinem zerrissenen Herzen, hingegeben allein der schaffenden Lust seines Geistes. Die Geliebte hatte sich zur Seite des materiellen Behagens gewandt — wohl — sie war ein schwaches Weib. Er wollte seine Seele nicht beflecken durch Haß! Wußten sie nicht gläubig und hoffend, er und der Kreis seiner Freunde, daß ihnen das Los gefallen war, in Entbehrung und Hunger an dem Schwerte des Geistes zu schmieden, das Deutschland befreien sollte aus der Gewalt des Drachens Materie? „Komm, Leid, ich drücke dich an die glühende Brust, damit du mein inneres rein brennst zur Arbeit meines Lebens — zur Arbeit für mein deutsches Vaterland!"
ön die braune Wolldecke gewickelt, zerrissene Filzpantoffeln an den Füßen, eine armselige und lächerliche Gestalt, stand der iüngling am Fenster, und das Haar fiel ihm wirr in die mächtige Stirn, die gebadet wurde vom Glanz der Morgenstrahlen.
Weit breitöte er die Arme dem Gestirn entgegen.
„Erlöse mich — erlöse uns, Gott des Lichtes und der erwachenden Welt, von aller Verzagtheit! Stärke uns zu feurigem Tun — auf daß wir würdig werden der Berufung: die Sonnensöhne deines Geistes!"
Bor dem Christbaum.
Da guck’ einmal, was gestern nacht Ehristkindlein alles mir gebracht: ein Püppchen, ein Wägelem ein Käppchen und ein Krägelein;
ein Lütchen
und ein Rütchen;
ein Büchlein
voller Sprüchlein; das Lütchen, wenn ich fleißig lern’, ein Rütchen, tüt' ich es nicht gern, und nun erst gar den Weihnachtsbaum ein schönrer steht im Walde kaum. ~ ia, schau nur her und schâu nur hiü und schau, wie ich so glücklich bin.
Einsame Weihnacht.
Heut fühlst du nicht die Einsamkeit! Mein Kind.
Die uns das ganze iahr bedrückt', Du siehst den Hellen Baum entzückt Und lachst!
Du lachst, wie ich es einst getan
Als Kind. —
Das Spielzeug hier, die Bücher dort Du staunst und findest kaum ein Wort Des Glücks.
—Und plötzlich kommst du auf mich zu Und fragst
Warum ich heul' so seltsam still, So gar nicht fröhlich werden will Mit dir?----
Wie war es doch im vor'gen iahr.
Mein Bub? —
Da saßen wir zu dritt noch da
Und du — dich küßte noch Mama — Verstehst du nun . . .?