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Sonntag, den 21. Der mbST 1924.

Mische Morgenzeitung.

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L Beiblatt.

Verlag: Fulda, Kanalstraße 44.

Die rote Armee.

Von Otto Moß d o r f, Major a. D.

öe mehr die Sowjetregierung internationale Erfolge auf diplomatischem Wege ?u verzeichnen hat, die sich nach dem Wettlauf der Staaten zur Erreichung der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen in den wahren 1923 und 1924 nicht wegleugnen lassen, um so mehr tritt die Frage in den Vordergrund, wie die Rote Armee beschaffen ist, wenn es sich für die Sowjetunion einmal darum handeln sollte, dieses Machtinstrument in die Wagschale zu werfen. öm polnischen Feldzüge des Sahres 1920 hat sich gezeigt, daß die roten Trup­pen noch recht wenig leistungsfähig waren. Seitdem sind aber vier Sahre verstrichen, die zweifellos zur Vervollkommnung der Roten Armee nach Möglichkeit ausgenutzt worden sind. Aus vielen Linzelnachrichten läßt sich über den augenblicklichen Stand der Roten Armee nunmehr folgendes Bild gewinen.

Shre Gesamtstärke wurde vor nicht zu langer Feit von Trotzkg mit 567 000 Mann angegeben, nachdem im englischen Parlament behauptet worden war, daß 1 030 000 Mann un­ter Waffen ständen. Die Snfanterie ist auf 17 Armee­korps verteilt, die aus 56 Divisionen bestehen. Die Stärke einer Division soll etatsmäßig 8 698 Mann betragen, woraus sich eine Gesamtstärke von 487 088 Monn errechnen läßt. Diese Stärke ist jedoch nicht erreicht. Vielmehr kann man für die Division annähernd 6000 annehmen. Damit sinkt die Gesamt­stärke von 336 000 Mann. Aus Ersparnisgründen sind meh­rere Divisionen auf verringerteStärke, andere auf territoria­len Milizstand gesetzt, so daß gegenwärtig nur 27 Divisionen die volle Stärke auf 5 — 6000 Mann haben dürften. Da­runter befinden sich vier Divisionen, die auf nationaler Grund­lage im Kaukasus und in Turkestan zusammengestellt sind. 13 Divisionen befinden sich auf verringerte Stärke, 16 besitzen nur Kadres zur territorialen Verwendung mit etwa 1500 Mann Snfanterie. Aach dieser Aufstellung wäre die Snfanterie im ganzen nur 251 000 Mann stark. Fielst man aber in Rech­nung, daß jährlich 700 000 junge Leute eingestellt werden kön­nen und daß die Dienstzeit in der Reserve bis zum 40. Le­bensjahre dauert, daß ferner die territorialen Teile ihre Re­kruten im Sahr zu mehrmaliger Uebung einziehen, so läßt sich schließen, daß es eine Leichtigkeit ist, die Rote Armee auf eine halbe Million in wenig Wochen und auf eine Million und mehr m wenig Monaten zu vermehren. Bei der Snfanterie gibt es sog. „Feuerkompagnien" die mit schweren Maschinen­gewehren ausgerüstet sind und eine besondere Ausbildung er­halten.

Die Kavallerie besteht aus 16 Divisionen und neun selbständigen Brigaden, die den Arme '--ns zugeteilt sind. Fwei Divisionen stehen zur Zeit nur auf o^.» Papier. Etats­

mäßig befinden sich bei einer Division sechs Regimenter, in der Brigade drei. Sm ganzen gibt es 111 Kavallerieregi­menter, die je 300 bis 500 Mann stark sind. Bei Annahme der Höchstzahl zählt somit die Kavallerie 55 500 Mann. Fehn Divisionen sind von den Korps unabhängig und bilden die Rei­terarmee des Generals Budenng, ferner die 1. und 2. Kosa­kenarmee und weitere besondere Einheiten. Aus den Kosa- kengebieten können noch 50 000 Mann eingestellt werden. Einzelne Regimenter führen leichte Maschinengewehre mit sich. Außerdem sind auch Schwere vorgesehen, die auf Räder gesetzt, über schwieriges Gelände geschafft werden können.

Die Feldartillerio hat nominell 1 344 Geschütze, die den im Weltkrieg gebräuchlichen Tgp führen. 30 000 Mann sollen ständig im Dienst sein. Haubitzen britischer und russi­scher Herkunft sind gleichfalls vorhanden, ebenso Belager­ungsgeschütze, die zum Teil japanischer Herkunft sind. Alles in allem mögen 100 000 Mann bei der Truppe, bei Hilfsfor­mationen, Parks und Werkstätten vorhanden sein. Für Spezialtruppen, wie Kampfwagentruppen, Tanks- und Panzerwagenformationen und Gastruppen kommt man so im Minimum auf 456 000 Mann. Die Vermehrung bildei bei der Snfanterie und Kavallerie keine Schmierigkeiten, eher bei der Artillerie, weil es hier an Material fehlt.

Der Vermehrung der Luftflotte hat Trotzkg fein be­sonderes Augenmerk gewidmet. Eine „Freiwillige Luftflot­tengesellschaft" wurde gegründet. Der Erfolg ist jedoch recht bescheiden geblieben. Es ist zweifelhaft, ob 200 Flugzeuge ver- wendungsbereit sind. Auch ist das Personal nicht viel wert. Besser scheint es dagsgen um die Sastruppen zu stehen, wenn auch hier noch mehr angestrebt als tatsächlich erreicht ist. Auch hier wurde eine „Freiwillige Gesellschaft" begrün­det, die sog. „Dobrochim". Die Gasfabriken aus dem Kriege wurden wieder in Gang gebracht. Die Truppen erhalten eine Spezialausbildung, 60 Gasabteilungen sind vorgesehen. Die Artillerie macht ständig Versuche mit Gasgeschossen. Trotzkg hat behauptet, daß die amerikanischen Kommunisten ihm das Geheimnis des neuen amerikanischen Gases verraten hätten, das vom nächsten Sahr ab bei der Truppe ausprobiert wer­de» soll. Schlecht steht es mit den Gasmasken, da hier nur die veralteten der zaristischen Armes zur Verfügung stehen.

Das Gehirn der Armee ist der rote General st ab in Moskau, dem zahlreiche Offiziere des alten Regimes ange­hören. Besondere Beachtung verdienen noch die Spezial- truppen der T s ch e k a, die sich aus sicheren Kommunisten rekrutieren und der Regierung hauptsächlich zur Niederschlag­ung von inneren Aufständen zur Verfügung stehen. Es sind

150 000 bis 200 000 Mann, die Snfanterie, Kavallerie- und Artillerieformationen bilden. Panzerwagen, Flugzeuge und Tanks sind gleichfalls vorhanden. Außerdem stehen für den Notfall Kadres aus altgedienten kommunistischen Kämpfern bereit. Sm Foldkriege sollen diese Truppen mit Maschinenge­wehren hinter der eigenen Front Polizeidienste leisten.

Ein besonderes Tätigkeitsgebiet der Armee sind die be­waffneten Streifzüge auf benachbarte Gebiete, um dort Unruhen hervorzurufen. Das ist der Krieg im Frieden. Man gründet zu diesem Fweck an der Grenze eine „unabhängige Re­publik", wie wir sie in der Weißrussischen gegen Polen, der Moldauischen gegen Rumänien, der Turkomanen-Republik gegen Persien und Afghanisten, der Usbeken-Republik gegen die östlichen afghanischen Stämme und Ehitral im englischen Einflußgebiet Sndiens und in der äußeren Mongolei gegen Ehina kennen. Auch die Kirgisen-Republik bearbeitet chine­sisches Gebiet. Sn diesen Republiken worden besondere Ein­heiten formiert, die nominell unabhängig sind, um Unruhen in den Grenzgebieten hervorzurufen. Bewaffnete Streifkorps brechen in den Nachbarstaat ein, ohne oftmals die Uniform der Roten Armee abzulegen. Polen hat sich vor kurzem gezwun­gen gesehen, ein Grenzkorps von 30 000 Mann gegen diese Banden aufzustellen, von deren Tätigkeit die Sowjetregierung jede Kenntnis ableugnet. Doch erhalten die Bonden von dort ihre Waffen und haben als Rückhalt reguläre Truppen hin­ter sich.

Es ist natürlich schwer, wenn nicht ausgeschlossen, ein Ur­teil über den Kampfwert der Truppen abzugeben. Halt man sich an das, was in Vertretung Trotzkgs Frunze jüngst auf der Konferenz des revolutionären Militärrates in Moskau erklärt hat, so fehlt der Armee alles, um als organi­sierte und gut ausgebildete Macht zu geten. Durchgreifende Reformen seien nötig, um die Armee in eine brauchbare fech­tende Maschine zu verwandeln. Besonders scharf war die Kri­tik an der „territorialen Hilfsarmee". Es wurde beschlossen, nationale Armeen aus Turkomanen, Baschkiren und Kirgi- sen-Tartaren sowie aus den Ostvölkern aufzustellen. Beson­ders wichtig ist der Beschluß, die politischen Kommissare aus der Armee zu entfernen und den Gruppenführern lediglich noch militärische Aufgaben zu überlassen. An Stelle der po­litischen Kommissare will man eine Art von Parteileitern setzen, ohne daß erkennbar ist, was mit dieser Neuerung ge­genüber dem bisherigen System geändert wird. Schließlich entschied sich die Konferenz für enge Zusammenarbeit zwischen Sndustrio und Armee, damit letztere dauernd mit allem ver­sehen ist, was sie zur kriegsmäßigen Verwendung nötig hat.

AMem.

Von Wilhelm B ö I s ch e.

Wilhem Bölsche, der bekannte Naturforscher und Dichter, veröffentlicht jetzt im Verlag von Earl Reißner, Dresden, sein neuestes Buch: „Der singende Baum. Neue Geschichten aus dem Paradiese". Wir entnehmen den vielen und auch sehr lustigen Geschichten aus dem Reiche der Natur eine kleine Schilderung der Orchidee, jener märchenhaften Teufolsblume der Tropen, eine Schilderung, die gleichermaßen den feinen Naturbeobach­ter wie den phantasievollen Dichter bekundet.

Soll ich eine Blumenform nennen, die mir selber immer am meisten etwas Unheimliches gehabt hat, so sind es die Or­chideen.

So herrlich sie besonders in ihren riesigen farbenfrohen Arten des heißen Tropenwaldes prangen — sie glichen mir von je einem Tgp dämonischer Fratzenmäuler, ich malte mir aus, daß sie beißen könnten, wenn sie wollten, sich mit grimmigen Zähnen und Stachelzungen plötzlich einhakten, wenn man ihnen ?u nahe käme — zum Nirhtmehrloslassen und schauerlich zähen Auslutschen und Aussaugen mit gierigen Polgpenlippen.

Manche schöne Frau im Leben ist mir so vorgekommen unb den berühmten Vampir habe ich mir wohl auch mit einer violetten oder orangelbgefleckten Orchideennase gedacht — wo­bei wieder seltsam anklang, daß gerade gewisse gespenstische Fledermäuse wirklich orchideenhafte Hautlappen und Nasen­aufsatze in der Fratze zur Schau tragen.

Tatsächlich — wie sie gewöhnlich und echt sind, tat ich den ^armlosen bunten Märchenkindern doch damit das bitterste Un­recht.

^ofh nicht einmal für das geflügelte Kleinvolk ihres feuch- ten Dämmerwaldes sind die wirklichen Orchideen „insekten­fressende Pflanzen".

Alles an ihnen ist, soweit ein Fweck überhaupt ersichtlich, sehnende Liebe" von Pflanze zu Pflanze, und nur zu ihren eige­nen brennenden Liebeskünsten treiben sie auch mit diesen Sn- h’kten für gewöhnlich ein gänzlich gefahrloses Spiel.

Nehmen wir für die Grazie dieses Spiels einmal irgend eine her schönsten aus der Fülle als Beispiel.

&troa eine zauberhaft süße, duftende Phalänopsis, wie sie auf teil fernen Philippinien ihre großen Blumenaugen verlang­end aufschlagt.

So siedelt die Pflanze im ganzen gleich unserer Mistel, obwohl nicht so eng, aus fremden Urwaldbäumen, deren Borke bre bunt wie Schlangenhaut schillernde Wurzel in andorthalb-

Das Blütenwunder selbst mit seinen scheinbar lechzenden Lippen aber zieht von weither die Infekten an, die inmitten der Herrlichkeit auf der Unterlippe jeder Orchideenblüte hier ein richtiges bequemes Stühlchen finden, von dem aus sich ge­rade in Sitzhöhe der Kopf durch ein kleines Fensterchen in die appetitlichste Honigkammer stecken läßt.

Schleckt die Fliege, die da Platz genommen, nun lustig los, so kleben sich ihr dabei zugleich die befruchtenden Staubpa- Ketchen der Blüte wie zwei gestielte Kügelchen an den Kopf, und wenn der geängstigte Gast jetzt gleich darauf, weiter Ho­nigmet Kneipen geht und bei einer nächsten Blüte zu fensterln begehrt, so haben sich die anfangs kerzengeraden Kugelstielchen auf seiner Aase inzwischen hübsch selbsttätig wie ein Bahnsig­nal nach Dorne abgeklappt, so daß sie diesmal schon beim Ein­stieg glatt mit durch das Fensterchen eingehen.

Drinnen aber berühren sie die Narbe der zweiten Blüte und vollziehen so das Liebesmgsterium der Orchidee — wäh­rend die Fliege doch, außer daß sie für einen Moment ihrer Metreise verwunderliche Hörner aufgesetzt bekommen hatte, nicht den geringsten Schaden von der ganzen Geschichte leidet.

Um solcher niedlichen kleinen Liebesstücklein willen aber lebt das friedliche Orchideenvolk, scheint es, jahraus jahrein feine unfaßbar üppige Blumenorgie aus, die in einer Art auf den Sundainseln bis zu mehr als halbhundert Blütenrispen auf einmal gediehen ist, von denen jede ihre paar Meter lang wird und über hundert gelbrote, braungefleckte Einzelblüten trägt ■ ein hängender Garten der Semiramis in Gestalt einer einzelnen blühenden Pflanze, dem keine Menschenkunst je hat nachkommen können.

Nie neunjährige Primadonna.

die kleine Slona Mareus, die vor einigen Wochen in ihren Vaterstadt Budapest als begabte Koloratursängerin entdeckt mürbe, hat jetzt auch in der österreichischen Hauptstadt vor ei- neni Kreis geladener Gäste eine Probe ihres Könnens abge- legt. Bekanntlich ist Adelina Patti seinerzeit ebenfalls im irühesten Kindesalter schon entdeckt worden. Deshalb sah man dem Debüt der kleinen Mareus mit einiger Spannung entgegen. Was man zu hören bekam, war ein Phänomen geistiger Frühreife wie es bei allen musikalischen Wunder- Kindern feststellbar ist. Die kleine Künstlerin fingt mit einer ihren wahren vollkommen angemessenen Kinderstimme die schwierigsten Arien mit einem musikalischen Verständnis, das staunenerregend wirkt, aber über das sonst beobachtete Maß bei den Frühwundern in der letzten Feit nicht herausreicht. Die Stimme entbehrt in den Mittellagen und der Tiefe noch der vollwertigen Sülle, in der Höhe dagegen sind bereits An- j lätze vorhanden, die auf omon knmmonbon Ä ofanncffom f<*Mtn- '

musikalische Sicherheit, mit der die kleine Mareus die Phrase gliedert, dynamische Pointen wohl zu verwerten weiß und so­gar eine wirksame schauspielerische Unterstützung ihres Vor­trages auf das Podium bringt. Die Arie der Adele aus der „Fledermaus" und das Puppenlied aus „Hoffmanns Erzäh­lungen" konnten nicht nur als interessant, sondern als amüsant befunden werden.

Ein Forschungsinstitut am Walchensee geplant. Auf einer Versammlung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förder­ung der Wissenschaften hielt Dr. von Miller, der Schöpfer des Deutschen Museums, einen wichtigen Vortrag über die Aus­nutzung der Wasserkräfte. Angesichts der Abnahme unserer Kohlenvorräte sei eine wirtschaftlich richtige Erfassung der Wasserkräfte für Deutschland eine Pflicht der Selbsterhaltung. Die Technik müsse sich aber noch über viele Fragen Klarheit verschaffen. Herr v. Miller plant nun im Verein mit einer Anzahl der hervorragendsten Vertreter der beteffenden Wis­senszweige die Errichtung eines Forschungsinstitutes für Was­serkraft und Wasserbau, das gegenüber vielen vorhandenen kleineren Versuchsanlagen das grozügist angelegte werden soll. Der Walchensee, der zweihundert Meter über dem be­nachbarten Kochelsee liegt und von ihm durch einen kurzen Höhenrücken getrennt ist, eignet sich für eine derartige Anlage hervorragend, seitdem man das Wasser der Sfar dem Wal­chensee zugeführt hat. Dor geeignetste Platz für eine solche Anlage würde oberhalb des Walchensees zwischen diesem und dem Sachsensee sein. Man würde bei geeigneter Ausnutzung der bayerischen Wasserkräfte allein auf Grund der Arbeiten und Ergebnisse eines solchen Instituts wirtschaftlich so vorteil­haft arbeiten, daß zwanzig Millionen Tonnen Kohlen jährlich gespart würden. Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft habe sich bereit erklärt, einen Teil der Kosten zu tragen, und es sei nur zu wünschen, daß dieses großartige Projekt ausgeführt werde, und, ähnlich wie das Deutsche Museum, eine gemeinsame Ar­beit Deutscher für gemeinsame große deutsche Fiele bilden möge.

Polen will eine Weltausstellung. Unser östlicher Nachbar- bemüht sich krampfhaft, in der Welt als eine Art „Grande" Nation angesehen zu werden, was er wirklich nicht ist. An der nötigen Reklame läßt man es nicht fohlen. Die neueste Sen­sation ist eine große Weltausstellung, die im Sahre 1923 in Warschau stattfinden soll, und wofür das Ministerium für öf­fentliche Arbeiten schon einen umfassenden Plan ausgearbeitet hat. Die Ausstellung soll die Rolle Polens als Verbindungs-