Nr. 13
Dienstag,den IS. Dezember 1924.
Mische Morgenzeitung.
L Beiblatt.
Verlag! Fulda, Kanalstraße 44.
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Striche und Slirre«.
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Eine interessante Bekanntschaft.
Von Bartholomäus L i st.
Lasset uns gegen andere gerecht sein, denn wir sind nur insofern zu achten, als wir zu schätzen wissen. Goethe.
Der Gxpretzzug hatte soeben Genua verlassen. Prinz 5er- gej, der in der Nacht schlecht geschlafen hatte, richtete sich im Bott auf und zog die Vorhänge auf. Es war grauer Himmel, und an den Scheiben saßen Regentropfen. Gr blickte nach dem Wecker — es war halb neun. Gr fühlte sich elend und totmüde. Gr sah seit Donnerstag abend im Auge, das Rollen der Räder peinigte seine Nerven, außerdem war das Essen im 5peisewagen schlecht und seine Stimmung daher mäßig. Gr nahm einen Stock, der am Fenster lehnte und schlug damit dreimal gegen die Wand. Gleich darauf kam der Diener mit einem Glas Milch herein, in das er zwei Gläser Kognak goh. Auf der Bettkaute sitzend, trank Prinz Sergej langsam.
Der Diener ging wieder hinaus, um warmes Wasser zu holen, der Prinz begann seine Toilette. Als er fertig war, begab er sich in den Salonwagen und begann die Aeitungen zu lesen, die sein Diener in Genua gekauft hatte. Da er aber im Auge nicht gern las, stellte er sich bald darauf an das Zensier des Korridors. Der Aug fuhr dicht am Meere entlang. Aum zwanzigsten Male machte der Prinz im Winter diese Reise; jetzt pa sierte der Aug eine Station. Zrauen in Sonntagskleibern standen auf dem Perron und starrten dem Auge nach. Plötzlich dachte Prinz Sergej daran, daß es Sonntagmorgen war. Um zwei Uhr würden sie in Cannes sein.
Plötzlich öffnete sich die Tür und ein Herr stellte sich neben ihn. Gr war schlecht ra siert, trug eine Brille und einen bis an den Kragen zugeknöpften Rock wie ein Geistlicher. Prinz Sergej warf einen prüfenden Blick auf ihn. Gr hatte das Gefühl, baß der Pfarrer diesen Blick bemerkte und baß seine Miene noch demütiger und frommer wurde. Dann bekam der Prinz einen Hustenanfall, baß sein ganzer Körper bebte und sein Gesicht sich verzerrte. Als er sich wieder aufrichtete, begegnete er dem Blick des Fremden. Der Fremde sah ihn sanft und teilnehmend, dabei aber doch zurückhaltend an. Und gerade diese Aurückhaltung war dem Prinzen eine Wohltat. Gr fühlte sich durchaus nicht unangenehm berührt von der Anwesenheit des Pfarrers, im Gegenteil. Seit Donnerstag hatte er kaum ein Wort mit einem Menschen gewechselt. Fch will ihm gern antworten, wenn er etwas sagte, dachte er. Gr zog ein Stui aus der Tasche, um eine Aigarette zu rauchen, und wollte eben nach seinem Diener rufen, um sich ein 5treich- Holz geben zu lassen, als der Fremde ihm Feuer anbot. Der Prinz dankte und sagte lächelnd, es sei ihm nicht gut, zu rauchen, da er einen Katarrh habe. Der andere zog ein silbernes Döschen aus der Tasche und bot ihm von den kleinen, schwarzen Pastillen an. Das sei ein ausgezeichnetes Mittel gegen Katarrh, sagte er. Der Prinz lehnte ab, freute sich aber der Diskretion des andern. Dann fingen sie ein Gespräch über Politik an. Da der Prinz sich aber müde fühlte, forderte er
den Pfarrer auf, in seinem Kupee Platz zu nehmen.
Der Aug war eine Strecke gefahren, als ein dunkelgekleideter Herr den Korridor entlang kam, dann und wann einen diskreten Blick in die Kupees warf und einen Augenblick den Pfarrer und den Prinzen interessiert ansah. Als der letztere ihn überrascht anstarrte, zog er sich zurück.
„Fahren Sie von Amtswegen an die Riviera?" fragte der Prinz. Der Pfarrer verneinte und sagte, baß er des Klimas wegen nach Nizza reife. Diese Begegnung versetzte Prinz Sergej in eine ungewöhnliche Gemütsstimmung, und der einfache Priester schien ihm wie ein von höherer Macht gesandter Beichtiger. „Fch bin viele Fahre nach Cannes gereift“, sagte er, „ohne baß mir etwas fehlte, aber dann bin ich krank geworden. . . . Sie haben wohl bemerkt, baß ich sehr krank bin . . ." —
Der Pfarrer nickte bedauernd. Der Prinz hatte sich zu- rUckgelehnt und fuhr fort: „Man sieht jetzt so vieles im Leben ganz anders an als früher. Man wird viel menschlicher sozusagen. Man wird auch ruhiger, nichts überrascht ober verblüfft einen mehr, wenn man sich gewissermaßen mit dem Tode abgefunben hat."
„Glauben Sie das wirklich?" Aum erstenmal sah der Pfarrer dem Prinzen gerade in die Augen. Dann sagte er: „Fch glaube, überraschen könnte ich Sie doch! Sie sahen doch vorhin einen Mann den Gang entlanggehen?"
„Das war ein Detektiv", sagte der Prinz.
„Sobalb wir auf französischen Boden kommen, verhaftet er mich!"
Der Prinz wendete sich langsam zu seinem Reisegefährten, als wolle er erst seinen Gntschlutz fassen. Dann fragte er, nicht ohne Fnteresse, aber in zweifelndem Ton: „Sie sind doch . . kein Verbrecher?"
Der andere lachte etwas hilflos. „‘Das kommt darauf an, was Sie darunter verstehen!"
Der Prinz, der augenscheinlich noch' der Meinung war, baß das Ganze ein 5cherz fei,, lachte und fragte: „5ln2 Sie wirklich gefährlich? Dann will ich meinen Diener rufen!"
„Sie können ganz ruhig sein," sagte der andere, „der Detektiv hält sich in der Nähe im. Gang auf, und er geht nicht weg, bis wir in Ventimiglia sind."
Sine lange Aeit sagte keiner von beiden etwas. Prin^ Sergej schien etwas ratlos zu sein. Gr war unvermutet in eine Situation geraten, in der er sich noch nie befunden hatte. Sein Blick glitt zur Seite* Der anders, saß ganz ruhig; da, die Hände auf die Knie gelegt.
„Sin Verbrecher?" fuhr es durch bas- Hirn des Prinzen. „Sr ist vielleicht Mitglied einer politischen Vsrschwörerbande: Wenn er einen Revolver oder sonst eine Mordwaffe MS? der Tasche zöge, wäre ich wehrlos."
Als hätte der andere seine Gedanken erraten, sagte er: „Seien Sie ganz ruhig, ich bin für Sie vollkommen unge- fährlichl"
Der Prinz lachte plötzlich auf, als habe er einen Ausweg gefunden. „Was haben Sie denn verbrochen?" fragte er und schlug, um sich zu beruhigen, einen zweifelnden Ton an.
„Srinnern Sie sich," sagte der andere leise, „baß einer Verwandten von Fhnen, der Großfürstin Aanastasia vor drei Fahren ein Perlenhalsband von hohem Wert gestohlen wurde Es ist damals durch alle Aeitungen gegangen."
„Und Sie sind der Dieb gewesen?"
„Fawohl, Königliche Hoheit!"
„Woher wissen Sie, wer ich bin?“ fragte der Prinz.
„Fch habe Sure königliche Hoheit mehrmals gesehen, das erstemal im Winter 1912. Ss war ein Weihnachtsabend. Sie saßen mit Fhrer Familie im Palmengarten eines Londoner Hotels. Fch war damals Berichterstatter einer amerikanischen Aeitung und mußte jeden Abend ein Verzeichnis aller fremden fürstlichen Gäste nach New-Jork telegraphieren."
„Warum sind Sie nicht Berichterstatter geblieben?" fragte der Prinz.
„Weil ich keine Aussichten hatte. Das Talent eines Reporters sitzt nicht im Kopf, sondern in den Beinen. Früher ober später ist man erledigt. Gin Rennpferd' kann ja auch nur wenige Fähre laufen!"
Prinz Sergej lächelte. Und deshalb sind' Sie zu Fhrem gefährlichen Beruf iibergegangen?-** fragte er:
„Fch muß gestehen," erwiderte 8er Fremde, „baß die Motive, die mich im Anfang auf diese AbenteuerlaUfbahn lockten, wesentlich andere waren als die Gedatiken, die mich zur Fortsetzung oeranlaßteni- Fch kann auch keine mildernden Umstände für mich in Anspruch nehmen, denn ich habe niemals kleine Diebstähle verübt, die Verzweifetto und Notleidende aus bitterer Not begehen:. Gehungert chabe ich in' meinem Leben nicht. Aber ich baba als Berichterstatter den Wort des Luxus kennen und schätzen, gelernt, vietlercht sogar überschätzen ! Fedenfalls sah ich den Luxus als iMentbehrliche' Basis meines Daseins an. Diese egoistischen Gründe habem mich zu meinem ersten großen Coup veranlaßt.“'
„Wie ging denn der ja?“ fragte der Prinz.
„Fch habe auf einem DÄmpfer der White-5tav-Line. eine Sängerin bestohlen, um. an paar Kostbarkeiten, die einen Wert von etwa zehntausend - Dollar hatten; ein Anbeter in Loudon hatte sie ihr vor ihre Abreise nach A-r»rika geschenkt. Das war vielleicht ein AehnU4 ihres Schmuckes. Fch kam mit in Berührung, weil sie wünschte, baß meine" Aeitung über ihre Gleganz und ihren Reichtum: unterricht« würbe. Fhre Aofe wurde verhaftet, mußte’ aber wegen iWugelnder Bewerfe wieder freigelassen werden."
^aben Sie nie an die moralische 5eivr - der' Gacke gedacht, — ich meine im Anfa.M?"
Vielleicht hatte ich dazu zu viel Sonberbares in memem Geben erlebt. — Hat denn die Sängerin wirklich einem Schaben davon gehabt?"
Gebe kleine Limokoa
Fred Andersens Höllenfahrt
Roman D. Otfried von Hanstein.
02. Fortsetzung).
„Der einzige 5ohn des tapferen Generals Andersen, der den States unschätzbare Dienste geleistet, dessen Ghrenschrld sicher fleckenlos ist, wird mir nicht abschlagen, sein Freund M sein."
„Sie wußten schon gestern?“
Der Farmer nickte.
„Ladg Pinacle roeiß auch?"
„Natürlich, aber es würde sie beschämen, wenn Sie sich merken ließen, baß wir so taktlos waren, Fhnen die Aeitungen nicht wenigstens am ersten Tage zu verbergen."
Setzt verstand Fred die mütterlich teilnahmsvollen Blicke der Gaby. Gr ging langsam zur Tür. Gr wußte, er mußte allein sein. Gr hätte laut aufweinen mögen und mußte seine Nerven sammeln. Mister Pinacle tat, als bemerke er nicht, wie er hinausging. Gr schritt dem See zu, ohne zu bemerken, wohin er ging. Gr suchte sich zu beherrschen. 2mmer wieder wollte er laut aufschreien: „Mein armer Vater!" Und immer wieder sah er Maud Allen, wie sie lachend mit Will Baker den Tennisball schlug. Gs würgte ihm heiß in der Kehle und er zwang sich gewaltsam umherzublicken. Am Stranbe war es lebhaft. Dort waren Neger und Indianer zusammen und umstanden ein Boot. Sie gestikulierten laut, besonders die Schmarren, dazwischen hörte er die Stimme eines weitzen Aufsehers. Gr trat näher und wollte eine Ablenkung finden. Gr fragte den Aufseher:
„Dei Leute gehen zum Fischfang?"
Gr wunderte sich selbst, baß er wieder imstande war, zu sprechen.
„Gin Mohaveboot kam aus den Bergen, um Lebensmittel zu tauschen. Das geschieht selten."
Unwillkürlich blickte Fred hinüber. Neben einem Shibaum standen zwei Männer. Der Fndianer, der ihn geführt hatte, war nicht darunter, es waren zwei junge önbios, aber ein Mädchen stand bei ihnen. Fetzt hatte sie ihn gesehen und blickte ihn an.
Bis auf den Hüftschur; war sie nackt und stand neben dem Boot, das ein kleines, kunstloses Segel trug. Sie hatte wieder die großen, warmen, weichen Augen und — — merkte auch sie, baß er taurig war? Gr wandte sich ab. Was sollte ihm das. Wirklich, er war in der rechten Stimmung, nach einer Indianerin auszuschauen. Gr spie aus. Nicht vor ihr — er dachte an Maud Allen — dann sah er nach der Kleinen zurück.
Ob die auch ihren Verlobten in die Hölle schickte unch dann mit einem anderen lachte, während sie wußte, baß' er in den Tod ging oder als BettLer heimkam? Gr lachte bitter au£.
„Natürlich! Wie sollte? sie nicht! Pfuil Pfui!"'
Line Hand berührte sâen Arm. MWr Pinacle stand neben ihm.
„Fassung, junger Freund! Ss wird sich c-ufklären. Fch babemeinen Gntschlutz geändert; und bringe Sier schon morgen aarf) Fort Williams. Fch bin: Merzeugt, baß alles besser wird;, als Sie denken und nun — Qtby Pinacle wartet mit Sem Bizeak- fast«.
Willenlos ließ er sich, von dem Farmer zum Hause Wrem. aber er hatte sich soweit? in der Gewalt; datz er die Dame? des Hauses ruhig begrüßen' unb an den harmlosen Gesprochen; dis sie hervorsuchte, teilnehmsn konnte. Mitten während Ser Ta» fei, die nach englischer-amerikanischel- Sitte- reich besitzt was-, wurde der Farmer hinausgerufen. Ms er jurnickkam, lag em tiefe Falte auf seiner Stirn, aber ab* er sah;, Daß die- Lgdg Mr anblickte, lächelte er.
„Der ewige- Aerger mit den Schwarz-Ms Fq^ auch hier gibt es Sorgen, sogar im Paradiese!"
Auch Ladg Pinacle wurde schweigsam^ denn sie- wußte, daß ihr Gatte ihr etwas verschwieg Man beendete bas. Frühstück, dann sagte der Farmer.
„Kommen Sie mit, Mister Andersen?"
Fred fühlte wieder einen Druck cZm Herzen. Hatte der Farmer eine neue Hiobspost erhalten?- War sein Skater vielleicht tot?
Sie schritten eine Weile stumm nebeneinander, und Fred atmete auf, als der Farmer gegen den Devils 5 ist deutete.
„So sah ich ihn nie.“
Der Rauch auf dem Berge war stärker geworden und stieg nun als dunkle Säule zum Himmel.
„Mister —"
Sr konnte nicht weiter sprechen und mußte sich an einen Baum klammern. Der Boden schwankte unter seinen Füßen und schien sich zu heben und wieder zu senken. Ss dauerte nur Sekunben, dann war alles wieder still, aber ein furchtbares Gefühl war es, als sie das Einzige plötzlich im Stich ließ, was der Mensch für unverrückbar betrachtet, der feste Boden unter den Süßen.
Frau Pinacle stand in der Tür der Veranda.
„Sin paar Bilder und Geschirr sind zerschmettert."
Sie versuchte zu lächeln, und der Farmer schaute wieder zum Berge empor.
Die Rauchsäule war schwächer geworden und Fred sagte:
»Vielleicht ists vorüber;:“
Der Farmer nickte.
„Sire Srbftoß hat wenig zu bedeuten ick dieser Gegend, aber — als man mich vorhin hiwausrief —- ber Wildbach, an bef- Fen Ufer Sie gestern herapgestiegen, ist ptößiicb versiegt.“
Sie standen jetzt an dew noch feuchten Steinen. Das Töaf- 1er war fort. Allerhand kleine Lebewesen zappelte.« im Crock- Hua. Der Aufseher kam: heran.
„Es ist nichts, Mjster? Pinacle. Fch bin zehn: Fahre länger als Sie in der Gegend.. So ein Grdstsß kommt bisweilen vor, bau« macht sich den Berg Luft. Ae- sehen, es. ist schon? vorüber."
Wirklich war der Gipfel des Nevils Fist wieder vatlkom- Men klar und den Rauch verschrvtMden.
„Wir wollen, es hoffen. Fedenfalls bitte? ich Sie, die Reife- einen Tag zu verschieben, ich imochte morgen erst emmal den: Berg besteigen,, ehe ich auf Tags die Meinèn allein !Mo".
„Wenn Sie- gestatten, begatte ich Sie/*
Ss wurde ein trüber Tag,, denn von 3uit zu Aeir wiederhot- ten sich die allerdings immer schwächere«: Grdstvtze. Fred bewunderte die Gaby. Ruhig; wie immer ging sie ihrer SiStig— keit nach, und ihre Art wirkte berührend auf alle.
Gegen Abend war altes mehrere Stunben ruhig gewesen, sogar auffallend ruhig. Der Berg lag klar wb still, 'selbst in den Bäumen bewegte sich kein BILttchen u^d die Fläche des 5ees lag wie erstarrt. Nur der Bach war fortgeblieben, und das Aufhören seines munteren Plätscherns vergrößerte diese fast beängstigende Ruhe. Ss war angenehm, als unten die Neger zu tanzen begonnen. Nebenhin fragte Fred;
„5ind die Mohave schon fort?“
„Sie können nicht; denn auch der große Back ist fast trok- ken. Sie müssen die Nacht hier bleiben und morgen zu Fuß in die Berge steigen. Wollen Sie sie sehen?"
„Wozu?"
Gr hatte das Gefühl, als fei die kleine Limokoa seinetwe- gen von den Bergen herobgekommen, und was sollte sie ihm ' ? war gewiß nicht in der Stimmung, mit einem jungen Fndianerding, und wenn sie auch noch so hübsch war, zu tändeln.
„Fch denke, Sie nehmen heute Nacht mit dem Gärtner- Häuschen vorlieb. Fch möchte nicht, daß im oberen Stockwek jemand schläft. Fch bin zwar überzeugt, daß die Gefahr vorüber ist, aber besser ist besser."
»Fch brauche weiter nichts als eine Hängematte."
Pinacle lachte.
„Die werden Sie schon finden." , ;
(Fortsetzung folgt).