Beiblatt.
Verlag: Fulda, Kaualstraße 44.
Nr. 1
-Dienstag, den 2. Dezember >924.
Kesslsche Morgenrettung.
SaS.Kandwerk und die Mahlen.
Der Reichsverband des deutschen Handwerks hat unterm 24. Oktober d. 6s. an die Reichsparteileitungen sämtlicher bürgerlichen Parteien nachstehenden Brief gerichtet:
ön den Kreisen des Handwerks herrscht die allergrößte Besorgnis, daß bei den bevorstehenden Neuwahlen für den Reichstag ebenso wie bei den früheren Wahlen eine Aufnahme von Vertretern des Handwerks in die Fraktionen der einzelnen bürgerlichen politischen Parteien nicht in ausreichendem Maße stattfinden wird. Das Handwerk steht der kommenden Entwicklung mit der allergrößten Besorgnis entgegen, weil es die Befürchtung yegt, daß durch eine ungleichmäßige Verteilung der aus dem Londoner Pakt entstehenden wirtschaftlichen und sozialen Vasten inzolge des überragenden wiriscyaft- iichen und politischen Einflusses anderer Berufsstände eine weitere Verdrängung des gewerblichen Mittelstandes zugunsten einer weiteren Konzentration der Sütererzeugung und -Verteilung entstehen könnte. Schon nach dem Ausgang der im Mai d. 6s. abgehaltenen Wahlen wurden sehr ernsthafte Stimmen im Handwerk laut, die die Bildung einer eigenen Handwerkerpartei vorschlugen, damit sich das Handwerk mit eigener Kraft im Reichstag durchsetzen könne, falls es von den bürgerlichen politischen Parteien nicht genügend berücksicht werde. Es wurde deshalb auf der Eagung des Reichsverbandes am 28. Mai d. 6s. der Beschluß gefaßt, daß der Ausschuß des Aeichsverbandes den Jenaer Beschluß über die politische Stellungsnahme des Handwerks einer erneuten Prüfung unterziehen solle. Der Jenaer Beschluß (1920) lehnte die Bildung eigener Handwerkerparteien ab und empfahl unter allen Umständen die Unterstützung der bürgerlichen Parteien.
Der Ausschuß des Reichsverbandes wird Anfang Aovem- ber zusammentreten, um den Auftrag der Vollversammlung durchzuführen und Richtlinien für das Verhalten der Bertre- tungen des Handwerks gegenüber den politischen Parteien festzustellen. Zur Vorbereitung dieser Verhandlungen ersuchen wir dringend, die nachstehend gestellten Fragen gefälligst beantworten zu wollen:
I. 6st die Partei bereit, geeignete Vertreter des Handwerks in ausreichender Zahl auf ihre Wahllisten an sicherer Stelle aufzunehmen? 1
2. 6st die verehrliche Partei bereit, durch die Fraktion im Reichstag für die Schaffung eines neuen Berufsgefetzes für das Handwerk einzutreten, das folgenden Anforderungen entspricht:
a) Pflichtzugehörigkeil sämtlicher Handwerksbetriebe;
b) pflichtmäßiger Aufbau der fachlichen Organisation;
c) Sicherstellung einer ungehinderten beruflichen Selbstverwaltung der Zachverbände und der Handwerks- und Sewerbekammern;
d Regelung der Frage der Gemeinschaftsarbeit in einer Weise, die den Bedürfnissen des Meisterstandes im Handwerk gerecht wird/
3. 6ft die Partei bereit, durch ihre Fraktion im Reichstag die Forderung des Handwerks nach der Schaffung eines Staatsjekretariats zu unterstützen, damit in Ausführung . des Artikels 164 der Reichsoerfassung eine autoratioe Stelle geschaffen wird, in der die sämtlichen Fragen der Verwaltung und Gesetzgebung, soweit sie das Handwerk berühren, einheitlich zusammenlaufen können?
4. 6st die Partei bereit, für eine gerechte Verteilung der Re- paratiouslasteu und Berücksichtigung der schwierigen Wirtschaftslage des Handwerks und für eine Neuregelung der steuerlichen Gesetzgebung des Reiches unter den gleichen Gesichtspunkt einzutreten?
5. 6st die Partei bereit, bei der bevorstehenden Neuregelung der Zollgesetzgebung des Reiches durch Ablehnung zu weitgehender schutzzöllnerischer Anträge den Bedürfnissen des Handwerks hinsichtlich der Erhaltung eines kaufkräftigen Jnlandsmarktes Rechnung zu tragen?
Wir bitten dringend, die vorstehend gestellten Fragen bis zum 31. Oktober beantworen zu wollen. Es liegt uns viel daran, in der bisherigen Weise mit den bürgerlichen politischen Parteien im steten Zusammenhang und in freundschaftlicher Zusammenarbeit zu bleiben. Andererseits zwingt uns der Druck, der von übermächtigen Wirtschaftsgruppen im Sinne einer einseitigen Regelung der wirtschaftlichen Gesetzgebung geübt wird, die Vebensnotwendigkeit des Handwerks mit allen Mitteln zu schützen. '
Wenn es uns nicht gelingen sollte, einen ausreichenden Schutz durch die bürgerlichen Parteien des Reichstages zu finden. so werden wir uns die Wahl anderer Mittel im leiteten Falle offenhalten müssen.“
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Zu diesem Schritte des Reichsverbandes des deutschen Handwerks, der sehr zu begrüßen ist, bemerkt die Aordwest- deutjche Zeitung mit Recht sehr treffend folgendes:
Diefer Schritt des Reichsverbandes des deutschen Handwerks möge vom Handwerk sowohl wie von der deutschen ve,teni..aMit in Ah v Aemung richtig eingeschätzt werden.
Zum erstenmal greift die oberste Lpitzenorganisation des Handwerks aktiv in die Politik ein, der sie bisher gegenüber, soweit sie in den politischen Parteien selbst verkörpert wird, wohlerwogene Zurückhaltung bewahrt hat.
Gerade mit Rücksicht auf diese bisherige politische Zurückhaltung muß dieses Vorgehen besonders ernsthaft gewertet wer- cen Vie politischen Parteien müssen daraus erkennen, wie mist die Vage ist, die sie selbst durcy ihr völlig ungenügendes Eintreten für das Handwerk geschaffen haben. Sie zwingen cas Handwerk förmlich dazu, über den Rahmen seines bisher ausschließlich berufsstandspolitisch abgegrenzten Aufgabengebiets hinauszugehen u. im vollen Bewußtsein der Tragweite des Handelns Schritte zu ergreifen, die unter Umständen von nicht unerheblichem Einfluß auf die parteipolitische Konstellation und ihre weitere Entwicklungsrichtung sein können. Zum anderen muß erkannt werden, zu welcher Verschärfung der Gegensätze innerhalb der deutschenPrivatwirtschaft das be- streben nach aktiver Einwirkung auf die politischen Verhältnisse namentlich seitens der Spitzenverbände von 6ndu- strie und Landwirtschaft geführt hat; eine Einwirkung, die sich in mehr als bedenklicher Form zu ungunsten des Handwerks auf den verschiedensten Gebieten der Gesetzgebung zeigte. Wenn heute vielfach von den politischen Parteien selbst darüber ge- agt wird, daß unsere Gesamtentwicklung vorwiegend von
zwei völlig entgegengesetzten Faktoren, Großkapital auf der einen und Gewerkschaften auf der anderen Seite bestimmt, und ihre Stetigkeit durch das Aufeinanderprallen dieser beiden Gegenkräfte gehemmt wird, fo tragen diejenigen, die dies beklagen, zum guten Eeil selbst die Schuld daran. Es zeigt sich immer wieder, daß Streitigkeit u. Gleichmäßigkeit der Entwicklung im wesentlichen vond er Verteilung der Kräfte am-angen. Und gerade in diesem Punkte haben die Parteien selbst das Rotwendige verabsäumt. 6m Gegenteil, es muß festgestelit werden, daß der
Anteil des giwerbt-cheu Mittelstandes an den Fraktionen erheblich zuruckgegangen ist. Die Landwirtschaft verfügte mit 54 Vertretern im aufge- lopen Reichstag über 11,4 Prozent der Mandate. Die oahl her Fndustrievertreter war gegen 1920 von 15 auf 19, ajo um 26 Prozent gestiegen. Dagegen ist die oahl der Vertreter des Gewerbes von 33 auf 22, also um mehr als 3 Prozent zuruckgegangen. Bezeichnend ist nicht minder, daß die Fahl der Abgeordneten aus den Kreisen des Handels, zu dem hier auch der Einzelhandel zu zählen ist, sich von 10 auf 4, also gar um 60 Prozent vermindert hat. Dagegen weisen die Abgeordneten, die sich bei ihrer Verufsaufgabe als Arbeiter bezeichnet haben, eine Vermehrung um 130 Prozet und die der Berufsbeamten eine solche von rund 30 Prozent auf. Jnterej- jant ist in diesem Zusammenyang, daß im Reichstag vom Sommer 1924 im Vergleich zu dem in 1920 gewählten sich 16 gegen früher 5 ehemalige Offiziere als Abgeordnete befanden. Es zeigt sich also deutlich, daß auf der einen Seite Jn- dustrie und Landwirtschaft und auf der anderen Seite die nicht mittelbar produktiven Berufe bezw. die Gewerkfchaften aller Richtungen an parlamentarischem Einfluß gewonnen haben, während die Vertreter des gewerblichen Mittelstandes zurück- gedrängt worden find.
Deshalb ergeht in dieser Stunde erneut die Frage an die Parteien: Soll den Drahtziehern, die in Genf einerseits im Völkerbund anderseits im Jnternationalen Arbeitsamt fitzen und langsam, aber sicher bemüht sind, die eigentlichen Kraftquellen wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Entwicklung in Deutschland abzuschnüren, wiederum Vorschub geleistet werden, indem man den Vertretern des gewerblichen Mittelstandes, insonderheit des Handwerks, unzureichende und unsichere Plätze auf den Wahllisten zum Reichs- und Landtag einräumt? Seien sich die Parteien bewußt, daß die Auseinandersetzung mit dem Marxismus im jetzigen Wahlkampfe das Ringen um die Erhaltung der bodenständigen und wirtschaftlich selbständigen Schichten des Mittelstandes und damit die Durchsetzung der in Wirklichkeit staatsbauenden und -erhaltenden Kräfte bedeutet.
Der Reichsverband des deutschen Handwerks hat die Reichsparteileitung der bürgerlichen politisch. Parteien um Antwort bis zum 31. Oktober ersucht. Was hängt von dem Ausfall dieser Antworten ab? Um es einmal drastisch aus- zudrücken. Wer für uns Verständnis zeigt, für den haben wir auch Verständnis i Es unterliegt keinem Zweifel, daß dieses Mal das gesamte deutsche Handwerk nach einheitlichen Richtlinien im Wahlkampfe marf^iërèn wird und muß. Phrasen des Wohlwollens und der liebenswürdigen Versicherung „nach Möglichkeit . . . usw." müssen von vorherein als ungenügende und auch unzulängliche Antworten angesehen werden. Es können nur Antworten befriedigen, die ein klares unzweideutiges und bindendes „Jal“ auf die gestellten Fragen antworten. Nur solche Antworten werden für die Stellungsnahme des gesamten deutschen Handwerks zu der betreffenden politischen Partei maßgebend sein. Alle anderen Antworten müssen automatisch von feiten des Handwerks völlige Abkehr von der betreffenden Partei nach sich ziehen.
Jn dieser Woche werden in den meisten deutschen Wahlkreisen die endgültigen Entscheidungen über die Gestaltung der Wahllisten getroffen. Der Reichsverband des deutschen Handwerks hat in seinem Briefe den Reichsparteileitungen mitgeteilt, daß er sämtliche Verbände des Handwerks ersucht habe, mit den in Frage kommenden regionalen Parteileitungen in gleicher Weise Fühlung zu nehmen, und hinzuge- fügt:
„Wir machen aber ausdrücklich darauf aufmerksam, daß diese direkte örtliche Verhandlung eine Verantwortung dieses Schreibens durch die zentrale Parteileitung keineswegs überflüssig macht. Wir müssen vielmehr aus grundsätzlichen Erwägungen um eine direkte Antwort des verehrlichen Partei- vorstandes ersuchen".
Die regionalen Parteileitungen haben es in der Hand, daß ihre Reichsparteileitungen eine vollbefriedigende Antwort namentlich auf die erste der vom Reichsverband gestellten Fragen geben können. Wir wollen hoffen, daß wir in der nächsten Woche von einer genügenden Erfüllung unserer Forderungen durch die Parteien berichten können, und nicht, daß
„wir uns die Wahl anderer Mittel offeuhalten müssen."
Ävltöwirlfchaslliche Wochenübersicht.
Die Verknappung des Geldmarktes, die sich in den letzten Wochen bemerkbar gemacht hat, ist in der Hauptsache auf die Zurückhaltung des Auslandes gegenüber deutschen Krediten zurückzufuhren. Diese Zurückhaltung aber wiederum beruht auf der geringen Aufnahmefähigkeit des Auslandes gegenüber Kreditgesuchen aller Art. Die deutsche Anleihe ist zwar in Holland mit einem Aufgeld von 5 Prozent gehandelt worden, was einen glänzenden Erfolg bedeutet, aber umso schwieriger ist es jetzt für kommunale und indujirielle Kredite weitere Auslandsgelder zu annehmbaren Bedingungen flüssig zu machen. Die Nachricht, daß eine Anzahl bayerijcher Städte in Newgork eine Anleihe von 10 Millionen Dollar erhalten würde, ist dementiert worden. Dagegen soll die Sächsische Werke A.-S. in Dresden, die die werbenden Betriebe des sächsischen Staates umfaßt, in aussichtsvollen Kreditverhandlungen mit amerikanischen Banken stehen. 6m allgemeinen ist aber allen derartigen Mitteilungen gegenüber Zurückhaltung geboten, denn von den zahlreichen Kreditgesuchen, die von deutschen Kommunen und 6ndustriebetrieben an die amerikanischen Geldgeber gerichtet worden sind, haben nur wenige einen positiven Erfolg gehabt.
An den Effektenbörsen ist die Versteifung des Geldmarktes natürlich auch nicht ohne Wirkung geblieben. Sie wurde
verstärkt durch mannigfache Enttäuschungen, die die Börse in der letzten Woche wieder erlebt hat. Es handelt sich vor allem um das bekannte leidige Kapital der Aktienzufammenleg- ungen. Sowohl die Goldmarkeroffnungsbüanz der Deutschen Vank» als auch die der Deutschen Werke und in noch höherem Maße die der Essener Eredit-Anstalt brachten schärfere Fu- jammenlegungen mit sich, als man erwartet hatte. Alles das führte zu einer Abschwächung der Effektenkur je, obwohl an sich gerade die Entwicklung der Dinge bei der Deutschen Bank der oorse mancherlei Anregungen hatte bieten können. Nachdem soeben die Fujion mit der Württembergischen Vereins- oank, die ein zusammengetegtes Kapital von 200 Millionen Mark besitzt, bekanntgegeben woroen ist, spricht man jetzt auch von der Nvjlcht, die Essener Eredit-Rnstalt in die Deutsche Rank ausgehen zu lassen. Auch eine große Auslandsaktton iji der Deutschen Bank gelungen, durch die ihr erhebliche Ka- piiaiieu zu günstigen Veouigrungen zugeführt werden.
Endiict) ist auch auf dem Markt der Papiermarkanieiheu der Hauste za-nell wieder eine Periode des Rückgangs gefolgt. Vie Reoe des Reichsaußenministers, in der wiederum jede Aufwertung der zu spekulativen Zwecken erworbenen Reicys- und otaaisanieiheii grundsätzlich avgelehnt wurde, wirkt stark ernüchternd auf Anieihespekmattonen. Auch die Hoffnung, daß das Ausland wieder in größerem umfange deutsche Aktien zu kaujen beginnen wurde, hat sich bisher nicht erfüllt, und was wir oben über die Verfassung der ausländischen Geldmärkte gejagt haben, laßt ohne weiteres die Folgerung zu, daß auch in absehbarer Feit keine erheblichere Aachfrage nach deutschen Jndujtviewerten im Ausland sich geltend machen wird.
Die Vorfälle bei der Preußischen Staatsbank scheinen bisher zwar zu größeren Kreditkündigungen nicht geführt zu haben, immerhin mahnen auch sie zur Vorsicht gegenüber einer zu weitgehenden Anspannung der inländischen Kredite. Eine günstige Beurteilung der Zukunftsaussichten scheint gegenüber der rheinisch-westfälischen Schwerindustrie berechtigt zu sein. Alan glaubt, daß hier Enttäuschungen durch die Kapl- taizusammenlegung nicht mehr zu erwarten sind und erwartet außerdem eine Vesserung der Konjunktur aus dem Eijenmarkt infolge der Erhöhung der amerikanischen Eijenpreije.
Was die laufenden Handelsvertragsverhandlungen anbe- trifft, jo ist irgend ein erwähnenswerter Fortschritt bisher nicht erfolgt, und auch über die deuljcy-franzofijchen Wirtschaftsverhandlungen läßt sich nur feststellen, daß eine neue Stockung nicht eingetreten ist.
Wer Wer.
Der Berliner Lokai-Anzeiger brachte Donnerstag früh eine xorrespondenzmeldung in schöner Aufmachung aus der man herauslesen konnte, da^ der neue Reichsetat dessen Entwurf fertiggefteilt ist, einen Ueberfchuß von zweieinhalb Millionen aufweife. Geglaubt wird das ja wohl niemand haben, und der hinterhereilende amtliche Dementi mit der Feststellung, daß in Wahrheit ein Defizit zu verzeichnen sei, überrascht nicht. Aber man sollte doch allerseits eine Lehre daraus ziehen. Blinder Eifer, auch journalistischer, schadet nur. Das Deutsche Reich steht unter internationaler Finanzkontrolle. Was für ein R)lrrwarr wird in ausländischen Köpfen erzeugt, wenn deut sehe Feitungen von einem Riefenüberschuß des Reichs berich- tenl Schon die Steuermilderungen und Gehaltserhöhungen waren unter diesem Gesichtspunkt bedenklich; und wenn jeder, der nach dem Reicysjäckel schielt, die schlechte Finanzlage des Reichs nur noch in Gänsefüßchen erwähnt, dann wird in der Welt ein ganz falscher Eindruck von den tatsächlichen Verhältnissen in Deutschland erweckt. Wir müssen uns schleunigst da- ian gewöhnen, daß auch unsere Jnnenpolitik „unter Kontrolle“ steht. __________
Marr und Wert.
Der Reichskanzler Marx hat es für notig geyalten, bei einer Wahlrede in Bonn ausführlich auf den Kampf um den Reichspräsidenten Ebert einzugeyen. Zutreffend legte er dar, daß der Präsident formal zu Recht sein Amt innehabe, da der Reichstag im Derbst 1922 durch oerfasfungsänderndes Gesetz die Mandatsdauer bis 30. 6. 1925 verlängert hat. Herr Marx fügte die Versicherung hinzu, daß Herr Ebert sich nie unzulässig in oie Regierungsgeschäfte eingemischt habe, und die Warnung: man solle doch nicht das „Staatsoberhaupt" in den Wahlkampf hineinzerren und dadurch das Ansehen und die Ehre des Deutschen Reiches gefährden. Dies geht nun wohl etwas zu weit. Eigentliches Staatsoberhaupt ist der Reichspräsident nicht; und jeder Gewählte muß sich in Wahlkämpfe hineinziehen taffen. Ja, schon Kaiser Wilhelm 2. vueb nicht vor öffentlichen und parlamentarischen Angriffen bewahrt, als sein „persönliches Regiment" dem Reich zu schaden schien. — Auch .venn man Herrn Ebert persönlich für durchaus ehrenwert und geistig für überdurchschnittlich halt, wird man die lange Festlegung seiner Präsidentschaft heute bedauern dürfen. Es war falsch, den Reichspräsidenten einer Flügelpartei zu ent- nehmeN, es war auch falsch, einen Mann von seiner Herkunft wählen. Das Gefühl (in allen Schichten) empört sich nun einmal dagegen, und man gibt denen auf der Rechten billige Waf- feii in die Hand. Gewiß: es ist kein Beweis für hohe politi- fche Bildung im deutschen Volke, wenn Äußerlichkeiten wie die Herkunft des Reichspräsidenten oder auch die Farben der Reichsflagge eine große Rolle im Wahlkampf spielen. Aber man wird sich damit abfinden müssen und nicht gleich sentimental werden dürfen, wenn die Kampfwagen Schmutz nach den Seiten und nach „oben“ spritzen. Beleidigungen und Schmähungen des Reichspräsidenten werden wir stets verurteilen, wer •"•"ch den Ehrenssffel einnehmen möge. Aber wenn wir uns einen anderen wünschen kann uns das niemand verdenken.
Werbet
für die „Hessische Morgenzeitung“