Einzelbild herunterladen
 

342

Müh' und 3<• L das ist vielerlei, was da verlangt wird, um zu einem Erfolge zu gelangen. Mit Geduld, Muh' und Zeit, da können auch noch ganz andere und nützlichere Dinge zu Stande gebracht werden, als ein Allaskleid." Wer so sagte, der hätte recht, wenn von einem Seidenzüchter wirklich eine so große Geduld ver­langt würde, wenn wirklich eine so außerordentliche Mühe und Anstrengung nothwendig wäre, und wenn ein gut Stück Ewigkeit dazu gehörte, bis erst die Seide gewickelt werden könnte. Aber dem ist nicht so: sechs Wochen ist keine Ewigkeit und in den sechs Wochen drei oder viermal des Tages frische Blätter zu brechen und den Seidenraupen zum Fressen hinzustreuen, dazu gehört keine -große Anstrengung und keine ungewöhnliche Geduld, und viel mehr gehört überhaupt nicht dazu, um aus den grünen saftigen Maulbeerblättern die herrliche gelbe und weiße Seide und aus der herrlichen Seide die runden blanken Thaler zu gewinnen. Drum, wer Gelegenheit hat, sich ein Paar Maulbeerbäume zu pflanzen oder eine Maulbeerhecke anzulegen, der denke an Las Sprichwort: »Probiren geht über Studireu;" er probir's einmal mit der Seidenzucht, zuerst ganz im Kleinen, und wenn auch vielleicht im ersten Jahre, weil Dieses oder Jenes ver­sehen ist, der Erfolg hinter der Erwartung zurückbleibt, so lasse er sich dadurch nicht gleich abschrecken, föne ein denke an die anderen Sprüchlein: »Aller Anfang ist schwer« und „Erfahrung macht den Meister." Damit aber die, welche Lust und Gelegenheit haben, einen Versuch mit derSeidenzucht zu machen, nicht Alles Lurch eigne Er­fahrung zu lernen brauchen, sondern auch ras, was an­dere SeiLenzüchter durch die Erfahrung schon gelernt haben, benutzen können, so soll hier das Wesentlichste über die Seidenzucht kurz mitgetheilt werden.

Zuerst:

I. Was versteht man unter Seidenzucht?

Das Vaterland der Seidenraupe ist Asien und daselbst vorzüglich China, Japan, Persien und Indien; in diesen Ländern lebte, geschichtlichen Ueberlieferungen zufolge, die Seidenraupe schon vor mehreren tausend Jahren im Freien.

Die Natur hat nämlich dort den Maulbeerbaum in unabsehbaren Strecken und int üppichsten Wüchse erzeugt, wie bei uns Laub- und Nadelwalvungeu.

Dem Einen gibt sie Dieses, dem Andern Jenes.

Die Fülle der Blätter des Maulbeerbaumes — der Seidenraupe einzige Nahrung — und günstige klimatische Verhältnisse gestalteten unter jenem Himmelsstriche vor un­denklichen Zeiten die Seidenzucht im Freien, oder die sogenannte wilrc Seidenzucht, bei welcher folgendes Ver­fahren Statt findet:

Mit beginnendem Frühling durchbricht die Raupe, als ein kleines unansehnliches Thierchen, belebt durch die

Kraft der wärmere» Sonne jener Gegenden, die dünne Schaale des an Farbe und Größe dem Mohnsamen nicht unähnlichen Eies. Millionen ernähren sich von dem reichlichen Futter der Maulbeerbäume uns widerstehen erstarkt im Freien jedem Wechsel der Witterung.

Schon nach vier Wochen neigt sich, beschleunigt durch die angeborne Freßlust, ihre Lebensperiode zu Ende. Zu der Größe des Kleinfingers einer Manneshanv herange­wachsen , flieht die reife Raupe das sonst willkommene Futter, sowie die Gesellschaft der noch fressenden Raupen; mit empor gemittetem Kopfe und in unruhiger Eile sucht sie ein stilles Plätzchen an den blätterleeren Baumzweigen, zu Anlegung ihres kostbaren Gespinnstes, das mit kunst­fertiger Thätigkeit in Form eines Knänels (Kokon) in wenigen Tagen vollendet erscheint. Schon am dritten Tage der bei günstigem Wetter unausgesetzten Arbeit ent­zieht sie sich dem Blicke deS Beobachters, und schrumpft, sich ausspinucnv, zur 1 Zoll langen Puppe zusammen. Am neunten Tage ungefähr beginnt die willkommene Ernte der Einwohner, die Gespinnste werden abgenommen, das innenwohnende Leben mittelst Dämpfen oder trocke­ner Hitze getödlet, und durch künstliche Abhaspelung die rohe Seide gewonnen.

Nur der zur Fortpflanzung nöthige Bedarf bleibt an den Zweigen der Bäume von menschlicher Hand verschont, bis nach Verlauf von ungefähr 14 Tagen die Puppe zum Schmetterlinge geworren, der mittelst eines ätzenden Saftes das zähe Gespinust durchbricht. Ohne jedoch irgend eine Nahrung zu sich zu nehmen, folgt er nur dem einzigen Triebe der Fartpflanzung. Bald nach der Begattung legt das fruchtbare Weibchen in kurzen Zwi- schenräumen 400 — 500 Eier. Hiermit ist die Bestim­mung der Schmetterlinge erfüllt und sie sterben.

Die auf diese Weise im Freien gewonnene Seide ist rauh und nicht zu allen Stoffen anwendbar, dies führte schon frühzeitig zu dem Versuche, die Raupen in mensch­lichen Behausungen durch abgepflückte Maulbeerblätter zu ernähren, uno sie und mit ihnen ihr Gespinust vor den Einwirkungen der Witterung zu bewahren, zugleich sie zu schützen vor den Nachstellungen und Angriffen ihrer vielen Feinde, namentlich der gefiederten Bewohner der Wälder, und sie zu erziehen mit sorgsamer Pflege. Diese Bemühungen hatten die erfreuliche Folge eines ungleich feineren Gespinnstes, und einer reichlicheren Ausbeute an Kokons. Immerhin Resultate, deren überwiegende Vor­theile den menschlichen Fleiß vielfältig entschädigten, und die Seidenzucht frühzeitig in i hrein" V a ter la nd e im geschlossenen Raume, das heißt, die zahme Seidem- zucht, begründeten, die jetzt ausschließlich allein in allen Staaten, wo der Seidenbau einheimisch geworden, auf unverändert gleiche Weise betrieben wird.

(Fortsetzung folgt).

Gedruckt und verlegt in der Buchdruckerei des vereinigten evangel. Waisenhauses.