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Wer Lahnbote.

Gesetzlicher Fortschritt.

M'ro. 4Oe Weilburg, den 6. December. L848.

Diese« Blatt erscheint wöchentlich einmal und zwar Mittwochs einen halben Bogen stark; der Preis ist mit dem Beiblatt, derLahnbotin", in Weilburg vierteljährl. 50 Fr. Dasselbe ist durch alle Postämter mit einer kleinen Erhöhung zu beziehen. Anzeigen aller Art werden in diesem Blatte ausgenommen und kostet die Zeile in Petitschrift 5 Fr. Größere Schrift wird nach Verhältniß des Raums berechnet.

Uebersicht:

Die Wirksamkeit der deutschen Centralgewalt. Cavaignac und Loui« Napoleon. Ein Aufruf zur Bildung von Vereinen. Die deutsch« Rrichsverfaffuiig.

Die Wirksamkeit der deutschen Centralgewalr.

(Schluß.)

Bei so entschiedenem Widerwillen von ganz Oesterreich, in die zu Frankfurt beschlossene Trennung der deutschen Lande zu willigen, kann die Centralgewalt nicht energisch auftreten, ohne Gefahr zu laufen, sich zu blaunren; von Gewalt kann nun einmal durchaus Bit Rede nicht sein. Man hatte besser gethan, den Vorschlag Heinrich v. Gagerns:Oesterreich als Grsammtmonarchic bestehen zu lassen, und sich möglichst enge im gemeinsamen Interesse mit ihm zu verbinden," zum Beschlusse zu erheben. Es ist zu erwarten, daß man bei der zweiten Berathung darauf zurückkommen wird. Der alte Ra detzky schreibt dem österreichischen Abgeordneten in Frank­furt, Egger:Wie war es möglich, daß der Gedanke in Frankfurt Anklang finden konnte, durch solche Beschlüsse, wie die, die Ihre Erklärung (nämlich gegen die Personalunion) veranlaßten, Oesterreich zu einer Trennung zu zwingen; denn das müßte die Folge sein, wollte man diese Grundsätze durchführen. Man werfe einen Blick auf die Karte und- frage sich, ob es möglich ist, die deutschen Provinzen Oester­reichs aus einem Staatsverbande Herauszureißen, in dem sie Jahrhunderte lang ihr Glück und ihren Wohlstand gefunden. Glaubt man ernstlich in Frankfurt, daß das mit einem Vo­tum möglich sei? In meiner Brust schlägt ein treues, deut­sches Herz; aber wahrlich, um diesen Preis müßte ich eS zum Schweigen bringen. Man faselt viel in Deutschland von den Gefahren des Panflavismus; man thut aber wirklich alles, um dieses Gespenst zu verkörpern; denn schon ist Em­pörung identisch mit deutsch geworden. Oesterreich mit seinen nichtdeutschen Provinzen zählt 38 Millionen; möge man das in Frankfurt nicht vergessen, und sich nicht mit einem starren Deutschthum um einen solchen Bun­desgenossen bringen. Oesterreich wird sich eher von Deutschland als von Oesterreich trennen. Die Zeit wird lehren, ob ich mich in meinen Ansichten irre." Ich glaube, der Alte irrt sich nicht.

Kein Preußen und kein Oesterreich mehr, ein einig Deutschland nur,-- ist so oft gesagt, gesungen worden, (und wird nächstens auch gewalzt oder galoppirt werden) daß viele die Sache schon als gleichsam abgemacht ansehen. Daß eS

aber mit Oesterreich ein bedeutendes Hâckchen hat, nämlich: daß weder Regierung noch Volk will, werden wir erfahren; und auch der völligen Einverleibung Preußens in den deutschen Bundesstaat sieben Schwierigkeiten im Wege, welche das vielgeschmähte Frankfurter Reichsministerium, das, da die Centralgewalt, wie schon ihr Name, ein Abstraktum besagt, als geistige Macht nur durch ihr moralisches Gewicht wirken kann, ebenfalls nur vermittelnd auftreten darf, schwer­lich überwinden wird. Was kann eS bei dem gegenwärtigen Conflikte der preußischen Regierung mit der preußischen Natio­nalversammlung thun? Beide behaupten, in ihrem Rechte zu sein, und beide sind auch, aber vielleicht nur theilweise, darin. Der König spricht: »Ich habe das Recht, mein sSu^j^ zu wählen, und die Nationalversammlung hat mir dieß nicht vorzuschreibeii; ferner, die Nationalversammlung ist von mir berufen worden, um mit mir eine Verfassung zu verein­baren; von einer solchen Versammlung verlange ich, daß sie vollkommen frei, daß kein Mitglied in freier Meinungsäuße­rung und Abstimmung gehemmt sei. Dieß war bis jetzt nicht der Fall: eine große Zahl der Mitglieder wurde vom Pöbel mißhandelt, die Versammlung selbst wurde von ihm in ihrem Sitzungslokal terrorisirt, ein Gesetz zu ihrem Schutz zu geben hat sie verschmäht; die Bürgerschaft von Berlin, deren Schutz sie sich anvertraut hatte, konnte oder wollte nicht ein schreiten; als sie einen rohen Arbeiterhaufen mit Gewalt zurückgetrieben hatte, folgte sie hernach den Leichen der gefallenen Aufrührer. Uebcrdieß ist Berlin zum Centralpunkt der auf­rührerischen Bewegungen förmlich ausersehen worden. Der Demokratencongreß, der aller bürgerlichen Ordnung offen den Krieg erklärt, fand oder findet dort statt; auch ein linkes Vorparlament sollte, um das Parlament in Frankfurt aufzu­heben, in Berlin zusammenkommen; Mitglieder der National­versammlung traten mit den Dcmokr.'tenführeril in nähere Verbindung rc., kurz, ich glaube im wahren Interesse Preußens und Deutichlands zu handeln, wenn ich die Versammlung ver­tage, bis die Lokalitäten in Brandenburg (auf der Eisenbahn 2 Stunden von Berlin) für ihre Aufnahme hergestellt sind, und sie dann dort ihre Sitzungen halten, und unabhängig von der wogenden, stets wechselnden und zu verderblichem Zweck leicht zu gewinnenden niederen Volksmasse einer großen Stadt. Ich habe die Schwierigkeiten, die sich dieser mir unumgänglich nöthig scheinenden Maßregeln entgegenstellen würden, voraus­gesehen, und die Minister, die ihre Ausführung auf ihre Ver­antwortung übernahmen, verbargen sich dieselben nicht; aber bei dem Bewußtsein: in unserem Rechte zu sein und