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Wer Lahnbote.

Gesetzlicher Fortschritt.

Bsro- 39, Weilburg, den 29. November. L848«

Dieses Blatt erscheint wöchentlich einmal und zwar Mittwochs einen kalben Bogen start; der Preis ist mit dem Beiblatt, derLahnbotin", in Weilburg vierteljâhrl. 50 fr. Dasselbe ist durch alle Postämter mit einer kleinen Erbökung zu beziehen. Anzeigen aller Art werden in diesem Blatte ausgenommen und kostet die Zeile in Petitschrift 5 kr. Größere Schrift wird nach Verhältniß des Naums berechnet.

Uebersicht:

Die Wirksamkeit der deutschen Centralgewalt. Ueber den Ge. brauch des freien Dereinsrechtes. Oie deutsche Reichsversaffung.

Die Wirksamkeit der deutschen Centralgewalt.

In einer Zeit, wie die unsrige, wo große Gefahr ist, daß die Stimme der Vernunft durch verworrenes, wildes Parthei- geschrei völlig übertäubt wird, thut es vor Allem noth, sich den Blick frei zu halten, damit man die Dinge in ihrem wahren Lichte, frei von aller fremden Färbung, sieht, um sich dann sein eignes, selbstständiges Urtheil bilden, nach eigner Ueberzeugung sein Wirken und Handeln einrichten zu können. Ein solches selbstständiges, aus vernünftiger Betrachtung der Zeitverhältnisse hervorgegangenes unpartheiisches Urtheil müssen wir aber vorzüglich von dem verlangen, der sich anheischig macht, durch Wort und Schrift Andere, zumal die ungebilde­ten oder halbgebildeten Schichten des Volkes zu belehren und auf den rechten Weg zu bringen, oder auf demselben zu er­halten. Wie wenig jedoch die Mehrzahl der sogenannten Volkèfreundc und Volkslehrer dieser Anforderung entspricht oder zu entsprechen sucht, sehen wir leider alltäglich, und das Trei­ben derselben, welches, wenn es blos aus Irrthum und Un­verstand hervorginge, unser Mitleid erregen würde, wird, weil nur zu offenbar absichtliche Verdrehung der Thatsachen zur Erreichung eigennütziger und verbrecherischer Zwecke sich in ihren sein sollenden Belehrungen des Volkes kund gibt, wahrhaft empörend und Abscheu erregend. So wird nament­lich das Wirken der Ccntralgewalt und des Rcichsministeriums sowohl int Allgemeinen, als auch insbesondere in den Wiener und Berliner Wirren auf alle Weise geschmäht und durch Entstellung oder Jgnorirung des wahren Sachverhaltes in das schiefste Licht gestellt. Wir wollen daher hier kurz, im In­teresse des "gesetzlichen Fortschrittes», dessen Förderung dieses Blatt als Motto führt, möglichst unpartheiisch unsere Ansicht über die Wirksamkeit der (Zentralbehörde in der letzten Zeit darlegen.

Die Oktoberunruhen in Wien wurden bekanntlich dadurch hervorgerufen, daß eine Abtheilung von Truppen sich weigerte, gegen die Ungarn zu ziehen. Diese von ihr selbst hervorge­rufene Verweigerung benutzte die Nevolutionsparthei zur offe­nen Empörung gegen die gesetzliche Regierung; der Rcichsrag in seiner übrig gebliebenen Fraction schloß sich derselben an,

und nahm die Regierung in die Hand; der Kaiser war per­sönlich nicht mehr sicher und floh; das Zeughaus wurde ge­plündert und der Pöbel bewaffnet; der Kriegsminister Latour auf eine scheußliche Weise ermordet, und noch an der nackten Leiche der eckelhafteste Hohn verübt; die Mörder wurden nicht bestraft, blieben in den Reihen der Wehrmannschaft, und durf­ten sich sogar ihrer That vor dem Reichstag rühmen; die akademische Legion, durch polnische, ungarische, italienische und andere Emissäre gereitzt, schritt in Gemeinschaft mit dem be­waffneten Proletariat zum Aeußersten; der Reichstag, schein­bar frei und wenn auch frei, doch zur Part hei ge­worden ging mit ihnen Hand in Hand. Und mit dieser Parthei, die im Bunde mit den Feinden der österreichischen Monarchie, trotz dem, daß der Kaiser alle früheren Verwil- ligungen garantirt, und nur die Forderung stellt, die akademische Legion und das Proletariat zu entwaffnen und zur gesetzlichen Ordnung zurück zu kehren, mit dieser Parthei sollte die deutsche Centralgewalt in Verbindung treten, und den Kaiser zur Nach­giebigkeit zwingen? Wie war das möglich? Sie that was sie konnte; schickte Bevollmächtigte ab, um eine friedliche Lösung der Wirren anzubahnen; aber natürlich nicht nach Wien, sondern nach Ollmütz. Was diese Bevollmächtigten gethan, um den Zweck ihrer Sendung zu erreichen, ist vor der Hand noch nicht vollständig bekannt; von ihnen als bekannt redlichen tüchtigen Männern läßt sich jedoch voraussetzen, daß sie kein Mittel unversucht gelassen haben ; so viel aber liegt an dem Tag, daß die Regierung in Ollmütz mit dem regierenden, auf die bewaffneten Proletarier sich stützenden, Reichstag in Wien nicht als mit einer gleich berechtigten Gewalt unterhandeln konnte. Von gewaltsamem Einschreiten der Reichsgewalt, von dem Durchhauen des Knotens (natürlich zu Gunsten der Nevolutionsparthei), konnten nur die reden, welche nicht wissen oder nicht wissen wollen, daß fremde Truppen in Oesterreich ein wohlgerüstetes, schlagfertiges und schlagwilliges Heer von ein paarmal Hunderttausend Mann würden gefunden haben. So geschah denn, was geschehen mußte, Wien würde belagert; die vom Gemeinderath eingeleitete Unterhandlungen durch frevelhaften Bruch vereitelt, und sodann die wirkliche Erobe- rung herbeigeführt. Man hat viel von den Greueln gespro­chen, welche die Croaten ausübten. Durch wen wurden sie herbeigesührt? Kannte man die Kroaten nicht, und wußte man nicht, daß sie vor den Thoren, in den Vorstädten standen? Das vergossene Blut komme über die, welche eine sriedlickre Uebcreinkunft' durch frevelhaften Waffenstillstandsbruch unmög­lich gemacht haben. Nach der Einnahme wurden sogleich