Einzelbild herunterladen
 

Wer Lahnbote.

Gesetzlicher Fortschritt.

Mro- 37« Weilburg, den «3. November. 1848.

Dieses Blatt erscheint wöchentlich einmal und zwar Mittwochs einen halben Bogen stark; der Preis ist mit dem Beiblatt, derLahnbotin", in Weilburg vierteljâhrl. 50 kr. Dasselbe ist durch alle Postämter mit einer kleinen Erhöhung zu beziehen. Anzeigen aller Art werden in diesem Blatte ausgenommen und kostet die Zeile in Petitschrift 5 kr. Größere Schrift wird nach Verhältniß deS Raums berechnet.

Uebersicht:

Wien und die Cavitulation. PreSbyterial- und Synodalverfas­sung der evangelischen Kirche Nassau's. Entwurf deS deutschen Reichs« grundgesetzeS.

Wien und die Capitulation.

In der vorletzten Nummer dieses Blattes hatten wir die Hoffnung ausgesprochen, daß die Wiener Wirren sich friedlich lösen würden. Zu dieser Hoffnung glaubten wir einestheils berechtigt zu sein, durch die Unmöglichkeit, daß eine Stadt von 400,000 E., ohne vorher förmlich verproviantirt zu sein, lange eine völlige Einschließung ertragen kann; anderntheils durch das Vertrauen, daß man von der einen Seite nur im höchsten Nothfall zu harten Maßregeln gegen die unglückliche Stadt schreite; von der anderen, es aus gerechten und vernünftigen Rücksichten zu diesem äußersten Nothfall nicht kommen lassen würde. Der Reichstag in Wien, dessen Standhaftigkeit so sehr gepriesen wird, trägt eine große Schuld; er hätte die Plün­derung des Zeughauses für das erklären müssen, was sie war; er hätte namentlich auch die Ermordung Latour's feierlich von sich abmälzen und die Mörder zur Strafe ziehen, er hätte sich überhaupt von der herrschenden fanatischen Parthei frei erhal­ten müssen; dadurch würde er dem Gouvernement gegenüber eine ehrenwcrthe Stellung erhalten haben, die ihm so abging. So wenig wir nun die zum Theil harten Bedingungen von Windisch-Grätz billigen (sie waren von der Art, daß sie ehren­halber nicht angenommen werden konnten) so ist doch außer Zweifel, daß er die Stadt, die sich schon wegen der Herrschaft der akademischen Legion und des Proletariats nicht ergeben konnte, nehmen mußte, wenn sie nicht durch den Schrecken des Proletariats hätte zu Grunde gehen sollen. Auch war die Politik, die man in Wien befolgte und so hartnäckig festhielt, schon an und für sich eine für die Stadt sehr verderbliche. Die un­garische Politik geht bekanntlich auf Vernichtung der österreichi­schen Monarchie; löst sich diese aber auf, dann wird Wien nichts weiter, als eine Provinzialstadt an der südlichsten Gränze Deutschlands sein. Und wie verkehrt auch, sich mit seinen Todtfeinden Koffuth, Pulszki, Bem und den Emissären von Karl Albert und Mazzini zu verbinden! Windisch- Grätz hat Wien gerettet, so wie Cavaignac Paris; wir glau­ben mit Grund erwarten zu dürfen, daß er die Maßregeln der Strenge nicht weiter ausdehnen wird, als die Noth er­fordert. Wenigstens läßt die von dem zeitigen Stadtkomman­danten Freiherrn von Cordon unter dem 3. November er­

lassene Proklamation, die den versöhnlichsten Geist athmet, das Beste hoffen. Ohnedieß war ja immer den von dem Kaiser früher zugestandenen Rechten und Freiheiten die unge­schmälerte Fortdauer zugesichert worden. Auch dürfte wohl die Verlegung des Reichstags nach Kremsier nicht in Er­füllung gehen; wenigstens derselbe seinen Sitz nur so lange daselbst nehmen, bis er in voller Ruhe und Unabhängigkeit von einer politischen Parthei wieder zu Wien seine Versamm­lungen wird halten können. Die Ungarn von Nord, Süd, Ost und West gedrängt, können sich nicht Haffen. Auch hier wird sich zeigen, daß die Kossuth'sche Parthei schwächer ist, als man nach ihrem großen Geschrei glauben sollte. Auch kann Ungarn ohne Oesterreich sich gar nicht halten, die Slaven würden es erdrücken. K. L. M.

«~--

Presbyterial- und Synodatverfassung der evan­gelischen Kirche Nassau's.

Die beiden vorhergehenden Nummern dieses Blattes ent­halten den Weilburger Entwurf einer Verfassung für die evan­gelische Kirche des Herzogthums; auch sind bereits einige Be­merkungen beigefügt, um einzelne hervorstechende Punkte näher zu beleuchten und zu weiterem Nachdenken darüber in unserem Leserkreise Veranlassung zu geben. Wir hoffen, daß die Theil­nahme an dieser wichtigen Angelegenheit im Wachsen begriffen sei, und wollen darum heute in unseren Bemerkungen fortfahren. Denn wenn es uns auch sehr bedauerlich erscheinen mußte, daß bei der Deputirtenwahl zu der abgehaltenen Synode sich der größere Theil der evangelischen Gemeinden oder Gemeinde- glieder von thätiger Theilnahme entfernt hielt man sagt, es sei den Leuten vorgeschwatzt worden, die Geistlichen wollten sich bei der Gelegenheit etwas machen, und dazu möchten die Leute dann doch nicht selbst behilflich sein, sondern lieber gar nicht wählen so darf man doch wohl jetzt, da es klar vor­liegt, was sich die Geistlichen mit Hilfe der übrigen Depn- tirten haben machen wollen, erwarten, daß das verdrehte Ur­theil sich geändert habe und man einsehe, daß es nicht die per­sönliche Stellung der Geistlichen war, um derentwillen gearbeitet wurde, sondern die Erhebung der Kirchlichkeit und Religiosität ln der Gemeinde.

Welches ist nun der leitende Gedanke, der den Verfertigern des vorliegenden Entwurfes vorschwebte? Das ist kein anderer, als der, daß die Gemeinde überall selbst thätig in das ganze kirchliche Leben eingreifen müsse, um wahren Antheil zu nehmen an der Kirche und der