Der Lahnbole.
Gesetzlicher Fortschritt.
Asro. 31, Weilburg, den 4. October. 1848»
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Uebersicht:
Die Sammlungen für die deutsche Flotte. Wird Oestreich oder Preußen an die Sritze der deutschen Nation treten müssen? Schleswig- Holstein dem Waffenstillstand gegenüber. Norwegische Verfassung.
Die Sammlungen für die deutsche Flotte.
Die Deutschen sind ein gutes, gemüthliches Volk. Sie helfen gerne, so viel sie können; sie steuern gerne bei, und freuen sich, wenn beigesteuert wird. Die kleine Gabe macht ihnen oft mehr Freude, als die große, gleichwie unser Herr Christus das Schärflein der armen Wittwe höher anschlug, als die großen Gaben der Reichen und Pharisäer. Eine Stadt ist durch Feuersbrunst heimgesucht, ein Vaubfmdrburd) Fluchen verwüstet; ein anderer leidet Hunger durch Mißwachs oder Mangel an Verdienst; — sogleich ergeht durch alle deutsche Blätter ein Hülferuf, und milde Gaben fließen. Man pflegt dabei nicht zu fragen, ob es nicht weit gerathener und vernünftiger wäre, wenn die betreffende!» Regierungen, welche doch zunächst zur Abhülfe der Uebelstände verpflichtet sind und die Verhältnisse am besten kennen müssen, energisch einträten; — man steuert eben bei. Daß eine solche Barmherzigkeitshülfe immer nur eine unvollkommene ist, wird gewöhnlich nicht bedacht. — Marr denke an die Noth der schlesischen Fieber, — an die Hungerpcst in der Gegend von Pleß. Preußen zählt 16 Millionen Einwohner; Staatseinkünfte hat es gegen 64 Millionen Thaler; das Militär kostet in Friedenszeiten gegen 26 Millionen Thaler. Konnten und mußten nicht einige Millionen zur Hebung des Gewerbes und zur Abwehr der Hungersnoth, — (bie eingegangenen Beiträge waren nur ein Tropfen auf einen glühenden Stein gegossen) — konnten lucht von dem so bedeutenden Kriegsbudget jährlich wenigstens eine oder zwei Millionen zur Beschaffung und Erbaltung einer Kriegsmarine verwendet werden? Was ist in leNter Beziehung geschehen? Soviel wie nichts. Weder Preußen noch Mecklenburg, noch Hannover, noch Oldenburg, noch die reichen Hansestädte: Hamburg, Lübeck, Bremen haben dafür die nöthigen Ausgaben zu machen für gut befunden. Auch Oestreich, bei der so großen Wichtigkeit seines Seehandels, hat keineswegs seine Kriegsmarine auf den Fuß gesetzt, um nur mit einigem Nachdruck denselben schützen zu können. Wie machtlos erschien es der sardinischen Flottille gegenüber, welche seinen wichtigsten Seehafen, Triest, blokirte? — Wir sind also zur See so gut wie völlig wehrlos. Jetzt aber soll eine
deutsche Marine geschaffen werden. Was geschieht? Durch ganz Deutschland ergeht wieder der Ruf um freiwillige Beiträge; man singt, spielt und tanzt für die Marine; man stellt 6 kr. Sammlung an. Kassel, eine Stadt von 34,000 Einw., wo in neuester Zeit die liberalen Katzenmusiken in allen Variationen ertönen, hat 36 Thaler gesteuert ! O Jammer! In England und Frankreich, mit denen wir uns so gerne zu vergleichen, die wir uns zum Muster vorzuhalten pflegen, würde man sich einer solchen Bettelei zur Förderung der höchsten Interessen des Staates bis ins Innerste schämen. — Und es handelt sich hier wirklich um unsere höchsten Interessen. Ohne Kriegsmarine können uns von jeder, auch der kleinsten Seemacht die Mündungen der EmS, der Weser, der Elbe, der Oder, der Weichsel verschlossen werden; im Rhein dürfen wir ohncdieß gemäß früherer Verträge nur jusqu’â la mer, und die Mündungen der Donau sind, Dank der Metternich'schen Politik, so gut wie gesperrt, da Oestreich nicht die Mittel hat, eine Occupation derselben durch russische Kriegsschiffe zu wehren. Also einer Nation von 45 Millionen Seelen können von jeder beliebigen Seemacht die Hauptnerven ihres Handels und Wohlstandes unterbunden, durchschnitten werden! Die Errichtung einer Kriegsflotte ist also für Deutschland nicht mehr und darf nicht mehr sein eine patriotische Phantasie, in welcher und für die man schwärmt, dichtet und gelegentlich auch eine kleine Ausgabe macht nach alter deutscher Manier. Die Sache muß mit Ernst angegriffen und hier, da wir dermalen noch kein Rcichskricgsbudgct haben, durch eine Flottensteuer geholfen werden. Wenn durch ganz Deutschland nur
oder J/3 Simpel der gewöhnlichen Steuern gehoben würde, (haben wir doch auch Kirchensimpel bezahlt!) so würde dieß für's Erste hinreichen. In England und Amerika gibt es beständig Schiffe zu kaufen; Matrosen liefern die deutschen Küsten der Ost- und Nordsee; Seeofficiere würden wir leicht in Amerika finden. — Soll aber eine Sammlung von freiwilligen Beiträgen stattfinden; so eröffne man von Frankfurt aus eine Subscription, deren Liste man zuerst an das östreichische, dann ans preussische u. s. w. Regentenhaus schickt. Wann diese sich mit Hunderttausenden oder Millionen unterzeichnet haben, werden die reichen Grundbesitzer und Kaufleute u. s. w. nicht zurückbleiben, und dann mag man meinetwegen auch zur Hütte des Taglöhners herabsteigen — aber nicht umgekehrt. — Ob die drei Millionen Thaler, die man in Frankfurt vorläufig zur Beschaffung einer deutschen Kriegsflotte bewilligt hat, flüssig sind, weiß ich nicht. K. L. M.