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Der Lahnbote.

Gesetzlicher Fortschritt.

M^O- 85« Weilburg, den 25. August. 1848»

Dieses Blatt erscheint wöchentlich einmal und zwar Mittwochs einen kalben Bogen stark; der Preis ist mit dem Beiblatt, derLahnbotin", in Weilburg viecteljährl. 50 kr. Dasselbe ist durch alle Postämter mit einer kleinen Erhöhung zu beziehen. Anzeigen aller Art werden in diesem Blatte ausgenommen und kostet die Zeile in Petitschrift 5 kr. Größere Schrift wird nach Verhältniß des Raums berechnet.

Uebersicht:

Deutschland und Italien. Die Zehntfrage. StaatSversaffung Belgiens.

Deutschland und Italien.

Es liegen noch keine näheren Nachrichten vor, welche Ge­schäfte die englische und französische Vermittlung in Italien macht; doch scheint es, daß sie die anfänglich so hoch gespann­ten Ansprüche in Folge der neueren Ereignisse schon zum voraus wieder etwas herunterstimmt. Bei dem in Ver­wünschungen ausbrechenden Hasse, den die lombardische Be- vâiMA M.â geworfen hat, wirb die Aufgabe derVermittlung« eine doppelt schwierige. Setzen wir nun den Fall, der Feldmarschall Radetzky gäbe z. B. dem englischen Vermittler auf sein Anbringen' zur Antwort: er schlage vor, sich zuerst mit Irland zu beschäf­tigen, auf dessen Wohlfahrt er aus vielen Gründen sein Augenmerk gerichtet; das nördliche Trittheil wolle man der­malen noch bei England lassen, in Betreff der übrigen zwei Drircheile aber gehe er nur eben noch mit Rußland, Persien, und dem Vicekönig von Egypten zu Rathe, ob man besagten Theil von Irland an Dänemark oder die Vereinigten Staaten von Amerika geben, oder aber denselben mit der französischen Bretagne zu einem selbstständigen keltischen Königreich ver­einigen solle, und zu diesem edlen Zwecke biete er hiemit Großbritannien seine frenndschaftliche Vermittlung an,-- setzen wir den Fall, der alte Feldherr empfinge den englischen Zwischenträger mit einem derartigen Gegenanerbieten, so ist mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen, daß die englische Regie­rung dasselbe höchlich befremdend und sonderbar finden würde. Und doch hält sich Lord Palmerston ohne Zweifel für ein ganz verständiges Haupt, und doch ist die Antwort, welche ihm Radetzky in der obigen Weise geben könnte, nichts Ande­res als eine schlichte Rückübersetzung der Zumuthung, welche unter andern Namen England an Oesterreich stellt!

Nehme man statt Irland Algerien, oder Korsika, oder irgend einen andern Bestandtheil Frankreichs, der nicht fran­zösischer Nationalität ist, so paßt die Antwort ganz eben so genau auch auf das französische Vermittlungsanerbieten, und das gute, gesunde Recht spricht so schlagend daraus, daß es selbst demgeistreichsten Volke der Erde«, wie man in Paris zu sagen pflegt, schwer werden dürfte, eine logisch halt­bare Gegenerwiederung zu finden.

Da man nun in Deutschland gottlob auch nicht auf den Kopf gefallen ist, und in der neuesten Zeit überdies bedeut­same Fortschritte im Verständniß der nationalen Interessen gemacht hat, so ist es eine verlorene Mühe der englischen »nd französischen Blätter, Deutschland von der Gerechtigkeit ihrer Einmischung oder der logischen Haltbarkeit ihrer Gründe dafür überzeugen zu wollen, und die Keckheit der Anmaßung vermehrt nur die Stärke des Gegendrucks, der in einem Zeit­alter, wie das unsrige, bei einer Verhöhnung des Rcchtsgefühls und des gesunden Menschenverstandes nicht ausbleiben kann.

Wir haben Dies vorhergesagt, und sehen uns nicht getäuscht darin; mit jedem Tage mehren sich in der deutschen Presse die Stimmen^ welche der Anmaßung jenes englisch-französischen Vermittlungsbegehrens cnrgegentreten. Sv sagt eine der neuesten Nummern der Schwäbischen Volkszeitung in einem größeren Artikel:

Gottlob ist die Zahl Derer unter uns nur gering, die der Meinung sind, die Ehre Oesterreichs oder Deutschlands erfor­dere es, Italien aus freien Stücken zu räumen, und die sich freuen, wenn die deutschen Waffen denen fremder Völker unterliegen. Der allgemeine Unwille, der in der National­versammlung bei der Aeußerung Ruge's,die Radetzky's müssen aus Italien hinausgeworfen werden,« sich von allen Seiten äußerte, zeigte deutlich genug, daß das deutsche Volk sich noch nicht die Weltanschauung Ruge's zu eigen zu machen verstanden hat, welche die Vaterlandsliebe für philisterhaft und für unwürdig eines gebildeten Volkes erklärt.

Fragen wir nach dem Zwecke, den Frankreich bei dieser Einschreitung beabsichtigt, so wird cs ohne Zweifel den Grund angeben, daß es die Italiener in der Erringung ihrer Unab­hängigkeit und Selbständigkeit unterstützen wolle. Allein diese Antwort kann uns nicht täuschen, denn zu gut kennen wir das französische Volk, als daß wir glauben würden, es lasse sich aus blosem Mitleidsgefühl für die Unterdrückten und aus Hochherzigkeit in einen solchen gefährlichen Krieg ein; zu gut ist uns noch die Forderung im Gedächtniß, daß Sardinien, wenn cs die österreichischen Besitzungen in Italien sich einver­leibt hätte, Savoyen an Frankreich herausgeben müsse; und noch die letzte Nachricht, die uns die französischen Blätter bringen, Frankreich fordere, daß das venetianische Gebiet Oesterreich verbleiben, dagegen die Lombardei von demselben losgetrennt, und ein kleiner Theil an Sardinien, der größere Theil dagegen an Toskana fallen solle, zeigt uns deutlich genug, daß eS Frankreich nicht um ein starkes, einiges und