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nachsehen. Nachdem man sich so von der Zahl und Berechtigung der Anwesenden versichert, wur­den die WahlmLnncr wieder herabgerufen und gaben ihre Beglaubigungen und Stimmzettel ab. Dann wurde die Zahl der absoluten Mehrheit verkündet und die Versammlung entlassen, um nach erfolgter Zusammenstellung der Stimmen wieder berufen zu werden und das Resultat zu erfahren. Der Wahlausschuß vollzog indessen, während die Wahlmänner zu Mittag aßen, sein Geschäft und bald wurden wir wieder in den Dom versammelt, um der Verlesung des Protokolls beizuwohnen und zu hören, daß Conrector Schulz von Weilburg unter 646 Stimmen 547 erhalten, also mit einer sehr bedeutenden Mehrheit gewählt sei. Es trat derselbe sodann auf und dankte der Versamm­lung ungefähr in folgender Weist:

Theure Mitbürger!

Ich danke Ihnen aus tiefbewegtem Herzen für das Lroße Vertrauen, welches Sie mir durch Ihre Wahl zum deutschen Reichstage erwiesen haben. Ich täusche mich nicht über die Größe und Schwie­rigkeit des Berufes, welchem ich mich unterziehe; ich bitte Sie daher mich auf meinem verantwor­tungsvollen Wege zu unterstützen; ich bitte um Hten Rath durch Zisschriften und um recht häu- sige mündliche Verständigung am Sitz des Reichs­tags selber, sowie auch ich recht oft zu Ihnen reden werde. Ich danke Ihnen und werde streben, mich Jl)rer Wahl würdig zu erweisen. Welch' eine große, ernste, welch' eine wunderbare Zeit, ui welcher die Abgeordneten von 70,000 Deut­schen , die Vertreter des alten Niederlahngaues, des Herzens von Nassau mit dem kernhaften Bauernstand und den strebsamen Bürgern zur poli­tischen Tagsatzung zusammengetreten sind in der ehrwürdigen Stadt Ler salischen Kaiser auf dem Felsen Konrad Kurz b old 's, des Löwenbezwin- gers, des Erbauers dieser herrlichen Kirche. Liebe Muvürger, wir wollen es als ein gutes Vorzeichen annehmen, daß wir zuerst in der Stadt getagt haben, welche seit so vielen Jahrhunderten sich durch bürgerlichen Gemeinsinn ausgezeichnet hat und wollen mit unsren Vorfahren wetteifern in solchem Gemeinsinn, in Vaterlandsliebe und treuer Aufopferung; denn nie hat ein so großes Volk eine solche verssängnißvolle Zeit durchlebt als dem Deutschen ui diesem Augenblick bevorsteht. Der erste freudige begeisterte Aufschwung ist in den letzten Tagen getrübt worden; denn wir haben

uns, o des Schmerzes, schon wiederum mit Bru­derblut besudelt. Zugleich schleicht der böse Geist des Mißtrauens in Glaubeussachen, sowie zwischen den einzelnen Ständen durch unsere Gauen. O dieses Gift des Mißtrauens, welches durch einige Wenige unter uns ausgesäet wird, wollen wir zu Boden fallen lassen, ohne daß es den frischen Trieb unseres Herzens in Moder verwandle. Theure Mitbürger, wir wollen es ferner als eine gute Vorbedeutung anschen, daß wir in diesem prächtigen Dome versammelt sind; und wollen mit allen Kräften, die uns Gott verliehen, einen ähnlichen politischen Bau, ein Verfassungökunst- werk, einen großen stattlichen Dom über unser gan­zes Vaterland wölben. Aber die Abgeordneten des Volkes allein können dieses große Werk nicht vollbringen, nein, dazu muß ein Jeder von Ihnen in seinem Kreise Mitwirken und ein treuer Bau­meister sein. Dann wird das große Werk gelingen. Wir wollen alle dahin arbeiten rmermüdlich und rastlos, daß alle deutsche Gauen aus vollem Herzen ausrufen können: Unser Lahngau mit seinem Gemeingeist, mit seiner Bürgertugend lebe hoch!

Darauf erfolgte erwiedernd ein schallendes Hoch! unserem Abgeordneten Schulz. Dann ver­fügte sich die Versammlung auf den Domplatz, wo man in der Eile eine Berathung der Wahlmänner aus den Aemtern Weilburg und Runkel wegen der landstäudischen Walsten versuchte, aber durch einen Runkeler Wahlmann verhindert wurde. Es ordneten sich dann die Zurückblöibenden und zogen, die Stadtmusik voran, unter ungeheurem Jubel durch meliere Straßen nach Mahlinger's Garten. Die dort an die anwesenden Limburger von Schulz gehaltene kurze Anrede hat der Bericksterstatter nicht mitangehört, da er beschäftigt war noch irgend eine Verständigung zwischen den Aemtern Runkel und Weilburg wegen der landständischen Wahlen anzubahnen. Aber auch dieser Versuch scheiterte au dem Verlangen, wieder nach Hause zu kommen. Nach kurzem Verweilen zog die Ge­sellschaft nun wieder nach den Gasthäusern, damit auch die Ausschußmitglieder etwas genießen konnten. Die meisten Auswärtigen entfernten sich nun. Wenige blieben mit Schulz, um sich erst in Walter's Saal über Mancherlei noch zu bespre- chen und dann mit nach Diez zu fahren. Dort ward unter dem Willkommen einer großen Volks­menge bei Bauinspector Haas im Baltzer'schen Hause abgestiegen. Bald erschienen vor dem Hause iu zahlreicher Begleitung die Sänger und Turner