Vie Lahnbotin.
Mr°- 34t* Weilburg, den 27. December. 1848«
Dieses Blatt erscheint wöchentlich einmal und zwar Mittwochs einen Viertel Bogen stark als Beiblatt zum „Lahnboten"; der Preis ist in Weilburg für beide Blätter vierteljährlich 30 fr. Dasselbe ist durch alle Postämter mit einer kleinen Erhöhung zu beziehen. — Anzeigen aller Art werden in diesem Blatte ausgenommen und kostet die Zeile in Petitschrift 3 fr. Größere Schrift wird nach Verhältniß des Raums berechnet
Aktenstück aus Mannheim.
Der neue vaterländische Verein in Mannheim an den Vorstand des "Märzvereins" in Frankfurt a. M.
In Begleitung Ihres Umlaufschreibens vom 26. November empfingen wir Ihren Aufruf an das deutsche Volk zum Beitritt zu dem Märzverein.
Ihr Programm will: "die Einheit Deutschlands, die Freiheit, als das natürliche Eigenthum der Nation, und in Folge dessen die Berechtigung einer ungehinderten Ausbildung der Verfassungen der einzelnen Staaten auf gesetzlichem Wege." Auf solchen Anindlagen soll ein dauernder Zustand der Gesetzlichkeit, des Friedens und der Wohlfahrt der deutschen Nation und der einzelnen Volksstämme gesichert werden.
Wir sind damit vollkommen einverstanden, sind aber auch überzeugt, daß diese hohe Aufgabe nur erreicht werden kann, wenn man sich in den Mitteln nicht täuscht. Wir verkennen nicht, daß in den "Vorgängen in Wien und Berlin eine ernste Mahnung an das deutsche Volk liegt, wach zu sein und sich zusammenznschaarcn, damit seine Freiheit und sein Recht nicht verkümmert, nicht vernichtet werden". Wir beklagen mit Ihnen, daß »Arbeit und Handel, öffentlicher und Privat-Credit vergebens nach Gedeihen trachten". Wenn Sie aber nur von einem Feinde und nur von den Wühlereien dieser einen freiheitsfeindlichen und gewaltthätigen Parthei, die an allen Leiden des Volkes schuld sein soll, sprechen, so haben Sie offenbar nur nach einer Seite hingeblickt.
Die Freiheit und das Recht des Volkes hat zwei Feinde; Arbeit und Handel, öffentlicher und Privatcredit erlahmen unter dem Druck der Wühlereien zweier freiheitsfeindlichen und gewaltthätigen Partheien. Die eine ist die Parthei der Reaction, die andere die der Anarchie; jene wirft Anker auf dem Boden, den diese aufwühlt, und beide bedrohen gleichmäßig die Zukunft unseres großen Vaterlandes. Es genügt daher nicht, daß nur einem dieser Feinde der Krieg erklärt werde; offen und ehrlich muffen beide angegriffen werden. Rufen Sie dazu das beutfdje Volk auf, dann werden Tausende braver Männer hinter dem "Märzvereine" stehen. Glauben Sie, daß jeder wackere Mann aus Ueberzeugung ein geschworener Feind der Reaction ist. Glauben Sie aber auch, daß jeder Vaterlandsfreund mit Wehmuth auf die Verwüstungen hinblickt, welche die anarchische Parthei in den Reihen unseres Volkes anrichtct. Diese ist es, welche die sittliche Kraft, diesen alten Schatz unseres edlen deutschen Volks, zu vernichten strebt; durch sie wird das Volk schrecklich getäuscht, die wildesten Lei
denschaften werden heraufbeschworcn, die Moral wird untergraben, und die Wahrheit wird verkehrt in jesuitische Gleis- nerei. Dies trifft am Ende des Erfolgs aufs Haar mit der Metternich'schen Politik zusammen, führt, wie diese, das Vaterland gleichfalls ins Verderben, und das arme Volk kommt vom Regen in die Traufe.
Wir können also nach unserer Ueberzeugung mit dem "Märzverein" nur zusammenwirken, wenn er sich ebenso entschieden gegen die unheilvollen Wühlereien der Anarchie wie gegen diejenigen der Reaction ausspricht. Wir haben aber noch ein anderes Bedenken gegen den "Märzverein" auszusprc- chen. Unser Verein, sowie alle unsere vaterländischen Vereine, wie in neuester Zeit auch der nationale Verein in Kassel rc., anerkennen als wesentlichen Bestandtheil ihrer Programme, daß die deutsche Reichsversammlung in Frankfurt das gesetzliche Organ der Souverainität des Volkes ist, und daß ihre Be- ffchlüsse maßgebend und bindend für ganz Deutschland sind. Offenbar kann es auch nicht anders sein, denn die deutsche Reichsversammlung ist ja eben der Ausfluß der Märzerrungenschaften und von der freien Nation frei gewählt mit dem bestimmten Mandate, des Volkes Freiheit, Gesetz 'ün^ Wohh fahrt festzustellen. Daß nun gerade der "Märzverein" mffei- uem Programm des einzigen gesetzlichen Organs der Nation gar nicht erwähnt, ist um so befremdender, als die Gründe des Vereins unmöglich etwas Anderes anstrcbcn können, als wozu die Nationalversammlung, deren Mitglieder sie sind, von der Nation berufen ist.
Eine offene Erklärung auch in dieser Richtung würde nur dem allgemeinen Wohl dienen; denn je mehr die Nationalversammlung offen und versteckt in der Vollbringung ihres großen Werkes gehindert wird, um so mehr ist cs die Pflicht jedes wahren Vaterlandsfreundes, die feindlichen Elemente zu beseitigen. Unseres Erachtens würde der "Märzverein" für Freiheit, Frieden und Wohlfahrt des Vaterlandes die lohnendste Propaganda machen, wenn er in Bereinigung mit dem Kern des Volkes dahin wirken würde, daß eine vvlksthDnIiche Wirksamkeit der Nationalversammlung mehr und mehr zur Geltung käme; denn nimmermehr kann das Vaterland von bin Vereinen seine Gesetze und seine Verfassung erhalten; sie müssen ihm von seinem gesetzlichen, von ihm selbst berufenen Organe werden, und daß dies geschehe, und zwar in vollem Maße geschehe, dahin mögen die Vereine redlich wirken, dann wird jeder Vaterlandsfreund mit ihnen sein.