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Vie Lahnbotin.

Zu 19» Weilburg, den 22. November. 1848*

Dieses Blatt erscheint wöchentlich einmal und zwar Mittwochs einen Viertel Bogen stark als Beiblatt zumLahnboten"; der Preis ist in Weilburg für beide Blätter vierteljährlich 30 fr. Dasselbe ist durch alle Postämter mit einer kleinen Erhöhung zu beziehen. Anzeigen aller Art werden in diesem Blatte ausgenommen und kostet die Zeile in Petitschrift 3 fr. Größere Schrift wird nach Verhältniß des Raums berechnet.

Hecker in Amerika.

Die badische lüderliche Presse bezieht gegenwärtig ihre tröstlichsten Neuigkeiten aus Amerika: wo der große Hecker abgestiegen, wo er gespeist, wo er zu empfangen geruht rc. Theils mit Wuth, theils mit Hochempfindung werden Station für Station dem alten, verstockten Deutschland alle sechs Tagewerke des gottvollen Verbannten unter die Nase gerieben: Sieh, Amerika weiß ihn zu schätzen, den du für einen Wind­beutel gehalten. Etwas ist an der Sache; allein es ist doch auch Folgendes zu bedenken. Man muß es den Amerikanern nicht übel nehmen, dââ ilm Wesen so mit Hecker treiben; so habeu sie es gerade mit den zusammengewachsenen Siame­sen, mit der großen Giraffe, mit dem kleinen General Tom Thumb, und mit der göttlichen Fanny Eleler gemacht. Es sind eben eigene Kautze, die drüben.

Hoffentlich führt sich unser Landsmann drüben auch ver­nünftiger auf, als hüben, und läßt Nichts gegen die »Geld- menschen" und »Bourgeois" falle». Bruder Jonathan läßt in der Hinsicht nicht mit sich spaßen. Der Dollar geht ihm über Mosen und die Propheten; er würde Christum um 29 Silberlinge verkauft haben. Anderseits geht er wieder fleißig, "" zur Kirche, und vermeidet alle unanständigen Redensarten, ganz wie die Heckerlinge nicht. Was vollends die Frei­lassung der Sklaven anbelangt, so darf man dafür gar nicht einmal einen Antrag stellen bei ihm, eher schlägt er seinen besten Freund todt: Hecker wäre nicht der Erste. Fragt man ihn schließlich über die Wohlfeilheit und Einfachheit seiner Regierung, so erwiedert er, es seien noch keine 10 Jahre, daß fast alle Einzelstaaten Bankerott bei ihnen gemacht hätten, und sie hätten auch schon zwei Dutzend Regierungen, große und kleine, und wenn er Nichts an sie bezahle, so verlange er auch Nichts von ihnen.

Doch werden die gegenwärtigen Hofmacher unseres großen Landsmannes wohl meist Deutsche sein, die bei Bruder Jonathan schon ganz andere Schwappenhauereien ertragen gelernt haben, als die Hampelmänner da oben beim Schlüssel- wirth zu Muttenz. Uebrigens wünschen wir gut Heil.

Auch eine neue Idee ist in dem Rosengärtlein der badi­schen lüderlichen Presse aufgegangen, und alsogleich in baare Münze umgesetzt worden. Nach dem Mausfallenmuster der Zentralregierung vom 18. September hat nämlich das Ministerium Bekk gleichfalls den Struveschen Einfall selbst angezettelt, den Struve selbst gelockt, und, wer weiß, durch dritte Hand ihn dafür bezahlt, sich von General Hoffmann klopfen und fangen zu lassen. Hör' es, Volk! Oder ist die Reaktion nicht Alles fähig? Oder will man es leugnen, daß

der alte Reaktionär Latour, der Dieb, es so weit trieb, sich hängen zu lassen, blos um den Wienern den Windisch- Grätz und den Jellachich auf den Leib zu hetzen und den edlen Robert Blum in Wien abfangen und erschießen zu können? Und das Volk sollte noch einer Regierung trauen? Nichts da. Das Volk soll Niemand trauen, auch sich selbst nicht. Oder wer garantirt denn den Franzosen z. B. dafür, daß sie nicht in ein oder zwei Jahren sich selbst einen König setzen? Eben darum darf es keine Ruhe und keine Ordnung geben, und sind eben darum die Barrikaden Selbstzweck, und gehören noch vor die Grundrechte. Die wahre und soziale Republik, die man dem halsstarrigen Deutschland beibringen muß, bedarf nur zwei Gesetze: Nicht zu wenig köpfen und nicht zu sehr theilen. Was drunter oder drüber ist, schmeckt nach überwundenem Standpunkt, und wird ebenfalls geköpft, je eher, je lieber.

Politische Gewürzschachtel.

Vom Westerwald. Es ist gegenwärtig am Amte Rennerod eine Untersuchung anhängig, welche einen betrüben­den Blick in die moralischen Zustande einer gewissen Classe der Bevölkerung gewährt, die bei den demokratischen Vereinen und Volksversammlungen das Maul am weitesten aufreißt. Es ist das Branntweinproletariat, welches um einen Schluck Fusel alles politische Bewußtsein, Republik und Mo­narchie, feil bietet. Am 17. Oktober wurde in einer Kneipe zu Westerburg beschlossen, man wolle dem Herzog ein Vivat mit Fackelzug bringen, und Jeder, der nicht mit zöge, solle einen Geldbeitrag geben. Alsbald durchzogen die Rädelsführer die Straßen unter dem Rufe: »Es lebe der Herzog Adolph.» Darauf begaben sie sich in die Häuser der Wohl­habenden, zeigten Geldstücke vor, die sie angeblich anderswo schon erhalten, und brachten auf diese Weise ein Sümmchen zusammen, das ihren Schnapsbedarf auf einige Tage deckte. Der Volksverein zu Weilburg, der auch hier, auf dem Westerwald, seine Thätigkeit in der Bildung von Zweigvereinen entwickelt, hat unter dem Wahlspruch »Alles auf freiwilli­gem Wege« eine Proklamation an seine Angehörigen erlassen, worin diese aufgefordert werden, für den Fall, daß der Volks- mann G. von O. verhaftet würde, gen Dillenburg zu ziehen, und denselben gewaltsam aus den Händen der Justiz zn befreien, und hierauf haben elfhundert Personen aus dem Kirchspiel Emmerichenhain ihre Mitwirkung durch Namensunterschrift zu­gesagt. Wir theilen diese Nachricht als eine unverbürgte, jedoch mit dem Bemerken mit, daß wir sie aus dem Munde eines