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Vie Lahnbolin.

Brr0- 18« Weilburg, den 15. November. R818«

Dieses Matt erscheint wöchentlich einmol und iwar Mittwochs einen Diertel Bogen stark als Mirlatt zumLahnboten"; der Preis ist in Weilburg für beide Blätter vierteljährlich 30 fr. Dasselbe ist durch alle Postämter mit einer kleinen Erhöhung zu beziehen. Anzeigen aller Art werden in diesem Blatte ausgenommen und kostet die Zeile in Petitschrift 3 fr. Größere Schrift wird nach Verhältniß des Raums berechnet.

Der Dcmokratcncongreß in Berlin.

(Fortsetzung und Schluß)

Ohne uns lange bei der stehenden Phrase, womit der Berliner Demokratenklub seine Aufgabe bezeichnet: «Organi- sation des Widerstandes von Seiten des Volkes," wo absichtlich immer unbestimmt gelassen wird, was man denn gentlich unter »Volk" verstehe, aufzuhalten gehen wir zur näheren Beleuchtung der Rede von Kriege über. Er sagt, der Aus­schuß hatte sich bei dem Streben nach Herbeiführung der de­mokratischen sozialen Republik auf ein ideales Proletariat stützen wollen. Was ist das?, Proletarier waren bei den Römern die unterste Volksklasse (es gab sechs Klassen je nach dem Vermögen), die wegen ihres geringen Vermögens zu den Staatskassen nichts beitrug, auch Hid)t mit in den Krieg zog, also dem Staate nur durch Erzeugen und Aufziehen von Kindern nützlich wurden; sie hießen so: quod Propaganda Bolum alendaquc prole rempublicam juvarenf. Ideal nennt man das in seiner Art Vollkommenste, was dem Begriffe von Etwas völlig entspricht. So hört und spricht man von idealer Tugend, Schönheit, Häßlichkeit, auch von dem Ideale eines Staatsmannes, Soldaten rc. »Es wäre dem­nach ein idealer ProkekâLier' eist sökcher,' der Hetz; Staate wirk­lich und wahrhaftig nichts anderes leistet oder leisten kann, als daß er Kinder erzeugt und aufzieht. Das meint wohl Kriege nicht mit jener Bezeichnung. Dann vielleicht einen Proletarier, der voll gerechter Entrüstung über die Ungleichheit des Vermögens, darüber- daß er arbeiten muß, während andere arbeiten lassen, in großartiger Weise durch Raub und Mord diesem Mißverhältnis abzuhelfen sucht, und dafür selbst sein Leben einzusetzen bereit und entschlossen ist. Dieses möchte vielleicht der ideale Proletarier des Herrn Kriege sein. Solche Leute kann man brauchen, wann's an's Revolution- machen geht. Man vergleiche Paris! Oder endlich drit­tens kann unter einem idealen Proletarier ein solcher verstanden sein, der trotz seiner gedrückten Lage und seiner derselben an­gemessenen geringen politischen Bildung doch eine solche Ge­diegenheit des Charakters, einen solchen richtigen Takt besäße, daß man vorzugsweise ihm die Anordnung der politischen und socialen Verhältnisse unseres großen weiten Vaterlandes, das auf sein edeles Bürgerthum stolz sein kann, wo ein zahlreiches, hungerndes Proletariat gar nicht besteht, anzuvertranen sich gedrungen fühlte. Da Kriege statt feiner idealen Proletarier nur ungebildete Massen gefunden zu haben versichert, so muß er Proletarier der dritten Art gesucht haben, wobei man sich jedoch immer noch über den großartigen Unverstand dieser sogenannten VolkSbeglücker wundern muß, welche die Republik

durch das Proletariat gründen wollen, da doch jeder, der auch nur oberflächliche Geschichtslenulniß besitzt, weiß, daß die Republiken der Alten durch das Vorherrschen desselben zu Grunde gegangen sind. Herr Kriege will sich sernertun auf das Bürgerthum stützen. Armer Mann! Wenn das Bürger­thum die Republik wollte, so wäre sie da, auch ohne daß ge­bildet sein wollende Proletarier, zu denen Herr Kriege und Konsorten gehören, ihm für gute Bezahlung den Weg dazu zeigten. Wenn Herr Kriege ferner erwähnt, daß man Adressen vorbereitet habe, um sie bei der Proklamirung einer italienischen, irischen oder englischen Republik an's Tageslicht zu fördern, so möchten diese wohl vom Moder verzehrt sem, ehe sie ihre Bestimmung erreichten. Er konimt dann auf den empfindlichsten Punkt, den Geldmangel: er beklagt, daß auch gar nichts eingchen wollte. Denn die Demo­kratie sri arm, mid ihre Mitglieder besäßen nichts. Das ist nun doch eine plumpe Unwahrheit! Nein, die Ochlo- kraten und Anarchisten, die sich Republikaner nennen, sind arm (armselig), weil eben der Pöbel arm ist; aber die Demokratie, die in Frankfurt ihren Sitz hat, ist reich, sehr |eid); sie gebietet über die Mittel von 45,000,000 Deutschen, sie besitzt eine Armee von 900,000 Mann ; sie verwendet Millionen Tdaler zu gemeinnützigen Zwecken, wäh­rend die sogenannten Republikaner in diesem Augenblik über ^Thlr. 4 Sgr. und 9 Pf. zu disponiren haben. Damit kann man denn freilich das Proletariat nicht gewinnen; dieses will immer den reellen, handgreiflichen Vortheil. Wenn es sich schlägt, will es auch wissen warum? In Paris ging's nm die Plünderung der Stadt und die Erhebung von Tausend Millionen von den Besitzenden für die "Arbeiter«, die aber natürlich dafür nicht arbeiten wollten. Wessen mau sich auch bei uns von der demokratischen Republik, wie sie der demo, kratische Congreß herbei zu führen sucht, zu versehen hätte, ergibt sich deutlich aus der Erklärung der »Commission für die sociale Frage«, worin es unter Anderem wört­lich heißt: «Sobald der Klassenkampf deS Proletariats gegen die Bourgeoisie (Bürgerlhum) zil Gunsten des ersteren entschieden ist und erst mit diesem Moment treten wir in einen neuen socialen Zustand sind die jetzigen bür­gerlichen EigenthumSverhältnisse von selbst aufge­hoben. Wir treten alsdann aus dem Privateigenthnm in das Gcsellschaftseigenthum. Bis dahin aber ist eS Aufgabe und Pflicht der revolutionären Parthei, schon durch einzelne vorbereitende Maßregeln das auf Massongusbeutung beruhende Bourgeoiseigen' bum zu schwächen und zu verringern." Das heißt man doch offen gesprochen, wie eS braven Deutschen geziemt; man weiß da