Vie Lahn bot in.
Z^o- 15» Weilburg) den 25. Oktober. 1848«
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Die Wiener.
»^ gibt nur eine Kaiserstadt, es gibt nur ein Wien--; aber- die heutigen Wiener- selbst sind nun vollends ein ganz besonderes Geschlecht, das nicht seines Gleichen hat, eine eigenthümliche Schöpfung des Jahrs 1848 unter eigenthümlichen Verhältnissen.
Als die lombardisch-venetianischen Königreiche sich von dem Kaiserstaate losrissen und das österreichische Heer zurückweichen, mußte, da jubelten die Wiener, und ihre-Segenswünsche begleiteten das Schwert Italiens, den König Alberto; als die Tschechen ihren Plan eines Slawenreichs der Verwirklichung näherten und sich gegem das. deutsche Element erhoben, jede Gemeinschaft Böhmens mit Deutschland trotzig zurückweisend, da jubelten die Wiener abermals und schimpften Windisch- Grätz, der den Aufstand dämpfte, einen Tyrannen, einen Reaktionär; als die Magyaren Ungarn, Slawonien, Kroatien und Siebenbürgen als eine unabhängige Macht,. mit Verletzung der übrigen Nationalitäten, erklärt hatten,, und der. Monarchie der Todesstoß drohte, da waren die Wiener vollends außer sich vor Entzücken, und der Versuch, den östel-reichischen Staat vor dem Untergang zu retten, entrüstete sie dermaßen, daß sie neuerdings eine Revolution machten.
Revolutionen zu jeder Zeit, um jeden Preis, aus jedem Anlaß, das ist die. Losung der Wiener, und es ist ihnen auch im Laufe weniger Monate gelungen, einen ganz-interessanten" Zustand zu schaffen. Handel und Industrie liegen darnieder,- mit Ausnahme etwa' der Pülverfabrikation; die Handwerker finden keinen Verdienst, mit Ausnahme der Glaser; die Arbeiter feiern, mit Ausnahme der Todtengräber^ Wer. nur immer kann, verläßt die Stadt- und die einzigen Fremden, welche zum Ersätze beiströmen, sind Freibeuter, wandernde Barrikadenbauer und Katzenmusikdirektoren. Die Lehrsäle sind
Wachykuben verwandelt;. die Schüler regieren- . und die Munster holen ihre Rathschläge und ihre Befehle-ein. Alle ünd^Solkaten, nur die Soldaten selbst sind es nicht. Die Presse steht unter der Censur des-Stocks, und wer sich nicht für Das begeistert, was gerade die Mode deS Tages vor- schreibt, der ist ein Aristokrat.- Tas nennen nun die Wiener freiheitliche Bestrebungen; darin finden sie das. Glück -einer konstitutionellen Regierung auf -demokratischer Grundlage. Man sieht, mit welchem Unrecht die Wiener als materialistisch verschrieen wurden, während sie doch nur in Ideen,.leben.
Was wollen aber die Wiener? Man sagt, es läge ihnen daran, den Sonderinteressert- entgegeuzutreten, und die Ge- lammtmonarchie. aufrecht zu erhalten. Allem, wenn Böhmen mid Mähren, wenn linggry mit Slawonien, Kroatien und.
Siebenbürgen, wenn Venedig und Mailand losgetrennt sind, so gibt es ja keine Gesammtmonarchie, keinen österreichischen Kaiserstaat mehr.
Man sagt, es läge ihnen daran, dem deutschen Element die Oberhand zu verschaffen und den Anschluß an das übrige Deutschland zu fördern. Allein die Tschechen, Magyaren und Italiener sind ja gerade die Feinde des deutschen Elements, und wenn Oesterreich zerstört oder geschwächt wird, und das Ausland wenige Stunden von Wien beginnt, so geschieht dadurch sicherlich Deutschland kein Gefallen.
Man sagt, sie wollten den konstitutionellen Thron und die konstitutionelle Freiljeit sichern. Allöin sie thun ja das Möglichste, jenen zu zerstören, diese zu untergraben, und haben bereits eine Lage hcrbcigeführt, welche selbst die rücksichtsloseste absolute Macht eines Einzigen als eine wahre Wohlthat, als Rettung erscheinen läßt.
Was wollen also die Wiener? Sic wissen es selbst nicht. Was man aber von ihnen und durch sie will, das wissen die Leiter, die so glücklich sind, eine Stadt gefunden zu haben, welche allen Interessen dienstbar ist, nur den eigenen nicht. Insofern übrigens Wien nur ein modernes Abdera sein will, insofern die Wiener nur im' eigenen Fleische und auf eigene Rechnung wüthen, könnte man abwarten, bis die Raserei vergehe und die Besinnung wiederkehre. Allem die Sache hat eine viel ernstere Seite, und jetzt eine Wendung genommen, die rasche Entscheidung heischt.
Wien ist . die Eiterbeule, welche den siechen Körper der Monarchie nicht genesen läßt, seine schweren Wunden stets offen-erhält, und ihm mit gänzlicher Zernichtung droht, welche selbst auf das übrige Deutschland ihre verderbliche Wirkung äußert. Wie» zwi n^ t'das- Kaiserhaus, sich dèn Slawen in die Arme zu werfen und dort die Rettung zu sucht». Wien will- die Tragödie- von 1789—93 ins Deutsche übertrugen; und hat bereits damit begonnen. Es hatte jetzt schön seinen »sechsten Oktober«; es hat seine Pikenmänner, seine Damen der Halle, seine Konföderirten,. seine Jakobiner, ja eS hat schon seinen Konvent, seitdem der Rumpf des Reichstags sich die exekutive Gewalt angemaßt.
Auch der-Kaiser, und sein Hof bieten manche Vergleichüngs- punkt« dar; doch scheint es, daß diese endlich aus der Geschichte Etwas gelernt haben, wie die kluge, nur Dem Wiener Reichstag unbegreifliche Reise nach Olmütz und die Zusam- menzichung von Truppenmaffen beweist, die hoffentlich stört genug ser» werden, um den Aufruhr in und außer der Stadt mit einem Schlug zu dämpfen.
Auch die öffentliche Mènung ir^èitfi*Mwb- — b^ k * Reiche —chat Fortschr tte gemacht; sic läßl sich durchhi-c