Die Lahnbotin.
Zu 13* Weilburg, den 4. October. 1848.
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W e l t h ä n d e l.
Ehrerbietigste Bedenken gegen eine badische Republik.
Man trifft ab und zu gescheite Leute (Schreiber dieses nicht eingerechnet), die, auch wenn es ohne Blut gehen könnte, eine Republik in Deutschland nicht einführen möchten. Sie verzeichnen sich die Republik zur Anarchie, zur Barbarei, höchstens zum Regiment des Dollars. Sie betrachten diese Verfassung (wie Hegel) als eine untergeordnete Entwicklungsstufe; gut genug für Anfangszustände wie in Nordamerika, wo verhältnismäßig wenig Festgelebtes und Gewordenes noch ist, und die geistige Thätigkeit noch Ableitungskauäle in eine ungebändigte Natur findet. Sie weisen dieser Regierungssorm, sofern sie wirklich und doch nicht schädlich sein soll, irgend eine Ecke als Heimath an, wobei ihnen die Schweiz als erlesenes europäisches Krähwinkel trefflich zu Statten kommt.
Für Deutschland dagegen besorgen sie das Ersticken der edleren Elemente des öffentlichen Lebens, eine allgemeine Kamm- schur auf Mittelmäßigkeit, sofern es mit einer zahmen Republik vorübergehen sollte. Im Fall einer wilden dagegen würde irgend ein Vitzliputzli zu Stuhle sitzen, erst die Könige, dann den Adel, dann die Reichen, dann das Genie, dann den Ehrenmann als des Verbrechens gegen die »Gleichheit» überwiesen abthun, bis endlich in Deutschland laut dem Nivelli- rungsideal nur noch gleich hohes Gras und Geröhricht stünde, einigen politischen Leviathans oder Behemoth's zur Weide, Lagerstatt, und Tummelplatz, darüber zur Abwechslung von außen bisweilen ein Steppenbrand oder Wüstenwind rasen möchte.
Denn, sagen sie, die Masse bleibt allerorten zum Regiert- werden gemacht; ihre Gleichgültigkeit, ihre Lebensmühen ziehen sie vom Allgemeinen herunter.
Dekrctire man was immer, Kraft, Geist, Gelegenheit schaffen unaufhörlich wieder ihre Aristokratie, und keine Regierung der Welt besteht nur einen Tag ohne monarchisches Element.
Geschmeichelt ist die Republik in dieser Anschauung nicht. Unsere Bedenklichkeiten, von der Persönlichkeit der jeweiligen Republikaner ganz abgesehen, sind anderer Art.
Wir geben zu, die politische Bewegung ist auf einen neuen Boden ubergewälzt. Es ist nicht mehr der Kampf zwischen aufgeklärtem Absolutismus und Liberalismus. Neben dem Ringen nach nationaler Stellung und Größe, das uns das richtigere erscheint, suchten sich die republikanische und die monarchische Form niederzuwerfen. Bliebe die Republik
Sieger, so wäre die erste Bedenklichkeit, ob nicht die Tyrannei der neuen, kreditlosen Republiken aller bürgerlichen Freiheit ein Ende machen würde.
Sodann aber ist trotz alles Theoretisirens gewiß: die kleineren deutschen Staaten werden von den größern die Richtung empfangen, nicht umgekehrt. Würden die größern Staaten Republiken, so hielte in Baden keine Monarchie, und umgekehrt. In Wien und Berlin etwa wären Revolutionen zu Gunsten einer Republik möglich, in Baden erwiesenermaßen nur ein Putsch.
Eine badische Republik zuerst, hieße Baden zur Schu- sterinsel Deutschlands machen; eine badische Republik allein wäre das Protektorat Frankreichs, die Trennung Deutschlands und der Bürgerkrieg.
Für Baden vorzugsweise ist Frankfurt zu einem Paris geworden. Aber selbst die brausenden Hauptstädte Berlin und Wien können nur Vorarbeiten für Frankfurt liefern. Baden als Staat ist nur noch daS Elsaß Deutschlands. Seine Rolle an der Spitze der politischen Bewegung Deutschlands ist zu Ende. Eö war der Täufer, nicht der Messias. Nicht am Rande Deutschlands kann sein politischer Hebelpunkt sein. Nicht Kolmar hat die Republik gemacht.
Hoffte man, eine badische Republik werde die Essigmutter im monarchischen Deutschland sein? Man vergaß, daß sie sich länger halten mußte zu diesem Zweck, als Konstanz und Offenburg, «ud daß auch in der politischen Chemie eine gewisse irdische Quantität, nicht blos die Qualität, zu einer (Nahrung und Umbildung gehört. Sonst hätte wohl längst St. Marino Italien, die vier Reichsstädte Deutschland, die Schweiz Europa bekehrt.
Ein weiteres Bedenken schöpfen wir aus dem politischen Charakter unseres Volkes, der so zu sagen auch in Anschlag kommt. Es ist die Ureigenheit, für das Allgemeine, das Auf- geben in einem Ganzen, wenig zu thun. Wir sind zentrifugal. Wir haben den Geist des Separatismus, eingekeilt zwischen Frankreich und Rußland, denen die Natur leider Sinn und Schick für Zentralisation verliehen, beibehalten. Hätte Napoleon, statt aus einigen 300 Reichsgliederu denn 36 za machen, daraus 3000 gespalten, er wäre besser gefahren. Wir befürchten, gerade die Republik würde dies nach Ho len und die Zahl der souveränen Republiken denen der Kirchthürme in Deutschland gleichstellen.
Das jetzige Parlament und die (wenn auch noch lockere) Zentralgewalt verringern zwar diese Hauptgefahr; allein noch rinnt bei uns die nationale Ader zu spärlich, noch sind wir zu sehr Neulinge, um mit einer Politik im Großen und nach massenhaften Umrissen uns zurecht zu finden, wie Rußland,