Die Lahnbotin.
Mro- KO. Weilbutg, den 20. September. 1848.
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Justus Möser.
Wenn man die Todten wecken könnte, dann gingen wir auf den Kirchhof zu Osnabrück, und klopften an einem Grabe, das vor 54 Jahren sich schloß über der sterblichen Hülle eines Mannes, der jetzt als Stern erster Größe im deutschen Parlamente glänzen würde. Es war Justus Möser.
Wir theilen diese biographische Notiz für diejenigen unserer Leser mit, welche glauben, es könne alle Staatsweisheit nur unter dem Heckerhütchen mit der schwarzen Gickelsfeder entspringen. Aber Ihr irret Euch. Auch zu den Zeiten des krassesten Zopsthums gab es ebenso geistvolle und wackere Staatsmänner als jetzt, und nicht jeder politische Charlatan konnte sich ein- bilden, so leichten Kaufes Landstand oder Parlamentsrath oder gar Minister werden zu wollen.
Justus Möser, Nationalschriftsteller, geschicht-, Welt- und rechtskundiger Staatsmann, mit Recht Deutschlands Franklin genannt, war geb. den 14. Dec. 1720 zu Osnabrück, und starb daselbst den 7. Jan. 1794. Sein Vater war Kanzleidirector und Consistorialpräsident; die Mutter unterrichtete den gutmüthig feurigen Justus in der französischen Sprache und Literatur, ohne ihm den deutschen Sinn zu verschrauben. Der talentvolle Knabe faßte schnell und verwandelte das Erlernte bald in sein Eigenthum. Schon im 12. Jahre errichtete er mit seinen Gespielen eine gelehrte Gesellschaft, in der er sich einer eignen, von ihm erfundnen Sprache bediente. In den J. 1740 — 42 studirte er zu Jena und Göttingen die Rechtswissenschaft; aber das wichtigste Studium für seinen Beobachtungsgeist war das offne Buch des menschlichen Lebens. Zugleich bildete er seinen Geschmack durch das Lesen der englischen, französischen und italienischen Classiker. Als Sachwalter nahm er sich mit Wärme und Freundschaft der unterdrückten Unschuld an; er allein widerstand der Willkühr des Statthalters von Osnabrück. Das Zutrauen seiner Mitbürger erhob ihn daher im J. 1747 zu der wichtigen Stelle eines Advocatus patriae5 auch ernannten ihn die Landstände zum Secretair und zum Syndicus der Ritterschaft. Sein edler Character ward vorzüglich erprobt in den Drangsalen des siebenjährigen Krieges. Er ersparte durch weise und redliche Thätigkeit seinem hart bedrängten Vaterlande bei der Erhebung der Kriegslasten mehrere hunderttausend Thaler; dies erwarb ihm die Ächtung des Herzogs Ferdinand von Braunschweig. Acht Monate lang betrieb er in London das Lieferungs-Zahlgeschäft für die von England besoldete alliirte Armee. Dieser Aufenthalt gab seinem Geiste einen seltenen Reichthum practischer Erfahruna. Ueberall im bürgerlichen Geschästslcben sah er klar den innern Zusammenhang des Zwecks und der Mittel; allein er dachte nicht blos,
sondern arbeitete auch mit beharrlichem Eifer als Staatsmann, und sein edles Herz erhielt ihn stets auf der Höhe deS Weltbürgers und Menschenfreundes. Als Schriftsteller brachte er aus dem Lande der Freiheit und des Wohlwollens jene unnachahmlich heitre Laune eines hellen Kopfs und unbefangenen Sinnes zurück, die seinen Schriften classischen Werth gibt. — Moser war 20 Jahre, so lange die Minderjährigkeit des Prinzen von England, welcher als protestantischer Bischof im J. 1761 Osnabrück erhielt, dauerte, zwar nicht dem Titel nach, aber in der That der erste Rathgeber des Regenten. Er diente zugleich dem Landesherrn und den Ständen. Beider Vortheil war nicht immer ein und derselbe. Nur Mösers ausgezeichnetes Talent, seine gründliche Geschästskenntniß und sein Fleiß, verbunden mit unerschütterlicher Redlichkeit, Billigkeit und Uneigennützigkeit, führten ihn gerade und tadelfrei durch alle Reibungen hindurch. Offen und verständig, welterfahren und unterrichtet, verschmähte er den Schleichweg, entdeckte schnell den Irrthum, und beförderte fest und großherzig alles Gemeinnützige. Von 1762 an war er 6 Jahrelang Justitiarius beim Criminalgerichte in Osnabrück, und nachdem er diese Stelle niedergelegt, geheimer Referendar bei der Regierung bis an seinen Tod. Nur auf wiederholtes Verlangen der Regierung nahm er im I. 1783 den Titel eines geheimen Justizraths an. So groß sein Ruf in seinem Wirkungskreise war, so liebenswerth erschien er in dem engern Kreise des Hauses und der Gesellschaft. Für geistigen Genuß stets empfänglich, gab und empfing er Lebenöglück in der Mitte der Seinigen; in der Stadt und im Lande — wie er selbst mit Rührung bekannte — erfreut durch Vieles, betrübt durch Weniges, gekränkt durch nichts. Nach dem Tode seiner trefflichen Gattin im I. 1787 und seines hoffnungsvollen Sohnes weihte sich ihm mit der liebevollsten Treue seine Tochter, vermählte von Voigt. Jm I. 1792 feierte die osnabrück'sche Ritterschaft sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum, mit ehrenvoller Anerkennung seiner ausgezeichneten Verdienste. — M ö se r war ein großer, stark und ebenmäßig gebauter Mann. Er flößte schon durch sein Aeußeres Achtung ein. Sein Gang war fest und sicher; sein Wesen ernst und freundlich; sein Gesicht treuherzig und klug, nicht ohne Würde, aber ausdrucksvoll und Zutrauen einflößend. Moser lachte selten, aber säst immer schwebte auf seiner Stirn und um seinen Mund ein heiteres Lächeln. Seine Erholung war der Umgang mit Freunden in Pyrmont; er brauchte nicht den Brunnen, nur gesunde Lust und geistig heitres Gespräch. Krankheitszufälle wollte er durch Ruhe besiegen; denn er meinte, die Natur kämpfe selbst das Uebel nieder, daher dürfe er sie nicht stören. Erst in seiner letzten Krankheit im 74. Jahre, erkannte er seinen Irrthum;