Wie Lahnbotin.
]^ro' 5* Weilburg, den 9. August. L848«
Dieses Blatt erscheint wöchentlich einmal und zwar Mittwochs einen halben Bogen stark als Beiblatt zum „Lahnboten"; der Preis ist in Weilburg für beide Blätter vierteljährlich 30 kr. Dasselbe ist durch alle Postämter mit einer kleinen Erhöhung zu beziehen. — Anzeigen aller Art werden in diesem Blatte ausgenommen und kostet die Zeile in Petitschrift 3 kr. Größere Schrift wird nach Verhältniß des Raums berechnet.
W e l t h ä n d e l.
Die Lahnbotin, die auch einmal an der Quelle hat schöpfen wollen, d. h. mit eignen Singen sehen und mit eignen Ohren hören, was vorgeht, ist eben erst von ihrer Wanderung zurückgekehrt uni) hat noch nicht Alles auspacken können. Das Wichtigste ist, wer möchte es bezweifeln! die am 30. Juli im Heidelberger Schloßhofe abgehaltene große republikanische Volksversammlung. Es fehlte dabei nicht an Betrliiikenen, wohl aber an Schnellschreibern, und da die Lahnbotin so glücklich ist, Genaueres zu wissen, so fühlt sie sich verpflichtet, der Nachwelt von den goldnen Sprüchen unserer neuen Weisen so viel als möglich zu erhalten. Einen besondern Glanz erhielt dieses weltgeschichtliche Fest durch die Frankfurter Linke und eine große Menge steifleinener Turner von Mainz. Bürgermeister Winter, genannt Vater Winter, eröffnete als Alterspräsident die Versammlung mit einer von Volkösouveränität, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit strotzenden Rede. Hierauf führte er â la van Aken die bereit gehaltenen Redner vor mit Nennung ihrer Namen und Tugenden. Zuerst den Deputirten der Stadt Prof. Hagen, den er den "Demokraten vom Mutterleibe an« nannte. Derselbe hat nämlich erst vor einem Vierteljabre ein Schriftchen fabricirt, in welchem die coustitutivnelle Monarchie als die jetzt einzig mögliche Staatsform gepriesen wird. Hagen sprach geistvolle Worte. Er begann mit sich, fuhr fort mit sich und endete mit sich. Freiheit und Einheit, Einheit und Freiheit, freie Einheit, einige Freiheit war das A und O seiner Rede. Zum Schluffe schmunzelte er bedeutungsvoll: Ja, meine Freunde, ich gehöre zur Minderheit der Reichsversammlung und wenn die Minderheit ihren Willen nicht durchsetzt, so ist das die Schuld der Mehrheit (Anhaltendes Bravo). Nach Hagen kam der große Robert Blum, den Winter vorstellte als "seinen lieben Sohn, an dem er Wohlgefallen habe." Derselbe sagte, er sei von jeher linkisch gewesen, erklärte es für eine der schönsten Märzerrnngenschaften, daß gegenwärtig das schöne Geschlecht vor ihm seinen Teint der Julisonne aussetze, murrte hierauf von gemordeten Polen, von Hand in Hand mit Cavaignac, von Reaction und vom Volksverräther Mathy. Da erscholl eine Stimme: Mathy hoch! und der unglückliche Rufer wurde sofort mit Fahnenstangen, Stöcken und Faustschlägen aus dem Schloßhofe hinausgepaukt. Es war einer der leiblichen Söhne Winters, an dem der Vater keinen Wohlgefallen hat. Blum hatte, wie es schien, besänftigen wollen, Bürger Schlöffel dagegen lobte diese entschiedene Frcihcits-
liebe des wackeren Volkes. Herr von Trützschler bestieg nun die Tribüne, predigte Frieden, eiferte gegen die brutale Soldateska, schimpfte die Festungen mit Ruge Dummheiten und schloß damit, daß im Fall eines Krieges mit Frankreich jeder gute Deutsche sich auf die Seite der Franzosen schlagen müsse. Die Handwerksburschen jubelten ob solchen Patriotismus und schrieen: Hecker hoch! Es folgte der possirliche Schlöffel: »Daß wir Ordnung halten wollen, sagte er, haben wir so eben bewiesen (an Winter Sohn nämlich). Wären die deutschen Fürsten nur hier gewesen, um zu sehen, wie wohlfeil wir die Polizei handhaben! Die bisherigen Fürsten und ihr Anhängsel haben nur für den Magen gesorgt, wir aber werden für den Magen.und auch für das Herz sorgen. Die Reaction vergrößert das Heer. Man soll es nach Baden schicken, da wird man es republikanisiren. Mit 900,000 Republikanern erobern wir die Welt (wie bei Kandern und Dossenbach?) Wesendonck aus Düsseldorf: "Demokratische Vereine aufheben heißt die Revolution mit Füßen treten. Vater Winter muß in der Paulskirche eine Protestation dagegen einlegen. Durch immerwährende Agitation ist England so mächtig geworden. Beschließt die Amnestie selbst. Weist die zurück, die Euch von Ordnung predigen. Seid Wühler! Seid Wühler! Das ist die größte Tugend." Es sprachen noch Student Hirsch, Wiesner und Schilling aus Oestreich, Kapp aus Heidelberg, und endlich noch Hentges, Bierbrauer aus Heilbronn, der Eine natürlich schöner als der Andre. Der Letztgenannte hob namentlich hervor, daß er in der Reichsversammlung sitze. Man brauche nicht lauter Gelehrte und Hofräthe dort, auch Bierbrauer und Metzger seien gut darin. Er habe sich bei seiner Wahl mit der Geschichte des 30jährigen Kranken getröstet, der von Hosräthen und Professoren verpfuscht und aufgegeben, endlich von dem Bauer zu Gräfenberg curirt worden sei. Den Segen sprach zum guten Werke Sir Robert Blum, der es nicht vergaß, den Holden anwesenden Frauen (größtentheils neugierigen Kindermädchen) den Dank des Vaterlandes für ihre patriotische Begeisterung noch besonders auszusprechen und sie dabei zu ermahnen, die Politik schon in der Kinderstube zu lehren und die Feiglinge zu bestrafen, die sich nicht an der Neuzeit betheiligen wollten. — Diese denkwürdige Versammlung (nächstens wird das Stück zum vierten Mal in Worms aufgeführt), wurde demnach vom Vater Winter eröffnet, der Herrn Blum mit den biblischen Worten vorstellte: "das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe." Also Gott Vater und Gott Sohn — der heilige Geist fehlte.