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Die Lahnbotin.

Mr0- 3* Weilburg, den 26. Juli. R848«

Dieses Blatt erscheint wöchentlich einmal und zwar Mittwochs einen halben Bogen stark als Beiblatt zumLahnbote»"; der Preis ist in Weilburg für beide Blätter vierteljährlich 30 fr. Dasselbe ist durch alle Postämter mit einer kleinen Erhöhung zu beziehen. Anzeigen aller Art werden in diesem Blatte ausgenommen und kostet die Zeile in Petitschrift 3 fr. Größere Schrift wird nach Verhältniß LeS Raums berechnet.

W e l t h ä n d e l.

Die "Lahnbotin" hatte daö letzte Mal über der Weilburger Fahnenweihe alle Politik vergessen und bringt nun heute eine kleine Auswahl aus dem reichlichen Stoffe, verstimmt darüber, daß ihre Reisetasche nicht mehr fassen konnte. Alle Welt hat unterdessen erfahren, daß unser Reichsverweser am 1 1. Juli seinen Einzug iu Frankfurt gehalten und am 12. Juli, au demselben Tage, an welchem vor 42 Jahren Kaiser Franz die deutsche Kaiserkrone niederlegte, die Regierung des deutschen Reiches angetreten hat. Er selbst erschien in einem schwarzen Frack ohne Orden, mit einem schwarzrothgoldnen Band im Knopfloche; die Abgeordnete» waren sämmtlich schwarz gekleidet, nur Einer, Dr. Rösler, der damals vielleicht das Amt eines Signaltelegraphen für die Gallerie zu versehen hatte, war vom Kopf bis zum Fuß in gelben Nanking gekleidet. Der Reichsverweser hat hierauf drei Minister ernannt, sich selbst das Reichöfeldherrnamt vorbehalten, einen kräftiaen und herz­lichen Aufruf an das deutsche Volk erlassen und ist am 15. Juli nach Wien zur Eröffnung des dortigen 'Reichstages abge­reist, der wunderlich zusammengesetzt sein soll. Es gehören dazu eine Anzahl galizischer Bauern mit Leinwandkitteln und ohne Schnupftücher, die weder lesen noch schreiben können und, was das Drolligste ist, auch kein Wörtchen Deutsch verstehen. Sie stimmen indessen tapfer mit und lassen sich hinterdrein verdollmetschen, worüber sie abgestimmt haben. Noch in dieser Woche wird unser Erzherzog nach Frankfurt zurückkehren und zwar mit Frau und Kind. Seine Gemahlin, die Baronin Brand Hof, ist jetzt zum ersten Male in der kaiserlichen Hof­burg abgestiegen und der Erzherzog hat erklärt, er sei bisher als einfacher Privatmann mit der Postmeisterötochter gnt gefahren, er hoffe, nun solle sie auch mit dem Reichsverweser gut fahren. Wir denken auch so und rathen Allen, die etwas Prächtiges sehen wollen, in dieser Woche nach Frankfurt zu reisen. Uebrigens glauben wir, daß unser Reichsverweser Wien nicht ohne Besorg­nisse verlassen wird. Das dortige neue Ministerium Dobblhof- Weffenberg ist eine Regierung der Linken, welche die Träger des alten Systems bis in die untersten Schichten entfernen will, zugleich aber auch den republikanischen Wühlereien so vielen Spielraum gestattet, daß das Schlimmste zu befürchten steht, wenn der Kaiser seine Rückkehr nach Wien noch weiter hinaus schieben sollte. Indem haben den Kaiser seine Aerzte übel berathen, daß sie ihn nach Innsbruck schickten; dort herrscht jetzt böse Luft, in welcher er nicht gesund werden kann. Wir zielen hier nicht auf die katholische Geistlichkeit im Ganzen, die wir hochachten, sondern auf jene ultramontane Partei Tirols,

die dem Volke vorlügt, durch einen innigen Anschluß au Deutsch­land sei der Katholicismus gefährdet, die sogar die in der Verfassnngsurkunde verkündete Freiheit des Glaubens und des Cultus gestrichen haben will und für ihre Petitionen Hundert- tausende von Unterschriften auf die schamloseste Weise erpreßt. Es ist das Tyroler Preßfreiheit. Gott ânder's! Unterdessen ist die Wahl des Reichsverwesers von allen deutschen Regierungen, mit Ausnahme der Hannoverschen, mit Freude begrüßt worden. Preußen hat zwar bemerkt, daß für die Zukunft die Mitwirkung der Regierungen in solchen Fällen nicht ausgeschlossen werden dürfe, ist jedoch mit dem bereits Geschehenen einverstanden. Dagegen hat der König von Hannover am 7. Juli erklärt, daß, wenn die Centralgewalt weiter in seine ihm von Gott verliehenen Rechte eingriffe, als es mit seiner Ehre vereinbar sei, er lieber die Krone niederlegen und das Land verlassen würde. Vor 11 Jahren erschien an demselben Tage das Patent, wodurch das Hannoversche Grundgesetz suspendirt wurde; damals aber bestand noch der alte Bundestag. Jetzt dagegen hat es die Hannoversche Majestät mit dem Parlament zu thun, das durch den Reichsverweser vom König von Hannover 6;e "unumwundene Anerkennung der Centralgewalt zu fordern" beschlossen hat. Unumwunden, Himmel wie undiplomatisch und fordern wie grob! Es ist eben deutsch! Die Frankfurter Nationalversammlung will nun einmal das Gesetz von Deutsch­land gegen Jeden aufrecht erhalten, er trage eine Bluse oder eine Krone, und darum sind auch ganz in ihrem Sinne vor einigen Tagen Reichstruppen in Wiesbaden einmarschirt, um dem frevelhaften Beginnen einiger Anarchisten gegenüber der gesetzlichen Ordnung die gebührende Achtung zu verschaffen. Die Nassauische Kammer war damit sehr zufrieden, d. h. die rechten Volksvertreter, aber nicht die linken, unter denen Wenkenbach I. die Kammerverhandlungen sogar mit dem Rücken anzuhören versteht. Man kann zweifelhaft sein, ob man hier mehr die Phrase oder die Aufführung bewundern soll, indessen muß man wegen Jnjurienproceffe jetzt schon vorsichtig sein, seitdem die Linke sich durch Rath von Dillenburg verstäikt hat. Jedoch nur Muth! Die Hecker Becker in und außer der Schweiz werden bald ihre Rollen ansgespielt haben, die Stimmen für Gesetz und Ordnung werden von Tag zu Tag lauter! Bezeichnend ist dabei auch die Art und Weise, wie die Provinzen gegenwärtig anfangen, das Thun und Treiben der Residenzstädte zu kritisiren. So haben die Berliner, welche ein offenes Schreiben an ihre Brüder in den Provinzen erlassen hatten, um sich mit ihnen zu verständigen, als Antwort am 16. Juli ein riesengroßes Placat erhalten, inlhvelchem es heisst, daß^die Provinzen vor allen Dingen verlangten, dass Berlin die Todtknlistc seiner Märzheldcu mit einer actenmäßigen