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No. 58.

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Dtr Volksfreund.

Sobald wir Deutschen eine Nation sind, sind wir die erste.

S e u m e.

Wiesbaden. Mittwoch, den 17. Mai 1848.

ttt Gedanken über den letzten Grund der Erschütterung unsrer Staats- und Gewerbe- Verhältnisse.

1.

Unsere Höfe, Adel und andere vornehm sein Wollenden sind so lange im Nachäffen der Franzosen und papageimä- ßigen Nachplappern wälscher Redensarten vorangegangen, bis dieser Affentrieb sich dem übrigen Volke mitgetheilt hat, so daß es nun den Franzosen die Republik nach­machen will, daß es von socialer Reform und Organi- sation der Arbeit schwach, meist ohne zu wissen, was damit gemeint ist jedenfalls aber etwas dem Schla- raffenlande Aehnliches dabei hofft. So rächt sich die Ver­sündigung an unsrer Volksthümlichkeit und Sprache an ihren Urhebern.

Der letzte Grund der meisten Uebel, die den Einzel­nen drücken, ist aber nur zur kleineren Hälfte in der bisherigen Verfassung und Verwaltung der Staaten zu suchen, sonst müßte dem Erringen besserer Gestaltungen und Einrichtungen die Besserung auf dem Fuße folgen; nein, die bisherige Staatsweisheit,- die jeder Regierung möglichst viele Unterthanen und damit Arme für daS Söldnerheer und Zahlungspflichtige für die Steuerkasscn verschaffen wollte, die bei dem Ueberhandnehmen der Auswanderung fürchtete, eines Morgens ohne Unter­thanen zu fein, sie hat ihren Zweck nur zu gut er­reicht und uns in der Uebervölkerung die gefähr­lichste Quelle der Verarmung, der fortschreitenden Be­schränkung des Einzelnen an Rechten und Lebensgenüssen, sowie von StaatSumwälzungen geschaffen.

3.

Beinahe sind wir dahin gekommen, daß die um das doppelte überzählige Landbaubevölkerung die erzeugten Lebensmittel in weniger fruchtbaren Jahren selbst ver­braucht und den andern Theilen des Volks nichts übrig läßt, also gerade dem Hauptberufe ihres Standes ent­gegen wirksam ist. Wir haben eine Handwerker- und Fabrikantenzahl, so groß, daß, nachdem alle von der Natur dem Menschen gegebenen Bedürfnisse an Klei­dung, Wohnung, leiblicher und geistiger Nahrung über­flüssig befriedigt sind, vielleicht die Hälfte für erkünstelte, der Menschheit schädliche, rein überflüssige Bedürfnisse (Tabak, Liqueure, Confitüren, Flitterstaat ic.) arbeitet und noch täglich neue Produkte für die verweichlichte, übersättigte und abgestumpfte Klasse der Genießenden zu ersinnen sucht. Eine gefährliche Industrie, die in un­ruhigen Zeiten zuerst zu Grunde geht, weil sich dann jeder die von ihr dargebotenen entbehrlichen Genüsse zu­erst versagt, um nur die wirklichen Bedürfnisse zu be­friedigen. Die Ueberzahl arbeitender Hände und Köpfe

treibt zu immer größeren, künstlich gegliederten Unterneh­mungen und Anstrengungen, wodurch die Kräftigeren und Glücklicheren zwar emporkommen, aber den minder von Natur und Glück Begabten Raum und Hoffnung entzogen wird. Die Gesellschaft ist wie ein dichter Wald geworden, worin die kräftigsten Bäume zwar über den Häuptern der übrigen sich ausbreiten, die dichtstehenden Massen aber ohne Licht, Lust und Regen verkümmern müssen.

4.

Man denke sich einen großen, belebten Tanzsaal, wo­rin die Bewegungen der Tanzenden frei nach allen Sei­ten ausgeführt werden können und stelle sich dann den­selben Saal vor, von der doppelten Menschenzahl erfüllt. Im letztern Falle muß jeder vervielfachte Aufmerksamkeit anwenden um nicht andere zu beeinträchtigen oder gegen sie anzustoßen. Ebenso ist es im Staate. Je dichter die Bevölkerung, desto mehr muß der Einzelne aus Sitte oder nach Gesetz von seiner natürlichen Freiheit (für die bürgerliche Freiheit) aufopfern. In Städten mit hun- derttausenden von Einwohnern sind Sicherheits-Gesetze nöthig, von denen man in kleinen Landstädten sich nicht träumen läßt. Bei uns ist es dahin gekommen, daß fast in jedem Marktflecken ein Gericht, auf jedem Acker ein Feldschütz, hinter jedem Baume ein Förster erforder­lich schien. Bauten wir die unbegrenzten Felder, brenn­ten wir von den unermeßlichen Urwäldern Amerika's, wir hätten so wenig Förster als Feldhüter nöthig wie die Amerikaner. Nimmermehr glaube man noch, die Ver­schiedenheit der Staatsverfassung sei die letzte Ursache des Unterschieds zwischen hier und Nordamerika.

5.

Die Volkszahl, welche mit Vortheil ein Land bauen kann, hat ihre Grenzen, die Zahl der für ein Volk ar­beitenden Handwerker, Fabrikanten, Künstler u. s. w. ist bedingt durch die Zahl der ackerbauenden Bevölkerung; sie bringt sonst mehr als deren Bedarf hervor, wodurch nur gedrückte Preise und Verlust an Kapital entstehen. Namentlich ist es dann selbst den Talenten erschwert, Raum zu ihrer Wirksamkeit zu finden, Ehen werden zu spät oder gar nicht geschlossen, denn die Jugend, verzweifelnd nach aller Anstrengung ein auch nur bescheidenes Haltswesen zu gründen, ergibt sich dem Laster.

Eine weitere Folge der Verdichtung der Bevölkerung ist eine, um mit den Mathematikern zu reden, im Qua­drat steigende Vervielfachung der Streitigkeiten über Rechte und Interessen , welche eine entsprechende Ver­mehrung der Richter und Verwaltungsbeamten erfordert.

Die größere Verdichtung der Bevölkerung macht aber auch fühlbarer, wenn einzelne Personen oder Stände der Gesellschast mehr Raum für sich ansprechen als andere; denn die übrigen werden dadurch in desto engere Schran«