Dieses Blatt erscheint, Montags ausgenommen, täglich, und kostet jährlich 5 si. Bei allen Postämtern so wie in der Stein'schen Buchdruckerei »u Wiesbaden werden Bestellungen hierauf angenommen.
No. 52
Anzeigen aller Art werden in diesem Blatte ausgenommen und kostet die Zeile (Petitschrift) 4 kr. — Größere Schrift wird nach dem Verhältniße des einzunehmenden Raumes berechnet.
Der Volksfreunö.
Sobald wir Deutschen eine Nation sind, sind wir die e r st e.
Seum e.
Wiesbaden. Mittwoch, den 10. Mai 1848.
Ein Wort z u r geregten Beurtheilung Stru v e's und Heck er's.
Ebenso wie die Natur in ihrem Wechsel der Jahreseiten keinen Sprung macht vom starren Winter in den èißxn Sommer, sondern um jene Ertreme zu vermitteln, den milden Frühling eingesetzt hat, so ist es auch m Leben der Völker und in ihrer politischen Entwicke- ung. — Alles plötzliche Ueberspringen von einem Er- em ins andere, von viehischer Sklaverei zur herrlichen Freiheit ist verderblich. Es ist gleichsam ebenso, ns wenn ein Strom, dem immer Wasser zufließt, wenn lötzlich die Schleusten gezogen werden, übertritt, und ingSum die User verwüstet.
So sind die Zustände Deutschlands, so ist das Un- rernehmen Strnve's und Hecker'S aufzufassen. — Diese vortrefflichen Männer, dieser charakterfeste, wenn auch iwaS starre und etwas fanatische Struve hat sich durch seinen „Zuschauer" unsterbliche Verdienste um Deutsch- md und namentlich um Nassau erworben; — oder ind wir so undankbar zn vergessen, daß der ganze bessere Theil der Bevölkerung unseres Landes d. h. alle nach Recht und Freiheit strebenden Männer, den ganzen letzten Winter hindurch kaum den Tag erwarten konnten, wenn der „Zuschauer" auSgegeben wurde. Im Lesekabinette zu Wiesbaden, diesem Versammlungsorte der orwärtsstrebenden Männer und Jünglinge unserer Stadt ing als einzige Wandverziernng Struve's Bildniß, die Bauern im Innern riefen: Struve ist unser Mann! und manchen Soldaten hörte ich vor demAb- narschesagen: Hecker und Struve sind Volksmänner, es sind die Besten unter den Guten, sie waren in der Zeit der Nacht und Infamie die kühnsten Bannerträger, wir schießen nicht ans sie; und dieser liebenswürdige Hecker, dieser feurige Redner, der Deutschland durch feinen Geist erleuchtete und durch sein Herz erwärmte, oieser hoffnungsvollste Sohn des armen Vaterlandes, dieser Führer der badischen Opposition, auch er ist uns verloren. — Wir beklagen aufs tiefste den Verlust dieser Dioskuren, aber wir überlassen es den Schulmeistern, Gimpeln und Märzsreisinnigen, sie mit Schmach und Schande zu bedecken. — Sie sind unglücklich und jene Menschen betrachten stets das Unglück als Verbrechen und daS Glück als Verdienst. — Wir sind überzeugt, daß alle Schuld dieses großen Verlustes das 'gefallene Unterdrückungssystem trifft. Hecker und Struve sind durch den Sieg, den sie nie in dieser Weise, nie mit dieser Schnelligkeit zn erleben hoffen konnten, betäubt geworden, sie haben sich überstürzt, sie haben sich verrechnet. — Ihr Unternehmen beruhte auf dem Irrthum aus Baden eine Republik machen zu wollen, denn sie wußten, daß
Baden reif sei für die Republick; aber Deutschland muß Hand in Hand gehen, Deutschland muß einig sein um jeden Preis ; beim über der Freiheit eines Volkes st e h t die Einheit u n d U n a b h ä n- gigkeit gegen Außen. Wäre Baden eine Republik geworden, so hätten wir in Deutschland den Bürgerkrieg. — Wir haben nie mit dem Unternehmen Struve's und Hccker's sympathisirt, aber wir bedauern, daß das Vaterland diese Männer verloren hat und ihre Stelle in Frankfurt durch weniger bedeutende Größen ersetzt wird.
Der infame Haß der deutschen Zeitungen gegen das unglückliche polnische Volk.
(Schluß)
Und ihr Deutsche des Großherzogthums! laßt Euch nicht verführen durch die, welche eS sich angemaßt, für Euch das Wort zu nehmen. Vergeßt nicht, daß Ihr auf polnischer Erde wohnt, daß hier Eure Väter Schutz sanden für ihre überall verfolgte Religion, daß sie hier die Wohlhabenheit erlangten, deren Erbe Ihr geworden seid. Wer in einem fremden Lande seine Heimath sucht, kann keinen Anspruch daraus machen, daß das Land seine Sprache, seine Sitten annehme, es ist vielmehr seine moralische Pflicht, sich die Sprache jenes Landes anzueignen und unbeschadet seiner Liebe zu dem angestammten Vaterlande in den Interessen der neuen Heimath auch die seinigen zu erblicken. Daß Ihr und Eure Vorfahren diese Pflichten vernachläßigt, daß es bei der Achtung der Polen für Eure Sprache, Eure Religion und Eure Sitten möglich wurde, dies Alles zu wahren, selbst auf Eure Umgebungen zu verbreiten, daraus folgert Ihr, daß Euch kein Band mehr an Polen knüpft, Ihr macht die, welche Eure Wohlthäter waren, zu Euren Feinden, und wollt ihnen ein Land entreißen, waS getränkt ist mit polnischem Blute und polnischen Thränen?
Ihr begeht ein Verbrechen, wenn Ihr eine Nation verhöhnt und verkleinert, deren Tugenden der Egoismus nicht zu begreifen vermag, die mit unerschütterlichem Glauben und nicht zu entmuthigender Hoffnung an der Heiligkeit ihrer guten Rechte hängt, und die noch heute bereit ist, für das Vaterlandes hinzugeben: Güter, Würde», Geld, die eigenen Kinder und Alles, was der Mensch ein Bedürfniß und ein Recht hat zu lieben und zu schätzen. Wie könnt Ihr von diesen Menschen, die von der Wiege bis zum Grabe keinen andern Wunsch, kein anderes Glück kennen, als für ihre Befreiung zu wirken, verlangen, daß sie voll Rücksicht für Eure materiellen Interessen und Eure Bequemlichkeit sein, und den einzigen Augenblick vorübergehen lassen sollen, der ihre Fesseln brechen kann, in dem Augenblicke, wo durch ganz Europa der Freiheitsrus ertönt: daß sie, die Mär-