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No. 51.

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Dcr VottsfreuE

Sobald wir Deiltschen eine Nation sind, sind wir die e r st e.

Seume.

Wiesbaden. Dienstag, den 9. Mai 1848,

Der infame Hast der deutschen Zeitungen gegen das unglückliche polnische Volk. t Fortsetzung.)

2.

Posen, im April.

Im Großherzogthum Posen hat es eine sich von Jahr zu Jahr aus allen Provinzen Preußens regeneri- rende Bureaukratie übernommen, das deutsche Element der gemischten Bevölkerung zu vertreten. Die Berichte über die Verhandlungen deutscher Klubbs und deutscher Volksversammlungen sind der urkundliche Beweis. Wir mden hier unter Regierungspräsidenten, Regierungsrä­chen, Assessoren, Justiz-Commissarien rc. nur eine sehr spärliche, eigentliche deutsche Bürgerschaft. Unter dem Deckmantel eines eifrigen deutschen Patriotismus, unter dem von ihr innerlich gehaßten deutschen Freiheilsbau- ner ist es dieser reaktionären Propaganda, welche wohl weiß, daß in der Freiheit Polens die Freiheit Deutsch­lands erstarken wird, gelungen, zwischen den beiden Be­völkerungen Haß und Zwietracht zu säen, das Samen- kory aufgehen und die Wucherpflanze üppig wachsen zu assen zur Freude russischer Agenten. Die Wahrheit, die Oeffentlichkeit wird das Unkraut vor der Reife vernich­ten! Welches Recht hat die preußische Bureaukratie, das deutsche Element in unserm Großherzogthum zu vertreten? Keines! In Deutschland und namentlich in Preußen sind die Schranken gefallen, welche zwischen dem Beamtenthum und dem Volke bestanden. Der Des­potismus hat sich vergeblich bemüht, sie zu conferviren. Die Diener deö Staates haben die Wünsche des Volks zu den ihrigen gemacht, und unter Beseitigung ängst­licher Rücksichten dies dort, wo ihnen die Gelegenheit geboten wurde, offen und muthig ausgesprochen. Anders ist es im Großherzogthum Posen. Einige gegen die Mark und Schlesien hin gelegenen Städte ausgenom­men, ist der gebildete, intelligente Theil des Volks vor­nehmlich in der polnischen Nation enthalten. Zwischen dieser aber rind der preußischen Bureaukratie war ein Fraternistren bei dem von der Regierung kaum verheim- uchten und von den Beamteten bereitwillig durch ' tau- send kleine Mittel ins Werk gesetzten Germanisirungs- -rinzipe unmöglich. So hat sich im Großherzogthum Zofen die Beamtenkaste mit wenigen Ausnahmen in ihrer ursprünglichen Reinheit engherziger Selbstsucht und großartiger Anmaßung erhalten, sie betrachtet jede Regung der Freiheit eines bisher von ihr mißachteten Volkes für die frechste Anmaßung, sie hat kein Ver­ständniß der Zeit, sie ist hinter ihr zurückgeblieben, sie hat also auch keine Stimme mitzusprechen im Rathe der Völker, sie ist nicht berechtigt, in ihm irgend eine Vertretung zu übernehmen.

Ihr Deutschen in Deutschland! hört nicht auf die

Ergüsse galliger Erbitterung, die von jener Seite kom­men, hört namentlich nicht auf jene schon so zahlreichen Ausreißer, denen ihr böses Gewissen nicht länger im Lande zu bleiben rieth, hört nicht auf sie, die ihre Feigheit mit dem Mantel deutschen Märtyrthums verbergen möch­ten! Es haben bedaucrnswerthe Unordnungen, auch Gewaltthätigkeiten stattgefunden, sie sind meist durch eine gänzlich demoralisirte Judenschaft provocirt, in den öffentlichen Blättern ungeheuer übertrieben, und mehr als ausgeglichen worden durch das, was von deutscher Seite, namentlich von der des Militärs in derselben Art geschehen. Laßt Euch nicht täuschen, und Eure Sympathie für Polen nicht erkalten, Polens Freiheit garantirt die Freiheit Deutschlands, welche die hier thä­tige, sogenannte deutsche Partei, so gern untergraben möchte. (Schluß folgt.)

Deutschland.

^"Wiesbaden, 8. Mai. In Dillenburg ist Proku­rator Schenk sowohl zur deutschen Nationalversammlung als in die Nassauische Ständekammer gewählt worden. Ist denn in den Aemtern Dillenburg und Herborn sonst Niemand, der eines solchen Vertrauens würdig wäre; oder glaubt man dort, weder die Nationalversamm­lung noch die Nassauische Ständekammer könne ohne den Prokurator Schenk bestehen?! und will Herr Schenk wirklich beide Wahlen annehmen?!

fr Wiesbaden, 8. Mai. Es wird gegenwärtig so viel darüber gesprochen, wie man dem hier so sehr darniederliegenden Geschäftsstand bessern Aufschwung verschaffen könnte, allein es scheint mit der Lösung die­ser wichtigen Frage immer noch kein rechter Ernst zu sein. Einige meinen, man solle auf das Einbringen auswärtiger Waaren einen starken Zoll erheben; wie­der andere wollen Vereine gründen, um wo möglich hiesige Geschäftsleute 511 begünstigen. Aber der Bibel­spruch, wo cs heißt:ihr seht wohl den Splitter im Auge eines Andern, den Balken im eignen Auge wollt ihr nicht sehen," wirb hier nicht beherzigt. Warum, fragen wir, bat man die Kaufleute bei ver Tuchliefcrung der Bürgerwchr so ganz außer Augen gelassen. Für sie cristirt nur insofern diese Anstalt, daß sie ererzieren und patroullircn müssen; man hat cs vorgezogen, Einen auf Kosten Vieler zu begünstigen. Die Herren Schnei­dermeister können froh sein, daß hier keine Kleiderfabri- ken bestehen, sonst wäre eS ihnen nicht besser ergangen. Freilich, wird man und einwenden, sind die Kaufleute keine Produzenten, und muß man vor Allem den billig­sten Preiß und die arbeitende Klasse berücksichtigen; diese beiden Einreden sind aber nicht stichhaltig, denn die Kleidung der unbemittelten Bürger wird durch Hilfe des Staats besorgt, und der vermögendere