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Der Volksfreuâ

Sobald wir Deutschen eine Nation sind, sind wir die e r st e.

S e u m e.

Wiesbaden. Dienstag,

den 18. April' 1848.

An den Herrn Grafen

Hugo v. Waldb ott-Baffcnhcim in München das Central-Sicherheitscomite zu Wiesbaden.

Herr Graf!

Die politischen Bewegungen, welche sich in neuerer Zeit in allen Gauen unseres deutschen Vaterlandes kund gegeben, haben nach einem uns von Herzoglicher Lan­desregierung vorgelcgtcn Bericht des Herzl. Amts Ilfin# gen die ernstesten Auftritte in den standesherrlichen Orts- gemcinden Wernborn, Cransberg, Schmitten, Arnolds- Hain, Pfaffenwiesbach, Reifenberg und Seelenberg und nach den Anzeigen des Herrn Oberförsters Schott zu Reisenberg endlich eine an Anarchie gränzende Aufregung daselbst hervorgerufen, die den Umsturz aller bestehenden Ordnung zu beschleunigen und die Sicherheit des Ei­genthums sowie der Personen zu gefährden droht, na­mentlich wurde von stattgehabtem Schießen auf ange­stellte Förster und begonnener Devostation standeèherr- licher Waldungen einberichtet und dabei hervorgehoben, daß es wohl am Platze sei, wenn sich mehrere Mitglie­der des hiesigen Centralsichcrheitscomite's zu dem die Bürger großes Vertrauen hätten, sofort nach den stan- desherrlichen Gemeinden begäben, um die zu versammeln­den Gemeindeglieder zu belehren.

Das unterzeichnete Sicherheitseomite aus Männern des Volksvertrauens durch Tausende von Stimmen zu­sammengesetzt, fand seine Entstehung in den für Nassau denkwürdigen Märztagen und strebt jeitdem unablässig, den hohen Beruf die Ruhe und gesetzliche Ordnung zu­nächst in unserm Herzogthum aufrecht zu erhalten, um jeden. Preis zu erfüllen.

Vier der unterzeichneten Mitglieder des Comites wur­den demnach am 9. d. Nits, sogleich abgeordnet, begaben sich in Begleitung des Herrn Justizraths Spieß zu Usingen in die aufgewühlten Gemeinden und bringen heute Re­chenschaft über den Befund und den Erfolg ihrer Sen­dung, woraus sich folgendes festgestellt.

Das Erscheinen unserer Deputation erregte in den sieben eben genannten Orten allgemeine freudige Sen­sation, weil' man in ihr gleichsam die Erretter oder doch die kräftigsten Fürsprecher zur Befreiung von den drückendsten Lasten von dem Jahrhunderte lang ertrage­nen Elend erblickte.

Es ist unverkennbar, daß die Armuth und das Elend in den standesherrlichen Gemeinden bei unzureichendem Ackerbau den höchsten Grad und diesen Höhepunkt um so schneller erreicht hat, als die Kleinweber, Nagelschmiede und Nadler, woraus die meisten Ortseinwohner beste­hen und welche in diesem Industriezweige noch einiger­maßen Verdienst gehabt, seit längerer Zeit durch die immittelst entstandenen Maschinen und Fabriken zu ar­beiten beinahe gänzlich aufhören mußten. Wir wissen nicht,

ob Sie sich, Herr Graf! jemals um das Loos dieses un­glücklichen Volks bekümmert haben oder ob Sie von Ihren Beamten durch falsche oder halbwahre Berichte belogen worden sind, aber das wissen wir, daß jetzt die Stunde der Erlösung für dieses mißhandelte und aus­geplünderte Volk geschlagen hat, sei es nun, daß Sie unsern Worten Gehör geben oder nicht Wir haben die Pflicht übernommen, Ihnen, Herr Graf! die Wahr­heit zu sagen, welche sich dahin zusanimenfassen läßt, daß durch schauderhafte, systematische, Jahrhunderte lange Aussaugung die unglückliche Bevölkerung dieser 7 Ge­meinden zur Verzweiflung und an den Bettelstab ge­bracht worden ist. In den Gebirgsorten wohnen häufig 34 Familien in einer Stube; ein Nagelschmied in jenen Orten, verdient beim rastlosesten Fleiße von Morgens 5 bis Abends 8 Uhr 18 Kreuzer, in Wern­born, Cransberg re treibt die Verzwciflnng und der Hunger jährlich Hunderte lumpigtcr Menschen, häufig Kinoer, nach England, Frankreich und Rußland auf jene berüchtigten Bettelfahrten, welche ganz Deutschland ent­ehren. Die Berichte Ihrer Herrn Beamten mögen sehr sanft und beruhigend lauten, namentlich wenn sie von 30,000 Gulden jährlicher Einkünfte begleitet sind, aber wir können Ihnen, Herr Graf! aus eigenem Au­genschein die Versicherung geben, daß die Bewohner jener 7 s. g bassenheimischen Ortschaften zu den un­glücklichsten Menschen der Erde gehören, daß Viele von ihnen wandelnde Leichen sind, daß aller Fleiß sie nicht vor der Verzweiflung schützt und daß sie die Opfer der grausamsten, Jahrhunderte lang systematischen Ausplün­derung sind.

Es mußte uns in Erstaunen setzen, Herr Graf! als uns von diesen unmenschlich hart bedrängten nassaui­schen Schlesiern, wovon viele durch Hunger und Noth in wahren Stumpfsinn verfallen und nur noch die Ge­stalt von Menschen haben uns weinend die Mittheilung machten, daß ihr Standesherr sich niemals in ihren Orten persönlich habe sehen lassen um sich durch Seibst­auschauen von ihrem Elende zu überzeugen und dadurch veranlaßt zu werden, geeignete Mittel zur Abhilfe ihres , Nothstandes anwenden zu lassen, vielmehr hätten die Beamten die standesherrlichen Rechte nach und nach zur Ungebühr erweitert und durch die frechsten liebergriffe die seit Jahrhunderten besessenen Gemeindegerechtsamen beinahe gänzlich aufgehoben. 1

Die standesherrlichen Gemeinden wollen daher in den Vollgenuß ihrer Rechte wieder eintreten und verlangen:

1. Die Ortsgemeinde Wernborn.

1) Ueberlassung der Jagd- und Fischereigerechtigkeit in der Gemeinde. 2) Abschaffung des Zehntens von allen Bodenerzeugnissen, und der Grundzinsen.