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No. 28.

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Der Velksfreun-.

Sobald wir Deutschen eine Nation sind, sind wir die erste.

S e u m e.

Wiesbaden. Mittwoch, den 12. April 1848.

+ Der teutsche Sonderbund.

Wir glaubten, das teutsche Volk habe endlich einge­sehen , daß seine Uneinigkeit die Quelle aller Leiden, die über es ergangen sind, gewesen sei und habe sich deßhalb wirklich zur Eintracht und Einigkeit hingewandt. Auch waren in der That alle Anzeichen vorhanden, die uns hoffen ließen, daß die Teutschen sich fürder nicht mehr in Zwietracht gegenseitig aufreiben würden, denn bei allen Gelegenheiten wurde die Einigkeit gepredigt, sie war das Losungswort unsers Jahrhunderts und bei Turn- und Singfesten entfaltete sich der Geist der Ein­tracht auf die schönste und erfreulichste Weise und die­ser Geist beseelte alle Teutschen im jüngsten Kämpfe um ihre Freiheit. Kaum ist diese errungen, kaum ha­ben wir die Freude erlebt, unsre Unterdrücker fallen zu sehen, kaum haben wir angefangen, e i n großes, star­kes Volk zu werden, da droht auch schon wieder die alte Zwietracht mit all' ihren schrecklichen Folgen unter uns einzureißen, da wird schon wieder die Brandsackel des Bruderzwistes angefacht, indem eine Partei mit einsichtsvollen und geachteten Männern an der Spitze aufgetreten ist, die Teutschland durchaus in einen Frei­staat verwandelt wissen will.

Wir sind alle damit einverstanden, daß der Freistaat die vollendetste Staatenform ist, wir geben zu, daß auch für unser Vaterland diese Staatenform zu wünschen wäre, allein, ob in diesem Augenblicke, ist eine andere Frage. Die Mehrzahl unsres Volkes beantwortet sie mit nein, die meisten der Abgeordneten zu Frankfurt, selbst Jordan, Eisenmann, Venedey, die doch gewiß allen Grund dazu hätten, für eine Repubik zu stimmen, haben sich entschieden dahin ausgesprochen, daß sie in dem gegenwärtigen Augenblicke für Teutschland nur ein Unglück sein könne, und sie haben Recht, denn ohne Bruderkrieg ließe sie sich nicht herbeisühren. Oder wür­den die Baiern, Hessen, Braunschweiger re., bei denen die alte, dem Teutschen angeborne Liebe zu ihren Für­sten durch die von ihnen gemachten Zugeständnisse von Neuem entbrannt ist, so ruhig zusehen, wenn man ihre Fürsten entsetzen wollte? Es wird unter den Vortheilen, die ein Freistaat gewähre, auch der genannt, daß er für Teutschland wohlfeiler sei, als der bisherige Zu­stand. Ist das wohlfeiler, wenn wir nur über Bruder­leichen dahin gelangen können? Lieber wollen wir -doch Millionen Geldes opfern, als daß wir das Leben von Tausenden unsrer Brüder auf's Spiel setzen. Und was wäre die Folge des Bürgerkrieges? Würden wir auch wirklich unser Ziel erreichen? Dies bliebe immer noch dahingestellt , da die Mehrzahl des teutschen Volkes von einem Freistaate nichts wissen will, aber abgesehen da­von , ein Bürgerkrieg wäre die Brücke für unsre äußere

Feinde, und nichts möchte Rußland erwünschter sein, als uns im Innern entzweit zn sehen.

Gesetzt auch, wir hätten keine Gesahr von Außen zu fürchten, gesetzt, die Vertreibung unserer Fürsten kostete uns keine Mühe und kein Blut, so wäre der Freistaat für-uns immer eine gewagte Sache, denn, so ost dem auch widersprochen worden ist, müssen wir doch stets darauf zurückkommen und behaupten, das teutsche Volk ist noch nicht reis dazu. Zwar suchte die Gegenpartei dies zu widerlegen, indem sie auf die Teutschen Hin­weist, die nach Nordamerika gehen und sich recht gut in den dortigen Zustand der Dinge zu finden wissen, allein dieses Beispiel kann unsere Behauptung nicht um­stoßen, denn jene Teutsche fanden sich ebenso in die nordamerikanische Verfassung , als ein Nordamerikaner sich in die unsrige finden würde, wenn er unter uns leben müßte. Würde aber das ganze teutsche Volk nach Nordamerika übergesiedelt, so würden wir dort das erleben, was hier stattfinden würde, wenn das nordamerikanische Volk nach Teutschland käme eine gänzliche Staatsumwälzung.

Wenn wir eine Republik errichten wollen, so müssen wir erst Republikaner haben, eine 30jährige Censur macht aber keine Republikaner, wie ein Redner zu Frank­furt sehr richtig bemerkte, und: wenn wir etwas Neues gründen wollen, so wollen wir es doch auch nicht auf einen Augenblick, sondern sür die Dauer gründen. Da­ran denken die wenigsten von denen, die nach einem Freistaate verlangen, ob derselbe sich in Teutschland auch halten werde. In Frankreich, dessen Bewohner zu den politisch gebildetsten gehören, dessen Bewohner auch schon in dieser Beziehung gewitzig t sind, kann der Freistaat wohl fortdauern, obwohl es auch dort voraussichtlich noch zu blutigen Kämpfen kommen wird, Teutschland aber, das jetzt die erste Revolution erlebt, Teutschland, daS 30 Fürstenhäuser besitzt, von denen eben so viele Contrerevolutionen zu be­fürchten sind, cs ist zu einem Freistaate sür die Dauer noch nicht geeignet.

Zuletzt ist auch die Gefahr wohl zu berücksichtigen, der wir uns mussetzen würden, wenn wir jetzt Teutsch­land in einen Freistaat umwandelten. Die Gesetz- und Zügellosigkeit, die schon jetzt eine hohe Stufe erreicht hat, würde, dermaßen überhand nehmen, daß selbst den Gutgesinnten die Freiheit zuletzt verleidet und den Feinden der Freiheit ein um so größerer Spiel­raum eingeräumt würde, denn was das Feuer dem Kinde, daS ist der Freistaat für ein unmündiges Volk.