seinen Naturtrieben zu überlassen. Nein, wir haben Nichts von alledem: keine natürliche Geberde, keine freie Bewegung ist unS gestaltet. Kaum ist'S unS gestattet zu leben, denn alles Leben bedingt schon eine gewisse Unabhängigkeit: und wir sind ja Nichts, als das leblose Räderwerk dieser scheußlichen Unterdrückungsund Eroberungs-Maschine, die man Russisches Reich nennt. Nun wohl, meine Herren, denken Sie sich eine Seele in einer Maschine, dann werden Sie sich vielleicht eine Vorstellung von der Unermeßlichkeit unserer Leiden machen können. Keine Schande, keine Qual, die wir nicht zn erdulden hätten; daS ganze Unglück Polens lastet auf uns, aber ohne seine Ehre.
Ohne seine Ehre, sage ich, und ich vertrete diesen Ausdruck, so weit er sich auf daS regierende, daS offizielle, das politische Rußland bezieht.
Eine schwache, entkräftete Nation bedarf vielleicht des Lug'S und Trug'S, um die elenden Reste einer dem Untergang nahen Eristenz zu stützen. Aber Gott fei Dank, Rußland ist so weit nicht. Nur an der Oberfläche ist die Natur dieses Volks verdorben: kraftvoll, mächtig und jung, braucht cs nur die Hindernisse wegzuräumen, die man ihm in den Weg zu stellen wagt, um sich in seiner ganzen natürlichen Schöne zu zeigen, um alle seine ungenannten Schätze zu entwickeln, um endlich der Welt zu beweisen, daß daS russische Volk nicht im Namen der brutalen Gewalt, wie man gewöhnlich denkt, sondern im Namen alles Dessen, waS es EdleS und Heiliges im Leben der Nationen gibt, im Namen der Menschheit, im Namen der Freiheit daö Recht deS Daseins hat.
Meine Herren, Rußland ist nicht blos unglücklich, eS ist auch unzufrieden; seine Geduld geht zu Ende. Wissen Sie, was man sich sogar am Hofe von St. Petersburg ins Ohr flüstert; wissen Sie, was die Vertrauten , die Günstlinge und sogar die Minister deS Kaisers denken? Daß die Herrschaft N iko las, d ie Ludwig's deS XV. ist. Alles drängt zum Sturm, zu einem nahen, schrecklichen Sturm, der Viele erschreckt, den aber die Nation mit Freuden herbeiruft. (Stürmischer Applaus.)
Um die innern Angelegenheiten deS Landes sieht eS zum Entsetzen schlecht auS. Unter dem Schein der Ordnung herrscht eine vollständige Anarchie. Unter der Außenseite eines zum Uebermaß strengen hierarchischen Formenwesens liegen scheußliche Wunden versteckt; unsre Verwaltung, unsre Justiz, unsre Finanzen sind eben so viele Lügen, Lügen, um die Meinung deS Auslandes zu täuschen, Lügen, um die Sicherheit und daS Bewußtsein deS Herrschers einzuschläfern, der sich um so lieber denselben hingibt, als der wirkliche Zustand der Dinge ihm Furcht einflößt. Es ist nichts Anders, als eine mit Geschick auSstudirte Organisation der Ungleichheit, der Barbarei und der Plünderung im Großen. Alle Diener des Czaren, von denen, welche die höchsten Stellen bekleiden, bis zu den unbedeutendsten Distrikts- Beamten herab, ruiniren und bestehlen das Land, begehen die schreiendsten Ungerechtigkeiten, die schauderhaftesten Gewaltthaten, ohne die geringste Schaam, ohne die geringste Furcht, öffentlich am hellen Tage, mit einer Unverschämtheit und einer Brutalität ohne Gleichen; sie geben sich sogar nicht einmal die Mühe, ihre Verbrechen vor dem Unwillen des Publikums zu verbergen, so sicher sind sie der Straflosigkeit.
Der Kaiser Ri ko las gibt sich wohl zuweilen den Anschein, als wolle er dem Umsichgreifen dieser empörenden Korruption Schranken setzen; aber wie sollte er ein Uebel unterdrücken können, dessen Ursache in ihm selbst, in dem Princip seiner Regierung liegt? Darin ist auch das Geheimniß seines gänzlichen Unvermögens zu allem Guten zu suchen! Diese Regierung, die nach außen so imposant erscheint, im Innern ist sie ohnmächtig; nichts gelingt ihr; alle Reformen, die sie unter- nimmt, fallen alsbald wieder in nichts zusammen. Da sie sich nur auf die beiden verächtlichsten Leidenschaften
des menschlichen Herzens, auf die Verkäuflichkeit und die Furcht, stützt, und da sie alle nationalen Triebe, alle Interessen und alle Lebenskräfte des Landes nach Außen vergeudet, so schwächt sich die Gewalt in Rußland von Tage zu Tage durch ihr eignes Thun, und löst sich auf eine schreckliche Weise selbst auf. Sie schwankt hin und her, sie quält sich ab, sie ändert jeden Augenblick ihre Ideen und ihre Pläne; sie unternimmt viel auf einmal, und führt nichts durch. Sie hat die Kraft des Bösen, und macht davon einen ausgedehnten Gebrauch, als wollte sie selbst den Augenblick ihres Sturzes beschleunigen. — Mitten in einem Lande, dem sie fremd und feindlich gegenübersteht, ist sie zu einem nahen Untergang bestimmt. (Fortsetzung folgt.)
Deutschland.
Darmstadt, 27. März. Heute erschien der Minister von Gagern in der zweiten Kammer und theilte derselben Depeschen des hessischen Gesandten in Paris mit, nach welchen die Deutschen dort unter Anführung von Georg Herwegh Vorbereitungen träfen, um mit bewaffneter Hand in Deutschland die Republik zu prokla- miren; die erste Kolonne, 500 Mann stark, habe Paris bereits verlassen und marschire über Dijon nach dem Rhein. Lamartine habe die Zustimmung hierzu verweigern wollen, sei aber von seinen Kollegen überstimmt worden. Gagern bat die Kammer um Ermächtigung, alle ihm geeignet erscheinenden Maßregeln anzuordnen. Die Kammer ertheilte einstimmig das Vertrauensvotum unbedingt. — Möchte man unseren verirrten Landsleuten an der Grenze zuerst mit friedlichen Vorschlägen entgcgenkommen und den Versuch freundlicher Aufklärung nicht verschmähen! Bleibt solches ohne Erfolg, dann ewige Schmach und ewige Schande für jeden Deutschen, der sein Vaterland angreift! Der gerechte Sieg über unberechtigte Freischaaren kann uns nimmermehr fehlen! (D. Z.)
Berlin. Die der Deputation aus Posen,-.an deren Spitze der dasige Erzbischof stand, ertheilte Antwort lautet: „Auf den Mir von Ihnen vorgetragenen Wunsch will ich gern eine nationale Reorganisation deö Gr oß h e rz og thum S Posen, welcheinmög- lichst kurzer Frist stattfinden soll, anbahnen. Ich genehmige daher auch die Bildung einer Commission auS beiden Nationalitäten, die mit Meinem Ober- Präsidenten gemeinschaftlich über diese Reorganisation zu berathen und nach dem Resultat dieser Berathung Mir die nöthigen Anträge zu stellen haben wird. Die gedachte Commission kann aber nur wirksam sein, wenn und so lange die gesetzliche Ordnung und die Autorität der Behörden im Großherzogthume Posen ausrecht erhalten wird. Berlin, den 24. März 1848. (Gcz.) Friedrich Wilhelm."
K i e lr Unter den gestern genannten Mitgliedern der hiesigen prov. Regierung fehlt aus Versehen der Name B e s e l e r S. — Die prov. Regierung wurde am 24. März, Nachts um 12 Uhr, auf dem Markt der Bürgergarde , und am Morgen vor dem Rathhause auch der Stadt proklamirt. In Kiel, Rendsburg, Eckernförde und Glückstadt ist daS Militär auf Seite der Provis. Regierung und wird nach Rendsburg gelegt werden, welches eiligst befestigt wird.
Leipzig, 26 März. Das gestern hier gefeierte Krackrügge-Ban ket war ebenfalls ein Kind unserer bewegten Zeit. Tausend gebildete Männer und Frauen Leipzigs bezeigten dadurch einem einfachem Erfurter Bürger, der eben aus dem Gefängniß entlassen durch Leipzig kam, wie sehr sie überall die Männer zu schätzen wissen, die mit Wort und That das unmoralische System der Schreibstubenherrschaft haben stürzen helfen. Krackrügge ist ein solcher Mann, er hat die moralische Schlechtigkeit eines hohen adeligen preußischen Beamten (des Herrn v. Ehrenberg), der die eigne Tochter n la Kaspar Hauser mißhandelte, ans Licht gezogen.
München, 25. März. Zum Abschiede Millichs,