RaffauWe-Acifung.
IS™- 236 Wiesbaden, Sonntag 24. December 1848»
BestcllunjM auf die Nassauische Zeitung, welche auch vom 1. Januar 1849 an täglich erscheint, wöchentlich 6 Mal, und bei der Expedition nur 1 fl. 15 kr. bei allen Postanstaltm im Herzogthum nur 1 fl. 30fr. inclusive des Postporto kostet, bitten wir schleunig ju machen bei dem zunächst gelegenen Postamt oder direct bei der Expedition in Wiesbaden.
Uebersichten , Erörterungen und Aktenstücke.
aber seine Schule in diesem System gemacht hat, und die alt-österreichischen Ueberlieferungen und Grundsätze nicht ver« gessen zu haben scheint. Persönlich mag seine Erscheinung an der Spitze von Oesterreich dem Czaren allerdings nicht die angenehmste sein; ,fte erweckt bittere Erinnerungen an die Zeit, da Kaiser Nikolaus den Thron seiner Väter über den Abgrund einer blutigen Verschwörung hin bestieg. Da« inals stand Felix Schwarzenberg bei der österreichischen Ge« sandschaft in St. Petersburg unter Lebzeltern. Er war, so hieß es wenigstens, auf dem Platze, als der Aufstand losbrach, und dies erzürnte den Czar dergestalt, daß Schwarzenberg abgerufen werden mußte und für den Petersburger Posten eine Unmöglichkeit blieb. Allein über diese Erinnerungen ist hohes Gras gewachsen; sie hindern, obgleich die persönliche Empfindung in den Entschlüssen und Handlungen des Kaisers von Rußland starken Einfluß zu üben pflegt, das Einvernehmen nicht, welches zwischen Rußland und Oesterreich thatsächlich bereits eingeleitet worden ist. Die Kehrseite eines solchen Einvernehmens ist die seü Monaten wachsende Entfernung und Abkühlung zwischen St. Petersburg und Berlin, die sich bis in die höchsten Sphären und die nächsten Verwanctschaftsbande versteigt. Darüber in einigen curiosen Details nächstens mehr. Vorderhand nur diesen Wink, welchen sich Deutschland an seinem großen Scheidewege, bevor es wählt, zu Herzen nehmen möge'.
Auch eine Stimme über DolkSsouveränität.
(Schluß.)
Die Volkssouveränität ist die Kehrseite der absoluten Identität oder Subjektivität. Dem absoluten Idealismus nach ist Denken und Sein Eins; diese absolute Identität hat ihr Leben-oder verwirklicht sich durch Evolution ihrer selbst, und darin ist sie absolute Subjektivität. Sich ewig bewegend, setzt sie sich selbst in jedein^ Momente und dieses Setzen hat absolute Berechtigung. So gilt allein die reine Gewalt der Gegenwart.
Die Vol ksso u verân i tät ist die Identität des Einzelnen oder Volkswillens (der aus den Einzelnen zusammengesetzt ist) und des absoluten oder göttli^ chen Willens. Sie ist jene praktisch gewordene idealistische Identität oder Subjektivität und deren Erzeugmß. Es rekurrirt gegen sie Alles das, was auch diese widerlegt. Die Volkssouveränität ist eben so unwahr, wie die absolute Subjektivität. So wie das Sein nicht absolutes Prädikat des Denkens, sondern als Wirkliches eine Qualität ist, die durch ein synthetisches Urtheil erkannt werden muß, so ist auch der Volköwille nicht das absolute Prädikat des Vernunftwillens, d. h. mit diesem identisch, sondern muß durch Prüfung und Urtheil erkannt, also durch eine andere und höhere Instanz, denn er selbst ist, geregelt
Oesterreich und Rußland.
Wie mögen die geheimen Aufträge lauten, mit denen neben seiner officielleu Botschaft von dem großen Regierungswechsel ein kaiserlicher Erzherzog von Olmütz nach St. Petersburg abgereist ist? Allem Anschein nach nichts weniger, als unfreundlich. Die Straße zwischen den beiden kaiserlichen Cabinetten scheint wieder so frei, wie sc zuvor, und mit den liebenswürdigsten Verheißungen von beiden Seiten gepflastert. Durch diese offenbare Annäherung wird der Riß zwischen Oesterreich und Deutschland nicht zusammengeführt, und bei aller aufrichtigen Wärme, mit der wir gewiß die innigste Vereinigung beider wünschen, machen wir doch in Zeiten darauf aufmerksam, daß, wenn Oesterreich außer feigen kigenerr Schwierig essen uns noch den Einstuß diu^ lands in den Neubau einer deutschen Zukunft nutbringen wollte oder müßte, die Gefahr und Einbuße bei einer solchen Zubringenschaft den Gewinn an unseren österreichischen Brüdern leicht übertreffen würde. Die geheime Wahlverwandtschaft zwischen russischer und österreichischer Politik datirt bekanntlich nicht von gestern her und ist durch die Märzka- tastropbe nicht aufgehoben worden. Oesterreich hat drei sehr zarte, sehr kitzliche, sehr wunde Berührungspunkte mit Rußland: Polen'— Ungarn — die Donauländer. An diesen drei Stellen hängt es, wie die Verhältnisse noch liegen, kraft eiserner Nothwendigkeit mit dem slavischen Nachbar und Stammverwandten zusammen. Aus Deuschland drückt demnächst mittelbar ein solcher Zusammenhang, unmittelbar die ganze Wucht zweier slavischer Machte in der unbequemsten Weise. Wie gut diese mit einander stehen, geht auch auf anderer Seite daraus hervor, daß sicherem Vernehmen nach Rußland Oesterreich seine italienischen Besitzungen garantirt haben soll, während im Gegentheil England zum Abtreten Oberitaliens aus greifbaren Gründen zu rathen fortfahrt. Das gibt eine ungefähre Perspective auf die Verhandlungen des Brüsseler Congresses, und erklärt nebenher, warum man von Olmütz aus nach St. James einen Gesandten wie nach Paris, nach St. Petersburg, aber wie nach Berlin und Frankfurt einen Erzherzog mit der Ankündigung der Thronbesteigung des jungen Kaisers schickte. Alle diese Zeichen, bedeutsame und bedeutungslose, zusammengehalten, lassen uns überraschende Blicke in die Richtung der Politik thun, welche das „sich verjüngende" Oesterreich einschlägt. Wir erkennen in dieser Richtung ihrer Führer, den Fürsten Schwarzenberg, einen scharfsichtigen, gewandten und erfahrenen Staatsmann, der zu stur ist, um in die ausgefahrenen Geleise des Met- ternich'schen Systems den char de l’état zurückzulenken, der