Theater.
Den schlechten Eindruck, den die Opern „der Blitz" und „die beiden Schützen" auf das Publikum, welches diesen beiden unseligen Produktionen beiwohnte, ausüblen, hat so die höchst gelungene Vorstellung von Spohr'S „Jessonda" wieder verwischt, und man konnte endlich wieder einmal sagen, daß man einen wirklich genußreichen Abend hatte. Spohr'S Jessonda ist rein klassische, ich möchte sagen: Götter -Musik, und es hat sich Spohr durch diese Composition um das deutsche Opernrepertoir ein unsterbliches Verdienst erworben. Wenn der Musikkenner auf merksam jeder Note des Meisters folgt, wenn er die reizenden Modulations Uebergänge überwacht und sich dieselben in einer Tot al -Zusammenstellung vorschweben laßt, so muß ein Wonnegefühl sein Herz durchzucken ob all den so schönen rhytmisch - geordneten großen Musikgedanken, die hier rn scelenvoller Harmonie ineinander zusammenschmelzen. — Welch' schöne Seele muß in einem Körper wohnen, der so großartige Gedanken wiedcrzugeben im Stande ist. Bei dieser Oper, wie bei keiner andern so leicht, kömmt co vor, daß auch Ler Laie sagt: Das ist schöne Musik! Warum? Weil jeder Ton ihm in die Seele dringt, und er ihn auf solche Weise auch verstehen lernt. Was die Ausführung anlangt, so haben wir schon erwähnt, daß sie eine höchst gelungene war. Fräul. Kern sang die Jessonda, und es ist diese Partie eine ihrer vorzüglichsten Leistungen. Frl. Kern hat den Componisten in dieser Partie vollkommen begriffen. Sie fühlte, was er alles Seelen,volle in diesen Part legte, und hat ihn deshalb auch so entzük kend schön dem Publikum vcrgcführt. Fräul. Kern ist als Jessonda eine so reizende Erscheinung, daß wir ihr keine Rivalin zur Seite zu stellen wüßten. Das anwesende gewählte Publikum erkannte dies, und spendete der Sängerin reichen Beifall, was jetzt, da das Publikum mit seinem Beifallspenden wahrhaft eingefroren zu sein scheint, viel heißen will. Frl. Rummel sang die Amazilli. Nicht als hätten wir an ihrer Gesangsleistung das geringste auszusetzen, kam es uns dennoch vor, als fühle sie sich, Frl. N., in diesem Pan nicht so recht heimlich, wie sonst. Auch scheint die Partie ihr zu tief zu liegen. Frl. Rummel jedoch wußte ihre Aufgabe trefflich zu lösen, und es standen Frl. Kern und ihr der Herr Stepan, welcher heute seine ko- lossale Stimmmittel glänzender, als je zu entfalten wußte, so wie Herr Eberius und M e»c r würdig zur Seite. Den wirklichen Chor hätten wir stellenweise reiner gewünscht. Das Orchester entwickelte unter Herrn Kirpal's Leitung eine, der würdigen Composition angemessene, lebende Thätigkeit, und lange noch wird dieser schöne Genuß unserm Gedächtniß freundlichst eingedenk bleiben.
F r a g e k a st e n.
Bei einigen Dicasterien baden die Pedellen für den ihnen entzogenen Fruchtmehrbetrag dem Vernehmen nach eine Vergütung von jährt. 40 Gulden bekommen, während einige andere Pedellen und die Poli- zeidiener leer ausgegangen sind, obgleich sic weniger Besoldung haben, als jene.
Braucht vielleicht so ein Polizeimagen weniger? Oder können sich die Polizeidiener durch ihren zeitweisen Nachtdienst sättigen? Oder sollen sie sich durch die sogenannten Fanggelver, wodurch sie so verhaßt worden sind, entschädigen?
Zur Unterhaltung.
Ein Taranteltanz in Wiesbaden.
Im südlichen Frankreich, da, wo die Natur ein leicht entzündbares Blut bereitet, lebte vor 16 Jahren eine reiche
israelitische Familie, welche plötzlich der heiße Wunsch tr* griff, den schönen Rhein und seine berühmten Heilquellen einmal zu besuchen. Dem Wunsch entsprach schnell die Ausführung, und im bequemen Reisewagen folgten fünf Personen und ihre Dienerschaft, schon nach wenigen Tagen ganz behaglich der Richtung, welche ihnen der Polarstern am wolkenlosen Himmel in linden Sommernächten, die sie zur Reise wählten, vorzrichnete.
In äö-iesbaden angekommen, mochten sie wohl einige Zeit hier verweilen, da ein Hauptglied der Gsellschaft von leichten rheumatischen Beschwerden ein wenig heimgesucht war und es ihnen auch recht gut gefiel.
Der Arzt wurde demnach gerufen, in dessen Kopfe sich die Phhstognomine der einzelnen Personen folgender Weise zusammensctzten.
Das Haupt der Gesellschaft war ein noch rüstiger Mann von 59 Jahren, dessen orientalische Gesichtszüge durch eu« ropäsiches Feit etwas abgerundet waren. Indessen conser« virte er seine altestamemliche Richtung in Sitten und Kleidung, ja selost der israelitische Bart hatte noch seinen Ur« Präsentanten in einem grauen Haarbüschel, der des edlen Hauptes Kinn zierte.
Sodann ein Schwiegersohn, lang und hager wie ein schwefelfaden, und dessen Frau, zwar behaglich rund, aber, diesen schattenlosen Mann zur Seite, und an dem Besten Abbruch leidend, war sie reizbar und verstimmt.
Z vei jüngere Schwestern dieser Dulderin von 18 und 20 Jahren, schwarzlockig von schönen geistreichen Gesichts- zügen, aber hager, mußten leider noch in ebeloser Glückseligkeit ihre Tage hinbringen, und in ihrem rollenden Auge glühte griechisches Feuer, welches, man erkannte es deutlich, keine Wasserfluthen zu löschen vermochten.
So war das 5 blättrige Kleeblatt beschaffen, welches idl einigen Tagen unsere Promenaden und Belustignngs- orle zu Fuß und zu Wagen durchwandert und die Soireen für Fremde besucht hatte. Die Damen besonders fanden dies Leben erheiternd und freuten sich bereits mehrerer schönen Bekanntschaften, die ihnen der Zufall oder gegenseitige Aura livkräft zugeführt hatte. Schon begann der junge Ehemann eifersüchtig, und der Vater aufmerksam zu werden.
Der Sonntag kam endlich heran. Die Gesellschaft beschaute am Morgen eine militärische Parade, bei welcher unsere Damen die kräftige ansprechende Haltung der jungen Krieger nicht genug bewundern konnten. Der Eifersucht war neuer Zunder geboten, der endlich in lichten Flammen auflodcne, als man an reichbesetzten, großen Tafeln und in reizender Gesellschaft speiste und später mit der ganzen Tisch - genossenschaft auf der Esplanade hinter dem Kurhause den Kaffee trank und dann einzelne vertrauliche Gruppen bildend, im Gewühle von Tausenden in den Anlagen und auf verschiedenen Wegen sich erging. Jede der Damen hatte ihren Hof um sich gebildet: ihrer waren drei, der Herren nur zwei — welche Aufgabe, sie zu bewachen!
Endlich gelang es, die 3 Schönen gegen Abend in das Hotel wieder zurück zubringen, nachdem sie das Nöthige für den großen Ball, auf welchem man später erscheinen wollte, mit ihren Begleitern verabredet hatten.
(Fortsetzung folgt.)
Druckfehlerverbesserung.
In dem Aufsatze „OO Vom Westerwald" Nro. 253 wolle man solgende Verbesserung vornehmen:
In der 18. Zeile von oben fehlt nach „Allgemeinen" das Wörtchen in; in der 3.Zeile weiier lese man statt „Land" Amt und setze in der folgenden Zeile statt des ersten (;) ein (,). In dem darauffolgenden Absatz, Zeile 5, soll es heißen beschränkte Ansichten.
Dnick und Verlag von Wilhelm Friedrich — Redaction unter Verantwortlichkeit des Herausgebers Wilhelm Friedrich.