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Gefühle von Billigkeit könnte diese Steuer allerdings empfehlenöwerth erscheinen. Wer viele Kapitale hat, so urtheilt man, kann hiervon leicht die Steuer aus- bringen, es wird ihm dieß weniger schwer fallen, als jedem Andern, der sich mit Mübe sein Brod erwerben muß. Dasselbe gilt von der Einkommensteuer.
Fragt man jedoch: find diese Steuern gerecht, sind sie politisch, sind sie ausführbar, so stellen sich diese Steuern durchaus als verwerflich dar.
I. Die Kapitalstcner ist ungerecht:
1) Weil sie überhaupt jeden rechtlichen Grundes der Auflage entbehrt. Mit welchem Rechte kann der Staat die Staatsbürger fragen, welche Kapitalien sie im Auslande besitzen, wie viele Staatspapiere re.; dieselben stehen nicht einmal unter dem Schutze des Staates.
2) Weil ein Kapital nur ein ideelles Gut ist und schon um deßwillen nicht versteuert werden kann, da die materiellen Besitzungen, auf denen das Kapital ruht, schon versteuert sind. Wir wollen den Fall annehmeu, zwei Brüder hätten das väterliche Erbtheil, bestehend in Ländereien, im Betrag von 20,000 fl., zu theilen, die Ländereien würden zweckmäßig in einer Hand bleiben und der eine Bruder müßte hiernach dem andern 10,000 fl. herauSgebcn, welches als verzinsliche Schuld auf seinen Ländereien stehen bliebe; so hätten die beiden Brüder nunmehr 30,000 fl. zu versteuern , während dem sie in Wirklichkeit nur 20,000 besäßen.
Um die Unzuträglichkeiten hervorzuhcbcn, welche die Besteuerung ideeller Güter mit sich führt, können wir hier die im Entwurf nicht beantwortete Frage aufwerfen, wenn nun Jemand Kapitalien und verzinsliche Schulden hat, kann er dann die Schulden von den Kapitalien abziehen, oder ist ihm dieses nicht gestattet. Letzteres könnte zu den größten Härten führen und ersteres ist daher jedenfalls das richtigere. Indessen wäre nun nach diesem Grundsätze die Folge, daß der reiche Kapitalist, welcher bedeutende Güter erbte, auf welchen aber eben so viel oder mehr Kapitalschulden ruhten, als seine Kapitalien betrügen , jetzt keine Kapitalstcner mehr zu zahlen hätte. (Ohnedieß würde freilich dieser Fall ein- treten, wenn die Güter in die Hände des Gläubigers fielen, oder wenn das auf den Gütern ruhende Kapital durch Erbschaft auf den Schuldner überging.) Hier würde durch Vereinigung des Vermögens in eine Hand sogar ein Ausfall an der Steuer entstehen.
Würde dieser Grundsatz auch auf die auf Fi^ei- kommnißgütern liegenden Schulden ausgedehnt, so würde der Fideikommnißerbe, auch wenn er ein bedeutendes Kapitalvermögen besäße, fast nie Steuern hiervon zu Wfc Wa MM? V «AE ayg dem Fideikommnissr au Sgefchlchsei^varew rpre Kapktanen zu versteuern hätten.
3) Diese Steuer ist ungerecht, weil hiernach der Inländer sogar hinter den Ausländer zurückgesctzt und gegen diesen im Nachtheil steht.
Man hat wohl eingesebe», daß man von dem Ausländer, welcher im Herzoglhum wohnt, keine Rechenschaft fordern könne, welche Kapitalien er im Auslande besitze, aber von dem Inländer glaubt man eine solche Rechenschaft fordern zu können.
4) Mit welchem Rechte kann man Aktien (z. B. Eisenbahnaktien) versteuern, da die Aktieninhaber Theilnehmer an einem Unternehmen sind, welches schon versteuert ist.
(Fortsetzung folgte
Lebende Musterbilder zur Verunsittlichung des Volkes.
Von der Lahn, den 19. September.
Daß Beamtenschwächen demoralisirend auf das Volk wirken, wird gewiß Niemand bestreiten. Jeder sollte also darauf halten, die Beamten, worunter hier besonders die Amtmänner gemeint sind, in ihrem beschwerlichen Berufe nach Kräften zu unterstützen und, wenn sonst Gerechtigkeit mit guten Herzen bei den betreffenden Beamten vereint ist, deren Schwächen möglichst unschädlich zu machen suchen, was leicht gelingt, wenn der gute Wille dafür zur Hand ist. Ob aber die meisten unserer sogenannten Gebildeten diesen guten Willen haben? — Dies ist eine andere Frage, die sehr in Zweifel zu stellen bleibt.
Dieser Eingang wird uns Gelegenheit zu einem Bilde geben, welches allerdings zur Verunsittlichung des Volkes beiträgt,
, ^bt ein Mann in einem angrenzenden Dorfe eines 'ena _ arten Amts, welcher wegen Frevel zum Schulthei-
pen auf den Rügentag geladen war. Der Mann erschien, | bemerkte aber, er ließ sich nicht strafen, sondern wolle seinen Frevel ausgesetzt haben. Der Schultheiß mußte dies thun, und der Frevler wurde an's Amt geladen. Wer in termino nicht erschien, war der Vorgeladene. Nun kam die neue Ladung zum Erscheinen, bei Vermeidung der Vorführung durch Reservemannschaft, welche der Schultheiß bekannt machte, den Burschen aber nicht zum Gehen bringen konnte. Darauf erschienen zwei Reservisten, mit welchen der Schultheiß in die Wohnung des Mannes einzog, demselben bemerkte, er sollte geholt werden, und worauf der erwiderte: „ich gehe aber nicht mit". Die Reservisten machten keine Miene, sich den Mann mit- zunehmen, und der Schultheiß, der freilich nicht sprechen konnte: „im Namen des Gesetzes !" welcher Ruf zur Ordnung und Folge leider auf Deutschlands rechter Rheinseite noch viel zu wenig gehört und befolgt wird, der Verhandlung überdrüssig, sagte den Reservisten: „da ist er, da sitzt er, nun nehmt ihn euch mit", und ging seiner Wege nach Hause. Bald kommen auch die Reservisten, aber ohne den Gefangenen und geben auf die Frage, warum sie ihn nicht hätten, dem Schultheißen zur Antwort, sie könnten ihn nicht zum Mitgehen bewegen, worauf sie abzogen und ebenfalls nach Haus gingen.
Kurz darauf kommt der Schultheiß an's Amt und zum Justizrath, bei welcher Gelegenheit Letzter den Schultheißen fragte, warum der Vorgeladene nicht erschienen, resp, nicht eingebracht worden sei. Die Antwort des Schultheißen war, weil zwei muthlose Kerls geschickt worden seien, die denselben nicht zu greifen gewagt hätten. Darauf meinte der Beamte , er müsse wohl drei tüchtige Burschen schicken, und der Schultheiß' erwiderte, ein tüchtiger sei dazu genug. Der Beamte äußerte nun allen Ernstes, ob sein Verfahren keinen Aufstand der Bauern des Dorfes zur Folge haben könnte, worauf ihm der Schultheiß, ihn von der Seite betrachtend, wörtlich erwiderte: „O, Herr Justizrath, wer wird wegen solchen Kerls einen Ausstand machen wollen!? — Zudem ist er nicht zu Hause, sondern gegenwärtig in H." — Letzteres war dem Beamten sehr angenehm, er beorderte deßhalb Mannschaft nach H. und der Frevler wurde eingebracht. -— Buchstäblich wahr. — Der Beamte ist dem Einsender als vollkommen gerechter, durchweg braver und von Herzen guter Mann schon lange bekannt. Es fehlt also weiter nichts, als Muth, um in dem noch zur Zeit brausenden Sturme zu steheu. Im vorigen Jahre war Muth noch nicht so nöthig, als gegenwärtig, wie eben an diesem Beamten ersichtlich ist, der obendrein stets human mit den Bürgern seines Amts verfuhr, also furchtsam zu sein durchaus keine Ursache hat.
Es frägt sich nun, von welcher Seite am meisten ge- fehlt wurde? Dem Einsender will es devnnk--li_ daü dies von Seiten des Schultheißen und der Reservisten geschah, MntftenfTitfi Meist Seiivn
zeihliche Schwäche des Beamten schon seit dem 4. März L I. durch mehr als ein Beispiel bekannt war. Er hat seinen Bauern auf indirectem Wege Anleitung zur Widersetzlichkeit gegeben, er hat die Sachlage nicht gut überlegt, hat also zur Demoralisirung des ihm anvertrauten Volks, allerdings wohl wider seinen Willen, beigetragen. Vom Verhalten der Reservisten wollen wir abstrahiren, denn man weiß, daß sie als erecutive Gewalt nichts taugen, nur müssen wir schließlich bemerken, daß die hierbei activ Gewesenen Feiglinge sind.
Nächstens ein neues Bild. Ikh.
Ausland.
Republik Frankreich.
Paris, 26. Sept. Cavaignac sagte mit seiner gewöhnlichen Trockenheit zu einigen Repräsentanten : Daß er die Napoleoniden sammt und sonders (eö sitzen be- kannlich vier Vettern in der Nationalversammlung) einpacken und nach Amerika überschiffen würde, wenn sie sich zu Ruhestörungen hergeben würden.
Paris, 26. September. Auf Befehl des Kriegsministers wurde diesen Morgen eine bedeutende Menge Munition aus Vincennes in die Stadt geschafft und unter die Truppen vertheilt. Das 6. Bataillon der Mobilgarde hat den linken Tuilerienflügel (Rue de Rohan) verlassen, sich nach Ruel begeben, wo das bo- napartistische Fieber am heftigsten wüthet. Zahlreiche Emissäre haben den dortigen Bauern eingerebet, daß der „Prinz" mit 2 Milliarden baaren Geldes, die er auf den Altar des Vaterlandes niederlegen würde und wodurch sie (die Bauern) zwei Jahre von allen Abgaben verschont bleiben sollten, ankomme. Auf diese Weise wird ihr Enthusiasmus für den „demokratischen Kaiser" erklärlich.
Italien.
Mailand, 22. Sept. Der gefürchtete 21. Sept, ging, wie wir vermuthet hatten, vollkommen ruhig vorüber. Bis in die späte Nacht sahen wir die österreichischen Offiziere vor den Kaffeehäusern gemächlich sitzen, die vom Volk verpönte Cigarre dampfend. Orgel - und Cytherspieler musicirten wie gewöhnlich, lumpige Bettler verschmähten nicht das deutsche Almosen, denn das Elend ist groß in Mailand. Sonst marschirten nur die gewöhnlichen Patrouillen durch die Gassen. — Man erfährt hier wenig aus den übrigen Theilen Italiens. Alle toscanischen, römischen, picmontesischen Blätter sind verboten. Vieles was die Allgemeine Zeitung aus Italien bringt, ist uns noch Neuigkeit. Noch immer fehlt auch hier die offizielle Ankündigung deS verlängerten Waffenstillstandes, wie in Turin. Ein Theil der in Piacenza stehenden Truppen ist wieder nord-ostwärts abgegangen, waS zu bestätigen scheint, daß der Krieg nicht so nahe ist. UebrigenS dauern auch hier die Truppenbewegungen fort. So eben langte das 33ste Infanterieregiment (Slowaken) an, und soll heute noch mit der Eisenbahn nach Monza gehen. Die staubbedeckten Soldaten trugen Eichenbüsche auf den Tschakos und sahen sonnverbrannt und müde aus. Radetzky, der mit einem glänzenden Generalstab dem Regiment ent« gegengeritten war, zog an seiner Spitze durch die Porta Romana ein. Der Marschall ist von kleiner aber breiter Statur, trägt weder Bart noch Schnurbart, sieht durchaus nicht finster und grimmig aus, wie man sich ihn nach italienischen Zeitungen denken könnte, sondern scheint vielmehr ein freundlicher alter Herr. Er sitzt etwas gebückt, aber noch fest im Sattel und sieht um 10 Jahre jünger aus alö er ist. Einer der Söhne des VicekönigS Rainer ritt zu seiner Rechten in Uhlanenuniform. Hinter ihm bemerkte ich eie Generale Wimpffcn, d'Aspre, die beiden Fürsten Schwarzenberg und noch fünf oder sechs Generale. Daß kein Italiener vor ihnen den Hut abnahm, brauch' ich wohl kaum zu erwähnen.
Großbritannien.
London, 26. Sept. Die Nachrichten aus Frankfurt haben London erreicht und beschäftigen vielfach die Tagesprcsse. Die „Times" thut dieses mit einer unerhörten Brutalität und in einem Tone, welcher wohl der königlich neapolitanischen Presse würdig tveire, aber nicht eines Organes der Oeffentlichkeit in dem Mutterlande der Freiheit. Die „Times" schreibt ohne Weiteres die Frankfurter Gräuelscenen auf Rechnung der Demokratie, und nachdem sie sich des Breiteren über dieses Thema ausgelassen hat, schließt sie: ,,Das Wort Barricade hat für die Herrscher seinen Schrecken verloren. Wäre die strategische Wissenschaft vom Februar diejenige vom September gewesen, dann lebte Louis PtMPP TMte nicht in Claremont, und der König von Preußen ivürbe seine Hauptstadt nicht vertauscht haben mit der Einsamkeit von Sanssouci. Es kann jetzt für gewiß angenommen werden, daß ein bewaffneter Haufe selbst hinter Barrikaden machtlos ist gegen Artillerie, und das ist zweifelsohne die Art und Weise, wie man künftighin damit umspringen wird." Vorerst sollte die „Times" sich ihrer Unwissenheit schämen, wenn sie von einer Strategie gegen die Barikaden spricht, welche erst im September erfunden wäre. Gleich nach 1830 wurde der Aufstand in Lyon durch dieselbe Taktik unterdrückt, weiche Cavaignac bei dem Juniaufstande anwendete. Der Fluch von ganz Deutschland lastet gewiß auf den Urhebern des Frankfurter Attentats, und Jeder freut sich über die energische Unterdrückung desselben; allein nicht die Demokratie war es, sondern die rothe Republik, welche dort besiegt wurde. Die Ereignisse in Paris, in Berlin und Wien dagegen gingen gewiß von der Demokratie aus, und obschon der Februaraufstand über sein Ziel hinausgerissen wurde, obschon wir tief das vergossene Blut bedauern, so bezweifeln wir doch, daß die von der „Times" gepriesene Taktik hier ausgereicht hätte, um die seit Jahren brütende Bewegung zu unterdrücken. Jenes Blut aber hat uns zu theuren Errungenschaften verholfen, und wir glauben nicht, daß sie durch besagte Taktik uns noch entrissen werden könnten. Die rothe Republik und die Anarchisten dürften immer hinter den Barrikaden ihr Grab finden, selbst von den Händen der Demokratie; nicht so die letzrere. Dessen seien die „Times" und diejenigen, welche ihr Glauben schenken urochten, gewiß. —
London, 26. Sept. In der Citywelt kreist eine Liste unter den Capitalien, die ein neues Anlehen an die französische Republik von 12 Mill. Pfund Sterlin unterzeichnen. — Londoner Briefe bestätigen, daß Lord Palmerston eine kräftige Note gegen jedes Abgehen von den Waffenstillstandsbedingungen nach Kopenhagen erlassen hat.