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Freiheit, Wahrheit und Recht!

Materielles und geistiges Wohl des deutschen Volkes!

Wiesbaden,

Dienstag, den 3. Oktober

18L8.

Für das v i e r te Q u a r t a l d. J. pro Oktober bis Dezember wolle man neue Bestellungen auf die //Nassauische Zeitung" nebst //Allgememes Kirchen- und Schulblatt" schleunigst machen bei der nächsten Postanftalt des Her­zogtums für 2 st. 12 kr. '

Uebersichten , Crorterungen und

Aktenstücke.

Amtlicher Theil.

Das 2. Stück des Neichsgesetzblattes vom 30. Sept. 1848 enthält:

Gesetz, betreffend das Verfahren im Falle gericht­licher Anklagen gegen Mitglieder der ver­fassunggebenden Neichsversammlung.

Der Reichsverweser, in Ausführung des Be­schlusses der Reichsversaininlung vom 29. September 1848, verkündet als Gesetz:

Art. 1. Ein Abgeordneter zur verfassunggebenden Neichsversammlung darf vom Augenblick der auf ihn gefallenen Wahl an, ein Stellvertreter von dem Augenblick an, wo das Mandat seines Vorgängers erlischt, während der Dauer der Sitzung ohne Zu­stimmung der Reichsversammlung weder verhaftet, noch in strafrechtliche Untersuchung gezogen werden, mit alleiniger Ausnahme der Ergreifung auf frischer That.

Art. 2. In diesem letzteren Falle ist die Reichs­versammlung von der getroffenen Maßregel sofort Kennt­niß zu geben, und es steht ihr zu, die Aufhebung der Haft oder Untersuchung bis zum Schluß der Sitzungen zu verfügen.

Art. 3. Dieselbe Befugniß steht der Reichsversamm- lung in Betreff einer Verhaftung oder Untersuchung zu, welche über eüM Abgeordneten M Wahl bereits verhängt gewesen ist.

Art. 4. Kein Abgeordneter darf zu irgend einer Zeit wegen seiner Abstimmung in der Reichsversamm- lung oder wegen der bei Ausübung seines Berufs ge- thanen Aeußerungen gerichtlich verfolgt, oder sonst au­ßerhalb der Versammlung zur Verantwortung gezogen werden. _ .

Art. 5. Vorstehende Bestimmungen treten in Kraft mit dem Tage ihrer Verkündigung imReichsgesetz­blatte".

Frankfurt, 30. September 1848.

Der Reichsverweser:

Erzherzog Johann.

Der Reichsminister der Justiz:

R. Mohl.

Zur deutschen Politik und Diplomatie.

(Schluß.)

Eine zweite, ebenfalls undiplomatische Frage an einen andern Diplomaten: wie befindet sich Herr v.

Raumer zu Paris? Den Eintritt bei dem Präsiden­ten der Republik hat er nun glücklich erzwungen, aber welches war seine Ausnahme? Aus dem Moniteur erfahren wir, daß Hr. v. Raumer die Ehre hatte, ein Schreiben Sr. k. k. Hoheit des Hrn. Erzherzogs Jo­hann von Oesterreich zu übergeben, worin angezeigt worden, daß der deutsche Bund in dessen Hände seine Gewalt niedergelegt habe. Ein Meisterstück diploma­tischer Stylübung, in der That, Wir erfahren dar­aus, daß es einen Erzherzog Johann von Oesterreich noch gibt, und erhalten die Bestätigung der von der Mal­möer Urkunde gebrachten Nachricht über das erfreu­liche Fortbestehen eines deutschen Bundes. Wir er­warten, und das in allem Ernste, daß der Reichsver­weser über Deutschland aus den Händen des Herrn Tallenay nur ein Schreiben des Generals Cavaignac entgegennehmen wird, und wenn dies Schreiben etwa in der Brieftasche des Ueberbringerö ein weniges ver­alten sollte, bevor es an seine Adresse gelangt, so wäre solch eine kleine Lection in internationaler Geduld den Franzosen, die in dieser Tugend ihre stärkste Seite nicht haben, von keiner Seite berechtigter und besser zu geben, als von deutscher, deren glückliche Speciali­tät dieselbe ist. Auch wünschen wir bei Gelegenheit zu erfahren, was aus den deutschen Reichsangehörrgen geworden ist, die in dem JuniuSaufstand,mitgefan- gen und mitgehangen", verschwunden scheinen?

Aller guten Dinge sind drei, und so wird Hr. Heckscher entschuldigen, wenn wir nicht damit einver­standen sind, daß er seine Flucht aus Frankfurt nach Höchst bis an die Höfe von Turin und Neapel aus­dehnt. Neuesten Nachrichten zufolge geht er als Ge­sandter dorthin. Wir erkennen gewiß mit größter

unseres ersten auswärtigen Reichsministers an; was er in der Besonderheit dieses Amtes qeleist

überhaupt einen Lernenden nach Italien zu schicken. Turin braucht einen Meister; denn der italienische Knoten ist noch ungleich schwieriger und folgenreicher als der holsteinische. Hr. Heckscher, der sich von der preußischen Diplomatie überflügeln und beseitigen ließ, die bekanntlich nicht den ersten Rang in Europa ein­nimmt, wird er in Turin der italienischen, der russi- chen, der englischen, der französischen gewachsen sein, die dort alle, und ziemlich in einem und demselben Sinne, ihre Netze weben? Wir glauben es nicht, wir fürchten auch dieser kühne Griff könne sich als ein küh­ler Mißgriff erweisen. Wir hätten horribile dictu einen Mann des alten Systems nach Turin geschickt sehen mögen, einen Reactionär, dessen Fähig­keiten seine Gegner noch mehr fürchten als die seine Freunde lieben, einen Mann der öffentlichen Bewun­derung und des geheimen Mißtrauens. Wer endlich? Hrn. v. Radowitz. Nadowitz nach Turin! Hr. Vogl würde den Witz reißen: 'A jésuite jésuite et demi. Die Linke würde an seine letzten verfehlten Missionen in der Sonderbundsgeschichte erinnern. Alle demokra­tischen Versammlungen würden über Rückfälle in die Metternich-Phase klagen. Gleichviel. Hr. v. Rado- witz hat in der vortrefflichen Rede, die er in der ita­lienischen Angelgenheit in der Paulskirche hielt, bewie­sen, daß er in dieser Sache auf dem richtigen Stand­punkte steht, dem nationalen. Er besitzt die kriegS- wissenschaftlichen Kenntnisse und Erfahrungen, welche darin sehr wesentlich sein werden. Er ist mit den Geschäften, nicht nur ihrem Gange, sondern auch ihren Persönlichkeiten nach, auf dem Laufenden und sehr ver­traut. Er hat die Parteien mögen sich gegen ihn sträuben wie sie wollen eine Zukunft, und je ra-

so mehr kann es selbstoävel gewinnen. Aus aber­gläubischer Furcht vor demzu früh" wird es zuletzt für ihn wie für so manchen andernzu spät" werden.

Vollenden wir das Vierkleeblatt unserer Fragen: wie steht der Friede mit Dänemark? Die deutschen Staatsmänner werden sich hoffentlich darüber klar ge­worden sein, daß derselbe nicht in Kopenhagen und auch nicht in Stockholm geschlossen wird, sondern in Petersburg und London. So liegt, objectiv gefaßt, statt aus der sujectiven Professoren-Perspective, die das Lorgnon der neuen Diplomatie vorzustellen scheint, die ganze Sache. Unbegreiflich war es deßhalb, daß man die schwedische Vermittelung für die englische cintanschte; jene war ja doch nur eine vorgeschobene, es war der Strohmann in dem diplomatischen Whist, wobei Eng­land und Rußland zusammenspiclten und Deutschland den Blinden hatte. Die Stellung von Dänemark, seine ganze staatliche Eristenz ist nichts weiter als das Product eines von jenen diplomatischen Rechenerem- peln, die aus dem famosen Kettensatz derGleichge­wichtstheorie" gelöst wurden. Beide Großmächte ha-

hat, schien uns viel mehr für die Befähigung desselben zu seinem früheren Berufe zu sprechen. Er war ein gu­ter Advokat, auch für eine schlechte Sache; aber kein guter Diplomat in der besten. Wenn man einen Schüler der Staatsweishcit nach Italien schickt um zu lernen, so hat man vollkommen Recht. Italien ist die Wiege dieser Kunst, das Capitol die hohe Schule, der Batican die höchste Spitze aller Diplomatie. Die letz­ten und spätesten Ueberlieferungen von dort her sind um so viel allen Neubildungen überlegen wie das ver­leumdetedel principe des Macchiavelli die berühm­tendu peuple des modernen Kirchenvaters Lanien- nais oder des demokratischen Macchiavelli, Michelels, überragt. Nun wollen wir freilich nicht sagen, daß unsere neue, deutsche Staatskunst aus den (nicht ver­brannten) sibyllinischen Büchern ihrer absolutistisch- hierarchischen oder monarchischen Ahnfrau italienische oder französische Geheimnisse lernen soll, aber ebenso­wenig scheint es uns am Platz in diesem Augenblick

Das Theater als Volksbildungs-Anstalt

betrachtet, und:

Sieben Lmite-Mitglieder nebst Direktor als dessen Vorstand.

£ Wiesbaden, 1. Okt. (Verspätet.)

Himmlische Gerechtigkeit, nicht umsonst wirst du uns als blind dargestellt, denn noch nie, so lange du auch bestehest, ist dein Symbol uns erklärlicher geworden, als beim Niederschreiben des obigen Titels. Michel, göttlicher, langweiliger Michel! wie tief hast du wieder deine Schlafmütze über den Kopf gezogen, daß du bei diesem achten Wunder der Welt nicht erwachtest und der gemordeten Kunst zu Hülfe eiltest? Noch ist es nicht lange her, daß ganz Wiesbaden in Bewegung war, als man ihm sein Theater, die einzige Kunstanstalt des cha^deö, nehmen wollte. Republikaner, Heiopopeiancr, Aristokraten und Proletarier umarmten sich vor Wonne, daß.sie alle endlich einer Meinung seien, d. h. in der Theaterfrage", und schwuren hoch und thener, dies kostbare Kleinod, welches für die Stadt eine Lebensfrage geworden ist, um keinen Preis verlieren zu wollen.

Da die Landstände auf diese Angelegenheit nicht gut zu sprechen waren, bot man Alles auf, ihnen Knnstge- schmack beizubringen. Man gab an verschiedenen Orten Soireen und die armen Sänger und Musiker mußten

sich die Kehle heiser singen und die Finger wund spielen; war ja der Tag der Abstimmung nahe, wo es sich um ihrSein oder Nichtsein" handelte. Petitionen wurden in Masse eingereicht, in welchen auf den Jammer Hinge­wiesen wurde, der im Verweigciungsfall die Stadt und die Mitglieder der Anstalt treffen würde, und siehe da, als dies Alles fertig, als nach unendlichen Kämpfen in der Kammer die Majorität den Sieg davon trug, als von dieser obersten Behörde des Volkswillens anerkannt wurde:daß die Anstalt sortbcstehcn soll, daß durch sie die Volksbildung gehoben, daß durch Gesang und Rede- kunst die Sitten verfeinert und die Liebe zur Kunst ge- nährt werden soll, ja daß diese Anstalt zu einem Staats-Institut erhoben werden soll", da geschah das Unerhörte, daß man beschloß: ein Comite zu bilden, welches eine gänzliche Reorganisation vornehmen möge zum Wohl der ganzen Anstalt. Dies wäre ganz in der Ordnung, das Unerhörte liegt aber darin, daß dieses Comite auö Männern besteht, die von den Theaterverhältnissen, von Kunst und Künstler-Behandlung so wenig verstehen, als der Kesselflicker von Astronomie. Sechs Mitglieder, von denen fünf das Theater nie oder äußerst selten besuchten, ja nicht einmal Kunstschwärmer sind; und daS sechste, wenn auch Musikfreund, immer ein besserer Pädagogus loci, als Beurtheiler eines SängerS oder Schauspielers ist.

Und was hat dieses Comite bis jetzt gethan? Ge­strichen!!! den armen Choristen, den schlechtbezahlten Orchestermitgliedern den kaum zum dürftigsten Lebensun­terhalt angewiesenen Gehalt geschmälert. Aber wird

man uns einwenden, man hat ja Allen gestrichen, den Höchsten auch! Dagegen ließe sich nichts einwenden, daS ist ganz gut. Aber es ist diesen Höchsten, will man den eben angeführten armen Teufeln zumuthen, vom ihrem Zusammengestrichcnen" zu leben, viel zu wenig gestrichen, denn wenn bei einem solchen Strich noch 2000 fl. oder mehr mehr übrig bleiben, läßt eS sich schon auâkommen. Dieser Klaffe aber, deren Gehalte ohnehin schon knapp zugemessen sind, durfte gar nichts gestrichen werden, denn mit Kummer im Herzen und Hunger im Magen läßt sich schlecht singen unv spielen: da sinkt die Kunst zur Maschine herunter und daâ Talent wird nach der Elle gemessen. Aber wird man weiter einwenden, gestrichen mußte werden, denn mit die­sem Zuschuß kann das Theater nicht bestehen. Auch die­ser Grundsatz ist nicht stichhaltig. Glaubt denn daS hochweise Comite, die Anstalt würde bestehen können, wenn Vie Künstler schlecht bezahlt sind? Wo wollen denn diese Herren Künstler für so schlechten Gehalt her­holen? von Coblenz, Trier, Bingen?

Ja, lachen sie nicht, meine Herren, so weit wird es kommen, wirv die Sache s o fort betrieben. Jeder Künst­ler , wenn auch nur von einigem Rennomö, wird Wies­baden den Rücken kehren, unv die wenigen, welche wir noch haben, werden bei erster Gelegenheit suchen fortzu­kommen. Wird dem Künstler sein Lebensunterhalt so geschmälert, daß er mit 3!a hru n g 6 so r g e n zu käm­pfen hat, so tritt in seiner Wirksamkeit Mutlosigkeit ein, wie sich jetzt schon zeigt. Wir erinnern nur an die letzten Opernvorüellu»^ ^"^'