748
tzige Lawine bis an unser offenes Thor, nein, sie drang herein, sie überfiel den Anfangspunkt unserer wichtigsten Coinmum'cationslinie in Westen, den Bahnhof zu Schlingen, sie setzte eine ganze deutsche Neichsprovinj unter Schlamm und Wasser, fremden und deutschen Pöbel.
Gerechter Gott, was sind das für Fehltritte auf dem Weg unserer internationalen Polilik s! Daß in der Schweiz die größte Wachsamkeit vonnöthen war, lag und liegt ja doch auf flacher Hand. Wir kennen die Loyalität dieses Nachbarn, wir kennen sie nicht fett gestern. Seine Simmung gegen uns wächst nun Jahr und Tag lang bis zur' Verstimmung. Seine Käsekrämerpolitik sieht mit demselben günstigen Auge wie Englands Handelspolitik auf unser Einigungswerk. Dies einmal in allen Consequenzen fertig gedacht, so sind die Fabriken der Schweiz ruinirt, oder doch in ihrer Eristenz gefährdet. Daß also die Schweiz keine hülfreiche Hand uns bieten wird, ist klar. Ihre Antworten an die badische Regierung in der Flüchtlmgs- frage zeigten zur Genüge, wie diese drüben aufgefaßt und behandelt wird. Hier war die größte Entschiedenheit, die rascheste That am Platze. Pfui, daß ein alter Haudegen unsern jungen Staatskünstlern zeigen muß, auf welche Art das deutsche Interesse gegen hämische Feindseligkeiten gewahrt wird. Der „eiserne Marschall" — mit doppeltem Recht taufen wir ihn so, weil er unser Iron-Duke ist und die eiserne Krone für uns gerettet hat — wird Ruhe haben vor Tessin, und deßhalb doch keinen Krieg mit der Schweiz. Und wenn selbst — eck ist ein Hauptirrthum unserer neuen Politik, daß sie, dem Auslande gegenüber, so unendlich sanft, so überaus und überall friedfertig an ft wen zu sollen meint. Als wir Deutschen eine deutsche Politik hatten, wenigstens die Anfangsgründe davon, unter Karl dem Großen, unter Friedrich dem Zweiten — dem Kaiser, nicht dem König nämlich — da waren wir im Auslande für ein sehr wildes, ungestümes Volk verschrieen, gens ferox et imperiosa, sagen die damaligen Chronisten. Dieser Ruhm ist freilich nicht sein, er schickt sich nicht für eine gesittete Nation, aber immerhin ist er uns besser angestanden, als der, den wir später verdienten und noch besitzen, der Ruf der Bescheidenheit, der tiefen Gemüthlichkeit in äußern Beziehungen und und des noch tieferen Familienneides in innern. Keinen Krieg anfangen sollen wir, nicht mit aller Welt Händel suchen, niemanden reizen, der uns nichts zu leide thut — und das alles, was wir nicht sollen, haben wir redlich gethan. In den Falten des neuaufgefârbten Kaisermantels muß, wie in jener römischen Toga, Krieg und Frieden, Oelzweig und Reichsschwert zu finden sein, damit die Nachbarn wählen, kurz und gut. Diese Wahl wird jetzt, wird sobald nicht Nach dem eilest gwW: ' MM dèr 'änMlicbl^ Blick wird einsehen, daß die kleine eidgenössische Republik so wenig wie die große überrheinische einen Krieg gegen Deutschland aufnehmen und durchführen kann, am allerwenigsten in ihren eigenen Verhältnissen. Unsere Vertretung in Paris und in Bern hätte deßwegen entschieden auf eine rasche Erledigung der gerechten Ansprüche Deutschlands an seine südwestlichen Gränz- nachbarn bringen und jede Eventualität dabei im Auge haben, in Aussicht stellen müssen; die Wallfahrten in die Einsiedelei von Muttenz und die sogenannten Abschiedsbesuche am Hoflager des Prätendenten im Rebstöckel zu Straßburg waren Unverschämtheiten, in denen der französische und schweizerische Antheil, der fremde, mit dem deutschen oder vielmehr undeutschen und widerdeutschen, an höhnisch frechem Uebermuth gegen Gesetz und Sitte rühmlichst wetteifert. Bis zur Stunde, wir dächten ein pari drauf zu halten, weiß der Pariser Polizeipräfeet, welcher den Berliner College« unlängst mit einer ungeheuer liberalen Nase heimschickte, viel besser als der Neichsgesandte in Paris, wo Hr. Hecker sich aufhält. Wir haben ihn mit schwarz-roth-goldenen Fahnen zu Straßburg in die Messageries, in Havre aufs Dampfboot steigen sehen,
und legen nun, aufathmend, nachdem ein schwerer Stein vom Herzen gefallen, uns zu Bette. Fragt in Rue de Jerusalem nach der Adresse des großen Verbannten, und seid überzeugt, er ist noch im Trocknen, wie eure Erfahrung schon auf dem Trocknen.
(Schluß folgt.)
Kreisschreiben des Minister-Präsidenten v. Pfuel.
General von Pfuel hat folgendes Kreisschreiben an die Generaleommandoö, die Generalinspection der Artillerie und der Festungen, das Gouvernement in Berlin, die Militärgouvernements in Mainz und Luxemburg, die Inspection der Jäger, und der Schützen und den General der Cavallerie v. Wrangel erlassen:
„In Folge meiner Ernennung zum Ministerpräsidenten und Kriegsminister, beehre ich mich, einem re. hierbei das Programm des neuen Ministeriums erge- benft zu übersenden. Se. Maj. der König haben sich bereits in dem Armeebefehl vom 1. Mai d. I. über die Stellung auszusprechen geruht, welche die Armee bei den veränderten Verhältnissen des Staates einzu- nchmen habe. Auch hat mein Aintsvorgänger, der Generallicutenant Freiherr v. Schreckenstein, wicderho- lentlich und zuletzt in dem Erlasse vom 13. d. M. erklärt, daß die Regierung Seiner Majestät reaktionäre Tendenzen überall nicht hege und den eingeschlagenen Weg konstitutioneller Entwickelung mit redlichem Willen verfolgen werde. Zugleich ist dabei auf die Nothwendigkeit von ihm hingewiesen worden, in diesem Sinne durch alle Instanzen auf die Untergebenen angemessen einzuwirken. Einverstanden mit diesen Ansichten und entschlossen, reaktionäre Tendenzen nicht zu dulden, ersuche ich ein rc., das gute Einvernehmen zwischen Civil und Militär nach Kräften zu fördern, und wo sich reaktionäre Bestrebungen wider Erwarten bei Wohldemselben untergebenen Truppen zeigen sollten, denselben entschieden entgegen zu treten. Ein je. wolle zu dem Ende von meinem gegenwärtigen Erlasse die Wohldemselben untergebenen Offiziere aller Grade zur Nachachtung in Kenntniß setzen. Dieselben sind sogleich darauf aufmerksam zu machen, daß sie nach dem von Deiner Majestät der Nationalversammlung vorgelegten Verfassungsentwurfe, gleich den Civilbeam- ten zur Aufrechterhaltung der Verfassung seiner Zeit eidlich werden verpflichtet werden, und daß mit der Uebernahme solcher Verpflichtung alle anticonstitutio- nellen Bestrebungen, wie sie überhaupt mit der Stellung eines Offiziers in der Armee unverträglich sind, im Widerspruch stehen würden. Je schwieriger die Lage des preußischen und des gesummten deutschen Vaterlandes ist, desto nothwendiger ist ein einmüthiges Zu- deM mehl' muß selbst der Schein einer Spaltung vermieden werden, um den Feinden des Vaterlandes jeden Vorwand, jede Hoffnung zu benehmen, um das gesäete Mißtrauen zu entfernen und allen Unbefangenen die Ueberzeugung zu gewähren, daß die von unserem Könige angebahnte freie Entwickelung des conftitutioneUen Staats von der Vaterländischen Kriegsmacht nicht bedroht, sondern geschützt wird. Ich erkenne vollständig die Schwierigkeit der Ausgabe, die ich mit dem von Sr. Majestät mir anvertrauten Amte übernommen habe, halte mich aber überzeugt, daß ein ’c. sowohl, als die unter Wohldessen Befehl stehenden Offiziere bewährt in Treue und Liebe zu König und Vaterland mit mir nach demselben Ziele streben werden. Berlin, den 23. Sept. 1848. Der Kriegsminster. gez. v. Pfuel."
88. Sitzung der constituirenden National-
Versammlung.
Frankfurt, 29. Sept. In der heutigen Sitzung der Nationalversammlung wurde nach der Berathung über den Bericht des Abgeordneten Riesser, das Ver
fahren im Falle strafrechtlicher Untersuchung gegen Mitglieder der deutschen Neichsversaminlung und deren Sicherstellung betreffend, folgendes Gesetz zum Beschluß erhoben: „Ein Abgeordneter der verfassunggebenden deutschen Reichsversammlung darf vom Augenblicke der auf ihn gefallenen Wahl an, ein Stellvertreter von dem Augenblick an, wo das Mandat seines Vorgängers erlischt, während der Dauer der Sitzung ohne Zustimmung der Reichsversammlung weder verhaftet, noch in strafrechtliche Untersuchung gezogen werden, mit alleiniger Ausnahme der Ergreifung auf frischer That. In diesem letzteren Falle ist der Reichsversammlung von der getroffenen Maßregel sofort Kenntniß zu geben und es steht ihr zu, die Aufhebung der Haft oder Untersuchung bis zum Schluß der Sitzung zu verfügen. Dieselbe Verfügung steht der Reichsversammlung in Betreff einer Verhaftung oder Untersuchung zu, welche über einen Abgeordneten zur Zeit seiner Wahl bereits verhängt gewesen ist. Kein Abgeordneter darf zu irgend einer Zeit wegen seiner Abstimmungen in der Reichs- Versammlung oder wegen der bei Ausübung seines Berufs gethanen Aeußerungen gerichtlich verfolgt, oder sonst außerhalb der Versammlung zur Verantwortlichkeit gezogen werden. Vorstehende Bestimmungen treten in Kraft mit dem Tage ihrer Verkündigung in dem Reichsgesetzblatt." Außerdem wurde folgender Antrag des Finanzausschusses, die Dotation der Reichskafse betreffend, angenommen: „Die hohe Nationalversammlung wolle dem Reichsministerium der Finanzen ihre Zustimmung zu dem Ausschreiben einer Umlage von 120,000 fl. nach der Matrikel ihre Zustimmung ertheilen, zugleich aber auch die Erwartung aussprechen, daß durch die neuerdings zugesicherte baldige Vorlage eines möglichst vollständigen Budgets tie nothwendige Vorsorge für das weitere Bedürfniß recht zeitig getroffen werden könne."
MttssEifches.
D Kammer - Verhandlungen.
50. Sitzung.
Wiesbaden, 29. September.
Präsident: Anfangs Wirth, später Gergens.
Rcgierungskommissäre: Werren, Schapper, Gieße.
Nach Verlesung der Petitionen übergibt Negierungs- kommissär Gieße eine Vorlage der Regierung, den Chansseeban von Herschbach, Amts S.lters, nach Vallendar.zu bis an die preußische Gränze betreffend.
Wenckenbach 1. fragt an, warum in dem großen Amt Marienberg kein einziger Medizinalaccessift sei.
Werren verspricht nächstens Auskunft.
Es mirö "3uf£ägeöorbniiT^ und zwar zuerst zur Landesgestütfragc.
Schmidt verliest einen etwas abgeänderten Kommissionsantrag.
Es entsteht darüber eine nochmalige lebhafte Debatte, die aber nichts Neues von der Sache bringt, sondern das schon einmal Gesagte wiederholt. Nach geschlossener Diskussion wird abgeftimmt und der Antrag Wenckenbach'ö auf nochmalige Probe für 3 Jahre angenommen.
Lang trägt nun den Bericht vor über den Bau einer Quaimauer, resp, eines Verbindungswegs am untern Thor bei St. Goarshausen, wofür 950 fl. ansordert werden.
Der Ausschuß trägt auf Verwilligung an, welchem Antrag die Kammer beitritt.
Es wird nun zur Fortsetzung der Berathung des Gemeindegesetzes übergegangen.
■ 8. 21.
»Die Staats- und Kirchendiener erlangen durch ihr Anstellungsdekret daS Bürgerrecht in derjenigen Gemeinde, welche ihnen kraft ihrer Anstellung zum Wohnsitz angewiesen worden ist."
Wie? fragt ich einen Winzer, Schallt nicht Gesang durch's Feld? „Ach", seufzt der brave Bursche, ,,Es klingt jetzt nur das Geld."
„Ich hatt daheim ein Liebchen, Wir waren uns so hold;
Ich dachte: Fleiß und Treue, Die wiegen mehr als Gold. Da sprach die mürrische Alte: „„Ihr kommt nicht durch die Welt Mit eurer leichten Treue; Denn schwer nur wiegt das Geld.
Da eil’ ich zu dem Freunde, Well siedeln mich im Ort. „Könnt Ihr dazu mir helfen, So zählt nur auf mein Wort!" „„Wiel ruft er aus verwundert; „„Habt Bürgschaft Ihr gestellt? Es zählen nicht die Worte; Es zählt ja nur das Geld.""
^un sprach vas holde Liebchen: „Tewirb Dich um ein Amt!
Wirst glänzen durch Talente." Ich that's, doch sei's verdammt. — „„Ja,"" brummte der Beamte, „„Ihr seid der rechte Held! Die Stelle fordert Ansehn, Und glänzen mag nur's Geld.""
Mich dauerte der Bursche;
Doch wisset, was geschah, Es starb ein reicher Oheim In Nordamerika. Jetzt ist der Bursche Schulze, Hat Weibchen, Hof und Feld. Denn, wie die Kluge meinte, Es gilt ja nur daS Geld. —
* Bilder von J. Stahl.
VIII.
Wkllengräber.
Die Schlacht erklang, aus dem wilden Meer Ruht feierliches Schweigen;
Viel Trümmer treiben hin und her, Daran geklammert Leichen.
Rings keinen Laut; — cs schließt die Flut Sich stille über den Todten, Und zieht hin in wilder Liebesglut Jn's schimmernde Haus am Boden.
O, schlaft in des Meeres Tiefe Wohl, Auch ohne Kranz in den Haaren; Euch klang keine Glocke dumpf und hohl, Ihr wackern, muthigen Schaaren.
Kein' Freund' drücken euch die Augen zu, Das thaten die liebenden Wogen; Die haben zu stiller, süßer Ruh' Euch zu sich hinab gezogen.
Ihr ruht nicht im engen, dunkeln Schrein, Euch grüßen des Himmels Sterne; Die Sonne taucht in die Fluth hinein Und spielt mit den Wogen gerne.
So ruhet sanft im krystallenen Haus .
Von allen Leiden und Sorgen, Von aller Mühe und Trübsal aus Bis zum Auferstehungsmorgen,