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Forderung der Zeit auf gesetzlichem Wege erledigt werden, ob­schon so Viele, besonders die Geistlichen, diese Sache zu hin­tertreiben suchen. Alle Mittel werden versucht, um die jetzt so lockere Verbindung der Schule mit der Kirche zu erhalten oder wo wöglich, zu verstärken. Daher hört man oft von Geistlichen folgende Behauptungen:Die Lehrer wollen sich von der Kirche (vom Christenthume) lossagen ; ihnen darf man die Kinder nicht anvertrauen; wir lassen uns den Religions­unterricht nicht nehmen; auch können wir denselben nicht an allen Orten ertheilen, und da kann Niemand besser aushelfen, als der Lehrer, über welchen dann der Geistliche die Aufsicht behalten muß; will sich der Lehrer nicht zu dieser Aushülfe hergeben, dann muß man einen Gehülfen annehmen, doch woher für diesen daS Geld nehmen?" Hierzu diene zur Ent­gegnung : Die Lehrer wollen sich nicht als Glieder der Kirche von derselben loSreißen, sondern, weil sie Lehrer sind, von den Weisungen der Kirche und der Knechtung der Geistlichen ent­bunden sein; die Geistlichen können den Lehrern die Kinder nicht nehmen, sonst würde daö Volk anders handeln; seit der neuen Organisation der Schulen haben wohl in der Wirklich­keit die Lehrer den Religionsunterricht ertheilt, die wenigen Stunden, welche der Geistliche bisher für den Confirmanten- Unterricht verwendeten, sind kaum anzurechnen; daher schweige man von einem Nehmen des Religionsunterrichtes; der Schule bleibe ferner der allgemeine und die Kirche nehme von jetzt an nur den confessionellen Religionsunterricht, beginnend mit dem 11 oder 12 Lebensjahre des Schülers in den dazu nöthigen Stunden; der Geistliche wirke in seinem Fache nicht nur an seinem Wohnorte, sondern auch an andern Schulorten des Kirchspiels; an Zeit hierzu wirdö dem Geistlichen nicht fehlen, die Wanderungen werden ihm nicht schaden, und für das Alles wird die Kirchengemeinde sagen müssen, daß er in seinem Be­rufe sei fleißig; der Punkt mit dem Gelde wäre schon durch das Gesagte erledigt.

Der faule Fleck der Schullehrer - Seminarien.

Vom Seminardirector Curtmann in Friedberg.*)

M degresst sich leicht, daß je tiefer die elgentliche Stel­lung, und je enger der Wirkungskreis einer Schule sein sollte, desto gefährlicher daö Überschreiten der natürlichen Sphäre wirken muß, daß also die Volksschule weit mehr darunter leidet, als daS Gymnasium und die Realschule. . Hier ist der eigent­liche faule Fleck der Schullehrer-Seminarien **).

Ihre Directoren und Lehrer, vorher redliche Geistliche, hoffnungsvolle Präceptoren oder auch Stadtschullehrer sahen sich auf einmal in einem potenzirten Wirkungskreis versetzt, in welchem sie sich nicht zu geberden wissen. Bärtige Schüler, die Bildner einer künftigen Generation vor ihrem Katheder, das macht die braven Männer schwindlich; sie wollen es recht gut machen mit der lieben Nachwelt und verderben Alles. Statt Kopfrechnen treiben sie Algebra E), statt Feldmessens Geome- trie I), anstatt vor den erstickenden Dünsten lange verschlossener Keller zu warnen, lassen sie Wafferstoffgaö erplodiren, über der Lehre von den Oxyden, Oxydulen und Hyperorydulen ver­gessen sie die Gefahr des Grünspans in kupfernen) Gefäßen zu zeigen rc. Es fehlt nur, daß über die Eingangspforte der NameVolköbildungö- Akademie" gesetzt werde. Die so erzo-

*) Die Schule und das Leben. S. 54 55.

Daß der berühmte Herder ebenso dachte, habe ich zu großer Freude gefunden in dessen: Sämmtlichen Werken Zur Philosophie und Geschichte, Stuttgarter Ausgabe. 22. Thl. S. 39.

***) Die Veruachläßigung des Kopfrechnens hat übrigens oft einen anderen Grund, als die Eitelkeit. Man zerbricht sich nicht gern den Kopf, und hat cs lieber mit Gegenständen zu thun, d,e fein in den Büchern stehen.

+) Das deutsche Wort hat nämlich die praktische Bedeutung cr- das griechische sie verloren. Ein Wink für den Gang unserer Bildung überhaupt.

genen Schulmeister drängen sie denn nun, angeblich wegen Dursts nach höherer Bildung in die Städte, obgleich hundert Beispiele ihnen sagen könnten, daß, wenn irgendwo daö Landleben seine Vorzüge vor dem Stadtleben bewähre, cs in dem Loose der Schullehrer sich zeige *).

Aber die einmal rege gemachte Eitelkeit läßt nicht ruhen. Da wird mit peinlichen Aufopferungen und mit Vernachlässi­gung der Berufs- und Gesundheitspflichten noch eine fremde Sprache gelernt, um entweder noch entweder zu studiren, oder um an eine Realschule überzugehen, oder Verse zu ma­chen **), sich selbst mehr genügen, und wie die wahren und vorgeblichen Ursachen alle heißen mögen. Der eigentliche Grund ist allemal Eitelkeit, und der leidende Theil der Schule.

N Kurze Antwort auf die Frage in Uro. 21

des allgemeinen Kirchen- und Schutbattes:

Genug mitWas?" nun auch einmalWie?"

Die erste Frage heißt:Die Volksschule, darum auch die Bildung der Volkslehrer, soll auf eine bedeutend höhere Stufe gehoben werden. Das haben wir nun zur Genüge gehört. Aber wie soll denn werden mit den 900 Lehrern, die ge- gegenwärtig noch in unserm Lande in Funktion sind? Sollen deren Schulen mit der Hebung warten, bis sie alle todt sind? oder giebt es ein Mittel, um die jetzigen Lehrer fähig zu ma­chen, den gestellten Anforderungen zu genügen?"

Die Frage scheint mir ein Pfiff und ein Kniff zu sein; indeß will sie ganz ohne Harnisch und Leidenschaft, was ich denn von allen Parteien wünschen muß, offen und ehrlich prak­tisch zu antworten suchen. Die Volksschule gewinnt zunächst viel Zeit, wenn sie manchen unnützen Wortkram über Bord wirft, der doch bald im Leben verloren geht und für Herz und Geist keinen Gewinn hat. Statt ocssen treibe sie etwas Tüchtigeres, Haltbares, für Herz und Geist Bildendere«!

Auch ist unser Lehrplan von 1817 bisher fast nirgends befolgt und die gesteckten Klassenziele sind nicht erreicht wor­den. Die meiste Schuld davon tragen die Schulinspektoren.

AmD-v durch WM-, - so kam Lesen, Rechnen, hier und da auch etwas Geographie und die Prüfung war zu Ende.

Es ist mir bekannt, daß recht fleißige Lehrer sich wahr­haft oft entrüsteten, wenn sie am PrüfungStag nicht einmal in Gegenwart der Eltern der Kinderzeigen konnten, was die Kinder wußten und wie fleißig Lehrerund Schüler gewesen waren. Ging dieß 2, 3 Mal so, so mußte natürlich der Eifer dieser Lehrer

(erkalten, da sie ja doch mit ihrem Nachbar zur Rechten und Linken über einen Kamm geschoren wurden. Auf diese Weise sind manche (nicht alle) Jnspectoren seither der besseren Schul­

bildung Hemmend entgegen getreten. Ob ein Lehrer durch sei­nen pädagogischen Tact, durch humanes Einwirken die Schule in intellectueller Bildung gehoben und dadurch auch eine eigent­lich wahre Bildung erzielt hatte, und ob er durch Stock und Prügel und wer weiß was für unpädagogische Dinge die Schule auf den Standpunkt gehoben hatte, darnach wurde fast nie ge­fragt. Ferner betrachte man den Lehrplan vom Jahre 1817 und vergleiche ihn genau mit gedruckten Ansichten der nassaui­schen Volkslehrer und man wird finden, daß die Lehrer eigent­lich wenig Neues, dagegen die Realisirung dieses Planes wol­len; denn in diesem steht Naturlehre, Naturgeschichte, Techno­logie, Geschichte, Gesetzeskunde rc. als Unterrichtsgegenstände der Volksschule aufgeführt.

*) Kein glücklicheres Loos , als das eines Landschullehrers , der sein Auskommen bat und in einer guten Gemeinde wohnt, kein arm­seliges, als das eines Lehrers an einer überfüllten Stadt-Knabenschule mit Knappenbesoldung. Vgl. darüber Heino Martine oder merkwür­dige Bildungsgeschichte eines Schulmannes. Hannover, 1839.

**) Eine drollige Abfertigung eines poetischen Schulmeisters, der über dem Berseinachen die Schule vernachläßigte, ist zu lesen in der Allg. Schulzeitung 1834. 76.