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Nassauische .Zeiliiiia.

Freiheit, Wahrheit und Recht l

Materielles und geistiges Wohl des deutschen Volkes!

Wiesbaden

Freitag, den 2N. September

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Für das vierte Quartal d. J. pro Oktober bis Dezember wolle man neue Bestellungen auf die ,/Naffauiscke pgthnms f!^2 ^^B Kirchen- und Schulblatt" schleunigst machen bei der nächsten ^Postanstalt des Her-

Nebersichten, Erörterungen und

Aktenstücke.

Amtlicher Theil.

Frankfurt, 27. Sept. Das Reichsministerium für die auswärtigen Angelegenheiten hat, sowie der Einfall von Freischaaren aus der Schweiz in das Großherzogthum Vaden bekannt geworden war, den Reichsgesandten bei der schweizerischen Eidgenossenschaft, Abgeordneten Franz Raveaur, der in Köln mit Urlaub sich befand, angewie­sen, unverzüglich aus seinen Posten sich zu begeben. Der genannte Reichsgesandte ist bereits gestern nach Bern ab­gegangen. Er ist - beauftragt, ungesäumt über die Vor­gänge in den Grenzkantonen Erläuterung zu begehren und daraus zu dringen, daß Vorkehrungen getroffen wer­den, wiederholte Einfälle zu hindern. Nach Einlangung weiterer Berichte behält sich das Reichsministerium fernere Maßregeln vor.

Im Laufe des 26. Sept, sind bei den Reichsministe­rien des Innern und des Krieges Berichte des großh. ba­dischen Ministeriums, des Reichscommissärs Grafen Keller und des Kommandanten der badischen Reichstruppen General Hoffmann eingelangt.

Sie bestätigen den siegreichen Erfolg des von den ba­dischen Reichstruppen den Ausständigen in Staufen gelie­ferten Gefechtes und deren Vorrücken nach Heitersheim. Die Insurgenten zerstreuen sich nach allen Seiten und versuchen, über den Rhein zu kommen, der oben von den Schweizern besetzt ist. Ein Theil der geraubten Gelder und Struve's Registratur wurden erbeutet. Die Reichs­truppen zählen nur 1 Todten und 4 Verwundete, von den Insurgenten blieben in Staufen 18, Gefangene wer­den von allen Seiten eingebracht.

Im Scekreise ist Ruhe; die Nachricht, daß österrei­chische und bayerische Reichstruppen von Bregenz und Lindau heranrücken, scheint jeden Einfall in diesen Kreis verhindert zu haben.

Betrachtungen über die Stellung und

Pflichten der PaulSkirche.

Mehr Achtung vor dem Gesetz, mehr Unterwerfung unter den einmal gewählten Ausdruck des Volköwillenö haben wir von den Frankfurter September männern nie erwartet; doch war lange genug von ihnen mit blut­triefenden Reden gespielt worden, um auch die blutige That für möglich zu halten. Richt das, auch nicht das erlogene Spiel, das man mitDeutschlands Ehre" auf

Die scheußliche Ermordung der beiden preußischen Abgeordneten in Frankfurt, des Fürsten Lichnowsky und des Hrn. v. Auerswald.

(Nach müudlichcr Erzählung des k. Cönsuls, Herrn Moritz V. Bethmann.)

Herr v. Bethmann war in der Stadt. Es war 5 Uhr Nachmittags am 18. September. Dessen Gat­tin saß auf dem Balcon des kaum 70 Schritte vor dem Stadtthore (Chaussee Friedberg) gelegenen Land­hauses. Fürst Lichnowsky und General v. Auerswald ritten vorbei und grüßten. Während dessen kam Herr v. Bethmann aus der Stadt und gleichzeitig zeigten sich einzelne Trupps vor dem Hause und riefen:Die­ser Hund, dieser Preußenfreund muß hängen, steckt ihm das Haus an -c." Da keine Aussicht irgend einer Hülfe vorlag, so ließ Hr. v. Bethmann eiligst seine Frau und Kinder auf Nebenwegen nach Bonames, 2 Stunden von hier, bringen. Glücklicherweise zogen sich die Trupps in das Innere der Stadt. - Während dessen waren Fürst Lichnowsky und General v. Auers­wald bis zur Höhe der Friedbi rger Chaussee geritten, als plötzlich ein Turner aus dem Gebüsche sprang: Hurrah! Hier ist der Fürsteuhuud Lichnowsky, auf, Brüder!" In diesem Momente sprangen 12 Turner hervor mit rother Fahne, Piken und geraden Sensen, auch Stutzer bewaffnet. Beide Herren wendeten eiligst um. Lichnowsky erhielt einen Streifschuß und kam so

eiumal aufzuführen für gut fand, ist es, was uns am tiefsten empört, sondern die Brutalität und Schlechtig­keit der Gesinnung, die aus der Geschichte des Kampfes im einzelnen Hervorblickt._ Dieses künstlich versuchte, wcni^ auch mißlungene Anfachen des Stammhasses unter den Truppen selbst, diese wilde Feindseligkeit gegen einen deutschen Stamm besonders, diese tückische Grausamkeit gegen Repräsentanten des Volks selbst sind Charakler-

Zuge, die uns im Namen unserer Ration erröthen ma­chen ; sie deuten auf eine sittliche Verwilderung hin, vor der wir mehr erschrecken, als vor allen Ausbrüchen des revolutionären Fanatismus. Wahr ist cs freilich, daß die Partei» die ihr thatsächliches Auftreten mit dem Mord von den gewählten Vertretern der Nation beginnt, da­mit zugleich ihrem moralischen Einflüsse den Tod gibt; aber fällt der Gräuel, fällt die Schmach dieses Tages nicht auf den Namen unsers Volkes zurück, wird man nicht jetzt unb später sagen: es sei am l8. September deutsches Blut und deutsche Ehre vergossen worden? Ui.d was wird nun folgen? Der Abgeordnete Vogt stellte jüngst den Convent als die Zaubermacht hin, die allein mit unüberwindlicher Kraft große Staatsgeschäfte in solcher Krisis testen könne, sein Freund Wesendonck brachte dagegen einen VollziehungsauSschuß in Vor­schlag. Beides würde ungefähr auf eins und dasselbe hinauslaufen, auf eine verblaßte Nachahmung der Dinge von 1793. Beide Herren vergessen entweder, daß es damals die Personen waren, nicht die allenfalls nach­zubildende Maschinerie der Negierung, die dem Convent und Wohlfahrtsausschüsse eine Stärke gaben, oder sie leben in dem selbstzufriedenen Wahne, in ihrem eigenen unbenutzt zur Verfügung. Sie irren sich; aus allen Fraktionen der Linken, von Vogt und Wesendonck an, bis zu den Leuten vom 18. September, ist kein ein­ziger Danton herauszuschnitzen; zu einem Convent wer den sie die Dinge nicht hinzuführen, wohl aber zur Diktatur. Schon jetzt liegen die Dinge so, daß die Gemüther für ein Regiment im Style Caivaignacs viel eher geneigt und vorbereitet sind, als für eine Herr­schaft der Clubs, Demagogen und Blouscnmänncr; schon jetzt verlangt alles eine starke energische Gewalt und jeder erneuerte Aufbau von Barrikaden würde die Na­tion willig und widerstandslos für die militärische Dik­tatur fertig machen. Auch wir wünschen, daß in diesen Tagen der Entscheidung die NeichSgewalt und die Na­tionalversammlung die ganze Energie anwenden möge, die ihr noth thut, aber wir tragen kein Verlangen dar­nach, durch die Vorgänge der jüngsten Vergangenheit uugewarnt alle die Phasen mit durchzumachen durch die Frankreich schließlich zu einer Militärherrschaft, zu einer Suspendirung und Beschränkung seiner wichtigsten Frei­heiten gekommen ist. Wir waren in andern Zeiten nicht besonders geneigt, französische zu kopiren; wir möchten

am Friedberger Thor vorbei, um nach dem Eschenhei­mer Thor zu reiten. Noch am Kirchhofsweg schrie es auf einmal: Lichnowsky! und es fielen Pistolenschüsse. Beide wendeten nun nach dem Friedberger Thor. Da­selbst angekommen, derselbe Ruf und Schüsse. Hierauf ritten dieselben auf Seitenwegen hinter v. Bethmanns Garten, aufwärts nach Bornheim zu, und geriethen unglücklicherweise an dieselbe Stelle. Derselbe Trupp schoß unverzüglich. General v. Auerswald fiel und wahrscheinlich gleich tödlich verwundet. Der Fürst ward auch verwundet, hielt sich jedoch. Die Turner, wüthend, drohcten anzuzünden u. s. w., sie drangen ein und Fürst Lichnowsky hatte im Keller Zuflucht ge­funden. Nachdem sie ihn entdeckt, stachen und schlugen sie diesenFürstenhund" inartervoll. Der Fürst er­klärte: sie sollten ihn zusammenschießen, nur nicht mar­tern. (Ein Gärtnerbursche bat dies Alles durch das Kellerloch gehört und gesehen.) Der Gärtner Schmidt bat die Turner um Gotteswillen, den armen Mann zu schonen, vergeblich! Sie schleppten ihn auf die Chaussee und berathschlagten,wie man diesen Hund aus der Welt schaffen könne". Verschiedene Vorschläge wurden verworfen, endlich der Fürst konnte sich immer noch aufrecht erhalten band man einem Pappdeckel auf seinen Rücken, worauf geschrieben :vo­gelfrei", und so stieß man ihn vor sich her. Bald mit der Sense gestochen, bald mit Kolben auf ihn gelchla gen, stürzte der Fürst endlich zusammen, und die Tur­ner verliefen sich. Eine Frau kam in Bethmanns Garten mit dieser Anzeige. Herr v. Bethmann nahm

auch heute nicht die Nachtreter einer politischen Ent­wickelung sein, bei der, trotz deS pomphaften Titels Republik," alle höhern menschlichen und politischen Freiheiten auf der Spitzr eines Schwertes stehen. Aber um diese Wendung zu vermeiden, bedürfen wir rasch und^bald fester geordneter Zustände. Nicht genug, daß die Septemberscenen sich nicht häufig wiederholen dürfen, es muß auch diesem Zwischeureiche, diesem mehr als provisorischen Zustande schleunigst ein Ende gemacht werden. Wie gut hat die Partei der rothen Republik die acht Tage einer unsicher« , Herren - und planlosen Politik benützt, wie verhängnißvoll hätte diese Zeit für Deutschland werden können, wenn nicht zum Glück die ganze Sache der Sarriht-enmänner in der unermeßlichen Mehrheit der Nation ohne Stütze wäre! Aber wenn auch dießmal, ohne Zweifel auch ein andersmal, die Emeute niedergeworfen wird, ist darum der Nachtheil minder groß, wenn dieser unsichere Zustand fortbauen und wenn unter dem Eindruck der Unsicherheit zuletzt jene Ruhelust und Abstumpfung sich der Nation be­mächtigt, die uns allein als die unbesiegbare dieaftion erscheint ? Strenge Gesetze, Gewalt maßregeln, Bela­gerungszustand und Standrecht sind in solchen Lagen noch das Leichteste; es sind die Handlungen der Noth­wendigkeit und Nothwehr, die sich von selbst anforängen. Aber man wird damit auf die Dauer nicht regieren wollen; man wird es vorziehen, Zustände zu begründen und zu befestigen, die alle AuSnahmsmaßregelu über­flüssig machen. Wird die Neichsregicrung einsehen, daß es jetzt höchste Zeil ist, der allerwärts angeseindeten und erschütterten Einheit endlich ihre ganze Geltung âMâU.âtv uw vegretM», hast -V vor allem gilt, eine gsetzmäßigf, anerkannte und normale Gewalt zu begründen, wenn nicht die alten widerwärtigen Händek von neuem aufleben sollen? Wird man in der Pauls­kirche einsehen, wie viel kostbare Zeit man damit ver­säumt hat, papierne Dinge zu machen, statt Maßregel» vorzunehmen? Wird man der unbegreiflichen Ver­schleppung der karg gemessenen Zeit endlich ein Ziel setzen und Deutschland die Verfassung und definitive Gewalt geben, deren eS bedarf? Es wurde schon vor mehrern Monaten darauf hingewiesen, wie nothwendig es sei, etn Staateuhaus zu begrüden, das allen wid­rigen Verhandlungen und Händeln zwischen Frankfurt, Berlin, Wien u. s. w. im voraus ein Maß setzte, wurde auf die dringende Nothwendigkeit bingedcutet, de» neuen Bau wenigstens in seinen Grundmauern aufzu- richten, ehe man die einzelnen Zimmer und Cabinette mit minutiöser Sorgfalt ausstallete aber statt dessen hat man in der Paulokirche mit einer Ausdauer, die für Deutschland gefährlich werden konnte, eine Arena für theoretische Disputationen eröffnet, deren Ende wir heute noch nicht absehen können, wenn nicht dießmal die Versammlung das Eisen schmiedet und uns die Vcr«

seine Leute, ließ den Fürsten einstweilen in seinen Gar- tensalon legen und schickte nach Aerzten. Kein Wund­arzt war zu haben. Die Dr. Mappes und Barren­trapp thaten das Möglichste. Die Unruhen wurden rund um heftiger, und nirgends eine militärische Hülfe. Hr. v. Bethmann schlug dem Fürsten vor, ihn in das Schweizerhäuöchen tragen zu lassen, wo er der VolkS- wuth leichter entgehe/ Der Fürst, mit bewunderns- werther Kraft, widersprach. Endlich kam Fürst Ho- henlohe, der Abgeordnete von Bally unb mehrere an­dere Herren, die das Vorgefallene erfahren hatten. Die Schmerzen nahmen zu, ein Schuß von hinten durch den Leib, wahrscheinlich Rückenmarkschuß, der linke Arm gänzlich zerschlagen, die linke Hand durch­schossen, die rechte Hand desgleichen, am rechten Schen­kel einen Seuscnhieb, über den Kopf Hieb und Kolben- schläge. Die Lebenskraft nahm ab. Man schlug dem Fürsten vor, ihn nach dem Fremdenhospitale zu brin­gen, woselbst der ausgezeichnete Chirurg Dr. Fabri­cius sei. Der Fürst willigte ein, und während dessen waren auch die Großhcrzogl. Hessischen Truppen Herren der Umgegend geworden, und 30 ChevaurLgers und 100 Infanteristen nahmen Besitz von Bethmauus Haus. Der Fürst ward unter Bedeckung nach dem Hospitale gebracht. Der linke Arm sollte amputirt werden, doch erkannte man ihn verloren. Der Fürst verlangte, sein Testament zu machen, was sogleich geschah. Mit ver­stümmelter Hand unterschrieb der Fürst, in Gegenwart des Prinzen Hohenlohe und deS Grasen v. Bally.

Der Fürst verschied um 1 Uhr Nachts. Fizrft Ho-