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funden. Tausende unterschrieben heftige Adressen an die Nationalversammlung. Jeden Mittag 1 Ubrwird für jetzt eine Volksversammlung statt finden. Eben so Vaden sich die demokratischen Clubs als permanent erklärt. Man sieht den morgenden Nachrichten aus Stettin und Frankfurt mit größter Spannung entgegen. Die in der Versammlung ausgetretenen Redner, namentlich die Hrn. Dr. Asch, Dr. Borchart und Literat König, baden die anwesende Menge von mehr als 10,000 Menschen hingerissen. Es ist kein Zweifel, daß Breslau für den Fall" einer Verletzung der erworbenen Rechte sich wie Ein Mann erheben wird.
Köln, 25. Sept., Mittags. (Verhaftungen. Ruhestörungen.^ Seit heute früh ist die Stadt in ziemlich lebhafter Bewegung. Im Auftrage der gerichtlichen Behörden sollten mehrere Verhaftungen, angeblich wegen Theilnahme an einem Complotte, vorgenvinineii werden. Drei Personen wurden auch in ihrer Wohnung ergriffen, zwei derselben jedoch den Poli'zeibeamtcn auf der Straße entrissen. (Sie sollen auf flüchtigem Fuße sein.) Wohl nur in Folge der Aufregung, welche dadurch natürlich in den betreffenden Stadttheilen entstand, versuchten Knaben in der Nähe des Zeughauses, wo gerade die Straße umgepflasterl wird, die Pflastersteine zu einer Art Barrikade zusammen zu legui. Als die in der Nabe befindliche Wache sie stören wollte, wurde diese verhöhnt und mit Steinen geworfen. Da nun der wachthabende Lieutenant hierauf Angesichts des Volks scharf laden ließ und sich immer mehr Volk sammelte, so daß es zu ernstlichen Reibereien zu kommen drohte, ließ der Bannerführer des Bezirks sein Banner allar- miren. Ein Theil der Mannschaft trat zusammen, doch war unterdessen die Ruhe hergestellt. — Inzwischen war durch Plakate eine Volksversammlung auf heute Mittag 1 Uhr auf dem Alteumarkte zusammenberufen; es erschien jedoch sofort eine Bekanntmachung des Interims stischen Polizeidirektors, wodurch dieselbe mit Bezug auf den §. 4 der Verordnung vom 6. April dieses Jahrs verboten und vor der Theilnahme an derselben gewarnt wurde. Wohl in Folge dieses Verbots sammelte sich gegen halb 12 Uhr ein kleiner Haufe Volks vor dem Gebäude der Polizeidirektion in der Glockengasse und zertrümmerte mit schweren Steinen den größten Theil der Fenster, hatte sich jedoch bereits wieder entfernt, als eine Abtheilung der Bürgerwehr heranrückle. Diese ward sofort insgesammt aUarmirt zur Wiederherstellung der Ruhe und um nöthigen Falls das verkündete Verbot aufrecht zu erhalten; die verschiedenen Banner finden sich bereits auf ihren Sammelplätzen ein.
Schleswig-Holstein. Flensburg, 21. Sept. Mit Staunen erfahren wir so eben, daß dem hiesigen Magistrate von dem Grafen C. Moltke und drei seiner Gleichgesinnten, Amtmann Johannsen (früher in Ha- dersleben), Professor Paulsen und Bischof Hansen von von Alfen angezeigt worden, sie werden morgen hier eintreffkii und hier ihren Sitz nehmen, um als von Dänemark geschickte provisorische Regierung in Funktion zu treten. — Gestern ist eine mit 500 Unterschriften der intelligentesten Bewohner Flensburgs, worunter etwa 100 Kaufleute und 24 Schiffsführer, versehene Adresse nach Frankfurt abgegangen, um dort gegen den Borwurf undeutscher Gesinnung Flensburgs Protest ein- zulegen.
Kiel, 23. S.pt. Gleichzeitig mit den Verfügungen der provisorischen Regierung hat, wie wir aus guter Quelle vernehmen, die dänische Jmmediat-Commission Schreiben an die Landcsvcrsammlung und die provisorische Regierung erlaßen, worin diese, bei Vermeidung rechtlicher Ahndung, aufgefordert werden, sich sofort onfzulösen.
Wien, 20. Sept. Der kluge Kossuth hat sich, aus Rücksicht für seine leidende Gesundheit, von den Staatsgeschäften zurückgezogen. Als er jedoch merkte, daß er in die neue nachfolgende Ministercombination nicht ausgenommen wurde, erklärte er sogleich, daß seine Gesundheit es ihm wieder gestatte, sich dem Staatsdienste zu widmen. Seine letzte Handlung war, dem Palatin, der sich nun an die Spitze eines eigentlich nur auf dem Papiere eristirenden Nationalheeres stellen muß, drei Beauftragte (denn disponible Generale sind nicht vorhanden) beizugeben, indem er dadurch andeutet, daß er dem Palatin nicht traue, und die „Erledigung des ungarischen Thrones" (?) in Perspective stellt. Wie man hier die Dinge betrachtet, wird Prinz Stephan seine Pflicht erfüllen und sich mit den Croaten schlagen. Ob letztere jedoch gegen einen k. k. Prinzen die Waffen führen werden , ist zu bezweifeln, wahrscheinlich dagegen, daß man ihn gefangen nehmen werde, da Stephan, vielleicht der letzte Palatin, nimmer die Flucht ergreifen, vermuthlich aber die Seinen ihn verlassen werden. Telecki's Abfall bestätigt sich nicht.
Ausland.
Republik Frankreich.
Paris, 23. Sept. Cavaignac rief gestern, bei Gelegenheit der Interpellation von Sontcyra, ein Ver- trauensvotum hervor. Linke, Rechte und Centrum erhoben sich wie ein Mann, um ihm zu beweisen, daß die Regierung noch das volle Vertrauen derNational- vcriammlnng habe. Ungeachtet dieses Votum herrscht aber wenig Einigkeit unter den Ministern, und wir wissen aus guter Quelle, daß sich Cavaignac bei nächster Gelegenheit der Herren Senard und Marie zu entledigen trachten wird. In der gestrigen SitUing erhoben sich, außer dem „Berge", auch noch ziemlich viele Glieder der Rechten gegen das Vertrauensvotum
Unter diesen Opponenten wurde ganz besonders bemerkt: Napoleon Bonaparte. — Ist er angekommen? fragt man an allen öffentlichen Orten. Wer? Der Prinz. Am Schlüsse langer Hin- und Herreden ergibt sich, daß der „Prinz" noch nicht angekommen ist. Gutunterrichtete behaupten, der „Prinz" werde heute, Sonnabend, seinen Einzug in die demokratische Residenz halten. Das Lamarlinische „Bien Public", das sehr gut unterrichtet ist, meldet: Der Prinz wird Jn- cognito in Paris eintreffen und sich Jncognito in die hohe Nationalversammlung begeben. Dort wird er Jncognito (wörtlich) auf der Bühne erscheinen, eine Rede halten und dann verschwinden. Wir glauben, er wird das Schicksal seiner Bettern theilen. Diese waren anfangs sehr eifrig, verstummten aber plötzlich vor dein allgemeinen Geschrei der Versammlung. — Graf Molü saß gestern zum ersten Male in der Na- tionaloersammlung. — Von Louis Blanc wird schon eine Anlwortobroschüre auf Thiers' noch nicht erschienene Eigeuthumsapologie angekündigt.
— Der Moniteur widerspricht dem Gerüchte von bevorstehenden ministeriellen Modifikationen und Um eintgkeitcn. — Ebenso widerspricht derselbe dem Gerücht, als habe eine Verschönung stattgefunden, um die zum Club der Rue de Poitiers gehörigen Abgeordneten zu ermorden.
— General Willisen ist mit einer Mission von Seite Preußens in Paris angekommen. Er ist ein Freund Cavaignac's, den er von den Schlachtfeldern in Algier her kennt.
— „National", „Neforme" wie „Bien Public" und andere gut republikanische Organe machen sich über die Bedeutung der Wahlen keine Täuschung und sehen voraus, daß Ludwig Napoleon später um die Präsidentschaft der Republik sich bewerben werde. Ob es bis zu dieser Wahl gelingt, dem Lande jene Achtung und Liebe für die Republik cinzuflößen, die es bis jetzt nach dem Geständniß des Hrn. Senard noch nicht hat, und die Ernennung Ludwig Napoleon's zum Präsidenten der Republik zu hintertreiben, das wollen wir einstweilen der Regierung überlassen.
— Das „Journ. des Debats" thut, was es von je her mit jeder wankenden Größe gethan, es bereitet sich vor, Cavaignac aufzugeben, den es vor Kurzen, noch, als den Besieger des Juniaufstandes, in den
Himmel erhob. —
Constilutionei" zieht sich
gleichfalls mehr und mehr von dem Junihelden zurück. — Die „Presse" frohlockt über die Niederlage der Regiernngscandibaten bei den Wahlen. Eine willkommene Rache für den durchgefallenen Hrn. v. Gi- rarbin, der feine Philippica mit den Worten schließt: „Wir wollen die Betrachtungen nicht äußern, welche jene Niederlage so natürlich hcrbciführte, und das aus guten Gründen; vielleicht wird der Verstand der Leser dasLtiuMveigci^'rfl'tzei^ivelchesuttsderBeiage- rungszustand auferlegt.
Gestern, wie vorgestern, sammelten sich Gruppen von Neugierigen vor der Nationalversammlung, weil man ausgesprengt hatte, L. Napoleon fomme oder sei schon gekommen und habe die Tribune bestiegen. Zur Erhaltung der Ruhe waren an beiden Abenden Vorsicht- maßregeln getroffen. — Die socialistischen Demokraten sollen entschlossen sein, eine Demonstration zu machen, um die sofortige Freilassung des in Vincennes ringe- sperrten Raspail und seinen ungehinderten Eintritt in die Natwnalvcrfammlung zu begehren. Ein Journal behauptet, daß 8400 der 10,000 Mobilgardisten für Ludwig Napoleon, Raspail und Thore gestimmt hätten.
— Nach Aussage gut unterrichteter Personen soll L. Napoleon beabsichtigen, sich am Montage incoguito in die Nationalversammlung zu begeben, die Tribune zu besteigen, eine Rede zu halten und dann bis zur
Wahl des Präsidenten der Republik ganz in den Hin-, 2 Stunden nördlich von Säckingen, auf der Flucht nach
tergrund zu treten. In seiner Rede will er angeblich seine förmliche Zustimmung zur Republik aussprechen.
Italien.
Turin, 13. Sept. Oesterreich hat gegen sein Interesse gehandelt, als es die französisch-englische Vermittelung annahm, ohne zur ersten Bedingung zu machen, daß auch die deutsche Centralgewalt als vermittelnde Macht an den Unterhandlungen Theil nehme. An ihr hätte Oesterreich in diesem diplomatischen Nath über die italienische Angelegenheit, wo von französischer Seile alles mögliche geschehen wird für die Italiener, die übertriebensten Concefsioncn zu erwirken, eine gewichtige Frcundesstimme gewonnen, deren es wohl be- darf. Daß Deutschland seinem politischen Interesse, seiner Stellung und Macht zufolge so gut wie Frankreich und England berechtigt ist, ein Wort in dieser Sache mitzureden, kann sein Billiger bestreiten, und wir hoffen, die Centralgewalt werde sich in London und Paris so viel Gehör zu verschaffen wissen, als es ihrem Rang gebührt. Möglich daß letzteres bereits geschehen. Das österreichische Cabinet hätte aber jedenfalls wohl gethan, gleich bei der Annahme der Vermittelung die Milbetheiligung der deutschen Centralgewalt öffentlich zil nolificireu. Eine solche Erklärung wäre in Italien nicht ohne Wirkung gewesen, denn man hat hier doch einigen Begriff von der Macht des verbündeten Deutschlands. Wie auch die Sache sich weiter gestalten mag, so glauben wir nicht, daß Deutschland neutral bleiben kann, wenn es zur Entscheidung mit den Waffen kommen sollte. Deutschland kann und wird seinen Stammgenossen Oesterreich nicht im Stiche lassen, wenn Frankreich, nach Zurückweisung übennü-
t big er Forderungen, sein Heer über die Alpen schicke» sollte. Wäre Deutschland dessen fähig, dann hätte es die traurigen Folgen zu verantworten, und wir würden es dem österreichischen Cabinet nicht übel nehmen, wenn es gegen einen Länderraub Beistand holte wo es ihn fände, wäre es auch bei Rußland oder beim Satan. Der Lombardei die Freiheit zu geben ist Oesterreich schuldig, nicht aber diese Provinz aus seinem Staatenverband reißen zu lassen durch die Drohung französischer Intervention.
— Ruggieri Settimo, Präsident der Regierung Sici- liens, hat eine Proclamation veröffentlicht, welche beweist, daß die Sicilianer keineswegs niedergeschlagen sind durch die so eben erlittene Schlappe. Das Unglück der Mes- siner hat die Nationalenergie nur verdoppelt und den Haß des Volkes gegen die neapolitanische Herrschaft neu belebt. Zahlreiche Einwohner von Messina haben sich an Bord des „Hercule", des „Panama" und der englischen Dampffregatte „Buldog" geflüchtet. Die Anzahl der Personen, welche auf den französischen und englischen Schiffen eine Zuflucht gefunden haben, erstreckt sich, wie man sagt, auf 15,000. (Semaphore von Marseille.)
— Es herrscht nur ein Schrei in ganz Sicilien, der Schrei der Rache. Das Volk erhebt sich in Masse. Dies ist ein Vertilgungskrieg.
— Die Nachricht von der Einnahme Messina's hat in Neapel einen allgemeinen Schrecken verbreitet. Die Regierung hat Freuvenschüsse abfeuern lassen. Aber die allgemeine Meinung der Bevölkerung ist geneigt, die Niederlage der Sicilianer mit dem Verluste ihrer eigenen Freiheiten in Verbindung zu bringen. Wenn die Sicilianer fortwährend einen so hartnäckigen Widerstand leisten , glaubt man in Neapel an die Niederlage und an die Vertilgung der königlichen Truppen. Die erste den Truppen Ferdinands beigebrachte Schlappe kann das Signal eines allgemeinen Aufstandes in der Hauptstadt werden. (Corriere Mercantile.)
Mailand, 19. Sept. Gestern wurde wieder ein junger Handwerker erschossen, den eine Patrouille mit einem Dolch im Aermel versteckt festgcnommen hatte. Es war die siebente Hinrichtung in Mailand, seitdem die Oèsterrcicher hier eingezogen. Auch in Monza wurden vor einigen Tagen zwei Bürger, Vater und Sohn, nach kricgsrechtlichem Spruch erschossen. Das Verbrechen all' dieser Leute war, daß sie dem strengen Befehl zum Trotz
Waffen verborgen hatten. Radetzky Mailänder, welche tabackrauchende wurden nach Mantua gebracht und monatlicher Haft bei schmaler Kost, mand mehr, und die Oesterreicher
spaßt nicht. Einige Soldaten insultirten, bleiben dort in acht- Seitdem muckst Nierauchen im Frieden
ihre Cigarren. Sämmtliche Schweizer aus dem Kanton Tessin haben Befehl erhalten, die Lombardei binnen 24 Stunden zu verlassen. Es ist eine Repressalie Radetzkys
Maßregel trifft sehr hart. Hunderte von Tessinern waren seit vielen Jahren als Gastwirthe hier ansässig. Möge die Schweiz dabei lernen, daß es unklug ist, eine Großmacht, wie Oesterreich, bei jeder Gelegenheit zu reizen und gerechten Vorstellungen immer nur den barschen Trotz entgegenzusetzen, der auch dem Kleinen nur gut ansteht, wenn er eine durchaus lautere Sache vertheidigt. Auch das Verbot der Getreideausfuhr nach der Schweiz und nach Piemont wird einige Kantone hart treffen.
Neueste Nachrichten.
Im Staufen hat die Struve'sche Republik am 24. ihr blutiges Grab gefunden. Die Freischaaren sind gänzlich geschlagen und zersprengt worden. Struve entkam zuerst mit seiner Frau nach Bolschweil und St. Ulrich (Richtung gegen Freiburg) in die Gebirge des Schwarzwaldes, wurde aber sammt seiner Frau in Wehr,
der Schweiz angehalten und sofort nach Freiburg vor das dortige Kriegsgericht gebracht.
Jn Köln haben am 25. Sept in Folge von vorgenommenen Verhaftungen beklagenswerte Ereignisse stattgefunden.
Die Bürgerwehr hatte erklärt, daß sie sich nicht stark genug fühle, die Ordnung und Achtung vor dem Gesetze aufrecht zu erhalten, worauf die Garnison, In« fanterie und Kavallerie, sich aufden verschiedenen Plätzen aufstellte und die Thore geschlossen wurden. Kanonen wurden aufgefahren. Barrikaden wurden in verschiedenen Stadttheilen erbaut unter Leitung von Fremden,
Zum Kampfe ist cs nirgends gekommen und am 26. Morgens wurden die Barrikaden von Arbeitern und Soldaten weggeräumt.
Am 26. Mittags wurde Köln in Belagerungszustand erklärt und zugleich wurden alle politischen Bereine aufgehoben, die Bürgerwehr für aufge löst erklärt, die Waffen sollen von 2—5 Uhr abge liefert werden; ein Kriegsgericht ist angeorbnet und 4 Zeitungen, die Neue Rheinische, die Zeitung des Arbeitervereins, die Neue Kölnische, der Wächter am Rhein, sind suSpendirt.
9nidifd)Ur-Smd^
In dem Artikel .-Entwaffnung durch Reichstruppen» in Nr. 179 d. Bl. Z. 7 von unten muß es heißen: «Verhaftungen» statt «Verantwortlichkeit.»
Das Kirchen- und Schnlblatt wird morgen aus- gegeben.
Druck und Verlag von Wilhelm Friedrich am Fricdrichsplatz. — Redaction unter Verantwortlichkeit des Herausgebers Wilhelm Friedrich.