Allgemeines
Erchen- und Schulblatt.
Beiblatt der Nassauischen Zeitung.
Wiesbaden. Sonntag, den 2L. September 18L8.
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Vernichtung oder Verklärung der Kirche?
Waö daraus entsteht, wenn wissenschaftlich gebildete Männer ein Gebiet betreten, auf dem sie nicht heimisch sind, sieht man wieder deutlich aus den Aeußerungen des Abgeordneten Vogt in Frankfurt über die Kirche. Er stimmt, wenn auch nicht für die Vernichtung der Religion, denn dazu ist er ein zu guter Kenner des menschlichen Herzens, doch für die Vernichtung ihrer irdischen Hülle, der Kirche. Vogt ist ein ausgezeichneter Naturforscher, er ist heimisch in d.m Reiche der Natur, aber ein Fremdling in dem Gottesreiche. Er kennt nicht das Wesen der christlichen Kirche, er hat cs unter den mannigfaltigen Verhüllungen und Entstellungen dunkler Jahrhunderte nicht herausgefunden; er weiß nichts von der ewigen Bedeutung dieser Anstalt für die Welt, und wie sie, wenn auch
persönlichen Gottheit erborgte Licht verschwindet, daß sie so lange gegen den Willen Jesu umleuchtet hat. Es würden, wenn die Grundforderung allgemein anerkannt wäre, desto mehr die Herzen dem sich zuwenden, der solches zuerst gegen die entartete Kirche seiner Zeit ausgesprochen und dafür zu sterben gewußt hat, der Sorge getragen, daß die Wahrheit seines Glaubens an die göttlichen Dinge allen Menschen zugänglich werd-. Der Christensinn der Liebe muß mit dem Christenglauben der Wahrheit in dieser Zeit der Neugestaltung der menschlichen Angelegenheiten den ewigen Bund schließen. Das ist die Verherrlichung der Kirche, daß der Geist ihres Stifters, den die Hierarchie feiner Zeit an daS Kreuz schlug, in ihr lebt und ihre Glieder durchdringt, er ist ebenso ein Geist der Liebe, als der Freiheit ; das ist ihre Verklärung, daß sie frei wird von Menschenwahn, daß kein Glaubensdespot forthin in ihr „ , .... herrschen darf. Die christliche Kirche ist eine praktische Anstalt
ZrMmyM MSnsHèn, Nu^DrrZÜr drlè, unverständliche, - - sophistische Glaubenssätze vergangener Zeitalter, kein Tummel- platz für die Religionsphilosophie, wie einst in der morgenländischen Kirche. Sie ist für Alle da, und Alle sollen sich ihres
nicht selbst heilig, das Leiliqe in ihrem Schooße bürgt, uèd seine Samenkeime in die Herzen der Menschen ausstreut. Er würde sonst nicht die Vernichtung einer Anstalt gewünscht haben, welche an Segnungen so reich gewesen ist für die Menschheit, in der der Frciheitsruf zuerst erschollen ist, so daß der
anfänglichen Princip mit dem Worte und der Person Jesu getrieben worden ist, ihrem Wesen nicht zur Last gelegt werden darf, welches rein vor unsern Augen dastcht. Oder soll auch der Staat vernichtet werden, weil er seine Gewalt sehr oft mißbraucht, weil er die Herolde der Freiheit in Fesseln geschlagen und in Kerker geworfen hat und die Menschen wie Sclaven behandelt; soll auch die Schule, weil sic irrige Vorstellungen verbreitet und falsche Lehren in dem Geiste ihrer Zeit vorgetragen hat, nicht mehr sein? Ist das der Bildungsgang , welchen die Gegenwart gehen soll und der Fortschritt auf der Bahn der Wahrheit, daß sie die Anstalten früherer Geschlechter, anstatt sie zu läutern und nach dem Geiste der Zeit zu gestalten, vernichten und zerstören soll? Ein anderer Abgeordneter in Frankfurt will zwar nicht Vernichtung der Kirche an sich, aber Vernichtung der bestehenden und Auferstehung derselben in verklärter Gestalt. Diese Ansicht ist die richtige. Daâ mit dem Geiste Jesu Unverträgliche in der christlichen Kirche, die falsche Spitzfindigkeit der Dogmatik, die Herrschsucht der Geistlichkeit, die Unduldsamkeit gegen Andersdenkende, die Aufnahme von Sätzen in den christlichen Glauben , die aller Vernunft Hohn sprechen, von denen Jesus nie Etwas gelehrt hat, dieses und das daraus erwachsene Unkraut muß und wird vernichtet werden. Es sind die Pflanzen, die, wie Jesus sagt, der himmlische Vater nicht gepflanzt hat. Die Verklärung der Kirche kann nur darin bestehen, daß sie auf die Hauptforderung der vollkommenen Gottes- und Menschenliebe zurückgcht, als auf die Wahrheit, die uns frei macht, und dieses ewige Gotteswort Jesu zu ihrem Princip wieder erhebt, wie es einst gegolten hat und noch gilt in den engeren stenkreisen. Die Person des ReligionöstifterS tritt dadurch nicht in den Hintergrund, wenn auch der Nebel sich verliert, der sie so lange umgeben, wenn auch das aus den Strahlen der drei-
den Menschen wirken soll, auch der äußern Gestaltung im Geiste Jesu bedarf. A
Vedankeu über deu Werth und die Benutzung der Preßfreiheit — insbesondere in Bezug auf die Entwicklung unseres kirchlichen Wesens.
M. Vom Fuß des Westerwaldes.
Fortsetzung des in Nro. 23 begonnenen Aufsatzes.
Zweiter Artikel.
Soweit ein Mensch im Stande ist, sich über die Beweg- gründe seines Handelns Rechenschaft zu geben, bin ich mir bewußt, daß weder Eitelkeit noch Buhlen um Volksgunst oder etwas dergleichen mich bewogen hatte, auf den Plan der Presse zu treten, sondern daß ich lediglich durch die im vorhergehenden Artikel ausgesprochenen Gedanken dazu gedrängt worden bin. Ich bin ebensoweit entfernt von dem Wahne, daß die Kirche ohne mich nicht aufgebaut werden könnte, als er mir je in den Sinn gekommen ist, irgend JemandenS Gunst mir er» schmeicheln zu wollen; nur der Eifer für die gute Sache hat mich bewogen, auch für mich das Recht in Anspruch zu nehmen, welches die freie Presse einem Jeden gewahrt.
Nun aber ist eine zwiefache Benutzung der Presse bei der öffentlichen Besprechung eines Gegenstandes, hier namentlich der Entwicklung unserer kirchlichen Verhältnisse möglich. Es kann sich Jemand in der Art dabei beseitigen, daß er einzelne