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Raffauische Zcilung.
Freiheit, Wahrheit und Recht!
Materielles und geistiges Wohl des deutschen Volkes!
Wiesbaden, Samstag, den 2Z. September. L8â8.
Für das vierte Quartal d. I. pro Oktober bis Dezember wolle man neue Bestellungen auf die //Nassauische Zeitung" nebst //Allgemeines Kirchen- und Schulblatt" schleunigst machen bei der nächsten Postaustalt des Her- zogthums für 2 fl. 12 kr.
Uebersichten , Erörterungen und
Aktenstücke.
Amtlicher Theil.
An das deutsche Vâ!
Deutsche! Die verbrecherischen Vorfälle in Frankfurt, der beabsichtigte Angriff auf die Na- tionalversammlung, Aufruhr in den Straßen, der durch Waffengewalt unterdrückt werden mußte, empörender Meuchelmord und lebensgefährliche Bedrohung und Mißhandlung an einzelnen Abgeordneten verübt, siè haben die Pläne und Mittel einer Partei deutlich gezeigt, die unserm Va- terlande die Schrecknisse der Anarchie und eines Bürgerkrieges bringen will.
Deutsche! Eure Freiheit ist mir heilig. Sie soll durch das Verfassungswerk, zu welchem Eure Vertreter hier versammelt sind dauernd und fest begründet werden. Aber sie würde Euch entrissen sein, wenn die Gesetzlosigkeit mit ihrem Gefolge über Deutschland sich verbreitete.
Deutsche! Durch das Gesetz vom 28. Juni 1848 ist mir die vollziehende Gewald gegeben in Angelegenheiten, welche die allgemeine Sicherheit und Wohlfahrt Deutschlands betreffen. Ich habe unser Vaterland zu schützen, möge es durch Feinde von Außen, möge es durch verbrecherische Thaten im Innern gefährdet werden.
Ich kenne meine Pflicht, ich werde sie er- füllen, fest und vollständig. Und Ihr, deutsche Männer! die Ihr euer Vaterland und Eure Freiheit liebt, Ihr werdet mir, dessen bin ich gewiß, thätig zur Seite stehen.
Frankfurt den 20. September 1848.
Der Reichsverweser: Erzherzog Zohann.
Die Reichsminister:
Schmerling. Peucker. Duckwitz. Mohl.
Bis gestern Mittag sind an der asiatischen Cholera als erkrankt angemeldet 1379 Personen, «-Zugang von gestern bis heute Mittag 50. Zusammen 1429. Davon sind gestorben 858, genesen 183, in ärztlicher Behandlung 388. Zusammen 1429 Personen.
Berlin, 19. September 1848.
Königliches Polizei-Präsidium.
In Folge der Erklärung des Belagerungszustandes ist ein ständiges Kriegsgericht niedergesetzt. Dasselbe hat in der Hauptwache seinen Sitz; es sind somit dahin alle etwaigen Gefangenen abzuliefern.
Frankfurt, den 19. September 1848.
Der Reichsminister der Justiz.
Robert Mohl.
Eine Schrift für Preußen.
.Ein in diesen Tagen in Berlin unter dem Titel: „Schlichter Vortrag an die Deutschen über die Aufgabe des Tages" erschienenes Schriflchen wird von der öffentlichen Meinung, selbst in hiesigen Blättern, Varn Hagen v. Ense zugeschrieben. Styl und Auffassungs- weisc, so wie das spinozistische Motto würden diese Vermuthung zur Gewißheit machen, wenn nicht eine persönliche Bemerkung des Autors (S. 14), buchstäblich genommen, dem zu widersprechen schiene. *) Jedenfalls haben wir in dem ungenannten Verfasser einen gebildeten Geist vor uns, dèr an das, was er sich hier zur Aufgabe macht: „ein gewissenhaftes Zusammenfassen der zerstreut umher liegenden Wahrheiten," „ein freies und nahes Schweben über den vorhandenen Thatsachen" seit lange gewohnt ist, der auS der Schule der Diplomatie hervorgegangen ist und deßhalb die Frankfurter Nationalversammlung, die er wunderbar findet, in ihrer schlichten, zuweilen wohl etwas abstrakten Volköthüm- lichkeit, gern hofmeistert, um sie die Unentbehrlichkeit des vermittelnden Bundestages fühlen zu lassen, aber doch zuletzt durch Humanität und Freiheitsgefühl und selbst durch einen Anflug von demokratischer Gesinnung versöhnt. Gern stimmen wir dem Verfasser bei, wenn er entwickelt, daß Gesetzgenossenschaft und FreiheitSgenostenschaft imStaatsleben höhere Geltung beanspruchen können als StammeSver- wandlschaft; ein vollendetes organisches Staatsleben ist jedoch nur da möglich, wo dieß alles zusammensällt, und gerade deßhalb, weil sie nicht auf das Ursprünglichere, die Nationalität, das gehörige Gewicht legte, ist der Sturz der alten Diplomatie so tief gewesen. Allerdings ist die Nationalität bei uns im allgemeinen schwer festzuhalten, allerdings war sie von den frühesten Zeiten in stetem Fluß und von der Nation selbst ost garnicht beachtet. „Franken und Angelsachsen zogen aus der Heimath fort, mischten sich mit andern Völkern und wurden groß und frei, während Longobarden und Vandalen sich auf gleichen Wegen in der Fremde verloren. Die Schweiz fiel von Deutschland ab, das slavische Böhmen und das gallische Belgien schlossen sich an, Elsaß und Lothringen wurden hingegeben: wo sollen wir anfangen zu rechnen, zu fordern?" So habe schon das römische Kaiserthum nur ein weiter Rahmen für die deutsche Einheit sein können, so auch der Bundestag, der, wie harten Tadel er auch verdient haben möge, doch ein politisches Band von fester Bestimmtheit und Geltung gewesen sei; „die von diesem Band umschlungenen Staaten mögen nach innen lose neben einander gelegen haben, nach außen war der Zusammenhang streng gezogen und die Einheit kar." Die durch Beschluß der Nationalversammlung hingestellte Centralgewalt wird nun nur insoweit, als cs die Person des Reichsver- weserS augeht, gutgeheißen, denn nicht der Reichsver- weser mit seinen Ministern noch die Nationalversammlung, nicht die Fürsten noch die Völker vermögen die thatsächlichen Verhältnisse zu läugnen oder zu besectlgen, die der Gegenwart aus der Geschichte überkommen seien und auf deren Grund und aus deren Stoff das neue Volks- und Staatsleben der Deutschen zu errichten sei. Daß der Schwache dem Gebote des Starken folge, besonders wenn dieser eine höhere Berechtigung mit der Stärke verbinde, werde überall und immer als ein Vc» Hältniß anerkannt uud ein Widerstreben dagegen könne nur als ein Versuch gelten, ob die vorausgesetzte Starke nicht doch vielleicht bloß eine vermeintliche sei. Daß aber die „über allen Zweifel erhobene Starke" sich dem ausgemacht Schwächern füge und sich ihm gleichsam darleihe gegen den eigenen Vortheil, ober in solchen Fällen, wo die richtige Anwendung des Darlehens noch nicht verbürgt oder schon zweifelhaft sei: »dieß Unerhörte dürfen wir von unserm Zeitalter, wenn auch sons
*) Die Schrift ist doch wohl von Varnhagen.
Nach der von dem Präsidenten der deutschen Nationalversammlung an das Reichsministerium ergangenen Zuschrift hat die Nationalversammlung in ihrer 81. öffentlichen Sitzung vom 19* September 1848 beschlossen:
1) Dem Reichsministerium wird die volle Zustimmung der Reichsversammlung zu den von ihm zur Undertrückung des Aufruhrs und zur Wiederherstellung der gesetzlichen Ordnung ergriffenen Maßregeln ausgesprochen.
2) Die Reichsversammlung erklärt, daß sie das Reichsministerium bei dessen zur Erhaltung der Einheit und Freiheit Deutschlands noch ferner zu ergreifenden Maßregeln auf des kräftigste unterstützen werde.
3) Die Reichsversammlung spricht den deutschen Reichstruppen für die von ihnen bei Unterdrückung des Aufruhrs bewiesene Hingebung und Mäßigung den Dank des Vaterlandes aus.
fruchtbar an wunderlichen Ausgeburten, doch vernünftigerweise nicht erwarten." Der Mangel der Macht in der deutschen Einheit sei aber nicht nur ein Unglück für diese selbst, sondern mittelbar auch für jeden deutschen Staat. „Wir haben cs — sagt der Verfasser — nicht mit willenlosen Stoffen, mit willkürlich einzuthei- lenden Größen, sondern mit dem lebendigen Volksgeiste zu thun, mit den Gedanken und Bestrebungen erregter Menschen, die in ihrem begonnenen Zuge nicht still stehen, die um jeden Preis ihre Forderungen verfolgen. Die allgemeine Stimmung der Deutschen verlangt gebieterisch deutsche Vereinigung, sic will diese nicht weniger, als sie die freie Verfassung der Einzelstaaten will. In beiden ihr zu genügen ist unerläßlich." Unser Autor sieht hier nur Einen Ausweg, der leider bisher versäumt sei: die Leitung der Einheit soll in Preußens Hand gelegt werden. „Alles, was bisher schief und unhaltbar stand, wird dann gerade und fest, alle Schwierigkeiten ebnen sich von selbst, alle Unflotten hören auf, verwandeln sich in Vortheile; die Macht ist dann bei der Macht, sie gibt und leiht, anstatt zu borgen, das natürliche Verhältniß reizt den Widerspruch weniger, hat ihn wenigstens nicht als nothwendige Folgerung immerwährend bei sich." Zwei Bemerkungen werden noch hinzugefügt. Die erste ist, daß Preußen, bisher zurückgeblieben in volksthümlichen Formen, fortan einer der freiesten Staaten in Deutschland sein werde. Allen Anzeichen nach erhalte Preußen die freieste Verfassung. Die Gabe werde um so reicher und bedeutender sein, als sie die Verzugszeichen einer dreißigjährigen Wartezeit in sich trage, während die früher entstandenen beut« )$ftr.iHmaUruJde^^ ârag des damals Unversagbaren und auch diesen nicht ohne starke Abzüge geliefert haben." Hier scheint uns freilich, wenn wir aufrichtig sein sollen, der Werth jenes höhern, reifern politischen Charakters, den der fett lange gesicherte Besitz einer, wenn auch an sich nur mäßigen Freiheit verleiht, in Vergleich zu den Aussichten, auf deren Erfüllung wir hoffen, fast zu wenig in Anschlag gebracht. Die zweite Bemerkung betrifft den König von Preußen. „Er hat — sagt der Autor unter anberm — den seltenen Vorzug einer freien und frischen, ja wir dürfen sagen einer liebevollen und daher liebenswürdigen Persönlichkeit, die sich in Glück und Widerwärtigkeiten gleich geblieben ist und den vollen Ausdruck ihrer Geltung vielleicht noch erwartet." Die Frage von einer Hegemonie Preußens ist nicht von heute oder gestern, wir begnügen uns daher, den Leser kurz mit dem Inhalt dieser Schrift bekannt gemacht zu haben, in der dieselbe auf eine freie und humane Weise vertheidiget wird, wenn auch schon kräftigere und lautere Stimmen litt) für dieselbe erhoben haben und der Augenblick ihres Erscheinens ein sehr unglücklicher war.
(Allg. Augsb. Ztg.)
81. Sitzung der eonstituirendeu National- verfammlung.
(Schluff.)
Zachariä aus Göllingen stellt mit mehrer» andern Abeordneten folgenden Antrag: Die Nationalversaimn- lunq beschließt: 1) dem Reichsministerium die volle Zustimmung der Nationalversammlung zu den von ihm ur Unterdrückung des Aufruhrs und zur Wiederherstellung der gefetzlichen Ordnung ergriffenen Maßregeln auszudrücken • 2) die Nationalversammlung erklärt, daß sie das Reicheministerium bei dessen zur Erhaltung der Einheit Deutschlands noch ferner zu treffenden Maßregeln auf das kräftigste unterstützen werde; 3) die Nationalversammlung spricht den Reichstruppen für die von ihnen bei Unterdrückung des Aufstandes bewiesene Hingebung den Dank des Vaterlandes aus. In der Debatte über die Dringlichkeitsfrage dieses Antrags hält Venedey das Eingehen auf die Diskussion Angesichts des obwaltenden Kriegszustandes für die Würde der Versammlung nicht angemessen.
v. Bally aus Beuthen verlangt namentliche Abstimmung über die Dringlichkeitsfrage.
Vogt von Gießen ist mit dem 3. Punkte des Antrags vollkommen, mit dem 1. Punkte jedoch nur bedingungsweise einverstanden und spricht sich gegen die Annahme des 2. Satzes entschieden aus, in welchem er ein unbedingtes Vertrauensvotum für die Reichsminister erblickt.