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Naffauischc ZMttg.

Freiheit, Wahrheit und Recht!

Materielles und geistiges Wohl deS deutschen Rolkes!

Wiesbaden, Mittwoch, den 20. September 18L8»

^ür das vierte Quartal d. I. pro October bis December werden neue Bestellungen auf dieNassauische Zeitung" nebst Allgemeines Kirchen- und Schulblatt" bei allen Postanstalten des Herzogthums für fl. 2. 12 kr. ind. Postprovi- fton (ein höherer Pränumerationspreis kann contractlich nicht ««gefordert werden) angenommen. Außerhalb des Herzogthums beträgt der einvierteljährige Abonnementspreis fl. 2. 15 kr. bis fl. 2. 30 kr.; in Wiesbaden bei der Expedition am Friedrichsplaß fl. 1. 45 kr.

9??an wolle die neuen Bestellungen und da, wo nur bis September abonnirt wurde, für den 1. October bei der nächsten Postanstalt zeitig machen, damit keine Unterbrechung in der Zusendung eintritt.

Das wöchentlich zweimal zur Nassauischen Zeitung gratis beigegebene Allgemeine Kirchen- und Schulblatt kostet apart vierteljährlich bei der Expedition 36 kr., bei allen nassauischen Postanstalten incl. Provision 48 kr.

Inserate, welche bei der großen Verbreitung derNassauischen Zeitung" im Lande den beabsichtigten Zweck erreichen, werden mit 3 Kreuzern für die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum berechnet.

Uebersichten , Erörterungen und

Aktenstücke.

Der Straßen- und Barrikaden-Kampf in Frankfurt a. M.

* Wiesbaden, den 19. September. (Morgens 11 Uhr.) -

Wir haben traurige Ereignisse von Frankfurt zu be­richten und wollen versuchen, das, was uns von Augen­zeugen über den gestrigen Straßenkampf mitgetheilt wurde, hier wieder zu geben.

Die in der Nacht vom 17. zum 18. herbeigezogenen Reichstruppen hatten die nächsten Straßen um die Pauls­kirche besetzt, wurden indessen später in die entfernteren Straßen zurückgezogen, weil die Linke energisch Protestnote, unter dem Einfluß der Bajonette zu berathen.

In dieser Weise waren die Straßen von der Buch­gasse, der Katharinenpforte, Töiigeâ- und Schnurgasse, der Fahrgasse, der Mainzergasse militärisch ccrnirt, und gesperrt, welche voii, Volksmassen hier und da erzwungen wurde. Der Kampf entspann sich zunächst zwischen einer Volksmasse, welche durch eine Eingangs- straße nach der Paulokirche Vordringen wollte und preußischen Truppen, welche mit vorgehaltenen Bajonetten solche abwehrten, wodurch eS Verwundungen gab. Eine Erbit­terung herrschte ohnehin vorher gegen die Preußen und der blutige erste Conflict mit ihren Bajonetten bestimmte die Massen zum Barrikadcnbau.

In allen Straßen, welche daS Militär noch nicht be­setzt hatte, wuchsen Barrikaden aus der Erde. Das Ma­terial zu deren Bau war durch die Meßbuden, Verschlüge, Kisten und Kasten überall vorhanden. In der Langgasse, Schnurgasse, TöngeSgasse sollen die zahlreichsten gewesen sein.

Nach Heranziehen weiterer Neichstruppen hatte gegen Nachmittag der Straßenkampf begonnen, viele Barrikaden waren genommen worden, man schoß auö den Häu­sern und warf mit Pflastersteinen auf die Soldaten, namentlich schoß man auf die Offiziere. Die Frankfurter Bürgerwehr erschien nicht nach dem Generalmarsch und blieb zu Hause; in einzelnen Straßen wurde mit schwerem Geschütz geschossen, so vom Liebsrauenberg. Auf beiden Seiten sind viele Todte und zahlreiche Verwundete. Der Gasthof zum Landsberg soll ein wahres Lazareth gewor­den sein.

Reisende, welche so eben von Frankfurt kommen, ver­sichern, alle Barrikaden seien von dem Militär genom­men, Sachsenhausen, das in eine Art Festung ver­wandelt sei, soll ebenfalls von den Truppen besetzt sein.

Eine furchtbare Kunde wird von verschiedenen Reisen­den bestätigt. Die Parlamentsmitglieder Fürst Lichnowöky und v. Auerâwald sind auf einem Spaziergang auf der Esplanade, von wüthenden Rotten erkannt, durch Flinten­schüsse zuerst verwundet und dann vom wüthenden Volk durch Kolbenschläge und mit Knütteln todt geschlagen worden. Diese gräßliche That ist eine furchtbare Schmach für den deutschen Charakter, der Hochverrath des Volks an der geheiligten Person seiner Vertreter.

Von allen Seiten sollen bedeutende Truppenmassen im Anzuge nach Frankfurt sein: Hessen - Darmstädter, Bayern, Artillerie und Cavallerie. Das Standrecht ist in Frankfurt verkündet, wonach Jeder, der mit den Was- fen in der Hand ergriffen, erschossen wird.

Die Aufgabe für Frankfurt und die deutschen Regierungen.

DieNeue Münchener Zeitung" sagt in einem, wie 66 scheint halbofficiellcn Artikel über die WaffenstillstandS- frage:Wir stehen an einer entscheidenden Entwicklung der deutschen Frage. Die Zeit der Worte nnd Formen, ist vorüber, die Zeit der Thaten ist gekommen. Es mußt offen und klar dargelegt werden, was man will und man I

soll. Dieses ehrlich und rückhaltslos auszusprechen, und wo gilt zu bethätigen, ist Pflicht der Regierungen wie der gesetzlichen Vertreter des Volks. Wir beklagen einer­seits, daß es zu solcher Krisis gekommen, aber wir freuen uns, daß nun offen an den Tag kommen wird und muß, wer es in der That redlich und ehrlich meint mit ter von uns so sehnlich erstrebten Einigung deS gemeinsamen theuern Vaterlandes. Die bayerische Politik insbesondere hat am wenigsten Ursache vor diesem wichtigen Moment zurückzutreten. Dem unbefangenen Beobachter konnte von Anfang an das Auftreten Bayerns nur als ein solches sich darstellen, welches offen und rückhaltSloS, aber nach allen Seiten hin die Frage auSgetragen wissen wollte ... . Auf die ersten Nachrichten von der Art und Weise, wie der Waffenstillstand o.n Malmö geschlossen, und wie die­ser Abschluß in der Paulskirche ausgenommen wurde, hat sic eine Abordnung getroffen, um der Centralgewalt die Erklärung ihrer Anerkennung zu wiederholen; sie hat aber auch zugleich den aufrichtigen Wunsch zu erkennen gegeben, eine Vermittlung da eintreten zu sehen, wo Spaltung nur schwächen, und den so zahlreichen äußern und innern Feinden eines einigen und kräftigen Deutsch- lanks nur Gelegenheit geben lann, schadenfroh sich die Hände zu reiben, und an unserm Zerwürfniß sich zu kräftigen. Es f; n und wird aber, fv hoffen wir, dieser Triumph unsern Feinden, den Feinden der deutschen Sache, nicht zu Theil werden. Dafür bürgt uns der gesunde Sinn der Versammlung im Verein mit der ReichSgewalt, in deren Hände wir zunächst die Entwickelung und Ge­staltung unserer Zukunft gelegt sehen. Dafür bürgt uns aber auch der deutsche Sinn unseres Königs und unserer Regierung. Aber auch Preußen, so hoffen wir aufrich­tig, wird nicht vergessen, daß am 18. März, im Ange­sicht von ganz Deutschland von seinem Thron aus die Verheißung erging, daß Preußen in Deutschland aufgehen solle; es wird gewiß beherzigen, daß der Gedanke eines einigen und kräftigen Deutschlands zur vollen Wahr­heit werden muß, und daß hiedurch nicht nur der Welt- friede, sondern auch die Befestigung der innern Ruhe und Ordnung und das Wiederaufleben alles Handels und Verkehrs bedingt ist. Nicht minder aber möge die Ver­sammlung in der Paulskirche sich überzeugen, daß es nicht gut gethan war, die Regierungen der deutschen Volkostamme, deren selbständige Erhaltung wie im In­teresse Deutschlands, so der Einzelstaaten gelegen ist, so ganz zu übersehen, und daß eS hoch an der Zeit ist, die­sen Fehler gut zu machen und von allen Seiten mit Offenheit und Wahrheit eine Einigung und Festigung der Rechte nach innen zu erstreben, um nach außen mit desto kräftigerer Haltung dastehen zu können. Deßhalb wünschen wir aufrichtig, daß die Nationalversammlung alle jene Fragen, die, sowie sich unsere Verhältnisse in unglaublich kurzer Zeit entwickelt haben, ohnehin im Sinne der freiesten VolkLthümlichkeit sich lösen werden und müs­sen, ja zum Theil schon gelöst haben, bei Seite legen, dagegen aber kräftig dahin arbeiten möge, ohne Verzug die Grundlagen festzustellen, auf welchen allein der Neu­bau einer deutschen Reichsverfassung unter Mitwirkung der Regierungen sich erheben und gedeihen kann. Dazu möge kräftige Hand anlegen wer dazu berufen ist."

79. Sitzung der constituirenden National­versammlung.

(Fortsetzung).

Es ist auf den Verlust aufmerksam gemacht worden, welchen eine Fortsetzung des Krieges bringen würde, ich muß aber darauf aufmerksam machen, daß daS Elend der Ostsecgränzen nicht von dem dänischen Krieg, son­dern von der Liebäugelei mit Rußland herkommt und dieselbe Ursache hat, wie die Hungerpest in Schlesien. Handel und Gewerbe können nicht emporkommen, ehe nicht das Schinuckel- und Schwanksystem abgeschafft ist, ehe Deutschland nicht weiß, wer Koch und Kellner ist. Es ist gewarnt worden vor einem Bruch mit Preußen, das erinnert an den alten Aberglauben : I état c est moi, das preußische Volk ist aber von den Schwankungen

seiner Regierung zu trennen, Preußens Volk ist, wie ich mit Freude von dieser Seite gehört habe, deutsch und wird sich auch bei dieser Frage als deutsch zeigen. Was aber soll das Ausland von der Centralgewalt und von uns denken, wenn wir gegen Hannover mit ungeheurer Courage auftreten und vor Preußen uns zurückziehcu. Wir werden nicht die Heiligthümer des preußischen Volkes vernichten, nicht die Bilder Fried, richs des Großen verbrennen eder dem Greise, der vom großen Kurfürsten erzählt, seinen Kiuspan aus­löschen ^ aber wir verlangen, daß das preußische Volk auch seinen Antheil zur Neubildung Deutschlands gebe. Ich habe nicht Herrn Jordans Propheiengabe, aber ich habe Ursache zu glauben, daß die Linke in Berlin sich in dieser Frage eben so erklären wird wie die Linke hier, und die Linke hat die Majorität. Die Geneb- migung des Waffenstillstandes wurde einen Bruch in Preußen, einen Bruch des Nordens mit dem Süden hervorbringen. Uebrigcns bringe keine preußische Zei­tung Nachricht von einem Ausspruch des Volkswillen S, als die neue preußische Zeitung. (Hört! hört!) Es sei die schönste Erscheinung seit den Märztagen, daß das Wlk erhebe, wo es seine Ehre in Gefahr sähe, und sich überall erkläre, es wolle^iit Blut und" ' Gut für diese Ehre cinstehen. Diese Tausende sollen nicht zählen, aber wenn man ihnen nicht andere Tau­sende entgegenstellen kann, so solle man nicht vergessen, daß diese Tausende im Stande waren, KerkeMauer» zu sprengen und die zu befreien, die dahinter waren (lauter Beifall), daß diese Tausende es waren, die unS hierherbrachten und uns noch weiter bringen werden. (Lauter Beifall.) Man hat auch die Kammern ver­worfen, die Kammern hatten alle kein Vertrauen bis zum März b. J. und keine ist rcgenerirt. (Sehr wahr!' Man hat gedacht, wir würden hier verhungern. Nein, Deutschland hat von jeher Tausende für seine Edeln zusannnengebracht und ich denke, es wird für uns eben ]o viel thun, als es je für den ekelsten seiner Männer gethan hat. (Rauschender Beifall.) Die sittliche Er­hebung lebt au er auch nicht nur im Volke, sie lebt auch im Heere; glauben Sie, daß es unempfindlich sei gegen das, was mit ihm in Schleswig geschehen ist und ge­schehen sollte? Der Soldat denkt und wird es sich wünschen, daß die Demokratie ihn als Bürger anerkennt und tbm jetzt Beifall zujauchzt für die Haltung, die er bei diesem ersten ernsten Ereignisse eingenommen. (Bravo, sehr wahr.) Als co sich um Italien handelte, wies man auf unser Heer hin und trotzte der ganzen Welt und hier, wo es sich um ein deutsches Land handelt, da fürchtet man die ganze Welt. Wir sind gegen die Vermehrung des Heeres gewesen und haben uns für das Bündniß mit Frankreich entschieden ausgesprochen, aber wir geben den letzten Mann gegen die französische Republik, wenn co gilt, ihre unbefugte Einmischungin unsere AngelegenHeiten zurückzuweiscn, indessen ist diese Einmischung nicht so nahe und vielleicht geht der Ter- roriomus der Bourgeoisie früher zu Grunde, als sie eine Einmischung versuchen kann. (Beifall.) Was Eng­land betreffe, so glaube er wohl, daß ein Volk, dem jährlich viele Millionen zufließen, bedenken möge, ob ein freies starkes Volk diese Millionen so bereitwillig fortzablcn werde, allein bedenken werde es sich doch, deßhalb einen europäischen Krieg anzufangen. Uebrigens sei es das alte Spiel von 1791 und 1792, dem auf­strebenden Volksgeiste mit dem Auslande zu drohen. (Hört! hört!) Die Entscheidung liegt in Ihrer Hand, thun Sie, was Sie müssen, aber thun Sie nichts Halbes, nichts Unzureichendes, nichts Zweideutiges, nichts ich möchte gern und kann nicht. Schieben Sie nichts auf die Centralgewalt, Sie sind die Centralgc- walt selbst; sie ist stark oder schwach, je nachdem Sie beschließen, und wird, wenn Sie nicht starke Beschlüsse fassen, zu dem Centralschatten werden, als den sie eng­lische Blätter bezeichneten. (Sehr gut.)

Offen und ehrlich, meine Herren, wie sich die äußer­sten Seiten dieses Hauses gegenüber gestellt haben, will ich Ihnen sagen, daß es nicht wahr ist, daß diese Seite darnach strebt, die Ruhe nicht wiederkehren zu lassen,