96
an seinen Geburtsort gewählt zu werden, täuschen nnd ein recht guser Erfolg seine Wirksamkeit daselbst krönen wird; aber daS bleibt doch immer wahr, daß egoistische Motive alsdann in der Regel vorherrschen nnd Klagen, Ungerechtigkeiten und eine Masse anderer unzulässiger Corruptheiten ungeachtet aller pädagogischen Nachtheile das natürliche Gefolge bilden.
Ohne jedoch aus eine weitere speciellere Motivirung einzugehen, erachten wir die Sache als sehr in der Erfahrung bestätigt, alS daß man vorläufig noch außer dem Worte unseres Heilandes : „Der Prophet gilt nirgends weniger, als in seinem Vaterlande," (Matth. 13—57) eines besseren Beweises noth
wendig hätte.
bildung und Volkseinheit wollen, sich mit dem Gegenstände beschäftigen und allgemeine Maßnahmen veranlaßten *). — Durch diese Andeutungen ist daS Verhältniß der Volksschule bezeichnet. Sie besorgt nach den oben angegebenen Grundsätzen die Menschen- und Volksbildung und überläßt alles Confeffionelle einem späteren Unterrichte und einer Zeit, in welcher del: junge Mensch ein einigermassen selbstständiges Urtheil hat. sWuntschliJ
*) Es wäre dieß eine für das Reichsparlament würdige Ausgabe.
Vie Confesstions-Schulen und der eonfesstoneUe Ueligions - Unterricht.
Die erste Erziehung und Bildung muß sich fern von allen den zersplitternden confessionellen Lehrsätzen halten. Man will ein einiges, freies Deutschland; wie ist daâ möglich, ohne ein einiges Volk*)? Und wie wird man dieß erhalten, wenn man seine Jugend, während sie noch in dem Flügelkleive der Unschuld und Kindeölust herumhüpft, in wer weiß wie vielen Schulen auSeinanderreißt; ja sogar die Familien spaltet? Da geht der Bruder in die katholische, die Schwester in die evangelische Schule; beide kommen mit den unverstandenen Con- fessionslehren nach Hause, und die Religions - Kriege — Ge- schwistergezanke — beginnen, hat man nie gesehen, wie in gemischten christlichen Gemeinden die gleichzeitig aus ihren Confes- sions-Schulen kommende Jugend sich gegenseitig benimmt ? Welche Kämpfe zwischen protestantischen und katholischen oder beiden vereinigt gegen jüdische Schüler ausbrechen? Nie bemerkt, zu welchen beleidigenden Aeusserungen cS gegenseitig zwischen ihnen kommt? Wird dadurch zu der unseligen Zerrissenheit des deutschen Volks nich^e^ieln^eleg^IIndrvl^onnte man ihm besser entgegenarbeiten, als dadurch, daß,' man die Jugend ^t'ö in ihr 14—16 Jahr vereinigt erzöge unter den großen allgemeinen Wahrheiten und für dieselben: „Wir glauben all an Einen Gott, an Eine hohe Menschenbestimmung, Eine Tugend, Eine erhebende Zukunft;" alS dadurch, daß man über die Eingänge in die heiligen Bildungsstätten unserer Jugend die Worte des Apostels schriebe: „In allerlei Volk, wer Gott fürchtet und recht thut, der ist ihm angenehm." Erst wenn daS junge Geschlecht zum Selbstbewußtsein erwachte, könnte ihm der confes- sionelle Unterricht ertheilt werden; weil erst dann und auch nur dann von einer Entscheidung die Rede sein kann, die jetzt bei der Konfirmation nichts alS bloßes Wortspiel ist, und wenig oder nichts zu bedeuten hat, als daß der ganze Act Zeugniß giebt von einem geistigen Faustrecht, daS' die Erwachsenen gegen die Unmündigen auöüben. Man hat den Kindern in einem Alter von 6—14 Jahren eine gewisse Menge theologischer Ansichten, wie man sie in Trient nnd Augsburg für alle Zeiten festgesetzt, oder wie sie sich in dem Kopfe dieses oder jenes Theologen mit Hülfe deö späteren Zeitgeistes gefärbt haben, vorgetragen, sie dieselben auS- und inwendig lernen lassen, ohne daß sie weder fähig, noch befugt waren, Einwendung zu machen, oder die Vorzüge des einen Bekenntnisses vor dem andern zu beurtheilen. So treten sie denn vor den Altar hin und beschwören Etwas, was sie selbst nicht verstehen. Während die Mündigkeit über Dinge des gemeinen Lebens erst mit dem 20—24 Lebensjahre eintritt, hat man die, über die höchsten Interessen deS Lebens zu entscheiden, in daS vierzehnte verlegt. Dieß ist ohne Zweifel ein großer Uebelstand und es verdient wohl, daß die Regierungen, welche eine wahre VolkS-
,*) „Wie soll ich Deutschland, mein Vaterland, lieben? Soll ich österreichische Gesinnungen, soll ich preußische Gefühle hegen? Oder soll ich ein deutsches Bundesherz haben? Ein buntes Herz müßte ich haben, sollte ich alle meine Vaterländer lieben."
(Born e.)
Vie höher»» Dildungsanstalten in Rußland und Pole»» — sind nur dem — Adel zugänglich.
Die Unterrichtsverhältnisse sind jetzt durch einen schon längst bekannten UkaS, wonach nur Ad liehen der Besuch der höher» Klassen der Gymnasien erlaubt ist, in einem bedauerlichen Zustande. Bürgersöhne, als überhaupt Zöglinge aus den mittlern Tnb untern Volksklassen, welche bereits in die höhern Klaffen vorgerückt waren, haben solche Bildungsanstalten verlassen müssen. Auf das Gesuch einiger sehr wohlhabender Bürger an den Minister des Unterrichts, daß man doch ihren Söhnen den weitern Besuch der höhern Klassen gestatten möge, ist ihnen der Bescheid geworden, daß für Muschikâ (Nicht-Adliche) auch der Unterricht in untern Klassen allzuviel wäre. So müssen talentvolle Jünglinge, denen nun auch der Besuch ausländischer Schulen nicht 'gestattet ist, gänzlich verkümmern ; man will das Volk von der Wurzel aus verdummen und zu Sclaven heranwachsen lassen. (Bhlle.)
Aphorismen
von Fr. Kapp. (Aufruf zur Umgestaltung der deutschen National - Erziehung. 1848.)
1. Die theologischen Fakultäten, auch die evangelischen, muffen besondere aus dem Verbände der Universitäten auszuscheivende geistliche Seminarien werden.
2. Die Lehrpläne der Volks- und der Mittelschulen unterscheiden sich nur nach dem Ucbergewichte der Principien der welthistorischen Völker, nicht nach der Mehrzahl dieser oder jener Fertigkeiten, Sprachen nnd Wissenschaften. Der biblische Unterricht, das Princip des Orients vertretend, herrsche daher in den Volksschulen vor, Die Gymnasien durchdringend übenoiegenD das Princip der klasß' schen Welt, und die höheren Bürger- und Berufsschulen erfüllen vorzugsweise das Princip des modernen Lebens.
931 ideellen.
(Auch auf Schulve-rfassun gen anzuwenden
40. Verfassungen^ilden, heißt einem alten Volke, wie das deutsche, das seit 2000 Jabren eine ehrenvolle Stelle in der Geschichte ein- nimmt, nicht sie aus Nichts erschaffen, sondern den vorhandenen Zustand dcr Dinge untersuchen, um eine Regel autiuftnoen, die ihn ordnet; und allein dadurch, daß man das Gegen artige aus dem Vergangenen entwickelt, kann man ihm eine Dauer für die Zukunft versichern, und vermeiden, daß die zu bildende Constitution nicht eine abentheuerlicht Erscheinung werde, ohne eine Bürgschaft ihrer Dauer zu haben, weder in der Vergangenheit, noch in der Zukunft.
(Denkschriften des Ministers Freiherrn v. Stein. 1848.]
41. — Und die Religion, ist sie bei uns Poesie des Lebens geworden, oder steckt sie noch nur in Begriffen? Was ist denn auch die Religion? Besteht sie in nichts mehr, als in einer bestimmten Summe der Kenntnisse von positiven Lehrsätzen deö Christenthums, etwa tu einem Schwall von biblischen Sprüchen? —
Druck und Verlag von Wilhelm Friedrich am Friedrichsplatz. — Verantwortlicher Herausgeber: Wilhelm Friedrich.