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Mffimische Zeitung.
Freiheit, Wahrheit nnd Recht!
Materielles und geistiges Wohl deS deutschen Volkes!
Wiesbaden,
Sonntag, den 1O» September.
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Uebersichten , Erörterungen und Aktenstücke.
A Zur Judenfrage.
Vom Abhang des Westerwaldes, 5.Sept. (Fortsetzung).
Wie war es nun um die Juden in Nassau gestellt? Auch hier waren sie nicht Staats-, sondern nur Schutz- bürger. Sie hatten keine Ansprüche auf Staats- und Gemeindeämter, keine Gemeinde- und Gesellschaftsrechte, durften sich nur an ihrem Wohnorte niederlassen und nur dem ältesten Sohne wurde der sogenannte Schutz, die Heirathserlaubniß ohne Weiteres gegeben; die andern Söhne konnten dieselbe gewöhnlich nur durch allerlei Schleichwege erlangen und waren leider nur zu häufig genöthigt, ihre Zuflucht zu Bestechungen zu nehmen. Kurz, auch bei uns hatten die Juden alle Pflichten des Staals - und Gemeindebürgers zu erfüllen, aber nur wenig Rechte desselben zu genießen. Seit einigen Jahren suchte man zwar die Vage der Juden etwas zu verbessern, allein es waren immer nur halbe Maßregeln. So stellte man z. B. den Gemeinden frei, die Juden zu Gemeindebürgern zu machen und ihnen Theil an dem Gemeindenutzen zu geben ; allein meistens scheiterte diese an der Dummheit und dem Eigensinne der Gemeinden. Auch hat man vor einigen Jahren einmal "“•Pfncn jüdischen Arzt zum Medizinalrathe gemacht, allein es nie zum Gesetze erhoben: der Jude könne ein Staatsamt bekleiden. — Kurz, auch bei uns sind den Juden bis in die neueste Zeit ihre Menschenrechte vorenthalten worden. Allein unsere Zeit wird und muß sie ihnen geben. Der verfassunggebende Reichstag hat in den Grundrechten des deutschen Volks festgesetzt: alle Religionen seien gleichberechtigt zum Genusse der bürgerlichen Rechte. In der Proklamation des Herzogs an die Nassauer vom 5. März liegt cs in dem 9. Punkte: Beseitigung aller Beengungen der verfassungsmäßig zustehenden Religionsfreiheit, daß alle Rcligionsgenoffen gleiche bürgerliche Rechte haben. Allein wie tief der Haß gegen die Juden eingewurzelt ist, zeigen uns die Pöbelverfolgungen gegen dieselben in Baden 2c. in diesem Frühjahr. Wie wenig man noch allgemein geneigt ist, sie zu emanzipiren, zeigt das Beispiel der Frankfurter Philister, die die Juden von der constituirendcn Versammlung ausschließcn; sehen wir im Nassauischen, wo die Juden noch nicht wahlberechtigt und wahlfähig sind und noch nicht einmal das Gemeindegrügerrccht erlangt haben. Wahrlich, der Zopf hängt auch in dieser Beziehung hinten!
Daß Dummheit und Rohheit mit Haß und Verachtung auf die Juden sehen, ist nicht zu verwundern. Allein daß gescheite, ja wissenschaftlich gebildete und sogar liberale Männer sich der Emanzipation der Juden auf das Heftigste widersetzen, ist kaum zu begreifen.
Die Zeiten, wo die Juden aus Religionshaß bedrängt und verfolgt wurden, sind nun zwar vorüber; allein Gewerbshaß und Nanonalvorurtbeil zeigen sich eben so feindselig, als der Glaubenshaß. Die Juden verlangen, und mit allem Rechte, völlige Gleichstellung; sie wollen in die volle Gemeinschaft der bürgerlichen lichen Rechte und Pflichten ausgenommen werden und stützen sich dabei auf die allein vernünftige Lehre vollkommener Gewissensfreiheit, die jedenfalls nur da bestehen kann, wo der religiöse Glaube auf die bürgerliche Stellung und überhaupt auf die äußern rechtlichen Verhältnisse durchaus keinen Einfluß hat. Nur wenige Staaten haben bis jetzt diesem gerechten Verlangen nachgegeben.
Die Gegner der Emanzipation der Juden betreff sind, so zerfallen sie in zwei Klassen, nämlich: 1) in solche, die ein religiöses Hinderniß und 2) in solche, die in der Religion kein Hinderniß finden.
Die erstere Partei, die besonders in neuerer Zeit burch die Idee des christlichen Staates neue Stärke gewonnen hatte, behauptete: unsere Staaten seien christlich, auf-das Christenthum gegründet, nach seinen Vorschriften eingerichtet und darum könnten die Anhänger nicht christlicher Glaubensbekenntnisse zwar darin ge- geduldet, aber nicht im Staatswesen mitwirkend sein. Mit dem grandiosen Unsinn vom christlichen Staate ist es hoffentlich für immer aus. Auch hier hat man wie
der dem Christenthume eine Ungerechtigkeit aufgebürdet, die nur aus dem Pfaffenthum, verbunden mit einer verkehrten Staatsregierung, hervorgehen konnte. Das Christenthum ist nicht schuld daran, baß die Worte Toleranz und Intoleranz — zur Schande dcr Mensch- heit! — ausgenommen sind. Darüber sind hoffentlich alle Vernünftigen einig, daß der Staat keine Religion haben darf, folglich sich auch nicht um um Glauben und Gewissen zu bekümmern und nur die religiösen Bekenntnisse nicht zu dulden hat, die seine Existenz gefährden. Der Staat hat nichts nach Religion und Moralität, sondern nur nach Legalität zu fragen und muß jedem Unterthanen, der seine Steuern bezahlt und den Gesetzen nachkommt, alle Rechte des Staatsbürgers gewähren. Die erstem haben die Juden stets in reichstem Maße entrichten müssen; dem zweiten haben sie pünktlich Folge geleistet. Auch wird Keiner die Behauptung wagen können, daß die jüdische Religion den Staaten feindlich entgegentrete.
Von einer andern, der vorhergehenden ganz entgegengesetzten Seite, der radikalen, werden die Juden ebenfalls, und zwar unter der Anführung Bruno Bauers, der Religion wegen zurückgcsctzt. Natürlich, bei einer Partei, die die politische Freiheit in der Anarchie, die religiöse im Atheismus sucht, können die Juden keine Gnade finden. Das seiner Zeit viel besprochene, aber im Ganzen matte, oberflächliche, einseitige und von verbissenem Grimme diktirte Buch Bauers: „Die Juden- fraac von Bruno Bauer" entspringt nicht sowohl dem Hage gegen das.Judenthum, als vielmehr, dem Hâ gegen jede positive Religion. Nachdem nämlich Bauer das Christenthum aufgelöst zu haben glaubt, will er auch die zweite positive Religion vernichten. Freilich spuckt ihm bei der jüdischen Religion auch die jüdische Nationalität gewaltig im Kopfe und muß arg herhalten. Bauer macht den Juden hauptsächlich zum Vorwurf: den Wucher, ihre Absonderung, ihre Betriebsamkeit und geringen Beiträge zur Kunst und Wissenschaft, so wie selbst die geringe Anzahl von Verbrechen. Sein Buch ist seiner Zeil in seiner ganzen Absuldität von dem gesinnungstüchllgeil und kenntnißreichen K. Grün gebührend «bgefertigt worden.
(Schluß folgt.)
73. Sitzung der constituirenden National- Vcrsaminlung.
(Schluß.)
Fürst Lichnowskh erklärt seine Uebereinstimmung, daß die Unzufriedenheit der Versammlung allein Hrn. Dahlmann treffen könne. Uebrigeus könne in Sacken, wo es sich um Krieg und Frieden handle, die Versammlung nicht allein Beschlüsse fassen, sondern nach dem Gesetze über die Centralgewalt nur im Verein mit dieser, deßhalb könnte auch die Vollziehung ihrer ein- scili^cn Beschlüsse gar nicht erfolgen.
Simon von Trier. Es handelt sich darum, ob der Beschluß der Versammlung vollzogen werden soll. Der Reichoverweser muß sich erklären, entweder beistimmend, oder, wenn er das Recht zu haben glaubt, durch ein Veto. Der unverantwortliche Reichsverweser muß für verantwortliche Personen sorgen. Damit werden die Anhänger des constilulionellen Princips am meisten einverstanden sein, denn eine Verzögerung wird keine Begeisterung für das Princip erwecken.
Siemens. Wir haben kein Gesetz über Verantwortlichkeit, können also auch niemand verantwortlich machen.
Wesendonck. Die Sache steht so: Der Waffenstillstand ist nichtig, so lange die Versammlung ihre Einwilligung nicht erklärt; ein Beschluß, daß das nicht ausgeführl werden soll, was nichtig ist, bis unsere Genehmigung es für beständig erklärt, gehört nicht zu denen, wo wir die Zustimmung des Reichsverweser brauchen. Man ruft nach Schluß.
Präsident sieht sich genöthigt, Fürst Lichnowskh zurecht zu weisen, der sich der Abstimmung über den Schluß der Debatte widersetzt, der hierauf ausgesprochen wird. Schüler und Wesendonck nehmen ihre Anträge zurück; da Eisenmanns Antrag nicht unterstützt wird, so erledigt sich die Sache von selbst.
Präsident kommt auf die Wesendonckiche Sache zurück, verliest die stenographischen Mittheilungen und erklärt, daß er Anträge abwarte.
Wesendonck erklärt sich gegen alle Provokationen und daß er darauf nicht antworten werde, worauf man diesen Gegenstand verläßt.
Es liegt ein Antrag des Abgeordneten v. Reden vor, auf Entschädigung der Rheder und Schiffseigenthümer, welche durch den dänischen Krieg bedeutenden Schaden erlitten, wozu die Centralgewalt die Einleitungen zu treffen habe.
Es wird beschlossen, die Dringlichkeit zu verhandeln, v. Reden empfiehlt diese, Zell widerspricht, weil die Schwierigkeit der Formulirung der Verpflichtung noch nicht gelöst sei und weil Millionen hier an der Fassung hängen, weßhalb er um Aussetzung der Verhandlung auf die nächste Sitzung bittet, damit man die Sache reiflich überlegen könne.
Jürgens will das Verfassungswerk beeilen.
Löwe. Hauptaufgabe der Versammlung sei Herstellung der Einheit; die Verfassung sei nur ein Theil Der Einheit. Dieser Antrag Redens sei das Dringlichste, was es jetzt gebe; die Verpflichtung des ganzen Vaterlandes zu jener Entschädigung gehöre auch zur Einheit. Gerade weil man früher von dem großen Erfolge des Krieges gesprochen hat, an dem bas Volk zweifelt, gcrabe weil die, welche die Entschädigung erhalten sollen, Beendigung des Krieges wünschen, dessen Fortsetzung jetzt von uns verhandelt wird, ist dieser Gegenstand im Sinne der Einheit das Dringlichste, waS cs geben kann. Er wolle sich eine Aussetzung des Gegenstandes gefallen lassen, aber nicht länger als auf Mfâc ^uâ. â â Mrianuua, um die, Existenz Deutschlands handle es sich. (Beifall.)
M. Mohl ist gegen die Dringlichkeit und will den Antrag an einen Ausschuß verwiesen haben.
Wichmann. Der Antrag ist die Anwendung des alten Sprüchwortes: mit Speck fängt man Mäuse (oh! oh!) und findet den Antrag Redens nicht ausreichend, will auch die Kaufleute und Arbeiter mit eingeschloffen haben. Schließt sich Mohl an.
Graf Schwerin ist gegen die Dringlichkeit; die Sache hänge mit der Wuffciistillstandsfrage enge zusammen und er habe schon fragen wollen, wann der Bericht in dieser Sache eingehen werde.
Wurm beklagt sich, daß die Aktenstücke über den dänischen Waffenstillstand, welche noch wichtige Aufklärungen enthielten, erst so spät in die Hände des Ausschusses gekommen (hört! hört!). Zwar würde die Entscheidung desselben nicht anders ausgefallen sein, wohl aber die Motivirung (hört! hört!) In der Hauptsache ist er gegen die Dringlichkeit und verlangt Prüfung des Revenschen Antrag durch einen Ausschuß.
Merck ist für die Dringlichkeit.
Heckscher verkündigt, daß morgen Nachmittug um 5 Uhr Alles gedruckt sein werde, was zur Beurtheilung des dänischen Waffenstillstandes nothwendig sei. Wessen Schuld sei eö, wenn der Beschlaß unrichtig mo* tivirl worden fei, wenn das Ministerium gesagt habe, man solle warten, bis alle Vorlagen gedruckt seien? Auch begreife er nicht, wie man in einem Athem sagen könne: dir Motive taugen nichts! und sich doch darauf berufe.
Wurm. Die Antwort wird der Bericht enthalten.
Venedey und Nau werk erklären sich für die Dringlichkeit.
Osterrat h schlägt vor, die Sache zugleich mit dem Waffenstillstand zu verhandeln und deßhalb an dieselben Ausschüsse, die über diese zu berichten haben, zu verweisen.
Nachdem noch Graf Schwerin gefragt wird, ob er Ersatz der sämmtlichen durch den Krieg verursachten oder nur der durch den vorgestrigen Beschluß herbeigeführten Verluste verlange (oh! oh!) und v. Reden sich dein Anträge Zells angeschlossen, auch dafür namentliche Abstimmung verlangt, erfolgt diese nach einer langen Debatte über die Fragestellung und entscheiden sich 238 gegen 2t5 Stimmen gegen die Dringlichkeit, worauf Graf Schwerin für sich und einige Freunde erklärt, daß sie gegen die Dringlichkeit gestimmt hätten, um ein Ainciivemenl einzubringen, das er verliest und übergeben will. Präsident weist jedoch das Amendement zurück, worauf der Antrag Osterrat Hs angenommen wird.
Präsident theilt den Eingang einer Vollmacht mit, durch welche der Abgesandter der Statthalterschaft der Walachei bei der Nationalversammlung beglaubigt wird.